Die Grafschaft Württemberg, die zu Zeiten ihres Bestehens eigentlich als Grafschaft Wirttenberg oder auch Wirtemberg bezeichnet wurde, war ein heterogen strukturierter Territorialstaat innerhalb des Heiligen Römischen Reiches, der durch das gleichnamige Geschlecht der Württemberger beherrscht wurde. Die aus bescheidenen Anfängen stetig gewachsene Grafschaft existierte seit dem 12. Jahrhundert und war bei der Erhebung zum Herzogtum 1495 die größte Grafschaft des Reiches. Erst mit dem Vertrag über die Unteilbarkeit der Grafschaft vom 3. Dezember 1361 erschien erstmals überhaupt die Bezeichnung Grafschaft Württemberg in einer überlieferten Urkunde. Von 1442 bis 1482 war die Grafschaft geteilt in die beiden Linien Württemberg-Stuttgart und Württemberg-Urach. Aus der wiedervereinigten Grafschaft ging 1495 das Herzogtum Württemberg hervor.

Geografische Ausdehnung Im Laufe des 15. Jahrhunderts näherte sich der Umfang der Grafschaft Württemberg in etwa dem Gebietsstand des späteren Herzogtums Württemberg an, abgesehen von den Gebieten der erst im Zuge der Reformation im 16. Jahrhundert hinzugewonnenen Klostergebiete, über die Württemberg die Vogteirechte besaß. Mithin entsprachen die weltlichen Gebiete also schon im 15. Jahrhundert weitgehend dem, was seit dem 19. Jahrhundert unter Altwürttemberg verstanden wurde. Im Einzelnen bestand die Grafschaft Württemberg um das Jahr 1420 aus den nachfolgend aufgelisteten Städten und Gebieten:

Als Reichslehen: das Kerngebiet der Grafschaft Württemberg um Stuttgart mit der Stammburg Wirtemberg, im Westen bis Leonberg und in östlicher Richtung über Cannstatt bis ins Remstal mit Waiblingen und Schorndorf die Grafschaft Urach mit den Städten Münsingen, Urach und Wittlingen (seit 1265) die Grafschaft Asperg (seit 1308) die Grafschaft Aichelberg mit der Stadt Weilheim an der Teck sowie die Vogtei zu Jesingen (seit etwa 1334) die Stadt Markgröningen verbunden mit dem Lehen der Reichssturmfahne (seit 1336) die Grafschaft Vaihingen mit der Stadt Vaihingen an der Enz sowie den Orten Horrheim, Hohenhaslach und Oberriexingen (seit 1339) die Pfalzgrafschaft Tübingen mit den Städten Böblingen, Herrenberg, Sindelfingen und Tübingen als auch dem Forst Schönbuch (seit 1342) die Grafschaft Nagold mit den Städten Nagold und Haiterbach (seit 1363) die Grafschaft Calw mit den Städten Calw, Wildbad und Zavelstein (seit 1364) das Herzogtum Teck mit den Städten und Schlössern Kirchheim unter Teck, Gutenberg, Hahnenkamm und Wielandstein (seit 1386) die Grafschaft Neuffen die Herrschaft Waldhausen (seit 1250) die Herrschaft Rosenfeld (seit 1317) die Herrschaft Magenheim mit der Stadt Brackenheim (seit 1321) die Herrschaft Urslingen (seit 1327) die Grafschaft Horburg und die Herrschaft Reichenweier im Elsass (seit 1324) die Herrschaft Schalksburg (seit 1403) die Burg Sponeck am Rhein bei Breisach

Des Weiteren gehörten zum Haus Württemberg die Zollrechte bei Göppingen.

Als Lehen von der Krone Böhmens gehörten zum Haus Württemberg: Burg Hohenbeilstein und Stadt Beilstein (seit etwa 1340, als böhmisches Lehen seit 1361) Burg Neuenbürg und Stadt Neuenbürg (seit etwa 1320) Burg Lichtenberg und Stadt Großbottwar (seit 1357)

Als Lehen des Hochstifts Bamberg gehörte zum Haus Württemberg: Dornstetten (seit 1320)

An folgenden Burgen und Städten besaß das Haus Württemberg 1420 Allodialgut, das heißt freies Eigen, oder Pfandschaft: Achalm, Backnang (um 1300), Balingen (seit 1403), Bietigheim, Bilstein, Bittenfeld, Blankenhorn, Blankenstein, Dornhan, Ebersberg, Ebingen, Fautsburg, Göppingen, Grötzingen, Großgartach, Güglingen, Hoheneck, Hohenstaufen, Hundersingen, Kleingartach, Lauffen am Neckar (seit 1361), Lauterburg, Leofels, Lichtenstein, Marbach am Neckar, Nürtingen, Oberndorf (1416–1462 als Pfand) Rechtenstein (zur Hälfte), Reichenberg, Rosenstein, Schalksburg, Schiltach, Schülzburg, Sternenfels, Tuttlingen, Veringen, Waldenbuch, Waldenstein, Wasseneck und Winnenden.

