Bei der Operation Silver Wake handelte es sich um eine von den Vereinigten Staaten geführte „Nichtkombattanten-Evakuierungsoperation“ (non-combatant evacuation operation, NEO) in Tirana, der Hauptstadt Albaniens während der bürgerkriegsähnlichen Unruhen ("Lotterieaufstand") im März 1997. Im Rahmen der Operation wurden vornehmlich amerikanische Staatsbürger, aber auch Zivilpersonen anderer Staaten evakuiert.
Lage vor der Evakuierung Die Unruhen in Albanien begannen Anfang 1997, als die teils von der Regierung geförderten Pyramiden- respektive Schneeballsysteme zur scheinbar sicheren Geldanlage zusammenbrachen und jeder vierte Albaner in den finanziellen Ruin getrieben wurde.Daniel Vaughan–Whitehead: Albania in Crisis-The Predictable Fall of the Shining Star, Edward Elgar Publishing 1999, ISBN 1-84064-070-7 Die Albaner gingen auf die Straße, forderten ihr Geld zurück und forderten den Rücktritt der Regierung, da diese sich nicht klar gegen die unseriösen Pyramidensysteme gestellt oder sie sogar gefördert hatte. Als die Rückzahlungen ausblieben, eskalierten die Unruhen. Es wurden Geschäfte geplündert und offen gegen die Staatsgewalt revoltiert. Besonders im Süden des Landes und in der Hauptstadt Tirana spitzte sich der Aufstand zu. Landesweit wurden auch Waffenlager des Militärs und der Polizei geplündert. Sehr große Teile der Bevölkerung waren plötzlich bewaffnet und nutzen dies nicht nur zum politischen Protest, sondern auch zur persönlichen Bereicherung. Die staatliche Autorität brach zunehmend zusammen, Teile des Militärs und der Polizei desertierten.
Später schätzte man, dass im Laufe der ersten Monate des Jahres mehr als fünf Millionen Waffen und große Mengen Munition aus staatlichen Waffenlagern geplündert wurden. Darunter befanden sich nicht nur Sturmgewehre, Panzerabwehrwaffen und MANPADS (z. B. 9K32 Strela-2, oder: SA-7 „Grail“), sondern auch größere Waffensysteme wie T-54 Panzer, die teils mit Zivilisten besetzt durch die Straßen der Städte „spazierenfuhren“. In den Städten kam es zu permanenten Schießereien, bei denen mit AK-47 bewaffnete Männer, Frauen und sogar kleine Kinder wahllos in die Luft schossen.
Die Regierungen vieler westlicher Staaten waren zunehmend besorgt um die Sicherheit ihres Botschaftspersonals und ihrer in Albanien befindlichen Staatsbürger.
Die Ausgangslage bei dem amerikanischen Streitkräften Die zu dieser Zeit ausschließlich für das Mittelmeer zuständige 6. US-Flotte war für ihre unterschiedlichen Aufgabenstellungen in verschiedene Task Forces gegliedert. Eine dieser Task Forces umfasste eine sogenannte „Amphibious Ready Group“ (ARG) und eine „Marine Expeditionary Unit“ (MEU). In diesem Verband waren sowohl Kriegsschiffe, Kampfflugzeuge, Hubschrauber als auch Bodentruppen kombiniert. Der Verband ist in der Lage, für eine längere Zeitspanne selbstständig zu operieren, und kann sowohl Angriffs-, Unterstützungs- als auch z. B. Evakuierungsmissionen durchführen. Er hat eine Mannschaftsstärke von insgesamt etwa 5000 Seeleuten und US-Marines.
Die ARG/MEU der 6. US-Flotte bestand zu dieser Zeit aus den folgenden Schiffseinheiten der US-Navy: Nassau (LHA-4) Nashville (LPD-13) Pensacola (LSD-38) Ramage (DDG-61) Auf den Schiffen waren etwa 30 Transport- und Kampfhubschrauber, vorwiegend die Typen AH-1W Super Cobra, CH-46E Sea Knight, CH-53E Super Stallion sowie sechs Kampfflugzeuge vom Typ AV-8B Harrier II (Senkrechtstarter) stationiert.
Der Kommandeur der ARG, Captain Kenneth Golden, operierte von Bord der USS Nassau und trug die Bezeichnung COMPHIBRON (Commander Amphibious Squadron). Er fungierte in dieser Rolle als Kommodore für alle Schiffe der ARG.
Der wesentliche Bestandteil des Verbandes war die 26. Marine Expeditionary Unit. Sie umfasste die Bodentruppen, die während einer Mission an Land gingen. Dieser Verband war zudem in der Lage „Spezialoperationen“ durchzuführen und trug daher den Namenszusatz „Special Operations Capable“ (SOC). Die 26. MEU(SOC) war Teil der übergeordneten II. Marine Expeditionary Force der US-Marines und setzte sich aus einem Kommandoelement, einem Bodenkampfelement, einem Luftkampfelement und einem Logistikkampfelement zusammen. Die Personalstärke betrug etwa 2400 Marines.
