mini|300x300px|Künstlerische Darstellung des Einschlags (Impakt) eines großen Himmelskörpers. Der Einschlag eines Asteroiden (Global Killer) vor 66 Mio. Jahren verursachte ein Massenaussterben, dem u. a. alle Nichtvogel-Dinosaurier zum Opfer fielen. Ein Ereignis, das zum Aussterben der Menschheit führen oder das Potenzial der Menschheit dauerhaft und drastisch einschränken könnte, wird als globales existenzielles Risiko (engl. existential risk oder X-risk) bezeichnet. Ein globales Katastrophenrisiko (engl. global catastrophic risk) beschreibt dagegen ein hypothetisches zukünftiges Ereignis, das das menschliche Wohlergehen in globalem Ausmaß beeinträchtigen und sogar die moderne Zivilisation gefährden oder zerstören könnte. Nach diesen Definitionen sind globale existenzielle Risiken eine Klasse von globalen Katastrophenrisiken, da letztere nicht zwingend zum Aussterben der Menschheit oder ihres langfristigen Potenzials führen würden.
In den letzten zwei Jahrzehnten wurde eine Reihe von akademischen und gemeinnützigen Organisationen gegründet, die sich mit der Erforschung globaler katastrophaler und existenzieller Risiken befassen, potenzielle Abhilfemaßnahmen formulieren und diese Maßnahmen entweder befürworten oder umsetzen.
Definition und Klassifizierung mini|Ausmaß-Schweregrad-Raster aus Bostroms Papier „Existential Risk Prevention as Global Priority“
Definition von globalen Katastrophenrisiken Der Begriff „globales Katastrophenrisiko“ ist „nicht klar definiert“ und bezieht sich im Allgemeinen (lose) auf ein Risiko, das „das menschliche Wohlergehen in globalem Ausmaß ernsthaft beeinträchtigen“ könnte.
Die Menschheit hat schon früher große Katastrophen erlebt. Einige davon haben schwere Schäden verursacht, waren aber nur lokal begrenzt – z. B. hat der Schwarze Tod möglicherweise den Tod von einem Drittel der europäischen Bevölkerung verursacht, was 10 % der damaligen Weltbevölkerung entsprach. Andere waren zwar global, aber nicht so schwerwiegend, z. B. tötete die Grippepandemie von 1918 schätzungsweise 3–6 % der Weltbevölkerung. Die meisten globalen Katastrophenrisiken wären nicht so gravierend, dass sie die Mehrheit des Lebens auf der Erde auslöschen würden, aber selbst wenn dies der Fall wäre, würde sich die Menschheit schließlich wieder erholen (im Gegensatz zu existenziellen Risiken).
Definition der existenziellen Risiken Existenzielle Risiken werden definiert als „Risiken, die die Zerstörung des langfristigen Potenzials der Menschheit bedrohen“. Der Eintritt eines existenziellen Risikos (einer existenziellen Katastrophe) würde entweder das völlige Aussterben der Menschheit bewirken oder unumkehrbar zu einem drastisch schlechteren Zustand führen. Existenzielle Risiken sind eine Unterkategorie globaler Katastrophenrisiken, bei denen der Schaden nicht nur global, sondern auch unheilbar und dauerhaft ist, so dass er sich nicht mehr erholen kann und somit sowohl die jetzige als auch alle künftigen Generationen betrifft.
Nicht-Aussterberisiken Das Aussterben ist zwar die offensichtlichste Art und Weise, wie das langfristige Potenzial der Menschheit zerstört werden könnte, aber es gibt auch noch andere Möglichkeiten, darunter der unwiederbringliche Zusammenbruch der Zivilisation. Eine Katastrophe, die schwerwiegend genug ist, um den dauerhaften, irreversiblen Zusammenbruch der menschlichen Zivilisation zu verursachen, wäre eine existenzielle Katastrophe, auch wenn sie nicht zum Aussterben führt.
