In der Haut eines Löwen (engl. OT: In the Skin of a Lion) ist der Titel des 1987im Verlag McClelland and Steward in Toronto publizierten zweiten Romans des kanadischen Schriftstellers Michael Ondaatje. Erzählt wird die Geschichte des Holzfällersohns Patrick Lewis aus der Provinz Ontario, der in den 20er Jahren des 20. Jhs. aus dem archaischen Leben in den Wäldern nach Toronto kommt, dort zusammen mit Einwanderern einen Unterwassertunnel baut und in einer Gerberei Häute zuschneidet. Durch Liebesaffären wird er in anarchistische Klassenkampf-Aktionen verwickelt und verbindet dies mit seinen persönlichen Racheplänen. Die deutsche Übersetzung von Peter Torberg erschien 1990.im Carl Hanser Verlag München – Wien. Inhalt Motto Zwei Mottos sind dem Roman vorangestellt: Nach dem Tod seines Freundes EnkiduDas Natur- und Waldwesen Enkidu wird, vergleichbar mit Patrick, von einer Dienerin Ischtars in die Stadt Uruk gelockt und verliert dort seine Identität. irrt Gilgamesch durch das Land, „gekleidet in die Haut eines Löwen“.Gilgamesch-Epos (Tafel IX) Der Schriftsteller John Berger spricht sich für eine neue, uneinheitliche Erzählform aus.

Kleine Samen Das erste Kapitel des ersten Buches „Kleine Samen“ erzählt von der Kindheit und Jugend des 1902 geborenen Patrick Lewis in Bellrock nordwestlich von Kingston in der Provinz Ontario. Es ist ein archaisch-einfaches Leben in den großen Wäldern, v. a. in den Wintern, wenn die Landschaft verschneit und die Flüsse vereist sind. Sein gesellschaftsscheuer Vater Hazen arbeitet für Viehzüchter, fällt im Winter Bäume oder sprengt nach einer selbst erfundenen Methode Stämme, die sich beim Flößen im reißenden Strom blockieren und einen Stau verursachen, mit Dynamit frei. Sein Sohn wächst in dieser ländlichen Isolation auf, beobachtet Insekten und sensibilisiert seine Wahrnehmung für das Leben des Mikrokosmos. Er beobachtet die im Winter angereisten finnischen Holzfäller beim Schlittschuhlauf auf den zugefrorenen Flüssen und beim gefährlichen Flößen der Stämme im Frühjahr. Patrick hilft seinem Vater bei der Arbeit, z. B. beim Herausziehen einer ins Eis eingebrochenen Kuh mit um ihren Körper im eiskalten Wasser befestigten Seilen. Nachdem Hazen Lewis bei der Sprengung von Feldspatfelsen ums Leben gekommen ist, verlässt der 21-jährige Sohn 1923 die Wälder und sucht sich Arbeit in Toronto.

Die Brücke mini|Bau des Bloor Street bzw. Prince Edward Viadukts (1916) Vom zweiten Kapitel an wechselt die Szenerie nach Toronto. Die erste Geschichte spielt 1917 und handelt von dem Brückenarbeiter und artistischen Kletterer Nicholas Temelcoff und seiner Rettung einer Nonne:

Ein ehrgeiziges Projekt des Kommissars für öffentliche Arbeiten der Stadt Toronto R. C. Harris ist der Bau des Bloor Street Viadukts, das den Osten Torontos mit dem Zentrum verbinden und Verkehr, Wasser und Strom transportieren soll. Als der Baurat in einer Aprilnacht die Baustelle besichtigt, wird er Zeuge, wie eine Nonne vom Sturm von der Brücke geweht wird und abstürzt. Zu diesem Zeitpunkt hängt der mazedonische Höhenarbeiter Temelcoff an seinem Seil vor dem mittleren Brückenbogen, fängt die Herabstürzende auf und rettet ihr Leben. Dabei kugelt er sich einen Arm aus. Die Nonne begleitet ihn zum nahen Ochridsee-Restaurant und versorgt ihn bis zum Eintreffen eines Arztes. Dann schneidet sie sich den unteren Teil ihrer Kutte in Rocklänge ab und verlässt, beobachtet vom Papagei Alicia, das Lokal: „Was aus ihr wird, wird sie in dieser Minute“. Vermutlich taucht sie später im Roman wieder auf: als Verwandlung von der schweigenden Nonne über den Papagei namens Alicia zur Schauspielerin und politischen Aktivistin Alice.

Die Frage ihrer Identität beschäftigt Patrick, als er mit der Schauspielerin Alice in den 1930er Jahren zusammenlebt und durch deren Tochter Hana den Bäcker Temelcoff kennenlernt. In der Bibliothek liest erder Materialsammlung des Autors für seinen Roman ähnlich Zeitungsartikel über den Brückenbau und den Absturz der Nonne, deren Leiche man nicht gefunden hat (Kap. Palast der Reinigung).

