Die Alliierte Luftoffensive auf die deutsche Treibstoffindustrie war eine vom 12. Mai 1944 bis zum 9. April 1945 dauernde Serie amerikanisch-britischer Luftangriffe auf Hydrierwerke, Raffinerien, Benzolwerke, Schwelwerke, Tank und Öllager. Die Hydrierwerke deckten einen Teil des Treibstoffbedarfs der Wehrmacht und waren ab Mitte 1944 die einzige Quelle für Flugbenzin der Luftwaffe. Die Angriffe auf die Achillesferse der deutschen Kriegswirtschaft führten zum Zusammenbruch der deutschen Treibstoffwirtschaft, damit war das Ende des Krieges absehbar.Rainer Karlsch, Raymond G. Stokes: Faktor Öl. München 2003, S. 243.
Vorgeschichte Zwischen 1940 und 1943 flogen die RAF und die USAAF vereinzelte Angriffe auf deutsche Treibstoffziele, ohne schwerwiegende Schäden hervorzurufen, so in den Nächten zum 17. und 29. August 1940 auf Leuna.Wolfgang Birkenfeld: Der synthetische Treibstoff 1933 - 1945. Göttingen 1964, S. 177 ff. Ab 1942 erfolgten Luftangriffe auf die rumänische Ölindustrie.
In den ersten drei Monaten des Jahres 1944 hatte die deutsche Mineralölerzeugung und der Ölimport aus Rumänien ihren Höhepunkt erreicht. Die Produktion in den Hydrierwerken übertraf mit 1,26 Millionen Tonnen in dieser Zeit alle anderen Quellen.Dietrich Eichholtz: Deutsche Ölpolitik im Zeitalter der Weltkriege. Studien und Dokumente. Leipzig 2010, S. 528.
Die synthetische Produktion war in 23 Hydrier- und Synthesewerken konzentriert, in sechs davon wurde nach dem Wegfall der rumänischen Erdölfelder fast das gesamte Flugbenzin produziert.Alan S. Milward: Die deutsche Kriegswirtschaft 1939–1945. Walter de Gruyter, 2010, S. 106 f.Lebenssaft der Wehrmacht Der Spiegel vom 28. Juni 2010, abgerufen am 13. August 2024. Für die deutsche Seite waren daher Angriffe auf die Hydrierwerke ein , dessen Realisierung sie seit langem befürchtete und man wunderte sich, warum die Alliierten diesen Lebensnerv der deutschen Rüstung so lange in Ruhe gelassen hatten.Karlsch, Stokes: Faktor Öl. S. 234. Hans Kehrl war jedes Mal heilfroh, wenn er bei den abendlichen Anrufen, die ihn in Berlin erreichten, über die Ziele der alliierten Bomberformationen erfuhr, dass die Angriffe voraussichtlich Berlin, und nicht den Hydrierwerken galten.Hans Kehrl: Krisenmanager im Dritten Reich. Düsseldorf 1974, S. 367.
Angriffe
Der zum Jahreswechsel 1943/44 eingesetzte Chef von USSTAF, der United States Strategic Air Forces in Europe, Carl A. Spaatz, versprach sich von einer Kampagne gegen Ziele der Ölproduktion und -verarbeitung wichtige Vorteile im Kampf gegen die Achsenmächte, zuvorderst einen zeitigen Sieg über die auf hochwertigen Treibstoff angewiesene deutsche Luftwaffe und davon ausgehend die absolute Luftherrschaft über Europa und somit ein schnelles Kriegsende. Andere, meist britische Befehlshaber favorisierten in dieser Zeit den sogenannten Transportation Plan, der vorsah, die Verkehrswege und -knotenpunkte im deutschen Machtbereich zu zerstören und die deutsche Kriegswirtschaft auf diese Weise lahmzulegen. Dieser Konflikt bestimmte die Diskussionen zwischen den Alliierten über ihre strategischen Luftstreitkräfte in der ersten Jahreshälfte 1944. Spaatz hielt es für geboten, seine ersten Schritte auf dem Weg zu einer Ölkampagne verschleiert auszuführen, um sich nicht dem Vorwurf der Insubordination auszusetzen. Die Fifteenth Air Force flog ab April verdeckte Angriffe auf das rumänische Ploiești, das bedeutendste ausländische Zentrum der Erdölproduktion unter deutscher Kontrolle.
Die Offensive gegen Ölziele in Deutschland wurde mit einem Angriff von 935In der Combat Chronology 1941–1945 des Center for Air Force History, Washington, D.C. 1991 ist die Rede von 800 B-17 und B-24 an diesem Tag. US-Bombern der Eighth Air Force auf die Hydrierwerke in Leuna, Brabag-Werke in Zeitz und Böhlen, Lützkendorf und Brüx am 12. Mai 1944 eröffnet.Karlsch, Stokes: Faktor Öl. S. 234. Ursprünglich hätte die Luftoffensive schon am 21. April begonnen werden sollen, was durch schlechtes Wetter verhindert wurde.Wesley Frank Craven, James Lea Cate: Army Air Forces in World War II. Europe: ARGUMENT to V-E Day, January 1944 to May 1945, Chicago 1951, S. 176. Am 28. Mai 1944 erfolgte die zweite Angriffsserie der USAAF auf Leuna, Zeitz, Lützkendorf, Magdeburg, Ruhland und am 29. Mai auf Pölitz.Gregor Janssen: Das Ministerium Speer. Berlin 1968, S. 236. Sie sollte eigentlich am 13. Mai geflogen werden, wurde aber wegen anderen Notwendigkeiten wie der Operation Crossbow und schlechten Wetters verschoben.Steven Zaloga: The Oil Campaign 1944-45. Draining the Wehrmacht's lifeblood. Osprey Publishing 2022, S. 37.
