mini|Valeska Gert, München, 1918 mini|Valeska Gert in Tod, 1923–25 mini|Valeska Gert in Clown, 1928 mini|Valeska Gert in Clown, 1928 Valeska Gert (* 11. Januar 1892 in Berlin als Gertrud Valesca Samosch; † zwischen dem 15. und 18. MärzIMDb, filmportal.de und Kay Weniger: Das große Personenlexikon des Films geben 15. März an, Adolf Heinzlmeier und Berndt Schulz: Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars sowie Ulrich Liebe (Hrsg.): Von Adorf bis Ziemann. Die Bibliographie der Schauspieler-Biographien 1900–2000 16. März, CineGraph 15. oder 16. März. – Sie wurde am 18. tot aufgefunden und der Totenschein vermerkt als Datum „zwischen 15. und 18.“, wobei der 16. als wahrscheinlich gilt, aber nicht beweisbar ist. 1978 in Kampen (Sylt)) war eine deutsche moderne Tänzerin, Schauspielerin und Pantomimin (bzw. alles in einem),Rezension der Neuauflage ihrer Autobiografie Valeska Gert: Ich bin eine Hexe, veröffentlicht von Peter Sampel am 19. September 2019 die auch als KabarettistinSusanne Foellmer: Verschobene Körper, groteske Körper. Die Avantgardistin Valeska Gert. In: Gabriele Klein, Christa Zippich (Hrsg.): Tanz, Theorie, Text (= Tanzforschung. Band 12). Lit, Münster u. a. 2002, ISBN 3-8258-5901-0, S. 457–475. und Kabarett-Betreiberin tätig war. „Sie war eine der erfolgreichsten, aber auch umstrittensten Grotesktänzerinnen der zwanziger Jahre.“Schall und Rauch. Reprint einer Programmzeitschriften-Folge des gleichnamigen Max-Reinhardt-Kabarett in Berlin. Buchverlag Der Morgen, Berlin, 1985 (Biographische Notizen, S. 24)
Leben und Werk Anfänge und Zeit der Weimarer Republik Valeska Gert war das älteste Kind des Berliner Kaufmanns Theodor Samosch und dessen Ehefrau Augusta Rosenthal. Auf Veranlassung der Mutter erhielt sie ab ihrem siebten Lebensjahr Tanzstunden. 1915/1916 nahm sie Schauspielunterricht bei Maria Moissi und Alfred Breiderhoff. Sie debütierte im Februar 1916 als Tänzerin. Wenig später erhielt Gert ein Engagement an den Münchner Kammerspielen. Im Jahr darauf konnte sie bereits große Erfolge als Solotänzerin in Berlin und München verzeichnen. Ihre exzentrischen Tanzpantomimen, in denen sie Sujets wie Boxen, Nervosität, Kupplerin, Politiker, Diseuse, Berliner Verkehr und Wochenschau analysierte und deren Vielschichtigkeit als Einheit umsetzte, machten sie schließlich zum skandalumwitterten Star. So tanzte sie in Canaille eine Prostituierte inklusive „dem Krampf (Orgasmus), der dann kommt“, wie sie es 1976, als 84-Jährige, dem Regisseur Volker Schlöndorff in seinem Dokumentarfilm sagte. Gert entwickelte, wie im modernen Podiumstanz häufig üblich, ihre Tanz-Nummern selbst, nach von ihr selbst gewählten Themen.
Ihr für eine Tänzerin unkonventionelles Aussehen nutzte sie, um so unterschiedliche Tanzthemen wie beispielsweise Gruß aus dem Mumienkeller, Spreewälder Amme oder Opus 1, Komposition auf ausgeleiertem Klavier in großer Selbstdistanz performativ umzusetzen. Sie realisierte in den 1920er-Jahren auch radikalere Tänze wie den Tod: ein Tanz über die letzten Atemzüge eines Menschen, der beinahe aus Bewegungslosigkeit besteht und in seiner Radikalität einzigartig im Modernen Tanz oder der Performance der Zeit war. Auch stellte sie bereits in den 1920er-Jahren das junge Medium Film performativ dar, indem sie in ihren Tänzen Zeitraffer und Zeitlupe nutzte, sowie im Tanz über Berlins modernen Straßenverkehr (Titel: Verkehr) den Filmschnitt selbst tanzte. Ab ca. 1926 setzte Gert ihre Stimme in manchen Nummern und Gestalten ein, später auch Texte.
Gert kreierte zudem eine radikal reduzierte Form des Theaters: Nachdem sie im Vorprogramm den zweiten abstrakten Film von Walter Ruttmann uraufgeführt hatte, zeigte sie am 23. April 1923 eine revolutionäre Salome-Inszenierung in der Berliner Tribüne, für die sie den Text von Oscar Wilde stark gekürzt hatte, auf ein Bühnenbild verzichtete und selbst die Hauptrolle zu „dem rhythmischen, brünstigen Geheul einiger Frauen hinter der Bühne“Valeska Gert: Mein Weg. Leipzig 1931, S. 47 f. spielte und tanzte.
