Die Nase ( – Nos) ist eine zu den Petersburger Novellen gehörende Erzählung des russischen Dichters Nikolai Wassiljewitsch Gogol aus dem Jahre 1836, die ihre Parodie der zaristischen Oberschicht hinter einer absurd-fantastischen Fassade versteckt. Der Dichter Alexander Sergejewitsch Puschkin, der selbst nach einem Spottgedicht u. a. auf den Kriegsminister nur durch Protektion einer Verbannung nach Sibirien entgehen konnte und dessen Werke vom Zaren persönlich zensiert wurden, ermutigte seinen jungen Dichterkollegen mehrfach, den 1835 von einer Zeitung zunächst abgelehnten Text dennoch für die Veröffentlichung umzuarbeiten.

Handlung Der Petersburger Barbier Iwan Jakowlewitsch findet beim Frühstück in seinem Brot eine Nase, die dem 37-jährigen Kollegienassessor Kowaljow gehört, den er mittwochs und sonntags rasiert. Voller Angst verpackt er die Nase und wirft sie von einer Brücke in die Newa. Kowaljow, der sich auch mit dem Titel eines Majors schmückt, stellt beim Erwachen fest, dass ihm seine Nase abhandengekommen ist. Als er sich deswegen auf den Weg macht, um dies beim Polizeihauptmann des Reviers zu melden, trifft er unterwegs seine Nase in menschlicher Gestalt in der Uniform eines Staatsrates. Fassungslos verfolgt er sie, spricht sie an, wird aber von ihr abgewiesen. Der Polizeihauptmann des Reviers ist bei Kowaljows erstem Besuch nicht anwesend, eine Zeitung lehnt eine Suchanzeige für die Nase ab und der Polizeihauptmann, den er beim zweiten Versuch antrifft, ist an seinem Fall nicht interessiert. Inzwischen hat sich in der Stadt das Gerücht über eine Nase, die täglich auf dem Newski-Prospekt spazieren gehe, verbreitet und zieht viele Neugierige an. Kowaljow kehrt ratlos nach Hause zurück, als ihm gemeldet wird, dass die Nase in dem Augenblick, da sie den Postwagen nach Riga besteigen wollte, festgenommen worden sei. Ein Polizist bringt sie Kowaljow in Papier eingewickelt zurück, dessen Freude aber nur kurz währt, da die Nase an ihrer alten Stelle nicht haften will. Alle Reparaturversuche schlagen fehl, auch ein Arzt kann nicht helfen. Zwei Wochen nach dem Verschwinden der Nase erwacht Kowaljow eines Morgens wieder mit seiner Nase im Gesicht, als ob nichts gewesen wäre.

Narrative Verharmlosung Die Erzählweise weckt auf mehreren Wegen bewusst Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Erzählten. „Wie sich herausstellt, ist die Erzählstimme von Die Nase eine besondere russische Form des unzuverlässigen Erzählers. […] Hier schreibt ein großartiger Schriftsteller, wie ein unanmutiger Schriftsteller schreibt, […] voll Anfängerfehler.“George Saunders: Bei Regen in einem Teich schwimmen, S. 364 f. Indem der Erzähler zu nicht-überzeugenden Lösungen greife und mit demonstrativer Inkompetenz erzähle, werde die Zuverlässigkeit der Erzählung mehrfach in Darstellung der erzählten Welt und der Konstruktion der Erzählung von ihm selbst hintergangen: „So ist die Verlässlichkeit der Äußerungen des Erzählers schon von Anfang an in Frage gestellt.“Andreas Larsson: Gogol und das Problem der menschlichen Identität, S. 58: „Die Inkompetenz des Erzählers zeigt sich auch in dem holprigen, durch einen langen Einschub zerstückelten Satz.“