Der Sucher Im dritten Kapitel „Der Sucher“ wird Patricks Lebensgeschichte in den 1920er Jahren weiter verfolgt: Nachdem er seine Heimat verlassen hat, arbeitet er 1924 in Toronto nach einem Jahr in verschiedenen Stellungen als „Sucher“ im Vermisstenfall Ambrose Small. Small ist durch Spekulationsgeschäfte mit Immobilien zum Millionär geworden. Er besitzt neben Hotels mehrere Theater in Toronto, Kingston, London (Ontario), Sudbura usw. 1919 verschwindet er spurlos und seine Familie setzt 80 000 Dollar zur Aufklärung des Falles aus. Dadurch werden viele Detekteien und private „searcher“ zu Ermittlungen animiert, so auch Patrick Lewis. Er spricht mit Smalls Frau Theresa Kormann, und in Paris, Ontario, mit seiner Geliebten, der Schauspielerin und Radio-Hörspiel-Sprecherin Clara Dickens.

Diese verführt den jungen unerfahrenen Mann und bindet ihn durch ihm bisher unbekannte sexuelle Praktiken an sich. Durch sie lernt er ihre Freundin und Kollegin Alice Gull kennen, mit der er zwei Jahre später eine ebenso leidenschaftliche Beziehung beginnt. Nach einiger Zeit verlässt ihn Clara mit der Erklärung, sie fühle sich an Small gebunden und wolle zu ihm in sein Versteck ziehen. Sie warnt ihren eifersüchtigen Liebhaber, ihr zu folgen, und lässt ihn verletzt und vereinsamt zurück. Während er tagsüber in einer Sägemühle arbeitet, träumt er nachts von ihr und schreibt ihr Gedanken-Briefe.

Zwei Jahre später trifft Patrick zufällig Alice, die eine Beziehung mit ihm initiiert. Durch sie und Claras Mutter erhält er Informationen über Claras Ehe mit Stump Jones, ihre Scheidung, ihre Liebschaft mit Small und ihr Versteck im Ort seiner Kindheit bei Bellrock. Dort findet er den Millionär im großen Haus der Rathbun Timber Compagny und fordert von ihm die Rückkehr Claras zu ihm. Es kommt zum Kampf: Während Patrick vor dem Haus wartet, überschüttet ihn Small mit Kerosin und zündet ihn an. Patrick löscht den brennenden Mantel durch einen Sprung in den Fluss. Darauf wirft Small ihm einen Molotowcocktail nach und er verletzt den Rivalen durch einen Stich. Halbblind und blutend läuft Patrick zum Hotel. Dort besucht ihn Clara, verarztet ihn, schläft mit ihm und kehrt zu Small zurück.

Palast der Reinigung Das zweite Buch erzählt im Wesentlichen Patricks Arbeit in Toronto und seine Beziehung zu Alice Gull. mini|R. C. Harris Wasseraufbereitungsanlage Im Jahr 1930 arbeitet Patrick in Acht-Stunden-Schicht als Arbeiter und Sprengmeister zusammen mit Kollegen aus Italien und Griechenland am Tunnelbau unter dem Ontariosee, um das ambitionierte Wasserversorgungs-Projekt von Commissioner Rowland Harris zu realisieren. Er mietet eine Wohnung in einem Arbeiterviertel, in dem viele mazedonische Einwanderer leben, und wird von ihnen in die Nachbarschaftsgemeinschaft aufgenommen. Kosta, der Besitzer des Ochridsee-Restaurants, lädt ihn zu einer geheimen Veranstaltung von Einwanderern verschiedener Nationalitäten im Wasserwerk ein. Man trifft sich dort zu Musik, politischen Diskussionen und Agitationstheater. Patrick entdeckt in einer als Puppe maskierten Figur auf der Bühne die Schauspielerin Alice Gull, die ihn in ihr Pantomimenspiel einbezieht. Sie nimmt ihn mit in ihre kleine Wohnung, in der sie mit ihrer neunjährigen Tochter Hana lebt. Patrick zieht zu ihr und sie führen bis zu Alices Tod und Patricks Inhaftierung zwei Jahre später ein Familienleben.

