Petra Wittmar (geboren 1955 in Medebach im Hochsauerland) ist eine deutsche Fotografin, die sich mit Projekten zu städtischen und dörflichen (post-)industriellen Lebenswelten beschäftigt.

Leben Wittmar ist 1955 in Medebach im Hochsauerland geboren, wo sie auf einem Bauernhof aufwuchs. Nach einer Fotografenlehre in Soest studierte sie von 1976 bis 1983 Fotografie an der Folkwangschule/Universität in Essen bei Otto Steinert, Angela Neuke-Widmann und Michael Schmidt. Ihre Abschlussarbeit bestand aus einer dokumentarischen Studie zu ihrem Heimatort Medebach.Petra Wittmar: Medebach. Photographien 1979–1983. Hrsg.: Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur, Köln. Steidl Verlag, Göttingen 2007. Sie ist seit 1983 als freischaffende Künstlerin tätig und lebt seit 1975 in Essen.

Werk Petra Wittmar beschäftigt sich mit Projekten zu städtischen und dörflichen Lebenswelten, insbesondere zur (post-)industriellen Metropole Ruhrgebiet und der ländlichen Provinz ihrer Heimat. Dabei bewegt sie sich im Spannungsfeld zwischen sehnsüchtiger Erinnerung und beschädigter Gegenwart, Vertrautheit und Entfremdung, Schönheit und Hässlichkeit.

Wittmar gehört zu einer Generation deutscher Fotografinnen, die seit Ende der 1970er Jahre das Medium Fotografie als Instrument einer kritischen Auseinandersetzung mit der Realität jenseits kommerzieller Zwecke entdecken.Florian Ebner, Felix Hoffmann, Inka Schube (Hrsg.): Werkstatt für Photographie 1976–1986. C/O Berlin, Museum Folkwang Essen, Sprengel Museum Hannover. Verlag Walter König, Köln 2016.Gregor Jansen u. a. (Hrsg.): Subjekt und Objekt. Foto Rhein Ruhr. Kunsthalle Düsseldorf. Verlag Walter König, Köln 2020.Gisela Parak (Hrsg.): Die wilde Vielfalt. Zur deutschen Fotoszene der 1970er und 1980er Jahre (= Fotogeschichte. Band 35). Nr. 137. Jonas Verlag, Marburg 2015. Im Spannungsfeld einer sich emanzipierenden künstlerischen Fotografie, die von den Begriffen des „documentary style“ (Walker Evans) und der „Autorenfotografie“ (Klaus Honnef) geprägt ist, findet Wittmar zu ihrer eigenen künstlerischen Ausdrucksweise. Anregungen erhielt sie durch die zeitgenössische amerikanische Fotografie, insbesondere durch die Bewegung der „New Topographics“.Britt Salvesen u. a.: New Topographics. Hrsg.: Center for Creative Photography, University of Arizona; George Eastman House International Museum of Photography and Film. Steidl, Göttingen 2010 Eine entscheidende Rolle spielten dabei Lewis Baltz’ Publikation Park CityLewis Baltz: Park City. Artspace Press, Albuquerque [u. a.] 1980. und Robert Adams’ Denver.Robert Adams: Denver. Boulder, Colorado 1977 Aus dem deutschen Sprachraum wurden für Wittmar die der Neuen Sachlichkeit zuzurechnenden Ruhrgebietslandschaften von Albert-Renger-Patzsch aus den 1920er und 1930er Jahren wichtig, die 1982 erstmalig geschlossen publiziert wurden.Albert Renger-Patzsch: Ruhrgebiet-Landschaften 1927–1935. Hrsg. Von Ann und Jürgen Wilde. Köln: DuMont Verlag 1982. In der Tradition des „dokumentarischen Stils“ verstanden sich bereits Wittmars frühe Projekte Spielplätze (1979) und Essen-Nord (1980/81) die während ihres Studiums entstanden, bevor sie als Diplomarbeit die Studie Medebach (1979–1983) realisierte.

Spielplätze, 1978/79 Die Serie Spielplätze stellt die Ouvertüre zu einem Zyklus dar, in dem Petra Wittmar sich über einen Zeitraum von über 30 Jahren mit deutscher Lebenswirklichkeit befasst hat. Die Arbeit entstand 1979, während ihres Studiums. In dieser Serie hat Wittmar über neun Monate zahlreiche Kinderspielplätze der nördlichen, industriell geprägten und sozial unterprivilegierten Regionen der Stadt Essen fotografiert. Sie zeigt diese von den Bauordnungen vieler deutscher Kommunen fest vorgeschriebenen Spielanlagen als menschenleere Orte und verstärkt damit deren lieblosen Charakter. In ihrer Spielplatz-Serie verfolgt sie, über die sachliche Dokumentation eines in ihren Augen skandalösen und für den Stand der Humanität bezeichnenden Tatbestandes hinaus, die Absicht, in einem scheinbar peripheren Gegenstand einen Ausdruck für die Gegenwart zu finden, für die Zeit, wie sie sich am Ende ihrer eigenen Jugend darstellte. Die Spielplätze waren für Wittmar Erkennungszeichen einer fehlentwickelten Urbanisierung, der Ausbeutung der Natur und des Verlusts der Identität von Städten. Spielplätze fungiert somit als Ausdruck der sozialen und kulturellen Veränderungen in Deutschland während des Deutschen Herbstes.

