mini|Britische Erstversorgungsstelle während der Schlacht an der Somme, 1916 mini|Britischer Verbandplatz in der Nähe von Fricourt, 1916 mini|Verwundete warten auf ihren Abtransport mit einem britischen Lazarettzug. Bapaume, 22. März 1918

In der Geschichte der Medizin stellt der Erste Weltkrieg (1914–1918) einen Wendepunkt dar. So wurde die Medizin im Ersten Weltkrieg erstmals als entscheidendes strategisches Element der Kriegführung eingesetzt. In den Jahrzehnten vor Kriegsbeginn hatte die Medizin erhebliche Fortschritte gemacht. Die verheerenden Auswirkungen der Kriegswaffen des 20. Jahrhunderts beschleunigten die praktische Umsetzung dieser Erkenntnisse: In kurzer Zeit mussten enorme Zahlen von Verwundeten mit bislang unbekannten Verletzungen geborgen, erstversorgt, transportiert und weiterbehandelt werden: „Auf etwa 1,9 bis 2 Millionen [deutsche] Gefallene kam[en] […] ca. 4,4 Millionen an Verwundeten und Versehrten, viele von diesen [waren] dauerhaft geschädigt.“

Obwohl oft nur unvollständig dokumentiert, zeigen die verfügbaren Daten auf eindrucksvolle Weise das durch Kriegsgewalt verursachte Leid. Der Erfahrungsgewinn aus der Behandlung so vieler Menschen innerhalb von wenigen Jahren brachte neue logistische, medizinische und psychologische Konzepte hervor. Diese bildeten einerseits die Grundlage für die moderne Wehrmedizin, führten andererseits zu Fortschritten in zahlreichen Disziplinen wie beispielsweise der Viszeralchirurgie oder Infektiologie. Die Notwendigkeit, durch Verwundung verstümmelte Personen zu behandeln, ließ neue Fächer wie die Plastische Chirurgie, Orthopädie oder Neurochirurgie entstehen. Infolgedessen überlebten mehr Menschen ihre Kriegsverletzungen und erhoben Anspruch auf staatliche Fürsorge. Es entstanden Einrichtungen und Programme zur Rehabilitation Kriegsversehrter, die zum einen deren Wehrtauglichkeit und Arbeitsfähigkeit wieder herstellen, zum anderen die gesellschaftlichen Kosten ihrer Versorgung mindern sollten.

In der Weimarer Republik verwob sich die Diskussion um die wirtschaftlichen Kosten der Rehabilitation und Versorgung Kriegsversehrter auf unheilvolle Weise mit der aufkommenden Debatte um den „Sinn“ und „Wert“ individuellen Lebens. Zunächst richtete sich der Blick auf den einzelnen Fall schwerer Verstümmelung, doch schon 1915 war der viel weiter gefasste Begriff des „lebensunwerten Lebens“ aufgekommen, zu dessen „Vernichtung“ die Gesellschaft ein Recht habe. Der Möglichkeit des verbrecherischen Massenmords an Menschen mit körperlichen oder seelischen Erkrankungen oder Behinderungen war damit gedanklich der Weg gebahnt, den die Medizin im Nationalsozialismus in die Tat umsetzte.

„Krieg der Ärzte“ An den Fronten des Ersten Weltkriegs arbeiteten zehntausende Ärzte und Pflegende. In Deutschland erlaubte ein Gesetz vom Dezember 1916, jeden männlichen Deutschen zwischen 17 und 60 Jahren zum „vaterländischen Hilfsdienst“ zu verpflichten, wozu auch die Tätigkeit als Arzt oder Krankenpfleger zählte. Seit August 1914 war für Medizinstudierende das praktische Jahr weggefallen, Notprüfungen mit sofortiger Verleihung der Approbation stockten den Sanitätsdienst zu Kriegsbeginn auf. Ab März 1915 reichten zwei absolvierte klinische Semester für die Ernennung zum Feldunterarzt aus, ab August 1915 konnte ein halbes Jahr im Heeressanitätsdienst ein, ab Januar 1916 beide klinischen Semester ersetzen. In späteren Kriegsjahren waren weitere Verkürzungen der Studienzeit möglich. Für Medizinstudentinnen galten diese Ausnahmen nicht.