Der Kommandeur der 26. MEU(SOC) war Oberst Emerson Gardner.
Nichtkombattanten-Evakuierung (NEO) mini|Ein Militärpolizist der US-Marines der 26. MEU(SOC) begleitet Zivilisten, 14. März 1997 Seit dem Ende des Kalten Krieges sind „militärische Operationen außerhalb von Kriegseinsätzen“ (Military Operations Other Than War, MOOTW) zu einem festen Bestandteil der Operationen des US Marine Corps geworden. Die häufigste dieser Operationen ist die „Nichtkombattanten-Evakuierung“ (non-combatant evacuation operation, NEO). Beginnend mit der Operation Frequent Wind in der Schlussphase des Vietnamkrieges Ende April 1975, hatten die USA bis zu diesem Zeitpunkt neun Missionen dieser Art durchgeführt. In diesen Missionen wurde vorwiegend Botschaftspersonal und andere US-Staatsbürger, die z. B. durch Anarchie, Bürgerkrieg oder Naturkatastrophen bedroht waren, meist auf vor der Küste operierende US-Kriegsschiffe evakuiert. Diese Missionen fanden ausschließlich in Afrika, dem Nahen Osten oder Südostasien statt.
Die Operation Silver Wake sollte die erste NEO des US Marine Corps in Europa werden.
Vorbereitungen Das amerikanische Außenministerium schätzte Anfang März 1997, dass sich zu diesem Zeitpunkt etwa 2000 US-Amerikaner in Albanien aufhielten, davon etwa 60 % in Tirana und der unmittelbaren Umgebung. Viele von ihnen gehörten zum US-Friedenscorps. Einige dieser Personen hatten bereits begonnen, selbstständig das Land zu verlassen. So erreichte Anfang März eine Gruppe von 20 US-Bürgern Mazedonien auf dem Landweg.
Die 6. US-Flotte beobachtete die Situation aufmerksam. Oberst Gardner, der Kommandeur der 26. MEU(SOC), hielt sich nach eigenen Angaben . Während sich die Lage in Albanien zusehends verschlechterte, sollte die ARG/26.MEU(SOC) planmäßig einen Hafen in Malta anlaufen. Oberst Gardner drängte bei seinem Vorgesetzten Vizeadmiral Charles S. Abbot darauf, den Kurs eines Schiffes, der USS Nashville, aber nach Korfu in Griechenland zu ändern. Dort wären dann Teile der MEU viel näher an albanischen Gewässern und könnten schneller auf jede Eventualität reagieren. Dieser Empfehlung folgte sein Vorgesetzter, und die ARG teilte sich auf. Während die USS Nassau und die USS Ramage planmäßig zu ihrem Besuch nach Malta fuhren, verlegte die USS Nashville vor die griechische Insel Korfu. Zuvor befahl Oberst Gardner dem „Forward Command Element“ (FCE) unter dem Kommando des MEU Executive Officers Oberstleutnant Daniel F. Tarpey, vier Transporthelikopter vom Typ CH-46E Sea Knight und zwei Kampfhubschrauber vom Typ AH-1W SuperCobra (Spitzname: Whiskey Cobra) von der USS Nassau auf die USS Nashville zu verlegen. Von dort aus waren die Marines der an Bord befindlichen Infanteriekompanie in der Lage, bei Bedarf schnell die US-Botschaft in Tirana zu erreichen.
Oberst Gardner leitete sein Einsatzkonzept an die 6. US-Flotte und das Europäische Kommando der Vereinigten Staaten (EUCOM) weiter und meldete in der sich zuspitzenden Situation die Einsatzbereitschaft der 26. MEU(SOC). Diese Vorsichtsmaßnahmen sollten sich bereits in den nächsten Tagen als vorteilhaft erweisen.
Befehlshaber und Dauer der Operation Die ARG und die 26. Marine Expeditionary Unit (SOC) erhielten den Befehl zur Durchführung der Operation Silver Wake am 13. März vom Befehlshaber der 6. US-Flotte und der Joint Task Force, Vizeadmiral Abbot. Geleitet wurde die Operation gemeinsam von Kapitän Kenneth Golden, Kommandeur der ARG, und von Oberst Emerson Gardner, dem Kommandeur der 26. MEU(SOC), wobei Oberst Emerson den Befehl über die Luft- und Landstreitkräfte hatte. Der oberste Dienstherr der Operation war Generalleutnant Peter Pace, zu dieser Zeit Direktor für Operationen (J-3) im Joint Staff der US-Streitkräfte.