16 Vintage-Prints aus der Serie wurden 2019 im Kontext der Ausstellung Wolfgang Schulz und die Fotoszene um 1980 von der Stiftung Hamburger Kunstsammlungen erworben und als Dauerleihgaben an Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg übergeben.

Medebach, Photographien/Photographs 1979 – 1983 und 2009 – 2011 Petra Wittmar hat sich in zwei umfangreichen Projekten mit ihrem Geburtsort, dem Dorf Medebach auseinandergesetzt. Ihre erste Serie, gleichzeitig ihre Abschlussarbeit, erarbeitet von 1979 bis 1983, zeigt die architektonische und topografische Erscheinung des Dorfes und legt die Strukturen des Dorflebens dar. Ihr Interesse an diesem Thema wurde durch die drastischen Veränderungen in den 1960er und 1970er Jahren motiviert, die dem gewachsenen Ort austauschbare und standardisierte Strukturen aufzwang. Ihre Innenaufnahmen aus den Häusern der Bewohner entfalten eine beklemmende Wirkung, die die Serie in ihrer Ausdruckskraft verstärkt. Wittmar stellt in ihren Bildern die Frage nach der Bedeutung und Bestimmung der Identität. Der Verzicht auf aufrührerische Momente und die formale Strenge platzieren diese Bilderreihe in der Tradition des amerikanischen New Topographic Movement der 1970er Jahre.

Mit der zweiten Medebach-Serie, die fast dreißig Jahre später von 2009 bis 2011Petra Wittmar: Medebach. Fotografien/Photographs 2009–2011. Hrsg. Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2013. entstand, begann für Wittmar eine neue, stark autobiografisch geprägte Beschäftigung mit dem ländlichen Raum. Der fotografische Zugriff, nun in Farbe, erscheint distanzierter und gelassener, was die hinter der tadellosen Ordentlichkeit des Ortes waltende Tristesse eher noch akzentuiert. Mit den beiden Medebach-Serien hat Wittmar an einem konkreten Ort über den Alltag in der deutschen Provinz hinaus ein Stück deutscher Befindlichkeit authentisch dargestellt.

Andere Werke Zwischen 1998 und 2000 realisierte Wittmar auf Einladung des Museums für Moderne Kunst Frankfurt das Kunst-am-Bau-Projekt Genius loci, das aus der fotografischen Begleitung eines Neubaus der Deutschen Bahn auf dem Thyssen-Areal in Hamm und der umfassenden Dokumentation des aufgelassenen Industriegeländes bestand. Parallel dazu entstanden weitere Arbeiten zur Industriearchitektur im Ruhrgebiet. Ab 1999 arbeitete Wittmar an dem Projekt Essen Vedutas, in dem sie den Faden ihrer Arbeit von 1980 wieder aufnahm: Eine Studie zu einem innerstädtischen Essener Areal, an dem Wittmar die lähmende Verlorenheit exemplifizierte, die der Rückbau der großindustriellen Strukturen im Ruhrgebiet hinterlassen hatte.

In ihrer Serie Silo (2013–2014) dokumentiert Wittmar Bauernhöfe, deren baldiges Verschwinden im Zuge der Industrialisierung der Landwirtschaft abzusehen war. Im Projekt Das Versprechen (2015–2016) thematisiert Petra Wittmar Natur- und Landschaftserfahrungen ihrer Kindheit. In ihrer umfangreichen Arbeit Über die Dörfer (2016–2018) zieht sie schließlich ein erstes Resümee ihrer Beschäftigung mit dem ländlichen Raum ihrer Heimat. Ab 2021 greift sie dies mit dem an August Sander orientierten Projekt Bauern erneut auf. Zeitgleich entsteht eine ausgedehnte Studie zu den Relikten der Industriehäfen im nördlichen Ruhrgebiet (2018–2019). Daraus erwächst ab 2022 das Projekt Die Zone – eine Erfahrung des Ruhrgebiets. Zusammen mit dem Projekt Über die Dörfer bildet diese Arbeit eine Art Summe ihrer langjährigen Auseinandersetzung mit den für sie bestimmenden Lebenswelten der industriestädtischen Agglomeration einerseits und der heimatlich-ländlichen Provinz andererseits.