Ihre Anforderungen an zeitgenössischen Tanz, Film und Theater formulierte Gert in Zeitungsartikeln. Und 1931 forderte sie in ihrem ersten Buch Mein Weg eine Geräuschmusik und das Cut-up-Verfahren, bevor es Tonbänder gab, sowie eine Vokalmusik, die nur aus Geräuschen des Kehlkopfs besteht.
Im Jahr 1925 war sie erstmals in einem Stummfilm zu sehen: In Hans Neumanns Parodie von Ein Sommernachtstraum verkörperte sie den Puck. Kurz darauf setzte Georg Wilhelm Pabst sie mit großem Gewinn in seinem während der Inflationszeit spielenden Straßenfilm Die freudlose Gasse (1925) ein, in dem sie die Besitzerin eines Modegeschäfts, Nachtclubbetreiberin und Kupplerin gab. Danach sah man sie in Alraune und dem deutsch-tschechischen Filmdrama So ist das Leben. 1929 kam es erneut zu einer Zusammenarbeit mit Pabst: Er engagierte sie für Tagebuch einer Verlorenen. Hier brillierte sie als sadistische Leiterin eines Heims für gefallene Mädchen. Es sind vor allem die Szenen mit Valeska Gert, die dem Zuschauer im Gedächtnis haften bleiben: Während sie ihre leicht bekleideten Schutzbefohlenen zu Turnübungen animiert, treibt sie sich durch das Schlagen eines Gongs in eine Schrecken erregende Ekstase, die in einem veritablen Orgasmus mündet. Einen größeren Bekanntheitsgrad erlangte sie ein Jahr später mit ihrem Auftritt als Mrs. Peachum in der ebenfalls von Pabst in Szene gesetzten Dreigroschenoper. Auch bei den Künstlern jener Zeit erregte sie Aufmerksamkeit: Der Bauhaus-Schüler Wassiljef malte sie 1925 im Tod, Jeanne Mammen verewigte sie 1929 als und Charlotte Berend-Corinth hielt sie 1920 tanzend in einer Graphik-Folge fest. Im Jahr 1932 eröffnete Valeska Gert in Berlin ihr erstes Kabarett Kohlkopp.Vgl. kabarettarchiv.de (PDF; 88 kB) An diesem Kabarett beteiligt war auch Aribert Wäscher, mit dem Gert ab 1923 fünfzehn Jahre lang liiert war.Siegfried Müller, Valeska Gert, Hentrich & Hentrich Verlag, 2022, S. 49 und 56.
Emigration Nach 1933 hatte Gert, von den Nazis als „entartet“ diffamiert, in Deutschland außer im Kulturbund Deutscher Juden keine Auftrittsmöglichkeiten mehr und hielt sich länger in Frankreich, den USA und vor allem in England auf, kehrte jedoch immer wieder nach Deutschland zurück. In London war sie an dem experimentellen Kurztonfilm beteiligt. Es war für lange Zeit ihr letzter Film. Am 24. April 1936 heiratete sie in London ihren zweiten Ehemann,Ihren ersten Mann, den Arzt Helmuth von Krause (1893–1980), Sohn des Juristen Paul von Krause, hatte sie am 28. März 1918 geheiratet. Die beiden ließen sich am 23. November 1935 scheiden. den homosexuellen Schriftsteller und Kulturmanager Robin Hay Anderson. Er organisierte Valeska Gerts Solo-Auftritte 1936–1938. Anfang 1939 emigrierte sie in die USA. Hier hatte sie es schwer, in ihrem bisherigen Beruf zu arbeiten. Sie engagierte als Klavierbegleiter für Probeauftritte zeitweilig den 17-jährigen Georg Kreisler, was aber zu keinem Engagement führte. Im Sommer 1940 war Gert einige Wochen oder Monate lang in Provincetown als Aktmodell tätig. Im Sommer 1941 trat sie mehrfach im Hafenlokal White Whale in Provincetown auf. Ende 1941 eröffnete Gert im Greenwich Village in New York City die , ein von ihr selbst gestaltetes künstlerisches Kabarett mit einfacher Bewirtung. Dort traten neben Valeska Gert selbst unterschiedliche, teils ebenfalls eingewanderte Künstler auf, u. a. Kadidja Wedekind mit Rezitationen der Gedichte ihres Vaters Frank Wedekind oder auch der Pianist Fred (eigentlich Sigismund) Witt. Einer ihrer Kellner war der später als Dramatiker weltberühmt gewordene , der hier auch eigene Gedichte vortrug.Tennessee Williams: Memoiren. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1977, ISBN 3-10-092205-0, Seite 97–98. An der Garderobe arbeitete die später durch das berühmte Judith Malina. Zeitweise galt die Beggar's Bar als besonderer Tipp und wurde von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten besucht. In Gerts Lokal galt zudem keine Rassentrennung. Im Frühling 1945 musste Gert ihr Kabarett wegen behördlicher Auflagen schließen. In eröffnete Gert 1946 für einen Sommer das Kabarett Valeska’s.
