Die 110-kV-Freileitung Borken–Frankfurt am Main war eine Freileitung mit einer Betriebsspannung von 110 kV, welche als zweikreisige Drehstrom-Hochspannungs-Übertragung (DHÜ) ausgeführt war. Die 1925 in Betrieb genommene Leitung führte vom Kraftwerk Borken über Gießen und Wölfersheim nach Frankfurt am Main. Es handelte sich um die erste Hochspannungsleitung mit einer Spannung von über 110 kV sowohl in Hessen als auch vom Energieversorgungsunternehmen Preußische Kraftwerke Oberweser AG bzw. der späteren Preußenelektra. Die durch diese Leitung realisierte Entscheidung der Stadt Frankfurt, sich der staatlichen preußischen Energieversorgung und nicht dem RWE anzuschließen, führte Ende der 1920er Jahre zu Auseinandersetzungen zwischen beiden Versorgungsunternehmen, die nach einer Vereinbarung ihre Liefergebiete voneinander abgrenzten. Durch die Stadt Frankfurt verläuft seitdem die Grenze zweier Energieversorgungs- bzw. Übertragungsnetzbetreiber, heute der Amprion und der TenneT TSO.
Über eine Fortführung der Leitung zum Umspannwerk Dörnigheim konnte ab 1926 ein Verbundbetrieb zwischen Preußenelektra und dem Bayernwerk und dem RWE eingerichtet werden. Bereits in den 1950er Jahren wurde mit der Neustrukturierung des Frankfurter Stadtnetzes der erste Abschnitt der Freileitung im Stadtgebiet abgebaut, die Leitung endete anschließend im Umspannwerk Ost an der KruppstraßeDeutsche Verbundgesellschaft: Entwicklung des Verbundbetriebes in der deutschen Stromversorgung. 10 Jahre DVG 1948–1958, Heidelberg, 1959, S. 73 und später am neu gebauten Umspannwerk Frankfurt-Nord an der Berger Warte. Mit Stilllegung der Kraftwerke Borken und Kraftwerk Wölfersheim und der damit einhergehenden Umstrukturierung des Höchstspannungsnetzes der Preußenelektra wurde die Leitung entbehrlich und in den 1990er Jahren auf ganzer Länge demontiert. Die letzten Überreste der Leitung befinden sich südlich des Umspannwerks Gießen-Nord, wo die nach Wölfersheim führenden Stromkreise auf die Masten einer weiteren Leitung umverlegt wurden und bis heute existieren.
Geschichte Vorgeschichte
Nach Ende des Ersten Weltkriegs stieg der preußische Staat in die Energiewirtschaft ein. Ausschlaggebend war die Regulierung der Oberweser durch das Maschinenbauamt Hannover und den Zweckverband Überlandwerk Edertalsperre in Verbindung mit Wasserkraftwerken zur Stromerzeugung. So entstand bis 1920 ein Netz aus 60-kV-Leitungen in Nordhessen, ausgehend vom Edersee. Im Zuge der Schiffbarmachung des Mains entstanden zwischen Aschaffenburg und Frankfurt am Main drei Staustufen mit Laufwasserkraftwerken. Bis 1922 kam es zur Verbindung dieses nordhessischen Netzes mit den Mainstaustufen, womit nun große Teile der Provinz Hessen-Nassau durch dieses Netz abgedeckt wurden.
Im Großherzogtum Hessen-Darmstadt ging 1913 in Wölfersheim das erste Kraftwerk in Betrieb, das mit Braunkohle aus dem Wetterauer Revier befeuert wurde. Von dort aus versorgte die „Elektrische Überlandanlage“ mehrere Gemeinden der Region. Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu einer Ergänzung des Kraftwerksstandorts Wölfersheim durch ein Pumpspeicherwerk, dem Nidderkraftwerk bei Lißberg.
Anfang der 1920er Jahre beschloss der preußische Staat den Bau zweier Kohlekraftwerke, um eine Stromversorgung im Netzverbund zu ermöglichen und Lücken in der Energieversorgung zu schließen. In Borken südlich von Kassel wurde bereits seit der Jahrhundertwende durch die Gewerkschaft Arnsbach Braunkohle abgebaut. 1921 übernahm der preußische Staat die Mehrheit an der Gewerkschaft unter dem Namen Gewerkschaft Großkraftwerk Main-Weser AG. Im Sommer 1922 begann der Bau des Kraftwerks Borken, das ein Jahr später in Betrieb ging und die Braunkohle des Borkener Reviers verfeuerte und ins nordhessische 60-kV-Netz einspeiste.