Künstlerduo Gemeinsam mit Ulrich Deimel führt Wittmar seit 1986 ein Büro für Architektur- und Interieurfotografie. Neben ihrer Auftragsfotografie thematisieren sie in eigenen langfristig angelegten Projekten die europäische Baukunst des frühen 20. Jahrhunderts, insbesondere der zwanziger Jahre in Deutschland, Holland, Belgien und Tschechien.Petra Wittmar, Ulrich Deimel: Jene Zwanziger Jahre. Mit einem Vorwort von Hubertus von Amelunxen. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit 2003. Ihre Arbeit wurde vielfach ausgestellt und ausgezeichnet.

Jene zwanziger Jahre Fotografien zur Architektur im Rheinland und in Westfalen Zwischen 1996 und 2002 haben Petra Wittmar und Ulrich Deimel die Baudenkmäler der Zwischenkriegszeit in Nordrhein-Westfalen fotografisch dokumentiert. Vertreten sind nicht nur die Architektur bedeutender Baumeister wie Dominikus Böhm, Fritz Schupp, Peter Behrens und Bruno Paul, sondern auch unbekannte und sehenswerte Bauwerke aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Die Wahl der Perspektive legt den gestalterischen Schwerpunkt nicht in die bloße Dokumentation von Gebäuden, sondern in deren Eigenleben.

Über die Dörfer Dieses Projekt, an dem Petra Wittmar und Ulrich Deimel, beide im selben Ort aufgewachsen, gemeinsam gearbeitet haben, ist Résumé und Quintessenz ihrer langen lebensgeschichtlichen und künstlerischen Beschäftigung mit ihrer ländlichen Herkunftsregion und ein erneuter Versuch, den deutschen Heimatbegriff mit der Darstellung einer konkreten und widersprüchlichen Erfahrung von Heimat zu konterkarieren und anschaulich zu differenzieren. Das Projekt wird damit zum Abschluss eines siebenteiligen Zyklus, der mit Medebach (1979–1983) beginnt und von dort aus in die unmittelbare Gegenwart führt.

Auszeichnungen/Stipendien (Auswahl) 2001: Projektförderung des Ministeriums für Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung und Verkehr NRW 2002: Peter Keetman-Preis der Volkswagen Art Foundation 2003: Arbeitsstipendium der Kunststiftung NRW 2007: Arbeitsstipendium der VG Bild-Kunst 2007: Arbeitsstipendium der Kunststiftung NRW 2014: Projektstipendium der VG Bild-Kunst 2015: Arbeitsstipendium der Kunststiftung NRW 2017: Arbeitsstipendium des Kulturministeriums NRW 2018: Projektstipendium der Emschergenossenschaft 2021: City Artists Preis des Kultursekretariats Nordrhein-Westfalen 2024: Arbeitsstipendium der Kunststiftung NRW 2025: Projektförderung der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung

Ausstellungen (Auswahl) Einzelausstellungen 1996: 6th International Architecture Exhibition, Biennale di Venezia, Venedig 1998: In Kalkar und anderswo, Städtisches Museum, Kalkar 2001: Fotografien zur Baukunst der zwanziger Jahre an Rhein und Ruhr, Colory-Gallery, Essen 2004: Jene zwanziger Jahre, Heidelberger Kunstverein, Heidelberg 2004: Zwanziger Jahre an Rhein und Ruhr, Museum für Angewandte Kunst, Köln 2005: Jene zwanziger Jahre, Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen 2005: Zwanziger Jahre an Rhein und Ruhr, Landschaftsverband Rheinland, Abtei Brauweiler 2007: Medebach. Photographien 1979–1983, Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln 2010: Deimel + Wittmar, Galerie Ricarda Fox, Mülheim 2012: Medebach 2009 – 2011, Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln 2013: Medebach. Photographs 1979-1983. Linea di Confine per la Fotografia Contemporana, Reggio Emilia 2013: Medebach 2009 – 2011, Städtische Galerie Lüdenscheid

Gruppenausstellungen 1983: Sechs Bildberichte. Amerikahaus, Essen 2000: Schwarzweiss und Farbe. Das Ruhrgebiet in der Fotografie. Zeche Zollverein, Essen 2001: Diener und Diener. Seit Pasquart. Bauten und Projekte. Centre d’art, Biel 2002: Rhine-Ruhr Architecture, The Royal Danish Academy of Fine Arts. School of Architecture, Kopenhagen 2002: Ansichtssachen. Bilder von Essen, Ruhrlandmuseum, Essen 2003: Industriefotografie/Industrial Photography. Peter Keetman Preis 200, Museum der Arbeit, Hamburg