Die medizinischen Fortschritte des 19. Jahrhunderts hatten dem Berufsstand eine „Deutungs- und Handlungsmacht“ verliehen, die einen modernen Krieg ohne Medizin- und Sanitätswesen nicht mehr vorstellbar machte. Viel mehr Ärzte als zuvor waren in unterschiedlichen Funktionen direkt in das Kriegsgeschehen eingebunden, so dass von einem „Krieg der Ärzte“ gesprochen wurde. Aufgrund ihrer fachlichen Kompetenz lag die Macht, Krankheit und Gesundheit zu definieren, in der Hand der Ärzte. Sie entschieden darüber, ob und wie lang ein verwundeter oder erkrankter Soldat im Lazarett bleiben sollte und wo er anschließend eingesetzt werden konnte. Der Militärarzt war dem Patienten auch militärischer Vorgesetzter, die Verordnungen und Behandlungen hatten den Charakter eines militärischen Befehls. Im Ermessen des Arztes lag es, zwischen Krankheit und Simulation zu entscheiden und somit darüber zu bestimmen, ob ein Kriegsversehrter eine Entschädigung bekommen sollte oder als „Simulant“ leer ausging.

Ärzte in allen Ländern beteiligten sich an der Kriegspropaganda. So gehörten zu den Unterzeichnern der deutschen Propagandaschrift „Manifest der 93“ namhafte Wissenschaftler wie die Medizin-Nobelpreisträger Emil Adolf von Behring, Paul Ehrlich, Wilhelm Conrad Röntgen sowie Max Rubner und August von Wassermann. Als Reaktion darauf schloss die französische Académie nationale de médecine am 14. Dezember 1915 die drei Erstgenannten und den Chemie-Nobelpreisträger Emil Fischer als assoziierte Mitglieder aus. Zum Ausgleich wurden der Physiologe Léon Fredericq aus Lüttich, der Immunologie und Bakteriologe Jules Bordet aus Brüssel, der Physiologe François Henrijean aus Lüttich sowie William Osler aus Oxford gewählt. Schon im Jahr 1914 empfahl die Académie, belgischen Ärzten und Zahnärzten für die Dauer des Krieges die Ausübung ihres Berufs in ärztlich unterversorgten Regionen Frankreichs und Algeriens zu erlauben. Nach Kriegsende 1919 schloss die Académie royale de Belgique unter Verweis auf das „Manifest der 93“ alle assoziierten Wissenschaftler „feindlicher Länder“ aus.

Wissenschaftliche Kontakte zwischen den verfeindeten Ländern blieben wenigstens in Teilen bestehen: So hatte sich der französische Mikrobiologe Émile Roux, der eng mit Behring zusammen arbeitete, gegen den Ausschluss seiner deutschen Kollegen ausgesprochen. Fachzeitschriften wurden weiterhin auf allen Seiten gelesen: Beispielsweise wurde die von Henry Drysdale Dakin in Zusammenarbeit mit dem französischen Chirurgen Alexis Carrel entwickelte Methode der Wundantisepsis mittels Natriumhypochlorit-Spülung bald auch in deutschen Lazaretten angewandt.

Datenlage mini|Deutsche „Wundtäfelchen“ zur Dokumentation Verwundeter mini|Britische wound tags

Die Überlieferung zum preußischen Heeressanitätswesen ist durch die Zerstörung des Reichsarchivs in Potsdam nach einem Luftangriff im April 1945 verloren. Es lässt sich heute nur noch indirekt aus den bayerischen, württembergischen und sächsischen Archiven erschließen, die untereinander und mit den preußischen Behörden vernetzt waren. Der 1934 in Berlin veröffentlichte Sanitätsbericht über das Deutsche Heer (Deutsches Feld- und Besatzungsheer) im Weltkriege 1914/1918 ist im Jahr 2026 noch nicht online verfügbar.. Das Handbuch der ärztlichen Erfahrungen im Weltkriege 1914/1918 wird seit 2025 online gestellt.

In Frankreich werden militärmedizinische Dokumente in drei Hauptstellen aufbewahrt: dem Service des archives médicales hospitalières des armées (SAMHA) in Limoges, wo überwiegend individuelle Krankenakten sowie Archive einzelner medizinischer Einrichtungen aufbewahrt werden; dem Musée de Val-de-Grâce in Paris, mit lückenhaften Archiven und Dokumenten zum Gesundheitsdienst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts; und schließlich dem Service historique de la Défense in Vincennes mit den Archiven des Hôtel des Invalides, Akten einzelner Ärzte und Akten des Service de Santé aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert.