Eine andere Art von Nicht-Aussterberisiken sind „Suffering risks“ (kurz s-risks, zu deutsch Leidensrisiken). In S-risk-Szenarien kommt es zu einem Zustand, in dem die Menschheit großes Leid erfährt, ohne eine Möglichkeit, der Situation zu entfliehen. Ein Beispiel wäre die Entstehung einer stabilen globalen Diktatur: Die Menschheit fällt unter ein totalitäres Regime und es gibt keine Chance auf Besserung. Bryan Caplan schreibt, dass „vielleicht eine Ewigkeit des Totalitarismus schlimmer wäre als das Aussterben“.Bryan Caplan (2008). "The totalitarian threat". Global Catastrophic Risks, eds. Bostrom & Cirkovic (Oxford University Press): 504–519. ISBN 978-0-19-857050-9 (George Orwells Roman 1984 beschreibt ein solches Szenario.) Auch andere Dystopie-Szenarien, wie das Leid durch die unvorhergesehenen Folgen einer neuen Technologie fallen unter s-risks. Ein dystopisches Szenario weist die gleichen Hauptmerkmale auf wie die Auslöschung und der unwiederbringliche Zusammenbruch der Zivilisation – vor der Katastrophe hatte die Menschheit eine große Auswahl an Zukunftsperspektiven, aus denen sie wählen konnte; nach der Katastrophe ist die Menschheit für immer in einem schrecklichen Zustand gefangen.
Mögliche Risikoquellen
Potenzielle globale Katastrophenrisiken werden üblicherweise als anthropogene oder natürliche Gefahren eingestuft. Beispiele für natürliche Risiken sind ein Asteroiden- oder Kometeneinschlag, ein Supervulkanausbruch, eine natürliche Pandemie, ein tödlicher Gammastrahlenausbruch, ein geomagnetischer Sturm infolge eines koronalen Massenauswurfs, der elektronische Geräte zerstört, ein natürlicher langfristiger Klimawandel, feindliches außerirdisches Leben oder die Umwandlung der Sonne in einen roten Riesenstern, der die Erde in Milliarden von Jahren verschlingt.
mini|Einteilung der globalen Katastrophenrisiken in drei Gruppen, je nachdem, ob sie größtenteils vom Menschen verursacht werden, ob der Mensch die Natur beeinflusst oder ob es sich um rein natürliche Risiken handelt
Anthropogene Risiken sind vom Menschen verursachte Risiken, die mit der Technologie, der Regierungsführung und dem Klimawandel zusammenhängen. Zu den technologischen Risiken gehören die Schaffung künstlicher Intelligenz (Superintelligenz), die nicht mit den Zielen der Menschheit übereinstimmt, sowie Bio- und Nanotechnologie. Eine unzureichende oder bösartige globale Governance schafft Risiken im sozialen und politischen Bereich, wie z. B. einen globalen Krieg und einen nuklearen Holocaust, biologische Kriegsführung und Bioterrorismus mit Hilfe genetisch veränderter Organismen, Cyberkriegsführung und Cyberterrorismus, die kritische Infrastrukturen wie das Stromnetz zerstören, oder radiologische Kriegsführung mit Waffen wie großen Kobaltbomben. Zu den globalen Katastrophenrisiken im Bereich der Steuerung des Erdsystems gehören die menschengemachte globale Erwärmung, die Umweltzerstörung, das Aussterben von Arten, Hungersnöte infolge ungleicher Ressourcenverteilung, Überbevölkerung, Missernten und eine nicht nachhaltige Landwirtschaft.
Quantifizierung von Risiken – natürliche Risiken Wissenschaftler können mittlerweile auf Basis von Erfahrungswerten und empirischen Daten sehr genau sagen, wie hoch die Wahrscheinlichkeiten für Ereignisse wie den Einschlag großer Kometen, Supervulkanausbrüche oder Gammastrahlenausbrüche innerhalb eines Jahrhunderts sind. Toby Ord hat natürliche Risiken nach ausführlicher Datenanalyse quantifiziert. Die Wahrscheinlichkeiten beziehen sich auf die Wahrscheinlichkeit, dass das Ereignisses innerhalb eines Jahrhunderts eintritt und die Menschheit auslöscht, oder ihr langfristiges Potenzial zerstört. Ord bezieht nur die drei genannten Möglichen Katastrophen ein und eine exakte Wahrscheinlichkeit anzugeben ist nie möglich, aber aufgrund des empirischen Hintergrunds der Wahrscheinlichkeitswerte gibt die Schätzung ein gutes Bild des realen Risikos: EreignisWahrscheinlichkeitSupervulkanausbruch~1 zu 10.000Asteroiden- oder Kometeneinschläge~1 zu 1.000.000Supernova oder Gammastrahlenausbruch~1 zu 1.000.000.000
