mini|Baghdadi im Februar 1958

Abd al-Latif al-Baghdadi (; * 20. September 1917 in al-Mansūra, Sultanat Ägypten; † 9. September 1999 in Kairo, Ägypten) war ein ägyptischer Politiker, hoher Luftwaffenoffizier und Richter. Baghdadi gehörte zunächst der Bewegung der Freien Offiziere an, die in der Revolution von 1952 die Monarchie in Ägypten stürzte. Später war er Vizepräsident von Gamal Abdel Nasser. Der französische Schriftsteller Jean Lacouture bezeichnete Baghdadi als „robusten Manager“, dem lediglich „eine mit Nassers vergleichbare Statur“ fehlte. Aufgrund von Nassers zunehmend sozialistischer und pro-UdSSR-Politik kam es zu Differenzen zwischen den beiden Führern. Dennoch gelang es Baghdadi, die Beziehungen zu Nasser vor dessen Tod im Jahre 1970 wieder zu verbessern. 1964 zog sich Baghdadi aus dem politischen Leben zurück.

Frühes Leben Baghdadi wurde am 20. September 1917 in al-Mansūra geboren. Er absolvierte 1938 die ägyptische Militärakademie und später die Luftwaffenakademie. Er stieg bis zum Range eines Flügelkommandanten der ägyptischen Luftwaffe auf und wurde von der ägyptischen Regierung unter Premierminister Mustafa an-Nahhas Pascha zu Beginn des arabisch-israelischen Krieges von 1948, noch vor der Ankunft der ägyptischen Armee, an der Seite der Arabischen Befreiungsarmee (ALA) in den Kampf geschickt.

Freie Offiziere und Revolution mini|Die Freien Offiziere in Kairo, 1952. Baghdadi ist links neben Nasser zu sehen.

Später wurde Baghdadi einer der zehn Gründungsmitglieder der Bewegung der Freien Offiziere. Während der Revolution von 1952, die von den Freien Offizieren geleitet wurde, kommandierte Baghdadi Düsenjägereinheiten, die Kairo umkreisten, um eine mögliche ausländische Einmischung in den Putsch gegen König Faruq zu verhindern. Nach der Machtergreifung der Freien Offiziere ernannte der Hauptverantwortliche des Staatsstreichs und neue ägyptische Premierminister, Gamal Abdel Nasser, Baghdadi zum Vorsitzenden eines Sondergerichts. Dieses Gericht wurde gegründet, um Mitglieder der Monarchie zu verurteilen, darunter der ehemalige General Husain Sirrī ʿĀmir und der Führer der Wafd-Partei, Muhammad Fu'⁠ād Sirādsch ad-Dīn, die zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Die meisten Strafen wurden jedoch später umgewandelt.

Baghdadi schloss sich auch dem Ägyptischen Revolutionären Kommandorat (RKR) an. Im Jahr 1953 wurde er zum Generalinspekteur der ersten politischen Organisation der Revolution, der Befreiungsversammlung, ernannt. Um Muhammad Nagib, den von den Freien Offizieren eingesetzten Präsidenten Ägyptens, abzusetzen und durch Nasser zu ersetzen, ernannte Nasser Baghdadi vorübergehend zum Verteidigungsminister, nachdem er den bisherigen Nadschīb-freundlichen Offizier abgelöst hatte. Diese Position hatte Baghdadi von 1953 bis 1954 inne. Als Nadschīb Ende 1954 seines Amtes enthoben und verhaftet wurde, war Nasser immer noch Premierminister und versetzte Baghdādī in das Amt des Ministers für kommunale Angelegenheiten. In dieser Funktion war er für den Bau der Nilküstenstraße in Kairo sowie vieler anderer neuer Straßen in ganz Ägypten verantwortlich. Aus diesem Grund wurde Baghdadi von seinen Rivalen manchmal sarkastisch als Abd ar-Rasīf al-Baghdādī bezeichnet, wobei Rasīf auf Arabisch „Bürgersteig“ bedeutet.

Rolle in der Suezkrise Nachdem die israelischen Streitkräfte 1956 mit Unterstützung britischer und französischer Kampfflugzeuge die ägyptischen Streitkräfte von der Sinai-Halbinsel und dem zuvor von Nasser verstaatlichten Suezkanal vertrieben hatten, geriet der ägyptische Kommandeur Abd al-Hakim Amer in Panik und schlug vor, sich zu ergeben. Nasser jedoch weigerte sich und beauftragte stattdessen Baghdādī damit, den ägyptischen Widerstand entlang des Kanals zu organisieren. Nach dem Suezkrieg ernannte man Baghdādī zum Generalverwalter für den Wiederaufbau des Kanalgebiets, und er leistete laut dem Autor Saʿīd Abū ar-Rīsch "bewundernswerte Arbeit". Zusätzlich wurde er zum Kommunikationsminister ernannt und gehörte zusammen mit Zakaria Mohieddin und Amer einem Ausschuss an, der die Kandidaten für die neu eingerichtete 350-köpfige Nationalversammlung prüfte. Schließlich wurde Baghdadi zum Sprecher der ersten Nationalversammlung gewählt.

