Kunstvereine und Künstlervereinigungen deutschsprachiger Künstler aus Böhmen, Mähren und Schlesien existierten vom 19. Jahrhundert bis zum Jahr 1945. Sie verschwanden im Zusammenhang mit der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus den böhmischen Ländern.
Anfang des 19. Jahrhunderts waren in Böhmen durch künstlerisch interessierte Adlige zunächst Kunstvereine entstanden. Im Jahr 1871 hatte sich in Prag der Künstlerverein Concordia - Verein deutscher Schriftsteller und Künstler in Böhmen (tschech. Spolek německých spisovatelů a umělců v Čechách) gebildet, dessen Mitglieder Maler, Bildhauer, Musiker, Schriftsteller, Journalisten, Gelehrte und Kunstfreunde waren. Ziel des Vereins war die Unterstützung literarischer, journalistischer und künstlerischer Interessen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde dabei immer stärker auf eine konsequente Trennung der Institutionen (Universität, Akademie, Kunstverein) nach der Nationalität geachtet.Habánová (2017), S. 25–27
Für Böhmen, Mähren und Schlesien, die Länder der böhmischen Krone, lassen sich folgende Kunstvereine bzw. Künstlervereinigungen nachweisen.
Böhmen
Gesellschaft patriotischer Kunstfreunde (1796–1918) Die Gesellschaft patriotischer Kunstfreunde (tschech. Společnost vlasteneckých přátel umění) war ein Verein von adligen Kunstfreunden, der 1796 zur Förderung der Künste von Franz Josef Graf von Sternberg-Manderscheid (1763–1830) (tschech. František Josef ze Šternberka a Manderscheidu) in Prag gegründet wurde. Die Initiative zur Gründung ging vom böhmischen Malers Quirin Jahn (1739–1802) aus. Mitglieder waren meist nur Adlige und einige berufene Künstler, meist bedeutende Professoren an ausländischen Kunstakademien, z. B. Eduard Bendemann aus Düsseldorf, Gabriel Max aus München, Ernest Meissonier aus Paris und Jan Matejko aus Krakau. Aus der Bildergalerie dieser Gesellschaft und der Modernen Galerie Prag ging 1918 die Nationalgalerie Prag hervor.1796–1918: Umění dlouhého století (Kunst im langen Jahrhundert) (tschech.) (abgerufen am 10. August 2023)Národní galerie v Praze (Nationalgalerie Prag), Archivkopie (tschech.) (abgerufen am 10. August 2023)Jan Rotrekl: Šlechtický mecenát v 2. polovině19. století (Mäzenatentum des Adels in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts), Südböhmische Universität České Budějovice, 2007, Diplomarbeit (tschech.), 100 S.
Kunstverein für Böhmen (1835–1945) Der Kunstverein für Böhmen (tschech. Krasoumná jednota) war ein Verein zur Förderung der Kunst. Er wurde 1835 als Landesverein zur Förderung der bildenden Künste gegründet und entwickelte sich ab 1839 unter der Leitung von Franz Anton II. Graf von Thun und Hohenstein (1809–1870) (tschech. František Antonín II. z Thun-Hohenštejna) zur bedeutendsten Künstlervereinigung in Böhmen. Weitere Präsidenten des Kunstvereins waren Reichsgraf Albrecht von Kaunitz (1829–1897) (tschech. Albrecht z Kounic) und Karl von Buquoy-Longueval (1854–1911) (tschech. Karel Buquoy-Longueval).abArt Krasoumná jednota (Kunstverein für Böhmen) (tschech.) (abgerufen am 10. August 2023)
Verein deutscher bildender Künstler in Böhmen (1895–1920) Der Verein deutscher bildender Künstler in Böhmen (tschech. Spolek německých výtvarných umělců v Čechách) entstand 1895 durch eine Abspaltung vom Concordia-Verein, erster Obmann wurde Viktor Barvitius. Im Vorbereitungsausschuss waren Alexander Jakesch und Heinrich Jakesch, Emil Orlik und Karl Krattner.Habánová (2017), S. 25–27 Er stellte das Pendant zum tschechischen Verein bildender Künstler Mánes von 1887 und zum Verein Umělecká beseda von 1863 dar.Anna Habánová (2017), S. 351/52
Im Jahr 1907/08 schlossen sich die vier Künstler des Vereins Friedrich Feigl, Max Horb, Willi Nowak und Emil Artur Pittermann mit den vier tschechischen Künstlern Emil Filla, Bohumil Kubišta, Otakar Kubín und Antonín Procházka zur Künstlergruppe Osma (Die Acht) zusammen, die sich dem Expressionismus von Edvard Munch verschrieben hatten und stellten in Prag gemeinsam aus.