Bau der Leitung mini|Kraftwerk Borken, Beginn der Leitung Anfang der 1920er Jahre zeigte die Stadt Frankfurt am Main Interesse, elektrische Energie aus den nordhessischen Kraftwerken zu beziehen, um unabhängiger von der Eigenerzeugung im seit 1894 im Betrieb befindlichen Kraftwerk Gutleutstraße zu werden. Mit der Preußischen Kraftwerke Oberhessen AG, in der seit 1923 die nordhessische Elektrizitätsversorgung gebündelt war, schloss die Stadt daher einen Stromlieferungsvertrag ab. Zur selben Zeit beschloss auch die mittelhessische Stadt Gießen, Strom von dieser Gesellschaft zu beziehen. Schließlich kam es auch zu einem Vertrag mit der Elektrischen Überlandanlage in Wölfersheim, seit 1923 Überlandwerk Oberhessen.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927–1952. Hannover 1952, S. 93 Frankfurt verpflichtete sich, jährlich 18 Millionen kWh Strom aus dem Kraftwerk Borken und 24 Millionen kWh vom Kraftwerk Wölfersheim zu beziehen.Frankfurter Zeitung: Anschluß Frankfurts an Preußen-Elektra, 5. Oktober 1929
Neben der Versorgung der genannten Städte und dem Verbundbetrieb mit dem Kraftwerk Wölfersheim von Borken aus, sah die Preußische Kraftwerke Oberweser in dem Bau einer Nord-Süd-Leitungsverbindung auch eine Entlastung zur bestehenden 60-kV-Leitung, die seit 1922 Borken, Bad Hersfeld, Fulda, Wächtersbach und die Mainstaustufen über Dörnigheim miteinander verband.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927–1952. Hannover 1952, S. 94 Da der preußische Staat das gesamte Südhessen nördlich des Mains als potentielles Absatzgebiet ansah, war auch ein Verbund mit den angrenzenden Energieversorgungsunternehmen Main-Kraftwerke und Bayernwerk über das preußische Netz angedacht.
Als das RWE 1924 mit dem Bau der Nord-Süd-Leitung zwischen rheinischem Braunkohlerevier und Vorarlberg begann, verweigerte der preußische Staat den Weiterbau südlich des Mains bis zum geplanten Umspannwerk Kelsterbach mit den Main-Kraftwerken. Preußen befürchtete, das RWE als privates Unternehmen wolle seinen Einfluss in der Provinz Hessen-Nassau und dem Volksstaat Hessen ausbauen, solange noch keine Versorgung der Stadt Frankfurt aus dem staatlichen preußischen Stromnetz hergestellt sei.
Im September 1925 wurde die Leitung Borken–Frankfurt am Main mitsamt den Umspannwerken Gießen, Wölfersheim und Frankfurt-West fertiggestellt. Erstmals wurde im preußischen Energieversorgungsnetz die Spannung von 110 kV angewendet. Auch von Frankfurt-West zum Umspannwerk Dörnigheim entstand ein Leitungszug, der für 110 kV Spannung ausgelegt war, aber zunächst aufgrund fehlender entsprechender Transformatoren im Umspannwerk Dörnigheim mit 60 kV betrieben wurde. 1926 wurde der Leitungszug erneut erweitert bis zum Umspannwerk am Kraftwerk Dettingen. Diese Leitung war zunächst mit 20 kV Spannung in Betrieb und stellte, wenn auch auf Mittelspannungsebene, erstmals einen Verbundbetrieb zwischen den Netzen der Preußischen Kraftwerke Oberweser und dem Bayernwerk her.
Betrieb
Im März 1927 plante die Stadt Frankfurt, in weitere Kraftwerke zu investieren, da die städtische „Elektricitätscentrale“ im Stadtgebiet nicht mehr genug Energie erzeugen konnte. Am 18. Mai 1927 gründete sie daher zusammen mit dem Volksstaat Hessen die Braunkohlen-Schwelkraftwerk Hessen-Frankfurt AG (HEFRAG). Im Oktober desselben Jahres schlossen sich die Preußische Kraftwerke Oberweser AG; die Gewerkschaft Großkraftwerk Main-Weser AG und die Großkraftwerk Hannover AG zur neuen Gesellschaft Preußische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft, kurz Preußenelektra oder PREAG, zusammen. Nach Eintritt der Preußenelektra in die HEFRAG begann der Bau eines neuen Kraftwerkskomplex am bestehenden Standort in Wölfersheim. Seitens der Stadt Frankfurt wurde die Gründung der neuen Firma begrüßt, da die Versorgung der Stadt durch die beiden Kraftwerke Borken und Wölfersheim nun unter einer Dachgesellschaft erfolgte und der Leitungsbetrieb nun als wirtschaftlich angesehen wurde.