Diese ersten Angriffe zeitigten, zusammen mit den gleichzeitigen Angriffen der Fifteenth Air Force auf Ploiești und andere Ölziele, schon überaus vielversprechende Erfolge.
Die RAF begann ihre Beteiligung in der Nacht vom 12. auf den 13. Juni 1944 mit Angriffen auf Treibstoffziele im Ruhrgebiet.Zaloga: Oil Campaign. S. 41. Ihren Höhepunkt fand die Angriffsserie zwischen dem 11. und 19. September 1944.Olaf Groehler: Geschichte des Luftkriegs, Berlin 1981, S. 427.
Insgesamt wurden 250 Tag- und Nachteinsätze gegen die deutschen Treibstoffwerke und Raffinerien geflogen, davon die meisten von den amerikanischen Luftstreitkräften, vor allem die großen mit über 1000 Bombern.Eichholtz: Ölpolitik. S. 533. Dabei wurden 215.000 tons Bomben auf die ölverarbeitende Industrie abgeworfen, davon 100.000 tons Bomben auf die deutschen Hydrierwerke.Birkenfeld: Der synthetische Treibstoff. S. 197. Von diesen gingen 84,1 % außerhalb des Zielgebietes nieder.Horst Boog: Die strategische Bomberoffensive der Alliierten gegen Deutschland und die Reichsluftverteidigung in der Schlußphase des Krieges. In: MGFA (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. München 2008, Band 10/1, S. 801. Insgesamt betrug die auf die deutsche Treibstoffindustrie abgeworfenen Bomben 15,9 % der gesamten von den Alliierten eingesetzten Bombenmenge.Zaloga: Oil Campaign. S. 90.
Bis zum 22. Juni sank die Flugbenzinerzeugung von 5.800 Tonnen pro Tag auf 623 Tonnen. Im September 1944 war die Erzeugung auf 8 % von der im April gefallen.Karlsch, Stokes: Faktor Öl. S. 235. Im März 1945 fiel die Erzeugung von Flugbenzin auf 40 Tonnen. Der Einsatz einer Me 262 benötigte 1,5 Tonnen Treibstoff.Zaloga: Oil Campaign. S. 87.
Kehrl berichtet, dass als Hitler am 23. Mai im Führerhauptquartier auf dem Obersalzberg eine Besprechung über diese Bombardierungen abhielt, Carl Krauch einen Plan des Leuna-Werkes entrollte, auf dem alle 2.200 Bomben mit ihrer Größe eingezeichnet waren, die ins Werksgelände gefallen waren. Daraufhin hielt sich Hitler eine halbe Minute lang die Augen zu, bei völliger Stille der Anwesenden.Kehrl: Krisenmanager. S. 370.
Die Schlacht um die Treibstoffwerke konnte nach Dietrich Eichholtz von deutscher Seite nicht gewonnen werden, weil die Luftherrschaft über Deutschland immer mehr den Alliierten gehörte und diese die unter äußerster Kraftanstrengung reparierten Werke immer wieder zerschlugen.Dietrich Eichholtz: Die deutsche Kriegswirtschaft 1944/45. Eine Bilanz. In: Dietrich Eichholtz (Hrsg.): Krieg und Wirtschaft. Studien zur deutschen Wirtschaftsgeschichte. Berlin 1999, S. 334. Nach Ansicht Kehrls war die Treibstoffschlacht ab August 1944 endgültig und unwiderruflich verloren.Kehrl: Krisenmanager. S. 380.
Die Treibstoff-Offensive endete in der Nacht vom 8. auf den 9. April 1945 mit einem Angriff auf das Mineralölwerk Lützkendorf, mit der späteren Bemerkung: .Birkenfeld: Der synthetische Treibstoff. S. 197.
Abwehrmaßnahmen
Als sich Albert Speer in den Leuna-Werken einen Weg durch ein Gewirr zerrissener und verbogener Rohrsysteme bahnte, stellte er fest, dass sich die chemischen Werke als ein überaus bombenempfindliches Ziel erwiesen.Albert Speer: Erinnerungen. Frankfurt/M. 1969, S. 357. Am 2. Juni 1944 äußerte er:
In der zweiten Hydrierdenkschrift vom 30. Juli 1944 forderte Speer das Zurückziehen der Jagdwaffe von den Fronten zum Schutz der Treibstoffwerke.Janssen: Ministerium Speer. S. 241.