Deutschböhmischer Künstlerbund (1908–1920) Der Deutschböhmische Künstlerbund (tschech. Německočeský umělecký svaz) wurde 1908/09 gegründet, Obmann war der Bildhauer Franz Metzner. Er entstand durch eine Abspaltung vom Verein deutscher bildender Künstler in Böhmen. Die treibenden Kräfte dieser Sezession waren die älteren Künstler unter Karl Krattner und August Brömse.Anna Habánová (2017), S. 79 ff. und S. 352
Metznerbund (1920–1945)
Der Metznerbund war eine Künstlervereinigung der deutschsprachigen bildenden Künstler in der Tschechoslowakei. Er bestand von 1920 bis 1945 und war nach dem deutsch-böhmischen Bildhauer Franz Metzner (1870–1919) benannt. Er wurde im März 1920 in Teplitz als Verein der deutschsprachigen bildenden Künstler gegründet. Der erste Vorsitzende von 1920 bis 1923 war Karl Krattner, weitere Vorsitzende waren Franz Hartl und Wilhelm Srb-Schloßbauer.
Der Verein gliederte sich in Kreise und zugehörige Ortsgruppen, z. B. für Prag, Reichenberg, Gablonz, Aussig, Teplitz und Karlsbad. Die Ortsgruppe Olmütz bestand seit 1921. Ausstellungen des Metznerbundes fanden 1921 im Künstlerhaus in Brünn und 1927 in Wien statt, weitere wurden in Stuttgart und Mannheim, Aussig, Karlsbad, Reichenberg, Teplitz und Troppau durchgeführt. Die letzte Ausstellung („25 Jahre Metznerbund“) fand 1944 in Prag statt.Anna Habánová: Der Metznerbund – das längst ersehnte Ideal, in Anna Habánová: Junge Löwen im Käfig – Künstlergruppen der deutschsprachigen bildenden Künstler aus Böhmen, Mähren und Schlesien in der Zwischenkriegszeit, Arbor Vitae, Oblastní galerie v Libercí, 2013, ISBN 978-80-87707-00-5, S. 20–39Anna Habánová (2017), S. 353–356Anna Habánová: Metznerbund – Edler Wettstreit der beiden Völker. Regionalgalerie Liberec, 2017, (abgerufen am 10. August 2023)
Im Jahr 1924 hatte sich die Künstlergruppe Die Woge (tschech. Vlna) gebildet, die sich durch eine Kunstausstellung in der Kunsthalle des Metznerbundes in Reichenberg nachweisen lässt. Mitglieder waren Dominik Brosick (1873–1935), Otmar Fraß von Friedenfeldt (1883–?), Ed. Heintschel-Heinegg, Wilhelm Koch (1892–um 1962), Karl Kolaczek (1898–1959), Oskar Rosenberger und Ernst Seiboth.Habánová (2017), S. 147
Die Pilger (1920–1923) Die Gruppe Die Pilger (tschech. Poutníci) spaltete sich im Herbst 1920 unter der Führung von August Brömse vom Metznerbund ab. Im Zeitraum von 1921 bis 1923 gab es mehrere Gruppenausstellungen: Brünn (Künstlerhaus, 1921), Karlsbad (Herbst 1921), Prag (Atelierausstellung, März 1921 und Rudolfinum, 1921 und April 1922) durch den Kunstverein für Böhmen, Böhmisch Kamnitz (Ende 1921) durch den Thomabund, Aussig (Oktober 1922), Prag (Rudolfinum, Februar 1923), Dresden (Kunstsalon Emil Richter, November 1923) und Marienbad. Auf den Ausstellungen wurden zahlreiche Werke von der damaligen deutschen Abteilung der Modernen Galerie Prag aufgekauft, die sich jetzt im Besitz der Nationalgalerie Prag befinden, z. B. Der Pilger von Maxim Kopf und Wasserpflanzen von Julius Pfeiffer. Von der Gruppe wurden auch Mappen mit Graphikblättern herausgegeben. Die Arbeiten der Gruppe waren unter dem Einfluss von August Brömse stark vom Symbolismus und Expressionismus geprägt. Die Gruppe orientierte sich besonders nach Dresden, einige Mitglieder hatten an der Dresdner Akademie studiert, wodurch die Gruppe von der Neuen Sachlichkeit beeinflusst wurde. Als Gäste waren die Künstler Felix Bibus, Mary Duras, Alois Mennel und Artur Ressel an den Ausstellungen beteiligt.Ivo Habán: Die Pilger und die spirituellen Tendenzen der frühen zwanziger Jahre, in Anna Habánová: Junge Löwen im Käfig – Künstlergruppen der deutschsprachigen bildenden Künstler aus Böhmen, Mähren und Schlesien in der Zwischenkriegszeit, Arbor Vitae, Oblastní galerie v Libercí, 2013, ISBN 978-80-87707-00-5, S. 40–59