Rückkehr 1947 kehrte Gert nach Europa zurück. Nach Zwischenaufenthalten in Paris und Zürich, wo sie das Kabarett Café Valeska und ihr Küchenpersonal eröffnete, reiste Gert 1949 in das unter Blockade stehende Berlin, wo sie zunächst das Kabarett Bei Valeska und im Folgejahr das Kabarett Hexenküche eröffnete, für die sie den jungen Klaus Kinski engagierte. Sie selbst spielte in der Hexenküche die für ihre Grausamkeit berüchtigte KZ-Kommandeursgattin Ilse Koch, die 1949 zu 16 Jahren Haft verurteilt wurde. Im Jahr 1951 erfolgte die Eröffnung des Nachtlokals „Ziegenstall“ in Kampen auf der Nordseeinsel Sylt. In der mit Heu dekorierten Bar sorgten wieder die KellnerHans-Juergen Fink, Michael Seuffert: Georg Kreisler. Gibt es gar nicht. Die Biographie. Scherz, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-502-15021-4. nicht nur für das leibliche Wohl, sondern auch für die Unterhaltung der Gäste. Valeska Gert trat hier jedoch nicht selbst auf.
Im Jahr 1965 engagierte sie der italienische Filmregisseur Federico Fellini für den Film Julia und die Geister, in dem sie, mit einer weißen Perücke versehen, die Rolle eines Faktotums übernahm. Am 28. Juni 1970 erhielt sie das Filmband in Gold für ihr langjähriges und hervorragendes Wirken im deutschen Film.
Im Jahr 1973 wirkte sie in R. W. Fassbinders TV-Serie Acht Stunden sind kein Tag mit und 1976 war sie in Volker Schlöndorffs Der Fangschuß als Tante Praskovia zu sehen. Schlöndorff drehte anschließend die Dokumentation Nur zum Spaß, nur zum Spiel, in der Gert über ihr Leben erzählt und einige Tänze und Performances wie die KZ-Kommandeuse Ilse Koch vorführt. Auch gibt sie eine Kostprobe ihrer Vokalmusik mit dem Kummerlied, welches nur aus Jammern, Wimmern und Heulen besteht. 1978 engagierte sie Werner Herzog, in seiner Neuverfilmung des Murnau-Klassikers Nosferatu den Häusermakler Knock zu spielen. Am 1. März unterzeichnete sie den Vertrag; doch starb sie vor Beginn der Dreharbeiten. Am 18. März 1978 machten sich Nachbarn und Bekannte Sorgen, weil Valeska Gert seit vier Tagen nicht mehr gesehen worden war. Als die Haustür in Gegenwart der Polizei gewaltsam geöffnet wurde, war Gert bereits tot. Vermutlich starb sie am 16. März 1978. mini|Ehrengrab der Stadt Berlin
Valeska Gert wurde in ihrer Geburts- und Lieblingsstadt Berlin beerdigt, wo sie auch nach ihrer Remigration noch lange Zeit (parallel zu Sylt) eine Wohnung hatte. Sie wurde auf dem Friedhof Ruhleben (Am Hain) in (West)-Berlin nicht wunschgemäß „in einem knallroten Sarg“ bestattet, deshalb war der Sarg mit einem roten Tuch bedeckt. Der schwarze Grabstein trägt ihren Namen als Autogramm in Pink. Die Grabstelle befindet sich im Feld XVI-175. Ihr Nachlass gelangte durch ihren Biographen an das Archiv der Akademie der Künste Berlin; bemerkenswerte Dokumente besitzen auch die Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln und das Deutsche Tanzarchiv Köln.
Valeska Gert ist ein Stern auf dem gewidmet; „[d]ie expressiven Grotesktanzpantomimen und suggestiven, mit Körpereinsatz vorgetragenen Chansons und Gedichte des Mädchens aus dem Mumienkeller gehören zum Ungewöhnlichsten, was auf der Kabarettbühne je zu sehen gewesen ist“. Im Berliner Stadtteil Friedrichshain ist eine Straße nach ihr benannt. Am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin besteht seit 2006 eine Valeska-Gert-Gastprofessur für Tanz und Performance. an der FU Berlin, abgerufen am 10. Mai 2011. Die Gemeinde Kampen auf Sylt ehrte ihre prominente Einwohnerin, die dem Ort seit 1920 bis zu ihrem Tod verbunden war und ihre Memoiren „Katze von Kampen“ betitelte, 2023 mit der Benennung eines Weges.Eine Straße für Valeska Gert. Kampen benennt den Wuldeweg nach der eigenwilligen Tänzerin um. In: Sylter Rundschau vom 25./26. Februar 2023, S. 10.