Als der Tunnel fertiggestellt ist, findet Patrick eine Stelle als Zuschneider von Fellen in einer der Wickett-and-Craig-Gerberei. Dort sieht er die schlechten Arbeitsbedingungen der Gerber und Färber. Durch Hana lernt er den Bäcker Nicholas Temelcoff kennen. Er stößt auf Bilder und Zeitungsartikel über den Brückenbau und befragt Temelcoff darüber. Dieser erinnert sich langsam, holt die Geschichte aus dem Vergessen heraus, erzählt sie aber nur seiner Frau. Patrick rätselt weiter über Alices Vorleben und über den Kern ihrer Persönlichkeit. Fasziniert ist er von der Verwandlungsfähigkeit der Schauspielerin, den Übergängen zwischen Kunst und Alltag. Sie schweigt über ihre Vergangenheit und erzählt nur Bruchstückhaftes über Hanas Vater, einen Aktivisten mit dem Decknamen Cato, der als Sohn eines finnischen Holzfällers in den Wäldern nördlich des Ontariosees geboren wurde und sich wie sein Vater der Gewerkschaftsbewegung anschloss. Die Beziehung zu Alice war nur eine unter vielen. Er war oft unterwegs und starb während ihrer Schwangerschaft im Norden. Als er einen Streik der Arbeiter vorbereiten wollte, wurde er entdeckt und auf der Flucht erschossen. Alice führt die politische Arbeit Catos in ihrer Weise als Schauspielerin weiter und sie spricht mit Patrick über die Situation der von den reichen Fabrikanten ausgenutzten Arbeitern, den schlechten Arbeitsbedingungen und dem geringen Lohn und versucht, allerdings vergeblich, ihn vom Klassenkampf zu überzeugen. Er fühlt sich den Einwanderern gegenüber als der „Andersartige, die dritte Person im Bild: Er ist der, der hier in diesem Land geboren wurde […] Er war ein Beobachter, ein Korrektor […] Clara und Ambrose und Alice und Temelcoff und Cato – diese Gruppe spielte ihr Stück ohne ihn.“

Reue Erst spät beteiligt Patrick sich an den Aktionen der Gewerkschaftler: „Alice hing stets und immer einer Idee an, einer großen Sache, die mit Reichtum und Macht zu tun hatte. Und am Ende, […] auf der Straße […] überrascht, dass Patrik da war, war nichts beendet, nichts erreicht. „Nachdem sie „auf dem blutigen Pflaster […] zerstört“ in seinen Armen starb. Im letzten Buch erfährt der Leser, dass sie durch eine vermutlich von Patrick gebaute Bombe starb, die sie durch eine Verwechslung zweier Taschen beim Marsch der Streikenden bei sich trug. Patrick will den Tod Alices rächen, fährt zum, im Lake of Bays gelegenen, Bigwin Island, dem Tummelplatz der Reichen, und entzündet in dem nach seiner Warnung von den Gästen verlassenen Hotel Muskoka einen Paraffinkanister. Dann flüchtet er vom Tatort und schwimmt zum Kreuzfahrtschiff „The Cherokee“.

Caravaggio David Caravaggio wird zum ersten Mal im zweiten Kapitel des ersten Buches als Brückenarbeiter erwähnt. Das erste Kapitel des dritten Buches erzählt seine Karriere als Dieb: Bei seinem ersten Einbruch überraschen ihn die Eigentümer und er bricht sich bei einem Sprung aus dem Fenster einen Knöchel. Er schleppt sich zu einer Champignon-Farm und versteckt sich in einer der Hallen. Dort wird er von der italienischen Arbeiterin Giannetta entdeckt, die ihn versorgt und als Frau verkleidet hinausschmuggelt. So lernt er seine Frau kennen. Nach amateurhaften Anfängen gerät er in einen Kreis von Meisterdieben, deren eigenständige Handschriften er studiert und zu einer über den Aspekt der Arbeit hinausreichenden Kunst entwickelt.

In der Haupthandlung des Kapitels flieht Caravaggio mit Hilfe Patricks, der nach seinem Brandanschlag eine fünfjährige Haftstrafe absitzt, aus dem Zuchthaus von Kingston, nachdem er von Mitgefangenen angegriffen und verletzt worden ist. Er seilt sich vom Dach des Gefängnisses ab, fährt in einem Zug versteckt nach Trenton und wandert am Trent River entlang in ein Sommerhausgebiet nördlich des Ontariosees. Dort bricht er in das Haus einer Schriftstellerin ein, die ihn nicht verrät, telefoniert mit seiner Frau, erfährt, dass die Suche nach ihm offenbar abgebrochen wurde, und kehrt zu ihr in einer chaotisch-orgiastischen Schlussszene zurück.

Maritimes Theater 1938 finden im Leben der Protagonisten große Veränderungen statt: Patrick wird aus dem Gefängnis entlassen und holt die inzwischen 16-jährige Hana von Temelcoffs Familie ab, die in der Zwischenzeit das Mädchen bei sich aufgenommen hat.