Obwohl die Werke jedes Mal kurz nach dem Wiederanlauf zerstört wurden, die meisten drei bis vier Mal, wurden sie immer wieder aufgebaut, um wenigstens in den Pausen etwas Treibstoff zu produzieren. Es entwickelte sich ein wahrer Wettlauf, da die alliierten Luftstreitkräfte nur eine bestimmte Anzahl an Großangriffen im Monat fliegen konnten.Karlsch, Stokes: Faktor Öl. S. 236.Hans Kehrl: Kriegswirtschaft und Rüstungsindustrie. In: Autorenkollektiv: Bilanz des Zweiten Weltkrieges. Oldenburg 1953, S. 283. Gegenüber Graf Schwerin von Krosigk bezeichnete Speer im Sommer 1944, das Ringen zwischen Zerstörung und Wiederherstellung als .Einleitung zur Rede Hitlers vor Leitern der Rüstungsindustrie Anfang Juli 1944. In: Hildegard von Kotze, Helmut Krausnick (Hrsg.): »Es spricht der Führer. 7 exemplarische Hitler-Reden«. Gütersloh 1966, S. 334. Hans Kehrl schreibt:
Zeitweise waren bis zu 350.000 Arbeitskräfte dabei beschäftigt.Karlsch, Stokes: Faktor Öl. S. 236. Jeder Angriff zerrüttete die Werke immer mehr, so dass die Reparatur immer schwieriger wurde.Eichholtz: Ölpolitik. S. 536.
Am 30. Mai 1944 ernannte Hitler Edmund Geilenberg zum „Generalbevollmächtigten für die Sofortmaßnahmen beim Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion“ für die Wiederingangsetzung der Treibstoffproduktion. Seine Vollmachten waren nahezu unbegrenzt; personelle, materielle und finanzielle Begrenzungen wurden aufgehoben.Janssen: Ministerium Speer. S. 227 f.
Hitler befahl Leuna zur „Flakfestung“ auszubauen.Kehrl: Krisenmanager. S. 371. Dazu wurde eine Stoßaktion für die Produktion schwerer Flak (12,8 cm, 10,5 cm, 8,8 cm 41) durchgeführt.Birkenfeld: Der synthetische Treibstoff. S. 193. Nach dem Angriff vom 28. Juli 1944 auf Leuna berichteten einige Besatzungen, dass das Flakfeuer schlimmer als über Berlin gewesen sei.Birkenfeld: Der synthetische Treibstoff. S. 193. Diese Kämpfe gingen als „Battle of Leuna“ in die amerikanische Kriegsgeschichte ein.
Die Anlagen wurden bei Angriffen eingenebelt und 800.000 Kubikmeter Beton wurden verwendet, um sie einzubetonieren.Eichholtz: Ölpolitik. S. 534. Außerdem wurden Attrappenfabriken und Scheinanlagen errichtetBirkenfeld: Der synthetische Treibstoff. S. 193. und durch Abbrennen von Öllachen Treffer vorgetäuscht.Karlsch, Stokes: Faktor Öl, S. 237.
Mit dem Mineralölsicherungsplan wurde unter anderem versucht, eine Produktion in untertageverlagerten Kleinanlagen aufzubauen.
Am 11. August 1944 befahl Heinz Guderian, gegen das Verbot aller nicht kriegswichtigen Fahrten Zuwiderhandelnde, als vor ein Kriegsgericht zu stellen.Birkenfeld: Der synthetische Treibstoff. S. 206.
Auswirkungen Die Auswirkungen waren nach Rolf-Dieter Müller . Mit den schwindenden Treibstoffreserven konnten nur noch die gepanzerten Eliteverbände mit mangelhafter Luftunterstützung an die Brennpunkte des Kampfes geworfen werden. Selbst die neuen deutschen Superpanzer Königstiger konnten sich nur noch auf kurzen Strecken bewegen. Und der Großteil der Wehrmacht war auf Fahrräder und Pferdewagen angewiesen. Die wenigen Lastkraftwagen mussten mit Holzvergasern betrieben werden.Rolf-Dieter Müller: Der Bombenkrieg 1939-1945. Berlin 2004, S. 194 f.
Von Juni 1944 bis zum Kriegsende konnten nur noch 197.000 Tonnen Flugbenzin erzeugt werden, was einer Monatsproduktion vor den Angriffen entsprach, damit fiel die Gegenwehr der Luftwaffe praktisch aus.Rainer F. Schmidt: Der Zweite Weltkrieg. Die Zerstörung Europas. Berlin 2008, S. 162 f. Laut dem General der Jagdflieger Adolf Galland war die ausgeführte Operation der . Im September 1944 ist die Luftwaffe geworden. Mit einem Aufwand von nur 5166 Tonnen Bomben haben die alliierten Luftflotten die materielle deutsche Widerstandskraft getroffen, während die siebenfache Menge auf die V-Waffen-Rampen und das vierzehnfache auf Eisenbahnanlagen verwandt wurden.Adolf Galland: Die Ersten und die Letzten. München 1993, S. 297–299.