Boogie-Woogie (auch kurz nur Boogie) ist ein Gesellschafts- und Turniertanz aus der Familie der Swing-Tänze, der paarweise getanzt wird.
Die Geschichte des Boogie-Woogie Boogie-Woogie gehört zur Familie der Swing-Tänze. Er entstand in den 1920er Jahren in den USA aus dem East Coast Swing, einem vereinfachten tänzerischen Derivat des Ende der 1920er Jahre aus schwarzen Wurzeln entstandenen Lindy Hop der 1930er Jahre. Die Verwendung der Bezeichnung Boogie-Woogie für den Tanz bleibt auf Europa beschränkt.
East Coast Swing und Lindy Hop verbanden ein Grundgerüst an Tanzschritten, die zu immer wieder neu erfundenen und abgewandelten Tanzfiguren zusammengesetzt wurden, mit akrobatischen Elementen. Die Quellenlage ist dürftig. Sie stützt sich im Wesentlichen auf Lebenserinnerungen und einige wenige filmische Dokumente, wie Frankie Manning und die Auftritte der Whitey's Lindy Hoppers in In der Hölle ist der Teufel los, und Filmen mit den Marx Brothers wie A Day at the Races.
Darauf gestützt ist die Annahme, dass stundenlange Tanzvergnügen und Dauer-Tanzwettbewerbe in den 1930er und 1940er Jahren dazu beitrugen, dass die Tänzer neue Figuren erfanden.Darüber berichten z. B. Zeitzeugen wie Frankie Manning. Auch in Deutschland fanden solche Tanzturniere statt. Horst Todt aus Berlin stellte 1952 mit seiner Partnerin Rita Janke, einen Weltrekord mit 318 Stunden und 47 Minuten auf, wie die Berliner Morgenpost am 19. Mai 2002 anmerkte: Tanz-Marathon lockt nur vier Paare an. Die BZ berichtete am 11. November 2002: Rock'n'roll ist zeitlos und hält jung. Amerikanische Soldaten brachten diesen Tanz nach dem Zweiten Weltkrieg nach Europa, wo ihn die Jugend für sich entdeckte. Aufgrund der dem damaligen Zeitgeist entsprechend empfundenen Unmoral und größtenteils wegen seiner schwarzen Wurzeln erfahrenen gesellschaftlichen Ächtung lehnten es Tanzlehrer nach dem Krieg zunächst weitgehend ab, diesen Tanz in ihren Schulen zu unterrichten.Ein Artikel in der Kölnischen Zeitung vom Mai 1948 berichtet darüber, dass deutsche Tanzlehrer bei ihrem jährlichen Treffen Boogie-Woogie vor allem wegen seiner "Unmoral" ablehnten. Diese Ablehnung war nicht auf das westliche Europa beschränkt: Vgl. Tanz. In: Der Spiegel. 20/1948, vom 15. Mai 1948: Vom Boogie-Woogie steht nichts in den kommunistischen Evangelien. Die Moskauer Jugendzeitung "Komsomolskaya Prawda" liest den Jugendklubs von Odessa gehörig die bolschewistischen Kultur-Leviten wegen ihrer Vorliebe für Foxtrott, Rumba und Swing. "Diese Salonmelodien sind Gift für das Sowjetvolk", zürnt die Zeitung. "Sie züchten bei Musikern und Zuhörern einen niedrigen, degenerierten Geschmack." Die sowjetischen Kulturhüter wenden sich energisch gegen die "westlichen Tänze", die ihrer Parteimeinung nach ein Schlag gegen die Kultur sind. Gleichzeitig empfehlen sie den gestrauchelten Swingtänzern in Odessa, „Volkstänze zu tanzen. Und nicht mehr aus der Reihe.“ So wurde er in die Hinterzimmer der TanzschulenNatürlich gibt es auch Ausnahmen: Die Schautanzgruppe einer Stuttgarter Tanzschule zeigte 1945 einen "Original Boogie Woogie" im Rahmen eines Abschlussballs. (Tanzschule Stuttgart: ) sowie in die über eine Musikbox verfügenden Milchbars und Tanzbierbars verbanntHellmuth Karasek in: Go West! Eine Biographie der fünfziger Jahre. Hamburg 1996 und Haus der Geschichte (Hrsg.): Rock. Jugend und Musik in Deutschland. Berlin 2005. und verbreitete sich durch Abgucken und Experimentieren.Die soziale Ächtung in den späten 1940er und in den frühen 1950er Jahren wird deutlich bei der Sichtung von Artikeln der Tages- und Wochenzeitungen, die z. B. im Deutschen Tanzarchiv in Köln zusammengetragen wurden. Die Zeit 49/1948 berichtet darüber, dass der Kabarettist Schaeffers den Tanz dem Spott ausliefert: „(…) Es handelt sich um ‚Boogie Woogie‘, jenen amerikanischen Tanz, den trainierte junge Leute, die den ‚Fortschritt‘ auf ihre Fahne geschrieben haben, lieben und den Willi Schaeffers, der Altmeister des deutschen Kabaretts, in die Masche genommen hat, um ihn als große Nummer zu starten. Er bringt ihn als Parodie in seiner ‚Melodie der Straße‘, die Berlin begeisterte, die in dem verwöhnten Düsseldorf ‚sensationelle Erfolge‘ hatte und mit der er jetzt die Zwerchfelle der Hamburger heimsucht.