Der Begriff Lernorientierung (engl. approaches to learning) beschreibt die Art und Weise, wie Lernende mit einer Lerntätigkeit umgehen und diese empfinden. Grundlegend wird zwischen einer oberflächlichen und einer tiefgründigen Lernorientierung unterschieden (surface learning vs. deep learning). Oft wird auch in der deutschsprachigen Literatur der englische Begriff approaches to learning verwendet.

Geschichte Der Begriff approaches to learning wurde von Ference Marton und Roger Säljö (1984) an der Universität Göteborg eingeführt und geht auf Arbeiten aus dem Jahr 1976 zurück. Damals führten sie Untersuchungen durch, bei denen Studenten einen wissenschaftlichen Artikel lasen und anschließend befragt wurden, was sie von dem Artikel verstanden hatten und wie sie ihn gelesen hatten. Die frühen Arbeiten der Göteborg-Gruppe stehen in engem Zusammenhang mit der später so bezeichneten Phänomenographie, einem qualitativ-empirischen Forschungsansatz zur Beschreibung unterschiedlicher Verständnisse eines Phänomens.

Sie beobachteten qualitative Unterschiede sowohl im erreichten Verständnis als auch in der Art und Weise, wie Studierende an die Aufgabe herangegangen sind. Die Hauptunterschiede im Zugang hingen von der Intention der Studierenden ab – ob sie die Bedeutung für sich selbst verstehen wollten (tiefgründige Lernorientierung) oder einfach versuchten, die Informationen für die Durchführenden der Studie in Erinnerung zu rufen (oberflächliche Lernorientierung). Die erstgenannte Intention bezeichnen Marton und Säljö als tiefgründige Lernorientierung (deep learning), die letztgenannte als oberflächliche Lernorientierung (surface learning). Die unterschiedlichen Intentionen führten zu sehr unterschiedlichen Lernprozessen und damit auch zu entsprechend unterschiedlichen Ergebnissen.

Die Bedeutung der Untersuchungen von Marton und Säljö besteht in der Beschreibung des Lernergebnisses in Form von qualitativen Unterschieden im Verständnis und nicht in der Verwendung quantitativer Messungen der genauen Erinnerung. Die Unterscheidung wurde später auch für die Gestaltung von Lehr-Lern-Arrangements genutzt, etwa um Assessment und Lernaktivitäten so auszurichten, dass tiefgründige Lernansätze wahrscheinlicher werden.

Tiefgründige, oberflächliche und strategische Lernorientierungen In der ursprünglichen Studie von Marton und Säljö ließen sich die meistern Studierenden einer von zwei Kategorien zuordnen. Ein Teil der Studierenden suchte nach dem Sinn des Textes, setzten sich bewusst mit dem Text auseinander, um der Argumentation des Autors zu folgen, und untersuchten die verwendeten Beweise und die Logik. Dies wird als tiefgründige Lernorientierung beschrieben bzw. so formuliert, dass diese Studierenden eine Präferenz für tiefgründiges Lernen besitzen. In der anderen Kategorie konzentrierten sich Studierenden auf das Erinnern des gelesenen Textes, überflogen diesen, um zu entscheiden, welche Informationen wahrscheinlich geprüft werden sollten, und prägten sich diese dann ein. Dies wird als oberflächliche Lernorientierung beschrieben bzw. so formuliert, dass diese Studierenden eine Präferenz für oberflächliches Lernen besitzen. Unterschiede zeigten sich auch darin, ob Studierende den gesamten Artikel oder nur unzusammenhängende Teile daraus verstanden und inwieweit sie die einzelnen Teile durch Anwendung geeigneter Ordnungsprinzipien zusammenfügten.

Präferenz für tiefgründiges Lernen (Deep Learning) Diese Präferenz ist durch Folgendes charakterisiert:

Fokus auf Bedeutung des Lernstoffs Lernen wird als aktive Integration von Informationen in bestehende Strukturen von Wissen und Einstellungen verstanden. Die Motivation, sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen, ist eher intrinsisch.

Deep Learning als Lernorientierung steht in keinem Zusammenhang mit Deep Learning im Kontext des maschinellen Lernens oder dem pädagogischen Konzept des Deeper Learning.

Präferenz für oberflächliches Lernen (Surface Learning) Diese Präferenz ist durch Folgendes charakterisiert:

Lernen wird vorrangig als Auswendiglernen verstanden. Versagensangst ist ein Hauptmotivationsfaktor.