Die Oktobergruppe (1922–1930) Die Oktobergruppe, eine Abspaltung vom Metznerbund, veranstaltete ihre erste Ausstellung im Museum in Reichenberg im Oktober 1922 (daher der Name). Gründungsmitglieder waren Erwin Müller, Hans Thuma, Alfred Kunft und Rudolf Karasek. Weitere Ausstellungen fanden 1923, 1926 und 1927 und 1928 in Prag statt. Die Gruppe war auch noch 1930 auf der Internationalen Kunstausstellung in Karlsbad vertreten.Anna Habánová: Die Oktobergruppe, in Anna Habánová: Junge Löwen im Käfig – Künstlergruppen der deutschsprachigen bildenden Künstler aus Böhmen, Mähren und Schlesien in der Zwischenkriegszeit, Arbor Vitae, Oblastní galerie v Libercí, 2013, ISBN 978-80-87707-00-5, S. 80–93
Verein deutscher Malerinnen in Prag (1921–1937) Der Verein deutscher Malerinnen Prag (tschech. Pražská pobočka spolku německých umělkyň) bildete sich 1921 in Prag, obwohl ihre Anfänge bis in das Jahr 1904 zurückreichen. Die Leitung lag in den Händen von Hermine Laukota von 1921 bis 1931, Adelheid von Castellain von 1931 bis 1939 und Lili Gödl-Brandhuber ab 1939. Ausstellungen fanden jährlich statt, 1924, 1926, 1928, 1931, 1934 und 1937 in Prag, 1923 und 1935 im Künstlerhaus in Brünn sowie in Teplitz (1933), Olmütz und Ostrau.Ivo Habán: Der Verein deutscher Malerinnen Prag, in Anna Habánová: Junge Löwen im Käfig – Künstlergruppen der deutschsprachigen bildenden Künstler aus Böhmen, Mähren und Schlesien in der Zwischenkriegszeit, Arbor Vitae, Oblastní galerie v Libercí, 2013, ISBN 978-80-87707-00-5, S. 94–103
Junge Kunst (1927–1928) Die Bildung des Vereins Junge Kunst erfolgte unter Maxim Kopf im September 1927 in Prag. Die einzige Ausstellung mit 18 Künstlern fand unter der Federführung des Kunstvereins für Böhmen im Februar/März 1928 im Rudolfinum in Prag statt. Von den dort gezeigten 95 Arbeiten konnten bisher nur 14 identifiziert werden. Einige Bilder wurden von der Deutschen Sektion der Modernen Galerie angekauft und befinden jetzt in der Nationalgalerie Prag, z. B. das Bild Pierrot, Mädchen und Harlekin von Charlotte Schrötter-Radnitz, Die Tischrunde von Fritz Kausek und das Bild Junge Löwen im Käfig von Alois Rudolf Watznauer. Auf dieses Bild bezieht sich auch der Titel des gleichnamigen Buches von Anna Habánová.Ivo Habán: Junge Kunst: Zwischen Frankreich und der deutschen Neuen Sachlichkeit, in Anna Habánová: Junge Löwen im Käfig – Künstlergruppen der deutschsprachigen bildenden Künstler aus Böhmen, Mähren und Schlesien in der Zwischenkriegszeit, Arbor Vitae, Oblastní galerie v Libercí, 2013, ISBN 978-80-87707-00-5, S. 104–117
Prager Secession (1928–1937) Die Gründung der Prager Secession erfolgte am 22. November 1928 unter der Regie des Malers Maxim Kopf in Prag. Sie ging aus dem Verein Junge Kunst hervor. Die neue Künstlervereinigung verstand sich als Verein der deutschen Kulturgemeinschaft in der Tschechoslowakei. Erster Vorsitzender wurde Maxim Kopf. Mitglieder des Vereins waren etwa 30 Künstler und mehrere korrespondierende Mitglieder sowie über 70 Fördermitglieder (Fabrikanten und Unternehmer). Die Ausstellungen fanden von 1929 bis 1937 jährlich im Haus des Kunstvereins für Böhmen in der Prager Neustadt statt. Hierzu wurden auch zahlreiche Gäste eingeladen, z. B. Karl Hofer, Wilhelm Thöny, Max Beckmann, Oskar Kokoschka, Paul Klee und Georg Kolbe. Die Auswahl der Werke erfolgte durch eine achtköpfige Jury. Zusammen mit dem Metznerbund nahm die Prager Secession 1930 und 1931 auch an den internationalen Kunstausstellungen in Karlsbad teil. Weitere Ausstellungen gab es in Teplitz (Mai 1933) und in Zlin (1936 bis 1938).Ivo Habán: Prager Secession: Ein deutscher Traum im multikulturellen Prag, in Anna Habánová: Junge Löwen im Käfig – Künstlergruppen der deutschsprachigen bildenden Künstler aus Böhmen, Mähren und Schlesien in der Zwischenkriegszeit, Arbor Vitae, Oblastní galerie v Libercí, 2013, ISBN 978-80-87707-00-5, S. 118–151
Reichsverband deutscher bildender Künstler in der Tschechoslowakischen Republik (1931–1945)