Mary Brigitte Cecilie Magdalene Willumsen (* 1884 in Kopenhagen; ✝ 1961 ebenda) war eine dänische Fotografin.

Sie ist heute vor allem für ihre weiblichen Aktfotografien aus den Damenumkleiden des Kopenhagener Badehauses Helgoland bekannt. Nachdem sie von ihrem verstorbenen Mann die fotografische Ausrüstung erbte, begann sie zu fotografieren, um den Lebensunterhalt für sich und ihren Sohn zu verdienen. Die erotischen, humorvollen und charmanten Aufnahmen verkaufte sie in Form von Postkarten an Kopenhagener Kioske. Schließlich beendete sie 1922 ihre Karriere als Fotografin, nachdem polizeilich wegen Pornografie und Obszönität gegen sie ermittelt wurde.

Leben Mary Brigitte Cecilie Magdalene Willumsen wurde am 13. Juli 1884 in Frederiksberg geboren und wuchs in einer Arbeiterfamilie im westlichen Kopenhagener Stadtteil Valby auf. Durch die Berufe ihrer Eltern Jens Nielsen und Hulda Caroline Elisabeth Nielsen, die als Gaswerkarbeiter und Näherin arbeiteten, war das Geld in der Familie stets knapp. Infolgedessen begann Mary Willumsen schon sehr früh damit, für ihre Familie Geld dazuzuverdienen. Beispielsweise verteilte sie mit sieben Jahren gemeinsam mit ihrer Mutter die Zeitung “Social-Demokraten” in Kopenhagen. Ihr Vater starb noch vor ihrem 15. Geburtstag. Im Jahr 1899 wurde sie konfirmiert und begann danach, im Alter von 15 Jahren, die Ausbildung und Arbeit als Näherin im großen Kaufhaus “Magasin du Nord”.

Am 29. Juli 1910 heiratete sie den Maler und Fotografen Harald Axel Larsen, geboren 1883, mit dem sie zwei Jahre später, 1912, ihren einzigen Sohn Svend Børge Larsen bekam. Die kleine Familie lebte in ärmlichen Verhältnissen in einer Kellerwohnung in Kopenhagen. Während der Ehe brachte er ihr das Fotografieren bei, das sie zunächst als Hobby betrachtete. Nachdem sie allerdings ein Jahr nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes, im Mai 1913, zur Witwe wurde, erkannte sie das Fotografieren als Einnahmequelle.

Sie begann ihre Aufnahmen im Kopenhagener Badehaus Helgoland an der Svanemolle-Bucht. Dort und in den naheliegenden Sanddünen fotografierte sie Mädchen und Frauen in geschützten Badebereichen, Umkleidekabinen und Zonen, die nur für Frauen zugänglich waren. Zunächst dürfte es sich dabei um recht spontane Aufnahmen gehandelt haben. Schnell wurde sie aber von wohlhabenden Badehausbesucherinnen im Voraus dafür angefragt, diese zu fotografieren. Später, als sie den Erfolg der Bilder erkannte, soll sie eigeninitiativ Modelle engagiert haben, um mehr und gezielt Fotografien produzieren zu können. Während ihrer aktivsten Schaffensphase zwischen 1914 und 1922, als sie täglich im Badehaus Helgoland fotografierte, wurden manche der Aufnahmen in der dänischen Frauenzeitschrift “Vore Dame” anonym veröffentlicht.

Darüber hinaus begann sie, ihre Werke in Form von Postkarten an die Kopenhagener Kioske zu verkaufen. Der Hauptabnehmer war der “Scala-Kiosk”, in dem der damalige Besitzer, Mr. Brix, etliche von Willumsens Karten veräußerte. Dieser soll sie im Lauf der Zeit dazu aufgefordert haben, mehr Fotografien von gänzlich entblößten Frauen anzufertigen. Sie kam diesem Wunsch nach, achtete aber eigener Aussage zufolge stets darauf, den Bildern keinen vulgären Charakter zu geben. Andere Abnehmer waren ein Kiosk in Istedgade und ein Kiosk am Circus garden. Außerdem arbeitete sie zu der Zeit mit verschiedenen Postkartenverlagen zusammen, die die Werke teilweise reproduziert haben sollen. Auf diese Art konnte sie sich und ihren Sohn finanziell absichern.

Am 9. November 1917 heiratete sie ihren zweiten Ehemann, den Milchmann Jens Ludvig Georg W., der das große geschäftliche Potential in ihrer Arbeit erkannte, und begann, ihr bei der Produktion der Fotografien in der Dunkelkammer zu helfen. Die Dunkelkammer soll sich im dunklen Treppenhaus der gemeinsamen Wohnung befunden haben.