Präferenz für strategisches Lernen (Strategic Learning) In späteren Arbeiten wurde neben tiefen- und oberflächenorientierten Ansätzen ein strategischer Lernansatz beschrieben. Dieser zielt darauf, möglichst hohe Prüfungsleistungen zu erreichen, etwa durch organisiertes Vorgehen, Zeitmanagement und das fortlaufende Überwachen der eigenen Lerneffektivität. Der strategische Ansatz wird in Fragebogenverfahren wie ASSIST als eigenständige Skala erfasst.

Leistungsorientierung: Gute Leistungen und effizientes Lernen haben hohe Priorität. Bereitschaft hart zu arbeiten organisiertes Vorgehen, systematisches Zeitmanagement

Einordnung der Präferenzen Obwohl diese individuellen Unterschiede in der Lernorientierung über die Zeit und den Kontext hinweg eine gewisse Stabilität aufweisen, gelten Lernorientierungen nicht als Persönlichkeitseigenschaft. Vielmehr werden Lernorientierungen auch durch die Art der individuellen Erfahrungen beeinflusst und variieren daher unter verschiedenen Lernbedingungen.

Verschiedene Studien haben untersucht, welche Orientierung zu besseren Lernerfolgen führt. Die Befundlage ist sehr unterschiedlich und der Erfolg hängt von mehreren Faktoren ab. Zum einen attestieren Studien eine Präferenz für tiefgründiges Lernen bei komplexen Aufgabenstellungen mit längerer Bearbeitungszeit als vorteilhaft. Dagegen schneiden Studierenden mit einer Präferenz für oberflächliches Lernen besser ab, wenn eng umrissenes Faktenwissen abgefragt wurde.

Zur Erfassung der beschriebenen Lernorientierungen kann das „Approaches and Study Skills Inventory for Students“ (ASSIST) eingesetzt werden.

Abgrenzung zu verwandten Begriffen In der Hochschuldidaktik werden „approaches“, „strategies“, „styles“ und Konstrukte der Selbstregulation teilweise uneinheitlich verwendet; Überschneidungen und unterschiedliche theoretische Wurzeln tragen zur begrifflichen Unschärfe bei.

Messinstrumente Zur Erfassung von Lernansätzen werden verschiedene Selbstberichtsinstrumente eingesetzt. Neben ASSIST werden beispielsweise Varianten des Study Process Questionnaire genutzt; die Kurzform R-SPQ-2F erfasst tiefen- und oberflächenorientierte Ansätze und wurde auch für die Evaluation von Lehr-Lern-Umgebungen beschrieben. Überblicksarbeiten weisen zudem darauf hin, dass unterschiedliche Inventare teils verschiedene theoretische Traditionen und Begrifflichkeiten abbilden.

Lehrorientierungen Lehrorientierungen von Lehrkräften und Lernorientierungen von Studierenden zeigen Parallelen. Einige Lehrkräfte betrachten ihre Lehre nur aus der Perspektive des Fachgebiets. Sie halten es nicht für wichtig, ihr Verständnis des Fachgebiets in eine Form zu übersetzen, die Anfängern leicht zugänglich ist. Andere Lehrende halten es für zentral, Lernenden zu helfen, tiefgreifende Ansätze und ein konzeptionelles Verständnis zu entwickeln und gestalten ihre Lehre entsprechend.

Kritik Kritisch diskutiert werden (a) begriffliche und methodische Unschärfen, insbesondere die häufige Gleichsetzung von in Experimenten beobachteten Verarbeitungstiefen mit allgemeinen Lernansätzen im Studium, sowie (b) die uneinheitliche Begriffsverwendung und theoretische Heterogenität von Messinstrumenten. Zudem variieren Fragebogenmodelle darin, ob sie neben tiefgründigen und oberflächlichen Lernanorientierungen einen eigenständigen strategischen/„achieving“ Faktor annehmen; zum Beispiel evaluiert R-SPQ-2F nur tiefgründige versus oberflächliche Lernorientierungen.

Weblinks

Teaching Teaching & Understanding Understanding (Kurzfilm über Constructive Alignment, in dem auch Lernorientierungen thematisiert werden)

Siehe auch

Einzelnachweise

Kategorie:Lernen Kategorie:Hochschullehre