Beispielsweise wird der Übergang vom einleitenden Abschnitt mit dem Barbier-Protagonisten zum folgenden Hauptteil „von dichtem Nebel vollständig verhüllt“, der den Erzähler auch gegen Ende des Hauptteils ein zweites Mal davor schützt, das Verhalten der Obrigkeit, eines Streifenpolizisten und später, in Reaktion auf die inzwischen brodelnde Gerüchteküche, auch höherer Stellen beschreiben zu müssen: Die Passagen, „in denen sich das Geschehen ´im Nebel verliert´, erfüllen außerdem die Funktion, den Leser [...] auf Mängel [des Erzählers] und auf die Fiktionalität des Geschehens, das ´Gemachte´, aufmerksam zu machen.“Andreas Larsson: Gogol und das Problem der menschlichen Identität, S. 57. Zweimal behauptet Gogols Erzähler, einer Situation dadurch entkommen zu sein, in der „das Geschehen von dichtem Nebel vollständig verhüllt [wird] und was sich weiter ereignete, ist vollständig unbekannt“ – obgleich dann das Geschehen um die Nase auf über drei Dutzend Seiten erzählt wird. Darüber hinaus hat der einleitende Abschnitt mit der im frisch gebackenen Brot der Familie des Barbiers auftauchenden Nase keinerlei Bedeutung für die Handlung im Hauptabschnitt, da der Barbier seinem Kunden keine Wunde zugefügt und – dem Erzähler nach – die Nase in den Fluss geworfen hat. Ihr selbständiges Auftreten später außerhalb der Newa ist nach dieser Vorgeschichte nicht realistisch oder logisch zu erklären. Die Vorgeschichte hat daher keine Funktion außer der Dokumentation eben dieses handwerklichen Fehlers, der dabei hilft, die Erzählung von Anfang an in das fantastische Genre zu rücken. Claudia Erdheim weist darauf hin, dass 1827 in einer russischen Zeitschrift eine Geschichte über einen gebackenen Kopf erschienen ist, die Gogol inspiriert haben könnte.Claudia Erdheim: Einige Bemerkungen zu Gogols Erzählung ‘Die Nase‘.

Schon die Auslassungspunkte bei der Andeutung fehlender Qualifikation kaukasischer Kollegienassessoren verweisen auf die Umsicht des Erzählers bei der Veröffentlichung eines negativen Urteils. Auf diese Selbstzensur wird dann im Gespräch Kowaljows mit dem sich als fast Einzigem rational verhaltenden Beamten in der Anzeigenannahme angespielt, der auf die Gefahr für den Ruf seiner Zeitung hinweist, wenn „falsche Gerüchte publiziert werden“. Als Beispiel erwähnt er einen entlaufenen „Pudel“, der sich schließlich als „Pasquill“ herausgestellt habe, also als Verspottung eines verschwundenen Kassierers: Erzähler, Herausgeber und Leser haben offenbar auf die engen Grenzen erlaubter Äußerungen zu achten, deren Übertretung staatliche Reaktionen provoziert. Da die Obrigkeit einen Dieb eher selten mit einer Zeitungsannonce sucht, ist diese Passage sowohl ein Hinweis auf eine groteske polizeiliche Aktion als auch auf die gebotene Vorsicht eines Autors: „Es gibt drei Fassungen der Erzählung Die Nase. Die erste Fassung wurde mit der Begründung abgelehnt, die Novelle sei schmutzig, platt, abgeschmackt und trivial. [Nach der Ermutigung von Puschkin] überarbeitete Gogol aus Angst vor der Zensur zunächst die erste Fassung, später die dritte. [...] Schließlich ergänzte er die Erzählung durch einen ironischen Epilog, in dem er die Rezension in der konservativen Zeitschrift Die nördliche Biene [...] parodierte“ – und seine Erzählung selbst gründlich verriss.Claudia Erdheim: Einige Bemerkungen zu Gogols Erzählung ‘Die Nase‘.

Im einleitenden Satz kündigt der Erzähler an, einen sogar mit genauer zeitlicher Eingrenzung (zwischen dem 25. März und dem 7. April) versehenen „außerordentlich besonderen Vorfall“ realistisch zu erzählen: „Der erste Satz der Novelle, eine Bekanntmachung in offiziell juristischem Stil, suggeriert einen Tatsachenbericht.“Claudia Erdheim: Einige Bemerkungen zu Gogols Erzählung ‘Die Nase‘. Für Larsson ist das Fehlen einer Jahreszahl ein weiterer Hinweis auf die demonstrative Inkompetenz des Erzählers (Andreas Larsson: Gogol und das Problem der menschlichen Identität, S. 58.) Gegen Ende der Erzählung tritt der Erzähler mit seiner ausführlichen Erläuterung der Unwahrscheinlichkeit seiner vorstehenden Erzählung einen weiteren Schritt zurück von seinem realistischen Anspruch des Anfangs. „Mit einem ausführlichen Schlusswort des Erzählers, das die Verwirrung des Lesers noch erhöht, klingt die Novella aus.“Kindlers Neues Literaturlexikon. Studienausgabe Bd. 6 (Ga-Gr), Hrsg. von W. Jens, München 1996, S. 551. George Saunders: Bei Regen in einem Teich schwimmen, S. 387 ff., ergänzt über zwei Seiten Fragen aufmerksamer Leser an die Logik der Erzählung. Aber im Widerspruch hierzu besteht der Erzähler im vorletzten Satz dann doch noch auf der Relevanz seiner Erzählung: „Und trotzdem, wenn man darüber nachdenkt, so ist an alldem wahrhaftig etwas dran.“ In diesem Hin und Her gelinge es dem Erzähler, „alle Grenzen zwischen Realität und Fiktion zu verwischen“, wodurch der Leser auf die erforderliche Verschiebung seiner Aufmerksamkeit hingewiesen werde, darauf, „wie berichtet wird, und nicht so sehr, was berichtet wird.“Andreas Larsson: Gogol und das Problem der menschlichen Identität, S. 55, 58. Die Wahrheit der Nase ist daher nicht in der vom Erzähler selbst kritisierten fantastischen Handlung von Verlust, Suche und Rückkehr der Nase zu finden, sondern in der Art und Weise der Figurenzeichnung: „Der ‘Sinn‘ der Erzählung ist gerade darin zu suchen, dass diese ‘gemachte‘ Erzählung schlecht, verkehrt, gemacht ist.“Andreas Larsson: Gogol und das Problem der menschlichen Identität, S. 75 f.

