mini|Lageplan des Internierungslager Caserne des Tourelles Das Internierungslager Caserne des Tourelles war ein Ort in Paris, an dem zwischen Oktober 1940 und August 1944 Menschen aus unterschiedlichen politischen Gründen interniert wurden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Tourelles-Kaserne an das Verteidigungsministerium zurückgegeben, das dort den französischen Auslandsgeheimdienst SDECE (Service de documentation extérieure et de contre-espionnage) ansiedelte, der 1982 in Direction générale de la Sécurité extérieure (DGSE) umbenannt wurde. Seit Ende der 1990er Jahre nutzt die DGSE auch die 1933 erbaute Mortier-Kaserne, die der Tourelles-Kaserne gegenüber liegt.Musee de l’Histoire Vivante: Le camp d’internement des tourelles. (französisch, museehistoirevivante.fr. Der Text bezieht sich auf eine dort am 5. Oktober 2019 eröffnete Ausstellung über das Internierungslager und enthält eine Fotografie des Gebäudekomplexes.).

Geschichte Die 1881 eingeweihte Caserne des Tourelles, in der während der Dritten Republik ein Infanterieregiment der französischen Kolonialtruppen stationiert war,Fondation pour la Mémoire de la Déportation (FMD): Camp d'internement Les Tourelles befindet sich am Boulevard Mortier im 20. Pariser Arrondissement. () Die ganze Bandbreite dessen, was sich dort zwischen 1940 und 1944 abspielte, verdeutlicht die Inschrift einer Gedenktafel an das ehemalige Internierungslager.

mini|Gedenktafel an das Internierungslager Caserne des Tourelles am Gebäude des benachbarten Schwimmbads Georges Vallerey

Die Vorgeschichte des Internierungslagers beginnt mit dem Vormarsch der deutschen Wehrmacht im Westfeldzug. Menschen, die vor dieser Gefahr auf der Flucht waren, fanden im Mai/Juni 1940 Zuflucht in der Kaserne. Ab Juli 1940 kamen dann auch Ausländer hinzu, die sich normalerweise nicht im Département Seine aufhalten durften, dieses aber aufgrund der Umstände nicht verlassen konnten. Laut Musee Histoire Vivante wurden bis Juli 1941 etwa 1.500 Männer, Frauen und Kinder aus diesem Personenkreis hier untergebracht.

In den Quellen ist übereinstimmend davon die Rede, dass sich der Status der Kaserne am 28. Oktober 1940 grundlegend änderte und sie ab dem Zeitpunkt als Internierungslager fungierte.Denis Peschanski: Les camps français d’internement (1938–1946) – Doctorat d’Etat. Histoire. Univer-sité Panthéon-Sorbonne – Paris I, 2000, S. 173 (academia.edu oder tel.archives-ouvertes.fr PDF) Laut dem Musee Histoire Vivante war es „das einzige, das während der gesamten Besatzungszeit in Paris eingerichtet wurde“

Für das Lager wurden von den drei Hauptgebäuden der Kaserne nur das westliche Zentralgebäude und das Südgebäude links vom Eingang genutzt. Das nördliche Gebäude rechts vom Eingang diente bis Ende 1941 als deutsches Arbeitsamt und wurde dann einem Dienst zugewiesen, der sich um französische Kriegsgefangene in Deutschland kümmerte. Bewacht wurde das Lager von der französischen Gendarmerie, und die ersten Internierten waren Männer, die zu unerwünschten Ausländern erklärt worden waren. Betroffen davon waren Flüchtlinge im Allgemeinen, auch Juden und Staatenlose.Caserne des Tourelles sapientiafr.com. Sie galten als administrativ Internierte, das heißt als Internierte, die von der Polizei ohne Einschaltung eines Richters und ohne den Nachweis einer begangene Straftat in der Regel zeitlich unbegrenzt weggesperrt werden konnten.

Ab Anfang Juli 1941 wurden in der Kaserne auch Franzosen interniert. Im Zuge dessen wurde eine eigene Abteilung für Kommunisten eingerichtet. Julia Riegel erwähnt als weitere Gefangenengruppen Freunde und Komplizen von Widerstandskämpfern und eine beträchtliche Anzahl republikanischer Flüchtlinge aus dem Spanischen Bürgerkrieg.Julia Riegel: Paris/Tourelles. In: The United States Holocaust Memorial Museum Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933–1945. Band 3 (zoboko.com).

Da im Sammellager Drancy bis zur Rafle du Vélodrome d’Hiver Mitte Juli 1942 nur Männern interniert wurden, entwickelte sich die Caserne des Tourelles ab September 1941 zu einem der Haupthaftorte jüdischer Frauen in Paris, darunter auch Frauen von Widerstandskämpfern. Ein Teil der Frauen wurde aus dem Gefängnis Petite Roquette in die Tourelles-Kaserne verlegt, wo sie ein etwas höheres Maß an Freiheit genossen, als an ihrem früheren Haftort. Gestützt auf die Erfahrungsberichte der ehemaligen Internierten Yvette Sémard und France Hamelin (von der auch Zeichnungen des Lageralltags überliefert sind), beschreibt Riegel Szenen des Lageralltags der Frauen.