Quantifizierung von Risiken – anthropogene Risiken Anthropogene Risiken sind solche, die durch das Handeln des Menschen entstehen. Die Erfindung der Atombombe stellte das erste anthropogene existenzielle Risiko dar. Ab diesem Zeitpunkt hatte die Menschheit das Potenzial, sich selbst zu zerstören. Andere ernstzunehmende Risiken stellen ein extremer menschengemachter Klimawandel, der Einsatz künstlich erzeugter Krankheitserreger und generell der Einsatz von Biowaffen dar. Kontrovers wird das Risiko diskutiert, das von Zukunftstechnologien wie Nanotechnologie, vor allem aber fortgeschrittener künstlicher Intelligenz (artificial general intelligence, AGI) ausgeht. Mehrere Autoren, die sich mit anthropogenen Risiken beschäftigen, bezeichnen das Risiko durch AGI als das größte existenzielle Risiko des 21sten Jahrhunderts. Auch zu Anthropogenen Risiken hat Toby Ord nach ausführlicher Analyse eine Einschätzung abgegeben. Aufgrund der Methodologischen Herausforderungen, die im nächsten Abschnitt beschrieben werden, ist eine empirisch fundierte Einschätzung nicht möglich. Stattdessen erfolgt die Schätzung basierend auf kohärenten Kausalketten und interdisziplinärem Diskurs (Computerwissenschaften, Pandemieforschung, Ökologie, Philosophie). Die Einschätzung sollte also als Approximation von Größenordnungen betrachtet werden, nicht als annähernd exakte Vorhersage. Auch hier beziehen sich die angegebenen Wahrscheinlichkeiten auf den Fall, in dem das beschriebene Ereignis innerhalb eines Jahrhunderts zu einer existenziellen Katastrophe führt, die die Menschheit auslöscht oder ihr langfristiges Potenzial zerstört. +EreignisWahrscheinlichkeitAtomkrieg~1 zu 1.000Menschengemachter Klimawandel~1 zu 1.000Andere Umweltschäden~1 zu 1.000Menschgemachte Pandemien (Biowaffen)~1 zu 30Artificial general intelligence~1 zu 10Unbekannte Risiken ~1 zu 30
Methodische Herausforderungen Die Erforschung des Wesens und der Abschwächung globaler Katastrophenrisiken und existenzieller Risiken unterliegt einer Reihe einzigartiger Herausforderungen und kann daher nicht ohne weiteres den üblichen Standards wissenschaftlicher Strenge unterworfen werden. So ist es beispielsweise weder machbar noch ethisch vertretbar, diese Risiken experimentell zu untersuchen. Carl Sagan hat dies in Bezug auf den Atomkrieg zum Ausdruck gebracht: „Die langfristigen Folgen eines Atomkriegs zu verstehen, ist kein Problem, das sich experimentell überprüfen lässt“. Zur experimentellen Erforschung müsste das Ereignis eintreten, wodurch im Fall existenzieller Katastrophen keine Auswertung mehr möglich ist und auch im Fall nicht-existenzieller Katastrophenrisiken wäre eine experimentelle Untersuchung moralisch untragbar. Darüber hinaus ändern sich viele Katastrophenrisiken schnell, wenn sich die Technologie weiterentwickelt und sich die Rahmenbedingungen, z. B. die geopolitischen Verhältnisse, ändern. Eine weitere Herausforderung ist die allgemeine Schwierigkeit, die Zukunft über lange Zeiträume genau vorherzusagen, insbesondere bei anthropogenen Risiken, die von komplexen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Systemen des Menschen abhängen. Zusätzlich zu den bekannten und greifbaren Risiken können unvorhersehbare Aussterbeereignisse auftreten, (schwarzer Schwan), was ein zusätzliches methodisches Problem darstellt.
Fehlender historischer Präzedenzfall Die Menschheit hat noch nie eine existenzielle Katastrophe erlebt, und wenn eine solche eintreten sollte, wäre sie zwangsläufig beispiellos. Daher stellen existenzielle Risiken aufgrund der Selektionswirkung der Beobachtung eine besondere Herausforderung für die Vorhersage dar, mehr noch als andere langfristige Ereignisse. Anders als bei den meisten Ereignissen ist das Ausbleiben eines vollständigen Aussterbeereignisses in der Vergangenheit kein Beweis gegen die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses in der Zukunft, da es in jeder Welt, die ein solches Aussterbeereignis erlebt hat, keine Beobachter gibt, so dass unabhängig von ihrer Häufigkeit keine Zivilisation in ihrer Geschichte existenzielle Risiken beobachtet hat. Diese anthropischen Probleme lassen sich zum Teil dadurch vermeiden, dass man Beweise betrachtet, die keine derartigen Selektionseffekte haben, wie z. B. Asteroideneinschlagskrater auf dem Mond, oder indem man die wahrscheinlichen Auswirkungen neuer Technologien direkt bewertet.