mini|Areal der Freien Schulgemeinde in Wickersdorf, 1907 Die Freie Schulgemeinde in Wickersdorf bei Saalfeld am östlichen Rand des Thüringer Waldes, auch F.S.G. bzw. FSG, war ein Landerziehungsheim und bedeutendes reformpädagogisches Schulprojekt in Deutschland. Sie wurde am 1. September 1906 von einer siebenköpfigen Gruppe „pädagogischer Rebellen“ um Rudolf Aeschlimann, Paul Geheeb, August Halm, Martin Luserke und Gustav Wyneken gegründet.Alfred Knopf: Die Schulgemeinde. In: ders.: Wickersdorf einst und jetzt. Neuenhahn, Jena 1938. Die Internatsschule bestand bis 1991.

Ausgehend und inspiriert von der Freien Schulgemeinde kam es durch Sezessionen von Lehrkräften zu weiteren Gründungen von Landerziehungsheimen.

Bewegungsspiele auf der Schulbühne flossen später in das Unterrichtsfach Darstellendes Spiel ein.Alexander Priebe: Vom Schulturnen zum Schulsport – Die Reform der körperlichen Ausbildung in den Deutschen Landerziehungsheimen und der Freien Schulgemeinde Wickersdorf von 1898 bis 1933. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2007, ISBN 978-3-7815-1561-1, S. 124.

Das Konzept der Freien Schulgemeinde wurde aber auch kontrovers diskutiert. Mitbegründer Wyneken war dabei häufig die Reizfigur.Peter Dudek: „Alles braver Durchschnitt“? Impressionen zur Schülerschaft der FSG Wickersdorf 1906–1945. In: JHB 23. Jahrbuch für Historische Bildungsforschung 2017. Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2018, ISBN 978-3-7815-2237-4, S. 234–279 (Zitatstelle: S. 234).

Schulische Entwicklung 1906 bis 1918 mini|hochkant|Die von Schülern und Lehrern der Freien Schulgemeinde getragenen weißen Mützen, hier vor dem Eingang zum Speise-, Musik- und Theatersaal, wurden scherzhaft auch als „Bäckermützen“ bezeichnet (1911). Die Schulgründer hatten 1906 das Deutsche Landerziehungsheim (D.L.E.H.) von Hermann Lietz im thüringischen Haubinda nach Konflikten verlassen, um auf der brach liegenden Domäne Wickersdorf ein eigenes reformpädagogisches Schulprojekt zu gründen. Walter Benjamin zufolge bildeten einzig Martin Luserke und Gustav Wyneken eine oppositionelle Bewegung gegen den am D.L.E.H. Haubinda alltäglichen militärischen Drill der Zöglinge.Florian Telsnig: Das Aufbegehren der Jugend gegen die Kriegsbegeisterung ihrer Lehrer: Benjamin – Wyneken, Scholem – Buber, Kraft – Borchardt. In: Yearbook for European Jewish Literature Studies. Walter de Gruyter, Berlin 2014, .

Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen betrachtete Wyneken, der immer wieder als Gründer der Freien Schulgemeinde in Wickersdorf oder als Reformpädagoge/Pädagoge bezeichnet wurde,Winfried Mogge: Rezension zu Kritik der Kindheit von Gustav Wyneken. In: Zeitschrift für Sozialpädagogik (ZfSp), H. 2/2016, S. 215–222. die F.S.G. nie als Landerziehungsheim und rechnete sie auch nicht der reformpädagogischen Bewegung zu. Stattdessen erhob er einen Alleinstellungsanspruch.Peter Dudek: „Sie sind und bleiben eben der alte abstrakte Ideologe!“ Der Reformpädagoge Gustav Wyneken (1875–1864). Eine Biographie. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2017, ISBN 978-3-7815-2176-6, S. 104. Bis 1910 gab er als Mitbegründer und Co-Schulleiter neben Paul Geheeb Ziele vor; danach war er sowohl innerhalb der FSG als auch gegenüber den staatlichen Schulbehörden diskreditiert.Alexander Priebe: Vom Schulturnen zum Schulsport. Die Reform der körperlichen Ausbildung in den Deutschen Landerziehungsheimen und der Freien Schulgemeinde Wickersdorf von 1898 bis 1933. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2007, ISBN 978-3-7815-1561-1, S. 114.