Die Operation erstreckte sich in ihrem Kern vom 13. März bis 26. März 1997. Nach diesem Datum wurden keine Zivilisten mehr ausgeflogen.
Ablauf der Operation mini|US-Marines eines Bataillon Landing Teams gehen an Bord eines CH-53E Super Stallion Hubschraubers (exemplarische Aufnahme von 2007)
13. März, Auftakt Am 13. März bat Marisa Lino, die US-Botschafterin in Tirana, ihre Vorgesetzten im US-Außenministerium um die Evakuierung amerikanischer Bürger und um zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen für die US-Botschaft. Nur die USS Nashville und ihre an Bord befindliche Kompanie US-Marines lag vor Korfu und war damit nah genug an Tirana, um schnell auf diese Bitte zu reagieren. Oberst Gardner gab den Befehl, alle nötigen Schritte einzuleiten und unverzüglich ein Vorauskommando zur Botschaft zu entsenden. Diese Vorhut sollte sich ein Bild von der Lage machen.
Gegen 18:30 Uhr MEZ starteten die Hubschrauber von der USS Nashville mit dem sechsköpfigen „Forward Command Element“ (FCE), vier Männern der 26. MEU Unterstützungs- und Servicegruppe (MSSG), die das „Evacuation Control Center“ (ECC) bildeten, sowie einem 40-Mann Zug der C-Kompanie des 1. Bataillons, 8. Marine Regiment zur Absicherung der Aktion. Die Marines unter dem Kommando von Oberstleutnant Daniel F. Tarpey waren darüber informiert worden, dass die Lage relativ ruhig sein sollte. Als sie sich der Landezone näherten, waren sie allerdings angesichts der großen Menge an Leuchtspurmunition, die den Nachthimmel erfüllte, sehr überrascht und beunruhigt. Die Marines landeten auf einer Wiese am Fuße einer großen Senke inmitten des zur Botschaft gehörigen Wohnkomplexes „Rilindja Ridge Housings“. Die Landezone lag etwa 1,5 km südöstlich der US-Botschaft. Sie trafen dort überraschenderweise auf 51 Angehörige der Botschaft, hauptsächlich Frauen und Kinder, die bereits auf eine sofortige Evakuierung warteten. Diese Lage überraschte Oberstleutnant Tarpey zwar, er entschied aber umgehend, die Personen an Bord der Hubschrauber zu nehmen und beförderte sie zur USS Nashville. Nach der Ankunft dort und einem kurzen Check ging es für die Evakuierten per Hubschrauber direkt weiter nach Brindisi in Italien, wo Mitarbeiter des amerikanischen Außenministeriums sich ihrer annahmen.
Die Marines machten sich derweil an die Sicherung der Landezone und des Wohnkomplexes. Das FCE wurde in dem leerstehenden Haus eines Botschaftsangestellten eingerichtet, während sich das ECC auf einem Parkplatz in der Nähe des Haupttores des Wohnkomplexes einrichtete. Leutnant John K. Jarrard grub sich mit seinem Zug Marines um den Wohnkomplex herum ein und sorgte für die Sicherheit. Das Gelände des Wohnkomplexes war vollständig von einem knapp drei Meter hohen Metallzaun umgeben. Obwohl das nicht dringend benötigte Botschaftspersonal mit seinen Familienangehörigen zu diesen ersten Evakuierten zählte, blieben Botschafterin Marisa Lino und 17 weitere Diplomaten während der ganzen Operation in der US-Botschaft, um weitere Evakuierungen zu unterstützen und den Kontakt zur albanischen Regierung bei der Lösung des Konflikts nicht abreißen zu lassen.
Abgesehen von den 51 Angehörigen der Botschaft und ihren Familien wurden an diesem Tag keine weiteren Personen evakuiert, denn mit Einbruch der herannahenden Dunkelheit wurden alle Flüge eingestellt. Der Flugbetrieb in der Nacht war mit größeren Gefahren verbunden, da der Beschuss durch Kleinwaffen in der Dunkelheit spürbar zunahm. Die Albaner gingen abends, wie ein Marine es ausdrückte, auf die dunklen Straßen, . Der Zug Marines am Wohnkomplex hatte eine unruhige Nacht, da nur 18 Mann zur Sicherung für einen Bereich zur Verfügung standen, der regulär zwei komplette Züge erfordert hätte. In der Nacht schlugen immer wieder verirrte Kugeln in den Wohnkomplex ein.
Die drei weiteren Schiffe der Amphibious Ready Group, die sich in Malta befanden, erhielten bereits im Laufe des 13. März den Befehl, in die Gewässer vor Durrës zu verlegen. Sie machten sich mit Höchstgeschwindigkeit auf den Weg.