Zwischen Preußenelektra und RWE wurde im Sommer 1927 ein Demarkationsabkommen geschlossen, mit dem die strittigen Liefergebiete am Main voneinander abgegrenzt wurde. Die Main-Kraftwerke als RWE-Tochtergesellschaft behielten ihr Netzgebiet in den westlichen Stadtteilen, die am 1. April 1928 nach Frankfurt eingemeindet wurden, während die Preußenelektra das frühere Stadtgebiet weiter belieferte. Dazu verpachteten die Stadtwerke ihr Leitungsnetz in den neuen Stadtteilen langfristig an die Main-Kraftwerke, die sich im Gegenzug verpflichteten, die westlichen Stadtteile zu den Stadtwerke-Tarifen zu versorgen.
Da das Kraftwerk Wölfersheim seit 1925 über eine 50-kV-Leitung auch elektrische Energie an das Netz der Main-Kraftwerke lieferte,Main-Kraftwerke AG: Bericht über das 17. Geschäftsjahr 1926 konnte nun ebenfalls ein Verbundbetrieb zwischen Preußenelektra und RWE aufgebaut werden. Das Abkommen ging sogar noch einen Schritt weiter und erlaubte einen Strombezug der Stadt Frankfurt von je 15.000 kW jeweils durch die Preußenelektra, die HEFRAG und die Main-Kraftwerke, alle darüber liegenden Mengen sollten durch Preußenelektra und RWE gemeinsam gedeckt werden. Das RWE verzichtete jedoch auf diese Option, da es eine Versorgung von Frankfurt aus den Kraftwerken des Saargebiets über eigene Leitungen anstrebte, um das Gebiet so wirtschaftlich wieder an Deutschland anzubinden. Im Mai 1929 schlossen sich alle großen Deutschen Energieversorgungsunternehmen zur Aktiengesellschaft für deutsche Elektrizitätswirtschaft zusammen.
Am 19. Februar 1928 wurde erstmals auf der Hochspannungsebene der Verbundbetrieb zwischen Preußenelektra und Bayernwerk eingerichtet, nachdem auf den Strecken Frankfurt–Dörnigheim und Dörnigheim–Dettingen ein Stromkreis auf 110 kV umgestellt wurde.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927–1952. Hannover 1952, S. 96
Im Oktober 1929 zog sich die Stadt Frankfurt aus der HEFRAG wieder zurück, da sie sich gegenüber der Preußenelektra benachteiligt sah. Der gemeinschaftlich in Wölfersheim erzeugte und genutzte Strom wurde über die Strecke Wölfersheim–Frankfurt der Preußischen Kraftwerke Oberweser, nun der Preußenelektra, nach Frankfurt übertragen, wofür die Stadt zusätzlich eine Leitungsgebühr zu bezahlen hatte. Zum 1. Januar 1930 kaufte die Preußenelektra daraufhin alle bisher von Frankfurt gehaltenen Aktien der HEFRAG.Geschäftsbericht der Preußischen Elektrizitäts-Aktiengesellschaft Berlin: Geschäftsjahr 1929
1933 wurde ein Stromkreis der Leitungsfortsetzung Frankfurt–Dörnigheim auf 110 kV umgestellt. 1941 wurde das Umspannwerk Gießen durch eine Freiluftanlage erweitert, um über eine 110-kV-Doppelleitung nach Wetzlar die Hessische Überlandzentrale Oberscheld anzubinden, die auch die dortigen Eisen- und Stahlwerke versorgte.Preussische Elektrizitäts-Aktiengesellschaft: Denkschrift anläßlich ihres 25 jährigen Bestehens 1927–1952. Hannover 1952, S. 106 Am Bereich von Allendorf an der Landsburg wurde wegen der Einrichtung eines Feldflugplatzes die Leitung nach Westen hin verschwenkt und niedrige Einebenenmasten errichtet.
Nachkriegszeit 1951 schloss die Stadt Frankfurt einen neuen Stromlieferungsvertrag mit der Preußenelektra ab, um nun 50 % des elektrischen Stroms für die Stadt aus dem Verbundnetz zu beziehen und noch unabhängiger von der Eigenerzeugung zu werden. Zwischen 1953 und 1954 wurde das Kraftwerk Wölfersheim der HEFRAG stillgelegt und durch einen Neubau ersetzt, da die dort produzierten Schwelprodukte durch die Abriegelung der sowjetischen Besatzungszone ihren Hauptabnehmer, die Leunawerke, verloren. Das neue Braunkohlekraftwerk diente ausschließlich zur Stromerzeugung, weshalb auch ein neues Umspannwerk in Wölfersheim in Form einer Freiluftanlage errichtet wurde.