Die Freie Schulgemeinde sollte sich von den Lietz’schen Landerziehungsheimen abgrenzen und der Idee der Erziehung als Formung des Menschen im Sinne einer Weltanschauung dienen. Es ging dabei um eine Neubestimmung des Verhältnisses zwischen Lehrer und Schüler, das Wyneken zufolge auf Kameradschaft und Führertum basieren sollte,Ulrich Panter: Gustav Wyneken – Leben und Werk. Beltz, Weinheim 1960, S. 30.Heinrich Kupffer: Gustav Wyneken. Ernst Klett, Stuttgart 1970, S. 170. auf einer Beziehung zwischen Meister und Jünger,Peter Dudek: „Versuchsacker für eine neue Jugend“. Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf 1906–1945. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-7815-1681-6, S. 79. die er als erotisches Freundschaftsverhältnis beschrieb.Peter Dudek: „Versuchsacker für eine neue Jugend“. Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf 1906–1945. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-7815-1681-6, S. 87. „Nicht das ewige, langweilige und selbstverständliche ‚Werde der du bist‘“ sollte die Losung der Freien Schulgemeinde sein, sondern in ihr sollte das wahre Potenzial der Jugend, „reine Empfänglichkeit für Größe, Schönheit und Adel, ihr Bedürfnis, zu verehren und treu zu sein, ihr Wille zum Letzten und Unbedingten“ geweckt werden.Carola Groppe: Stefan George, der George-Kreis und die Reformpädagogik zwischen Jahrhundertwende und Weimarer Republik. In: Bernhard Böschenstein, Wolfgang Graf Vitzthum, Bertram Schefold, Jürgen Egyptien (Hrsg.): Wissenschaftler im George-Kreis. Die Welt des Dichters und der Beruf der Wissenschaft. Walter de Gruyter, Berlin 2005, ISBN 978-3-11-018304-7, S. 311–328 (Zitatstelle S. 320).

Die Domäne Wickersdorf wurde sukzessive erworben; zunächst beschränkte man sich auf das Alte Herrenhaus, die Pächterwohnung und die Scheune, die man allmählich zu Wohnungen für das Personal, zu Wirtschaftsräumen, zu einem Speisesaal und zu Schlaf- und Unterrichtsräumen für die Schüler umbaute. In der Anfangszeit wurde zudem jedes verfügbare freie Zimmer im Dorf akquiriert.

Der Schulunterricht der Freien Schulgemeinde begann 1906 mit zunächst 13 Knaben, die den Lehrer-Dissidenten von Lietz’schen Landerziehungsheimen gefolgt waren, einer Lehrerin und sieben Lehrern. Unter diesen Schülern befanden sich Jaap Kool und Heinz von Zobeltitz.Peter Dudek: „Versuchsacker für eine neue Jugend“. Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf 1906–1945. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-7815-1681-6, S. 330.Peter Dudek: „Sie sind und bleiben eben der alte abstrakte Ideologe!“ Der Reformpädagoge Gustav Wyneken (1875–1864). Eine Biographie. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2017, ISBN 978-3-7815-2176-6, S. 115.

1907 verzeichnete die F.S.G. 64 Schüler, 9 Mädchen und 55 Knaben.Peter Dudek: „Sie sind und bleiben eben der alte abstrakte Ideologe!“ Der Reformpädagoge Gustav Wyneken (1875–1864). Eine Biographie. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2017, ISBN 978-3-7815-2176-6, S. 115.