Die Grafschaft Sigmaringen mit der gleichnamigen Stadt Sigmaringen und die Feste und die Hälfte von Herrschaft und Stadt Hornberg gehörten zu jener Zeit ebenfalls zu Württemberg.

Dieser im 15. Jahrhundert vorhandene sehr heterogene Gebietsstand wurde in den Jahren 1441 und 1442 aufgeteilt in die Linien Württemberg-Stuttgart und Württemberg-Urach.

Die Grafschaft Mömpelgard zählte nicht zum Gebietsstand der Grafschaft Württemberg, sondern blieb stets ein eigenständiges Territorium, zeitweise in Personalunion mit Württemberg, zeitweise als Sekundogenitur.

Wirtschaft In der Grafschaft Württemberg wurde hauptsächlich Landwirtschaft betrieben. Von großer Bedeutung waren der Anbau von Getreide und die Kultivierung der Weinberge sowie die Viehhaltung. Pferde- und Ochsenkarren wurden für den Transport benutzt. Wichtig für die Grafschaft waren Zollrechte und Geleitrechte an den Handelsstraßen wie zum Beispiel an der Fernstraße von Speyer nach Ulm. Die wichtigste Grundlage der Herrschaft war die Leibeigenschaft, der gewöhnliche Rechtszustand der nichtadligen Bevölkerung. Dies war verbunden mit regelmäßigen Abgaben und Frondiensten. Auch die Huldigung gegenüber der Obrigkeit und das Mortuarium gehörten dazu. In ihrer Freizügigkeit waren sowohl die Bauern, Häusler und Tagelöhner auf dem Land als auch die Bürger der württembergischen Landstädte stark eingeschränkt. Regelmäßig mussten sich im 14. und 15. Jahrhundert die württembergischen Untertanen per Eid zum Verbleib verpflichten, insbesondere zum Nichtabzug in die nahe gelegenen Reichsstädte. Als württembergische Lehensnehmer gab es rund 300 bis 500 Gefolgsleute der Grafen. Zu Lehen vom Grafen von Württemberg nehmen konnten Ritter, Niederadelige und Freie die Herrschaft über deren Dörfer, Burgen, Höfe, Grundstücke und das Zehntrecht. Seit 1374 besaß die Grafschaft das Recht zum Prägen eigener Münzen. Aus dem Jahr 1374 stammen somit die ersten Heller mit dem württembergischen Wappen, den drei liegenden Hirschstangen. Ab 1396 wurden auch württembergische Schillinge geprägt.

Geschichte mini|Burg Wirtemberg vor 1819 (Gemälde von Franz Xaver Odo Müller) mini|Siegel Graf Ulrichs des Stifters von 1259 mini|Standbild des Grafen Eberhard I. des Erlauchten in der Stuttgarter Stiftskirche mini|Von Ludwig Uhlands Gedicht Der Überfall im Wildbad inspiriertes Relief in Bad Wildbad. Der Überfall im Wildbad veranlasste den Grafen Eberhard II. zur Flucht mit seinem Sohn Ulrich nach Zavelstein mini|Graf Eberhard II. der Greiner verbannt seinen Sohn Ulrich von seiner Tafel, Gemälde von Ary Scheffer (1851). Darstellung einer Szene aus dem Jahre 1378 im Stuttgarter Schloss, als Eberhard der Greiner, wie von Martin Crusius in den Annales Suevici geschildert, das Tischtuch zerschnitt, um seinen Unmut wegen der Niederlage seines Sohnes in der 1377 geschlagenen Schlacht bei Reutlingen zum Ausdruck zu bringen miniatur|Standbild des Grafen Eberhard III. des Milden in der Stuttgarter Stiftskirche miniatur|Graf Eberhard III. und seine Räte. Kopie um 1540 nach einem Vorbild um 1440. Württembergisches Landesmuseum, Stuttgart miniatur|Die Hochzeit von Graf Eberhard IV. und Henriette von Mömpelgard. Gemälde aus dem Zeitraum von 1605 bis 1608, von Georg Donauer (1572/73–1634)

Frühe Herren von Beutelsbach und Grafen von Württemberg Die aus der Herrschaft Beutelsbach im Remstal hervorgegangene Grafschaft Württemberg hatte ihren Schwerpunkt im mittleren Neckarraum. Die Grafen von Württemberg traten während der Zeit der Staufer im Gefolge der Herzöge von Schwaben mehrmals in Erscheinung, wobei auf Grund schlechter Überlieferung über die ersten beiden Jahrhunderte bis zum Niedergang der Staufer zur Geschichte des Hauses und der Grafschaft Württemberg wenig bekannt ist.