“ (Quelle: Boogie-Woogie. In: Die Zeit. Nr. 49/1948) Die weitgehende Verdrängung des Tanzes der Jugend aus der Öffentlichkeit fand erst ein Ende, als der Film Außer Rand und Band 1956 in die deutschen Kinos kam und gleichsam "Ventile" öffnete.Der Originaltitel des Films war „Rock Around The Clock“. Artikel in Wochenzeitungen beschäftigen sich daraufhin mit der durch den Film ausgelösten "Revolution der Enthemmten", der manche Sitzreihe in den Kinosälen zum Opfer fiel. (Quelle: Außer Rand und Band - Rock around the Clock. auf: choices.de)
Da man sich dem Interesse der Jugend an diesem Tanz nicht dauerhaft zu entziehen vermochte, wurde der afroamerikanisch geprägte Swing-Tanz durch europäische Tanzlehrer an den europäischen Geschmack angepasst. Im Gegensatz zu den ursprünglichen Tänzen wird der Boogie-Woogie in Tanzschulen und Vereinen daher aufrechter, kompakter und oft in klar definierten Linien vermittelt und getanzt. Elemente, die als anstößig angesehen wurden, wurden nicht vermittelt. Die „Europäisierung“ des Swing-Tanzes setzte sich unter dem Einfluss der Tanzschulen mit dem Jive und Rock ’n’ Roll weiter fort.Ein Artikel in der Kölnischen Zeitung aus dem Mai 1948 zeigt, dass deutsche Tanzlehrer bei ihrem jährlichen Treffen Boogie-Woogie vor allem wegen seiner "Unmoral" ablehnten. Bei späteren Treffen entwirft man gemeinsam den "Jive", der durch seine spätere Aufnahme (1976) in das Welttanzprogramm und seiner Einordnung in die "Latein"-Familie eine eigene Dynamik erfuhr. Laut Michael Rauhut hielten "DDR-Ideologen 1952 den Boogie-Woogie aus dem Westradio für so 'gefährlich wie Giftgas'", so zu lesen in der Berliner Zeitung vom 2. Januar 2003. (Berliner Zeitung: ) Eine Hochburg für den Boogie-Woogie in den 1950er Jahren war Berlin.So nachzulesen auf der Internetseite des 1979 gegründeten Boogie Clubs Berlin e. V.: "Berlin war unumschränkte Hochburg. Von 1950 bis 1958 wurden alle deutschen Meisterschaften im Boogie Woogie und Rock'n'Roll in unserer Stadt ausgetragen. Berliner Tänzer wie Horst Todt, Deutscher Meister 1950 und -51 und Kalle Gaffkus, der einzige deutsche Rock-’n’-Roll-Weltmeister der 50er Jahre und vierfacher Deutscher Meister (1953-56), setzten Akzente." (Quelle: Was ist Boogie Woogie? auf: boogie-club-berlin.de, eingesehen am 14. Juni 2012)
Boogie-Woogie wird nicht ausschließlich auf Boogie-Woogie-Musik getanzt, sondern aufgrund der verwandten musikalischen Elemente vorwiegend auf Rock ’n’ Roll, Rockabilly, Rock, Jump Blues und Swing. Der Tanz ist mit der ihm zugrundeliegenden Swing-Musik, ihrem Wandel und mit den auf sie wirkenden Einflüssen verbunden. Starke Einflüsse kamen aus dem auf schwarzen Wurzeln fußenden Rhythm & Blues der 1940er und 1950er Jahre. Voraussetzung für den nachhaltigen Erfolg des Tanzes und für seine Weiterentwicklung war die stimulierende Wirkung, die von der Musik ausging. Swing war die Pop-Musik der damaligen Zeit, sie war ab den späten 1920er Jahren, in den 1930er Jahren und nach dem Zweiten Weltkrieg populär bei Jung und Alt. Wenn sie von der älteren Generation als zu „wild“ empfunden wurde, behalf man sich damit, von Jazz-Musik zu sprechen. Diese hatte eher eine gesellschaftliche Akzeptanz als die zu laute und vermeintlich die gute Ordnung und die Sitten gefährdende „Hottentotten“- oder „Negermusik“.Hellmuth Karasek in: Go West! Eine Biographie der fünfziger Jahre. Hoffmann und Campe, Hamburg 1996, ISBN 3-455-08563-6.