In Großbritannien gingen etwa zwei Drittel von ursprünglich etwa 6,5 Millionen Dokumenten aus dem Ersten Weltkrieg verloren, als im September 1940 eine deutsche Brandbombe den War Office Record Store in Arnside Street, London, in Brand setzte. Die übrig gebliebenen Dokumente waren verkohlt oder durch Löschwasser beschädigt und sind als „burnt documents“ online zugänglich gemacht. Auf britischer Seite nutzte man ab November 1914 medizinische Statistiken, um besser planen zu können und auf zukünftige Kriege besser vorbereitet zu sein. Auf Karteikarten sollten alle ortsfesten Einrichtungen und Krankenhäuser sämtliche Verwundungen dokumentieren. Alle sechs Monate sollten die Karten gesammelt an die Abteilung für Statistik des Medical Research Committee geschickt werden. Die unerwartet lange Dauer des Konflikts, die schiere Zahl der Verwundeten und die ständigen Truppenbewegungen machten es unmöglich, mit den verfügbaren Mitteln einen genauen Überblick zu behalten. Einzig die medizinischen Daten der British Expeditionary Force liegen in ausreichender Menge und Qualität vor. Die britischen Daten zur medizinischen Statistik des Großen Krieges wurden 1931 publiziert und stehen online zur Verfügung.

Während der Dritten Flandernschlacht versuchten die britischen Behörden, sich einen Überblick über die verschiedenen Verletzungen zu verschaffen. Deshalb wurden am 21. September 1917 sämtliche im Zeitraum von 24 Stunden in den Einrichtungen der Erstversorgung (Casualty clearing stations) um Ypern aufgenommenen Verwundeten dokumentiert.

+Britische Verwundete im Raum Ypern am 21. September 1917 Waffentyp Verwundungen Prozent Brisanzgeschosse 3.867 35,8 % Schrapnell 2.142 19,9 % Kugel 2.933 27,2 % Handgranate 77 0,70 % Bajonett 17 0,16 % Gas 209 1,94 % Unbekannt 1.544 14,3 % Insgesamt 10.789 100 %

Scotland (2012) erklärt die niedrigen Zahlen der durch Nahkampfwaffen (Bajonett, Handgranate) Verwundeten dadurch, dass entweder das Bajonett an diesem Tag selten zum Einsatz kam oder dass solche Wunden meist tödlich waren und nicht mehr in den Erstversorgungsstellen registriert wurden.

+Verletzungsmuster bei 48.290 britischen Verwundeten in Casualty Clearing Stations Anzahl AnteilKörperregion schwer leicht gesamt schwer leicht gesamt Kopf/Gesicht/Hals 2.804 4.905 7.709 5,81 % 10,16 % 15,96 % Augen 364 380 744 0,75 % 0,79 % 1,54 % Schulter und Rücken 2.126 2.873 4.999 4,40 % 5,95 % 10,35 % Vordere und seitliche Brust 1.308 854 2.162 2,71 % 1,77 % 4,48 % Vorderer und seitlicher Bauch 1.138 400 1.538 2,36 % 0,83 % 3,18 % Gesäß 863 1.019 1.882 1,79 % 2,11 % 3,90 % Oberschenkel 2.459 2.507 4.966 5,09 % 5,19 % 10,28 % Unterschenkel 3.542 3.917 7.459 7,33 % 8,11 % 15,44 % Füße 713 1.316 2.029 1,48 % 2,73 % 4,20 % Oberarme 2.245 3.218 5.463 4,65 % 6,66 % 11,31 % Unterarme/Ellenbogen 776 1.166 1.942 1,61 % 2,41 % 4,02 % Hände 808 2.138 2.946 1,67 % 4,43 % 6,10 % mehrere 2.986 1.465 4.451 6,18 % 3,03 % 9,22 %insgesamt 22,132 26.158 48.290 45,83 % 54,17 % 100 %

Logistik + Gesamtstärke der British Army 1913, 1914–18, 1927 Jahr „All ranks, all forces“ 1913 212.355 Aug–Dez 1914 1.524.257 1915 2.666.281 1916 3.551.398 1917 4.760.788 1918 4.796.088 1927 187.084

Niemals zuvor waren annähernd so große Menschenmassen unmittelbar in Kriegshandlungen einbezogen und standen damit unter der Obhut der medizinischen Dienste. Im ersten Kriegsjahr versiebenfachte sich die Stärke der British Army, im dritten Kriegsjahr waren mehr als zwanzigmal so viele Menschen militärmedizinisch zu versorgen.

Auf Seiten der Alliierten trat als zusätzliche Herausforderung die Mobilisation von Soldaten und Arbeitskräften aus den Kolonien hinzu, bei deren medizinischer Behandlung oftmals ihre Lebens- und Ernährungsgewohnheiten, kulturelle Bräuche und das Klima ihres Einsatzortes zu beachten waren: An der Westfront verrichteten 1917 62.905, 1918 117.484 nicht-europäische Personen Dienst in Arbeitsbataillonen. Bei der Vielzahl der Kriegsschauplätze war die Logistik der Verwundetenversorgung ebenso den örtlichen Bedingungen anzupassen wie die medizinische Behandlung der Verwundeten und der Erhalt der Gesundheit der Kämpfenden.