Die Schulstrukturen waren maßgeblich von Kameradschaften geprägt, Gruppen, die aus etwa sechs bis zehn Schülern unterschiedlichen Alters und einem Lehrer bestanden,Hans Peter Elsaesser: Erinnerungen an die Freie Schulgemeinde Wickersdorf in den Jahren 1925/26. In: Dieter Matzukat, Peter Hahn (Hrsg.): Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf. Erinnerungen, Gedanken, Aktivitäten aus verschiedenen Jahren, Band 2, S. 18–20. der als primus inter pares und Kameradschaftsführer agierte.Peter Dudek: „Vorweggelebtes Leben“ – Die Erinnerungen des kommunistischen Reichstagsabgeordneten Ernst Putz an seine Wickersdorfer Schulzeit. In: Gudrun Fiedler, Susanne Rappe-Weber, Detlef Siegfried (Hrsg.): Sammeln – erschließen – vernetzen: Jugendkultur und soziale Bewegungen im Archiv. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, ISBN 978-3-8470-0340-3, S. 161ff. (Zitatstelle: S. 180). Die Wahl der Zugehörigkeit zu einer dieser Kameradschaften war jedem Schüler freigestellt. Ein Wechsel von Schülern zu anderen Kameradschaften war sehr selten und wurde fast als Verrat angesehen.Rudolf J. Jaray: Erinnerung an das Landschulheim der Freien Schulgemeinde Wickersdorf. In: Dieter Matzukat, Peter Hahn (Hrsg.): Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf. Erinnerungen, Gedanken, Aktivitäten aus verschiedenen Jahren, Band 2, S. 13–17. Sämtliche Schüler bildeten zusammen mit ihren Lehrern und Eltern die „Schulgemeinde“, das hierarchisch höchste Gremium, dessen Einberufung vom Schulleiter oder von mindestens einem Drittel der Stimmberechtigten gefordert werden konnte. Charakteristische Merkmale der Freien Schulgemeinde waren die von den Schülern ausgeübte Mitverantwortung und MitverwaltungBruno Hamann: Geschichte des Schulwesens – Werden und Wandel der Schule im ideen- und sozialgeschichtlichen Zusammenhang. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 1993, ISBN 978-3-7815-0748-7, S. 198. – Grundsätze, die auch von nachfolgenden reformpädagogischen Schulgründungen aufgegriffen wurden.

Vom D.L.E.H. in Haubinda zog die 1906 dort gegründete Kameradschaft der „Bären“ zur Freien Schulgemeinde. Nach dem Selbstverständnis der Kameradschaften waren die Schüler „Bärenjunge“, ihr Kameradschaftsführer Martin Luserke der „Bär“. Außer den „Bären“ gab es neben weiteren die Kameradschaften der „Eulen“, „Gemsen“, „Lehmänner“ (nach ihrem Führer Wilhelm Lehmann), „Pinguine“ und „Wölfe“.Karl Körner: Martin Luserke. In: Meldorfer Hausfreund – Amtliche Zeitung für die Bekanntmachungen der Behörden der Stadt Meldorf und des Meldorfer Wirtschaftsraumes, 7. Jg., Nr. 35, 3. Mai 1955, S. 1.

mini|hochkant|1907 bei Martin Luserkes Bewegungsspiel – der Schüler Hermann Thimig (rechts, als Karl der Große) blieb zeitlebens damit befasst Der Begriff der „Schulgemeinde“ grenzte sich bewusst von der staatlichen Schule, aber auch von dem damals gängigen Begriff „Landerziehungsheim“ bzw. „Landschulheim“ ab. Die „Schulgemeinde“ war für Wyneken, der Theologie studiert hatte, keine rationale Institution, sondern eine romantische Gemeinschaft. Die Jugend sollte diesen kryptoreligiösen Vorstellungen Wynekens zufolge das Instrument einer künftigen Gemeinschaft sein.Andreas Hoffmann: Schule und Akkulturation. Waxmann, Münster 1999, ISBN 978-3-8309-5902-1, S. 110.

Wyneken schwebte die Freie Schulgemeinde ursprünglich als ein „Orden edler Knaben und Jünglinge“ vor.Gustav Wyneken: Wickersdorf. Adolf Saal, Lauenburg/Elbe 1922, S. 56, Sein Konzept eines „pädagogischen Eros“ vertrat er nicht nur theoretisch,Gustav Wyneken: Eros. Adolf Saal, Lauenburg/Elbe 1921, sondern auch praktisch. Wyneken führte dazu aus: „Der Mann sieht den Knaben, so schön und adelig, wie seine Liebe ihn sich träumt. Diesem Eros des Mannes kommt aber eine Sehnsucht des Knaben entgegen.“ Es gehe um „die wunderbare Vertiefung des Gefühlslebens und der Empfänglichkeit“. Die zentrale Aufgabe der Kameradschaft sei es, als zentraler Ort des „pädagogischen Eros“ zu fungieren.Christian Füller: Sündenfall – Wie die Reformschule ihre Ideale missbrauchte. Dumont, Köln 2010, ISBN 978-3-8321-9634-9, S. 132, 133. In seiner umfangreichen und über Jahre andauernden Korrespondenz mit Schülern bot er denjenigen, zu denen er sich hingezogen fühlte, „den auserwählten Status intimer Zweisamkeit“ an,Peter Dudek: „Versuchsacker für eine neue Jugend“. Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf 1906–1945. Verlag Julius Klinkhardt, Bad Heilbrunn 2009, ISBN 978-3-7815-1681-6, S. 89. womit er die Grenzen der Rolle eines Lehrers bewusst überschritt.