Am Beginn der Geschichte steht Konrad von Beutelsbach, der vermutlich einer Seitenlinie der Salier entstammte, jedoch im Investiturstreit auf Seiten des Papstes stand. Er verlegte seinen Sitz von Beutelsbach auf die Burg Wirtemberg, welche um 1083 gemäß dem erhaltenen Weihestein der Burgkapelle entstand und sowohl dem Haus als auch dem Land den Namen gab. Als Stammmutter des Grafengeschlechts gilt Liutgart von Beutelsbach, die Schwester des ersten Herrn von Württemberg. Deren Sohn Konrad II. übernahm die Herrschaft von seinem Onkel. Zur Mitte des 12. Jahrhunderts traten die beiden Brüder Ludwig I. und Emicho von Württemberg gemäß den Urkunden an den Höfen der Staufer auf. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts lässt sich ein Graf Ludwig II. von Württemberg nachweisen, dessen Nachfolger die beiden Brüder Ludwig III. und Hartmann I. von Württemberg waren. In jener Zeit scheint sich das Interesse des Hauses Württemberg für Besitzerwerb mehr in Richtung Oberschwaben verlagert zu haben, da der mittlere Neckarraum durch den Herrschaftsbereich der Staufer blockiert war. Im Laufe des 13. Jahrhunderts entstanden zwei Hauptlinien, die eigentlichen Grafen von Württemberg und die Grafen von Grüningen-Landau. Beide Linien entwickelten sich in der Mitte des 13. Jahrhunderts zu Gegnern der Staufer, da diese die Besitz- und Erbansprüche der schwäbischen Grafen missachteten. In der Schlacht bei Frankfurt am 5. August 1246 wechselten die beiden Grafen Ulrich von Württemberg und Hartmann von Grüningen die Seiten, indem sie etwa zwei Drittel des staufischen Heeres unter König Konrad IV. mit 2000 Rittern und Schützen vom Schlachtfeld abzogen und damit dem Gegenkönig Heinrich Raspe IV. zum Sieg verhalfen, der auf Seiten des Papstes Innozenz IV. stand, welcher die Herrschaft der Staufer beenden wollte.

Graf Ulrich der Stifter († 1265) Graf Ulrich der Stifter hatte sich im Zusammenhang mit der 1245 vom Papst verkündeten Absetzung Kaiser Friedrichs II. bestechen lassen. Es wurden ihm im Falle des Verrats gegen die Staufer neben dem Bestechungsgeld beträchtliche Anteile des Herzogtums Schwaben versprochen. Zwar erfüllten sich die Erwartungen schließlich nicht vollständig, aber es gelang Graf Ulrich während des Interregnums, sich die späteren Kerngebiete der Grafschaft Württemberg am mittleren Neckar und im unteren Remstal aus vormals staufischem Besitz oder Reichsgut zu sichern. Zu seinen Erwerbungen zählten die Städte Leonberg, Waiblingen und Schorndorf als auch die Vogteirechte über die umliegenden Klöster wie etwa Lorch und Denkendorf. Durch die 1251 erfolgte Heirat mit Mechthild von Baden kam es zu weiteren richtungsweisenden Gebietsbereinigungen. Das Haus Baden überließ Graf Ulrich die badischen Besitzungen im mittleren Neckarraum, womit auch die spätere Landeshauptstadt Stuttgart aus badischem in württembergischen Besitz überging. Während seiner Herrschaft sicherte Graf Ulrich sich auch die Gebiete der Grafen von Achalm und Urach. Damit verbunden waren die Städte Münsingen, Pfullingen und Nürtingen. Graf Ulrich I. wurde 1259 zum Marschall des Reiches über ganz Schwaben ernannt.

Graf Ulrich II. († 1279) Da beim Tod des Grafen Ulrich I. 1265 der Sohn Ulrich II. noch minderjährig war, übernahm der Vetter Hartmann von Grüningen zunächst die Vormundschaft. Um das Jahr 1269 erreichte Graf Ulrich II. die Volljährigkeit und beendete den Konfrontationskurs gegen die Politik der Revindikation (Wiedergewinnung verlorenen Reichsgutes) von König Rudolf I., welcher von Ulrichs Vormund eingeschlagen worden war. Aber schon im Jahre 1279 starb Graf Ulrich II. im Alter von 25 Jahren ohne Nachkommen, sodass sein 14 Jahre alter Halbbruder Eberhard zur Nachfolge kam.

Graf Eberhard I. der Erlauchte († 1325) Während der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und während des gesamten 14. Jahrhunderts hatte die Grafschaft Württemberg einen stetigen Wachstumsprozess durchlaufen, der im Rückblick betrachtet keineswegs als selbstverständlich angenommen werden darf. Es war letztendlich viel dem Zufall geschuldet, dass in den folgenden Auseinandersetzungen mit den Königen zur rechten Zeit deren Tod eintrat und der jeweilige Nachfolger den Konflikt nicht fortsetzte und somit das Haus Württemberg vor der drohenden Entmachtung rettete.