mini|hochkant|Khatijun Nissa Siraj im Jahr 2014 Khatijun Nissa Siraj (1925 – 7. März 2023) war eine singapurische Frauenrechtlerin, die sich vor allem für die Verbesserung der Situation malaiischer muslimischer Frauen einsetzte. Siraj stammte aus einer außerordentlich wohlhabenden Familie indischer Abstammung, die eine wichtige Rolle im gesellschaftlichen Leben Singapurs der Zwischenkriegszeit spielte, aber während der japanischen Besatzungszeit (1942–1945) einen Großteil ihres Vermögens verlor. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Rückkehr der Briten nach Singapur engagierte sie sich in verschiedenen Wohlfahrtsorganisationen und -kommissionen. Hierbei wurde sie auf das Leiden malaiischer muslimischer Frauen aufmerksam, die von ihren Ehemännern im Stich gelassen, misshandelt oder ohne Geld auf die Straße gesetzt wurden. Als Gegenstück zur Young Women’s Christian Association gründete Siraj 1952 zusammen mit anderen muslimischen Frauen die Young Women Muslim Association von Singapur, um für die Rechte der malaiischen Frauen zu kämpfen. Als Pesatuan Pemudi Islam Singapura (PPIS) besteht diese Organisation bis heute weiter. Die PPIS setzte sich für die Schaffung eines Familiengerichts ein, das 1958 in Form des Scharia-Gerichts von Singapur auch tatsächlich eingerichtet wurde. Während der 1960er Jahre war Siraj als erste Sozialarbeiterin an diesem Gericht tätig.
Sirajs Leben bis in die 1960er Jahre ist durch eine Serie von Interviews, die das National-Archiv von Singapur im Rahmen seines Oral-History-Projekts in den Jahren 1995 und 1996 mit ihr führte, besonders gut dokumentiert.
Leben Abstammung und Elternhaus Khatijun Nissa wurde 1925 als Tochter des wohlhabenden Geschäftsmanns T K Shaik DawoodFoto T K S Dawood National Archives of Singapore (1872–1935)Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 6, S. 87. und seiner Frau Latifah binte Haji IsmailVgl. das Foto von Khatijuns Mutter aus den 1930er Jahren National Archives of Singapore. geboren. Ihre Eltern kamen beide aus Indien, der Vater aus Madras, ihre Mutter aus Kalkutta. Der Großvater mütterlicherseits, der im Viehhandel tätig war, stammte aus Sinkiang. Er war zunächst nach Calcutta eingewandertInterview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 1, S. 1. und dann nach Singapur weitergezogen.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 1, S. 3.
Khatijuns Vater, der aus einer Familie von Grundbesitzern kam und in Madras eine englische Schule besucht hatte,Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 4, S. 53. wanderte Anfang der 1900er Jahre nach Singapur aus.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 6, S. 90, 93. Dort eröffnete er zunächst ein Geschäft, in dem er Haushaltswaren aus Indien verkaufte.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 6, S. 90 f. Später gründete er dann das Unternehmen Dawood and Company, das im Bereich der Schiffsausrüstung und Verladung und Löschung von Schiffen aktiv warInterview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 1, S. 2. und Kulis beschäftigte. Zu seinen Großkunden gehörten die British India Steam Navigation Company, P&O und die Dollar Line von Robert Dollar.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 6, S. 91. Daneben besaß er noch eine Anzahl von Reisfeldern in Indien, deren Ertrag er regelmäßig bei Reisen nach Indien einsammelte.