Die weitere Geschichte des Internierungslagers ist aus den vorliegenden Quellen nicht eindeutig zu rekonstruieren. France Hamelins Erinnerungen nach leitete der SS-Hauptsturmführer Theodor Dannecker im Juni 1942 die ersten großen Deportationen von Juden aus der Tourelles-Kaserne. Auf der Webseite des Musee Histoire Vivante ist dann davon die Rede, dass am 13. August 1942 zwei Drittel der Internierten verlegt worden seien. Weshalb und wohin bleibt offen, aber es ist sehrt wahrscheinlich, dass diese Verlegungen eine Folge der bereits erwähnten Rafle du Vélodrome d’Hiver waren und in Deportationen mündeten. Das ergibt sich auch aus der von Patrick Modiano rekonstruierten Geschichte der Dora Bruder, die am 19. Juni 1942 in die Tourelles-Kaserne eingeliefert worden war und von dort aus am 13. August 1942 in das Sammellager Drancy verlegt wurde.

Nachdem sich nach den Verlegungen vom 13. August 1942 die Zahl der Internierten auf ein Drittel reduziert hatte, wurde das Internierungslager nur noch in einem einzigen Gebäude, dem Südgebäude, fortgeführt. Ab Oktober 1942 wurde das Zentralgebäude zu einem Nebengebäude des Gefängnisses von Fresnes und später vom Gefängnis La Santé. Gestützt auf Berichte des Leiters der Caserne des Tourelles kann Rieger für die Zeit zwischen Juni 1942 und Mai 1944 einige statistische Daten vorlegen, die zugleich den Zynismus des Vichy-Regimes im Umgang mit den internierten Juden offenbaren.

mini|Boulevard Mortier: Eingang zum ehemaligen Kasernengelände, heute Sitz des DGSE

Die Deportationen aus der Tourelles-Kaserne wurden bis zum 27. Juli 1944 fortgesetzt. Nach Riegel wurden aber insbesondere ab Ende 1943 die Fluchten der dort Internierten immer mehr zu einem Problem für die Pariser Polizei. Eine besondere spielte dabei das Hôpital Tenon, wo schwerkranke Gefangene zur Behandlung hingebracht wurden und diesen Krankenhausaufenthalt dann zur Flucht nutzten. So vermeldete etwa die Präfektur am 13. Juni 1944:

Das Internierungslager Caserne des Tourelles wurde am 19. August 1944 befreit. Bis Ende 1945 wurden aber erneut mehrere Tausend Menschen hier interniert, vor allem Kollaborateure und deutsche Kriegsgefangene. Danach startete die Kaserne ihre Karriere als Geheimdienstzentrale.

Literatur Henry Bulawko: Un anniversaire oublié. Les premiers internements juifs à la caserne des Tourelles. In: Le Monde Juif. 1980/1 (N° 97), S. 36–37 (cairn.info) Louis Poulhès: Un camp d’internement en plein Paris : la caserne des Tourelles : 1940–1945. Atlande, Neuilly 2019. (Auf der Webseite der Stanford Libraries wird das Inhaltsverzeichnis des Buches angezeigt, das einen guten Überblick über den zeitlichen Verlauf und die unterschiedlichen Internierungsschwerpunkte erlaubt). Yvette Sémard: En souvenir de l’avenir: au jour le jour dans les camps de Vichy, 1942–1944: La Petite Roquette, les camps des Tourelles, d’Aincourt, de Gaillon, de La Lande et de Mérignac, L’Arbre Verdoyant, Montreuil sous Bois 1991. France Hamelin: Femmes dans la nuit: L’internement à la petite Roquette et au camp des Tourelles, 1939–1944. Phénix Éditions, Paris 2001. France Hamelin: Femmes en prison dans la nuit noire de l’occupation: Le Dépôt, la petite Roquette, le camp des Tourelles. Éditions Tirésias, Paris 2004.

Weblinks

Julia Riegel: Paris/Tourelles. In: The United States Holocaust Memorial Museum Encyclopedia of Camps and Ghettos, 1933–1945. Band 3: Camps and Ghettos under European Regimes Aligned with Nazi Germany. Kapitel 152 (zoboko.com) Anonymes, Justes et Persécutés durant la période Nazie dans les communes de France: Caserne des Tourelles durant la Seconde Guerre mondiale (WWII) Andrea Alvarez: La Caserne des Tourelles/”La piscine”, 2018, (sites.williams.edu – Ein Beitrag zum Projekt Mapping Modiano's Dora Bruder)

Einzelnachweise

Kategorie:Frankreich im Zweiten Weltkrieg Kategorie:Internierungslager (Frankreich) Kategorie:Pariser Geschichte (20. Jahrhundert) Kategorie:20. Arrondissement (Paris)