Der Name des Tanzes im Nachkriegseuropa wandelte sich: Während bis Mitte der 1950er Jahre neben der Bezeichnung Jitterbug auch Boogie-Woogie üblich war,Die Parallelität beider Begriffe belegt z. B. das Fotoarchiv der Zeit. Hier findet sich eine Aufnahme von der "Meisterschaft im Jitterbug-Boogie-Woogie, Berlin 1952". Quelle: Deutschland sucht die Superhymne. auf: einestages.spiegel.de, eingesehen am 14. Juni 2012. kam mit dem Ende der 1950er Jahre die Bezeichnung Rock ’n’ Roll auf, ein Name, den die damaligen Medien und die Jugendlichen mitprägten: Kinofilme, Zeitungsartikel und Soldatensender brachten diesen Begriff ab 1956 immer mehr in Umlauf.Shaw, Arnold: Rock'n'Roll. Die Stars, die Musik und die Mythen der 50er Jahre, Reinbek 1985, und Blömeke, Rüdiger: Roll Over Beethoven. Wie der Rock ’n’ Roll nach Deutschland kam, Innsbruck 1996, betonen, welchen wichtigen Beitrag die amerikanischen und britischen Soldatensender, die Vinyl-Schallplatten und die Filme für die Rezeption des Rock ’n’ Roll hatten.
Er war verbunden mit der neuerlich aus USA aufkommenden Musik von Bill Haley und Elvis Presley, die mit dazu beitrugen, die ursprünglich auf afroamerikanischen Wurzeln basierende Musik salonfähig zu machen.Arnold Shaw: Rock'n'Roll. Die Stars, die Musik und die Mythen der 50er Jahre. Reinbek 1985. Der Erfolg ist z. T. auch dadurch zu erklären, dass Musik und Tanz ein Ausdruck des jugendlichen Protestes gegen die Generation ihrer Eltern waren. Nach dem Abebben dieser Bewegung im Twist und dem aufkommenden Beat der 1960er Jahre erlebte der Rock ’n’ Roll eine Wiedergeburt in den 1970er Jahren:Darüber orientiert das folgende Werk: Haus der Geschichte (Hrsg.): Rock. Jugend und Musik in Deutschland. Berlin 2005. Mit der Musik wurde auch der Tanz wiederentdeckt und seither durch Tanzschulen und Sportvereine verbreitet.
Im sich entwickelnden Turniertanzgeschehen unterschied man schnell zwischen Rock ’n’ Roll und Boogie-Woogie,Als Quelle können dienen: "Rocktime", das Organe des DRBV e. V. und die historische Entwicklung des DRBV e. V., die eine Trennung von Sport-Rock-’n’-Roll und Boogie-Woogie sowie Konkurrenzverbände zeigte. Diese über viele Jahre dauernde Entwicklung wird vom Verband heute kurz zusammengefasst. (tanzsport.de: ) um Verwechslungen zwischen dem akrobatischen Sport-Rock-’n’-Roll und dem zunächst ohne Akrobatik unterrichteten Boogie-Woogie zu vermeiden. Das für Wertungsgerichte wichtige Reglement für nationale und internationale Wettbewerbe, das regelmäßig angepasst wurde, hat aber nicht verhindert, dass auch die ursprünglichen Formen des Tanzes und Tänzer von damals wiederentdeckt wurden, was zu seiner heutigen Ausprägung beigetragen hat.
So steht neben dem verschulten und bewerteten Tanzen immer noch eine volkstümliche Ausprägung des Boogie-Woogie mit zahlreichen weltweit unterschiedlichen Variationen wie Swing, die ihm immer anhaftete.Der anglo-amerikanische Sprachgebrauch zeigt dies durch seine Unterscheidung zwischen "social" und "competitive dance" Durch den veränderten Zeitgeist unterliegen Musik und Tanz nicht mehr der ursprünglichen gesellschaftlichen Ächtung, die sie als Ausdruck einer jugendlichen Sub-Kultur während der NazidiktaturÜber die Unterdrückung der Swing-Jugend während der Nazizeit berichtet z. B.: "Cliquen- und Bandenbildung unter Jugendlichen. Reichsjugendführung - Personalamt - Überwachung. Berlin, September 1942": In: Detlev Peukert (Hrsg.): Die Edelweißpiraten. Köln 1983, S. 160–229. Als Quelle kann auch dienen: Matthias von Hellfeld, Arno Klönne: Die betrogene Generation. Jugend in Deutschland unter dem Faschismus. Quellen und Dokumente, Köln 1985 und in den 1950er Jahren erfuhren.
Boogie-Woogie als Turniertanz Beim modernen Boogie-Woogie wird Wert auf eine saubere und deutliche Fußarbeit gelegt, bei der oft mehr als ein Schritt pro Zählzeit durchgeführt wird. Auch noch über 200 Schritte pro Minute spielerisch und leicht aussehen zu lassen, zeichnet einen guten Tänzer aus.
Startklassen Juniorenklasse (Juniors): bis einschließlich 17 Jahre Hauptklasse (Main): Paare, die weder in der Junioren- noch der Seniorenklasse starten, müssen in der Hauptklasse starten. Oldie- oder Seniorenklasse (Seniors): Ein Tanzpartner muss mindestens 35 Jahre alt sein, der andere mindestens 40 Jahre.