Khatijuns Eltern heirateten 1912, die Ehe war arrangiert. Die Mutter wurde von ihren Eltern nach den Purdah-Regeln abgeschirmt, doch hatte sie die Elementarschule besucht, konnte lesen und schreiben.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 1, S. 4.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 2, S. 29.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 3, S. 34. In der Anfangszeit der Ehe hielt auch Khatijuns Vater an den Purdah-Regeln fest, weswegen das Auto der Familie mit Vorhängen für die Frauen versehen war. Später hielt er diese Regeln jedoch für unsinnig und löste sich von ihnen, so dass die Frauen der Familie sich frei bewegen konnten.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 1, S. 6 f.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 1, S. 13. Khatijun war die zweitjüngste von fünf Schwestern und hatte noch einen älteren Bruder.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 1, S. 8, Transcript 4, S. 56–58.
mini|Häuser in der Serangoon Road Khatijun wuchs in sehr wohlhabenden Verhältnissen auf. Die Familie besaß ein großes Haus in der Serangoon Road, der Hauptstraße des Little-India-Viertels, mit einer Fensterfront von 17 Fenstern zur Straße hinInterview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 1, S. 9. und drei oder vier Badezimmern.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 10, S. 154. Neben dem Stadthaus besaß die Familie noch ein Anwesen mit zwei Strandhäusern in der Nähe der Kreuzung der Marine Parade Road und der Telok Kurau RoadInterview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 26, S. 408 f. und einen Obstgarten an der Stevens Road, in dem viele Rambutan wuchsen.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 5, S. 69. Darüber hinaus besaß die Mutter noch drei weitere Häuser.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 5, S. 83. Des Weiteren besaß die Familie drei Autos, zwei große (Dodge und Lincoln), mit dem man zu Empfängen fuhr, und ein kleines (Austin) für den täglichen Gebrauch.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 7, S. 106.
Die Familie beschäftigte auch viele Bedienstete, darunter vier chinesische Dienstmädchen (sogenannte Black & White Amahs) und zwei indische Köche, die alle mit ihnen im Haus lebten.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 2, S. 23 f, Transcript 5, S. 75 f., Transcript 8, S. 132. Der Vater hatte außerdem einen Kammerdiener.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 3, S. 48 f. Die Köche kauften jeden Tag auf dem Tekka Market für die Familie ein.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 8, S. 120 f. Außerdem gab es einen Schreiner aus Shanghai, der die gesamten Möbel des Hauses anfertigte, und einen Juwelier. Die beiden hielten sich fast ständig im Hause auf.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 2, S. 20–22.
Khatijuns Vater spielte eine große Rolle im gesellschaftlichen Leben von Singapur der Zwischenkriegszeit. Er war Mitglied des Rotary Clubs, war einer der Vorsteher der indischen Gemeinde von Singapur und wurde von den Kolonialbehörden zum Friedensrichter (Justice of the Peace – JP) ernannt. Durch seine Funktion als Vorsteher der indischen Gemeinde hatte der Vater auch viele Kontakte zu Hindus und nahm die Familie zu deren religiösen Festen mit, so zum Beispiel dem Thaipusam-Fest.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 6, S. 95–97. Zu bestimmten Anlässen, wenn zum Beispiel eine hochgestellte Persönlichkeit aus Indien wie der Bankier Annamalai Chettiar in Singapur zu Besuch war, lud der Vater auf dem Grundstück des Stadthauses am Nachmittag zu Teegesellschaften ein. Zu solchen Empfängen kam dann auch der britische Gouverneur von Singapur.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 8, S. 124–128.
Auf dem Anwesen am Strand verbrachte die Familie üblicherweise die SchulferienInterview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 1, S. 10f, 13. und feierte auch das Mandi-Safar-Fest. Von den beiden Häusern auf dem Anwesen war eines, das der Mutter gehörte und näher am Strand lag, den Frauen vorbehalten und das andere den Männern.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 26, S. 410. Die Mutter, die sehr kontaktfreudig war, lud in ihr Haus viele Freundinnen aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen ein und feierte mit ihnen und ihren Familien Partys.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 1, S. 11f, 13. In ihrem Bekanntenkreis war die Mutter unter dem Namen Chik Pa Dubash Dawood bekannt.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 2, S. 27, Transcript 7, S. 111. Über die Kontakte der Mutter entwickelte sich auch eine Freundschaft der Eltern mit dem Sultan von Johor.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 7, S. 109. Die Familie fuhr deswegen auch öfter nach Johor.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 8, S. 124.