Rücktritt und Nachspiel mini|Baghdadi (Dritter von links) mit Präsident Gamal Abdel Nasser (Zweiter von links) und den Gründern der Baath-Partei Michel Aflaq (Erster von links) und Salah ad-Din al-Bitar (Vierter von links) in Syrien, 1963

Am 24. Februar 1958 begleitete Baghdadi Nasser auf seiner Reise nach Damaskus, nachdem Syrien und Ägypten zur Vereinigten Arabischen Republik (VAR) vereinigt worden waren. In der neuen Republik wurde er zum Vizepräsidenten der Provinz Ägypten ernannt, während er gemeinsam mit ʿĀmir diese Position innehatte. In den frühen 1960er Jahren übernahm Boghdadi zusätzlich die Ämter des Planungsministers und des Finanzministers. Kurz nach dem Zusammenbruch der VAR im Jahr 1962 führte Nasser ein wirtschaftliches System nach dem Vorbild der UdSSR ein, das Baghdādī ablehnte. Er war strikt gegen die umfassenden sozialistischen Maßnahmen und das neue System insgesamt. Baghdadi kündigte seinen Rücktritt an und begründete dies damit, dass Nassers Verhalten eine Orientierungslosigkeit zeige. Darüber hinaus zog er engere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten statt zur UdSSR vor. Im Jahr 1963 warnte Baghdadi Nasser davor, dass Amer, dessen Beziehung zu Nasser besonders eng war, aber zu dieser Zeit erodierte, ihre Telefone abhörte. Er warf Nasser vor, dies zugelassen zu haben.

Am 16. Mai 1964 reichte Baghdadi erneut seinen Rücktritt ein, da er mit Nassers Entscheidung, ägyptische Truppen zur Unterstützung von Nassers Partisanen im Bürgerkrieg nach Nordjemen zu entsenden, nicht einverstanden war. Er verglich diesen Krieg mit „Nassers Vietnam“. Baghdadi plädierte auch für eine vorsichtigere Politik des „Ägypten zuerst“. Als Reaktion auf seinen Rücktritt setzte Nasser Baghdadis Bruder Saad unter Hausarrest und verhinderte, dass sein Schwager nach Großbritannien reiste, um seinen Doktortitel abzuschließen. Nasser behauptete zudem, dass Baghdadi in illegale Aktivitäten der Muslimbruderschaft verwickelt sei.

Späteres Leben und Tod In der Folge zog sich Baghdadi aus dem politischen Leben zurück, obwohl das Zerwürfnis zwischen ihm und Nasser noch vor 1970 beigelegt werden konnte. In seinen Memoiren gibt Baghdadi an, dass Nasser geplant hatte, ihn unmittelbar vor seinem Tod im September 1970 zum Vizepräsidenten zu ernennen, um die Machtübernahme durch den damaligen Vizepräsidenten Anwar as-Sadat zu verhindern. Laut Aussagen enger Vertrauter Nassers forderte dieser Baghdadi auf, wieder in die Regierung einzutreten und sein Stellvertreter zu werden, da er Sadat als Belastung ansah. Da Baghdadi zuvor aufgrund der engen Beziehungen zur UdSSR zurückgetreten war, erkundigte er sich bei Nasser nach der Art des neuen informellen ägyptisch-sowjetischen Bündnisses, das nach der entscheidenden Niederlage Ägyptens im Sechstagekrieg mit Israel 1967 zustande kam. Beide waren sich einig, dass Baghdadi allein die UdSSR besuchen sollte, um sicherzustellen, dass es keine unterschiedlichen Auffassungen darüber gab, was die neuen Beziehungen zwischen den beiden Ländern bedeuteten.

1972, während der Präsidentschaft von Sadat, verfassten Baghdadi und neun weitere prominente ehemalige Mitglieder der ägyptischen Regierung eine Mitteilung an Sadat. In dieser kritisierten sie seine Regierung aufgrund ihrer „übermäßigen Abhängigkeit von der Sowjetunion“. Des Weiteren lehnte Baghdadi 1978 Sadats Friedensvertrag mit Israel ab, ebenso wie alle anderen noch lebenden ehemaligen RKR-Mitglieder.

Am 8. September 1999 wurde Baghdadi aufgrund von Komplikationen aufgrund von Leberkrebs ins Krankenhaus eingeliefert. Am folgenden Tag wurde er im Alter von 81 Jahren für tot erklärt. Am 10. September fand in einem Vorort von Kairo ein Staatsbegräbnis für Baghdadi statt. An den Feierlichkeiten nahmen der damalige ägyptische Präsident Husni Mubarak und andere hochrangige Regierungsvertreter teil. Mubarak gab eine Erklärung ab, in der er sagte, dass Baghdadi „seinem Land mit Hingabe gedient“ habe.

Einzelnachweise

Kategorie:Militärperson (ägyptische Luftstreitkräfte) Kategorie:Vizepräsident (Ägypten) Kategorie:Verteidigungsminister (Ägypten) Kategorie:Finanzminister (Ägypten) Kategorie:Minister (Ägypten) Kategorie:Kommunikationsminister (Ägypten) Kategorie:Planungsminister (Ägypten) Kategorie:Person im Palästinakrieg Kategorie:Ägypter Kategorie:Geboren 1917 Kategorie:Gestorben 1999 Kategorie:Mann