Textur der Motive Der Text ist durchdrungen von Hinweisen auf die Deformationen einer historisch gealterten russischen Ständegesellschaft, die Äußerlichkeiten höher wertet als Leistung, den Schein mehr als das Sein: „Wir begreifen, dass die merkwürdige Logik der Erzählung nicht auf einem Irrtum beruht, […] sondern die wahrhaftige Logik des Universums darstellt.“George Saunders: Bei Regen in einem Teich schwimmen, S. 390. Die Dysfunktionalität des zaristischen Universums schildert der Erzähler beispielsweise durch die kaukasischen Kollegienassessoren, die ihre Titel durch Protektion erlangt haben. Und Kowaljow erwähnt wiederholt seine gesellschaftlich höher stehenden Bekanntschaften, um gegenüber seinen Gesprächspartnern auf der Suche nach seiner Nase mehr Diensteifer zu erwirken. (Dagegen werden die einer unteren Schicht angehörenden Droschkenkutscher mehrfach von ihren höher stehenden Kunden immer nur angeschrien.)

Neben der Protektion wird die Normalität der Korruption sinnfällig, als das Vor- und Esszimmer des tollpatschigen Polizeihauptmanns mit Zuckerhüten „vollgestellt [ist], die ihm Kaufleute aus Freundschaft mitgebracht hatten“. Der Polizeihauptmann sträubt sich sogar gegen diese Korruption – da er ehrlicherweise Geschenke von kleinen Staatsanleihen bevorzugt, die beim Aus-der-Tasche-fallen nicht zerbrechen. Der einfache Streifenpolizist aus der Vorgeschichte wird schon von drei Barbieren kostenlos rasiert; auch er erhält nach der Rückgabe der Nase an Kowaljow ebenfalls Staatsanleihen wie auch der zur Befestigung der Nase gerufene Arzt sie angeboten bekommt, sie am liebsten ablehnen würde – und sie nur akzeptiert, „um niemanden durch eine Ablehnung zu beleidigen.“

Korruption ist System – bei der außeramtlichen Titelerweiterung der sich als „Majore“Nach Larsson entsprach der Rang eines Majors dem des Kollegienassessors, aber hatte „den Flair des Offiziers.“ (Andreas Larsson: Gogol und das Problem der menschlichen Identität, S. 64.) ausgebenden Kollegienassessor-Kollegen, bei Kowaljow, dessen irgendwie personifizierte Majorsnase, mit Uniform drapiert und mit Kutsche und Lakai zum „Staatsrat“ aufgestiegen, sich ohne Aufsehen zu bewirken in der Öffentlichkeit zeigt. Diese Verselbständigung der Nase und ihrer Erhöhung zum Staatsrat, im Titel der Erzählung noch einmal unterstrichen, ist das zentrale Geschehen und die wesentliche Allegorie der Dekadenz: Als handelnde Figur hat sie Körper, Stimme und Gesicht – aber diese personalen Eigenschaften werden nie auch nur angedeutet und interessieren den Erzähler nicht. Das fokussiert die Botschaft auf die Normalität des Absurden: „Im Mittelpunkt steht hier der Statuswechsel der Nase, nicht ihre neue Form oder Größe.“George Saunders: Bei Regen in einem Teich schwimmen, S. 370.