Die Eltern engagierten sich beide stark in der Wohltätigkeitsarbeit und brachten diese auch ihren Kindern nahe. Sie führten Listen von bedürftigen Personen, die sie mit ihrem Auto aufsuchten, um ihnen Almosen in Form von Geld und Naturalien zu übergeben. Darunter waren auch einige Witwen, die die Mutter dauerhaft unterstützte. Manche Frauen suchten Khatijuns Mutter auch selbst auf, um von ihr Unterstützung zu erhalten.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 1, S. 13–15. Unter den Freundinnen der Mutter waren auch viele nicht-muslimische Frauen, die in der Krankenhausarbeit und sozialen Arbeit tätig waren, während muslimischen Frauen diese Art der Wohltätigkeitsarbeit fremd war.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 3, S. 37 f.
Die Familie trug anfangs westliche Kleidung, die Frauen englische Kleider oder bei offiziellen Anlässen Sari.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 8, S. 126. Die Frauen passten sich aber im Laufe der Zeit, als sie mehr Kontakt mit Malaien, Arabern und Peranakan hatten, an deren Kleidungsgewohnheiten an. Eine Rolle spielte dabei auch die Freundschaft der Eltern mit dem Sultan von Johor. So trugen die Frauen der Familie im Laufe der Zeit immer häufiger Baju Kurung und Kebaya, vor allem im Umgang mit Muslimen. An dieser Regel hielt später auch Khatijun fest.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 4, S. 54–56. Bei den Essensgewohnheiten mischte man westliche, indische und malaiischen Lebensart. Zum Frühstück gab es Brot mit Marmelade, Frühstücksflocken mit Milch oder Quaker-Haferflocken, am Mittag wurden fischhaltige malaiische Speisen oder Currys mit Reis gereicht, am Nachmittag war die Tea time ein Muss, und am Abend gab es noch eine fleischhaltige Mahlzeit.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 5, S. 72f, Transcript 8, 121. In ihrem Haushalt lebten viele Perserkatzen, die aus England importiert waren.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 1, S. 7f, 10.
Khatijuns Mutter sprach von Haus aus Hindi, ihr Vater Tamil.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 5, S. 80. Allerdings beherrschten die Eltern jeweils auch die Sprache ihres Ehepartners, dazu noch Englisch und Malaiisch. Die Mutter war im Gegensatz zum Rest der Familie auch imstande, die malaiische Zeitung in Jawi-Schrift zu lesen. Die Eltern sprachen unter sich häufig Tamil. Wenn aber die jüngeren Kinder dabei waren, wechselten sie auf Englisch, weil diese kein Tamil beherrschten. Mit den Bediensteten wurde dagegen Malaiisch gesprochen.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 5, S. 79.
Erziehung Khatijuns Mutter war sehr religiös und in religiösen Dingen auch relativ strikt. Sie achtete streng darauf, dass die Kinder ab dem sechsten Lebensjahr das rituelle Gebet verrichteten und auch die Gebetszeiten einhielten. Am Morgen kam sie um 5 Uhr, noch vor dem Gebetsruf, ins Kinderzimmer und kniff die Kinder ins Bein, damit sie aufstanden und das Morgengebet verrichteten.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 2, S. 30 f.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 4, S. 60.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 9, S. 148. Jeden Donnerstagabend kam ein älterer als Ustad bezeichneter Mann mit seiner Frau und gab den Kindern Religions- und Koranunterricht. Das Paar betete mit der Familie auch das Abend- und Nachtgebet. Der Unterricht fand zwischen den beiden Gebeten statt und wurde am Freitagnachmittag fortgesetzt. Während des Religionsunterrichts mussten die Mädchen ein Tudung-Kopftuch tragen und durften keine Scherze machen. Wenn etwas von ihren Beinen sichtbar wurde, ermahnte der Ustad die Mädchen, Hosen zu tragen.Interview Khatijun Nissa Siraj, 1995, Transcript 4, S. 56. Der Ustad hielt einen Vortrag und stellte dazu hinterher Fragen.