Zwei Jahre später, 1920 begann die Kopenhagener Polizei eine großangelegte Operation, im Zuge derer in zahlreichen Kiosken und Verlagen nach pornografischem und damit illegalem Material in Form von erotischen Bildern und Literatur gesucht wurde. Auch Mary Willumsens Werke wurden dabei entdeckt und über 15.000 Postkarten als Beweismittel konfisziert. Darüber hinaus soll eine deutsche Bestellung in Höhe von 10.000 Karten aufgedeckt worden sein. Sie selbst wurde angeklagt und machte 1920 in einer polizeilichen Vernehmung bekannt, dass sie monatlich um die 1200 Karten allein für den Scala-Kiosk anfertigt hatte. Der Preis für eine Karte lag bei 25 Øre. Die Polizeiuntersuchung dauerte eineinhalb Jahre.

Nach den überlieferten Polizeiprotokollen stritt sie zunächst ab, in ihrem Leben jemals für etwas anderes strafrechtlich belangt worden zu sein oder staatliche finanzielle Unterstützung erhalten zu haben. Darüber hinaus betonte sie, nie die Absicht gehabt zu haben, pornografische Postkarten anzufertigen. Sie habe selbst an der Legalität gezweifelt, sei aber von Personen mit Expertise davon überzeugt worden, dass es sich bei ihren Werken um legale Fotografien handle. Zudem habe sie stets die Erlaubnis der Frauen eingeholt, die Fotografien zu verkaufen.

Willumsen wurde schließlich freigesprochen und die meisten Fotografien, die nicht §184 bezüglich obszönem Material tangierten, zurückgegeben. Obwohl sie 1922 um Erlaubnis gebeten hatte, ihre Fotografien im Badehaus unter Beachtung der offiziellen Regelungen wiederaufnehmen zu dürfen, gibt es heutzutage keine bekannten Aufnahmen von ihr, die in der Zeit nach der polizeilichen Ermittlung entstanden sind.

Sie verdiente danach ihren Lebensunterhalt, in dem sie beispielsweise in Auktionshäusern Antiquitäten an- und verkaufte. Im Jahr 1946 starb ihr Mann in Kopenhagen. Mary Willumsen starb am 25. Oktober 1961 im Alter von 77 Jahren.

Erinnerung Nach ihrem Tod geriet sie zunächst in Vergessenheit. Grund dafür war unter anderem die Verwechslung mit der Volkshochschulfotografin Marie Villumsen. Erst 1994 wurde sie wiederentdeckt. Im selben Jahr fand ab dem 4. Oktober in der New Carsberg Glyptothek eine Ausstellung mit einigen ihren Werken statt. Ihr Sohn Svend Børge Larsen besuchte die Ausstellung im Alter von 80 Jahren. Im Jahr 2002 starb er im Alter von 89 Jahren. Heute befinden sich die noch vorhandenen Fotografien in der Königlichen Bibliothek oder der Staatsbibliothek in Dänemark.

So gut wie alles, das über ihr Leben und Werk bekannt ist, entstammt den Polizeiprotokollen zu der Anklage wegen Produktion und Verkauf von illegalen Postkarten 1920. Andere Quellen sind außerdem Volkszählungs- und Kirchenbücher.

Werk Weg zur Fotografie In ihrer frühen Kindheit dürfte Mary Willumsen nur sehr wenig mit Fotografie in Kontakt gekommen sein. Zu der Zeit gab es zwar schon erste dänische Fotografen, jedoch befand sich die Kunstform zu der Zeit in Dänemark noch recht am Anfang. Menschen der Arbeiterklasse, der auch sie angehörte, hatten kaum Berührungspunkte mit dieser Disziplin. In den 1890er Jahren begannen erste dänische Zeitungen, fotografische Aufnahmen zu veröffentlichen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahm schließlich auch die Amateurfotografie in Dänemark dank einfachen Techniken zu.

Den ersten wirklichen Bezug zu der Fotografie und auch zu den technischen Hintergründen hat sie wohl erst in ihrer ersten Ehe mit Harald Axel Larsen gehabt. Dieser arbeitete neben dem Beruf als Maler auch als Fotograf und brachte ihr während der kurzen gemeinsamen Zeit das Fotografieren bei. Von ihm erbte sie zudem die Ausrüstung, was ihr das Anfertigen der Bilder überhaupt erst möglich machte. Anfänglich dürfte es sich dabei also eher um eine gemeinsame Freizeitbeschäftigung der beiden Eheleute gehandelt haben. Nachdem er 1913 gestorben war, sah sie sich mit der Herausforderung konfrontiert, als alleinerziehende Mutter den Lebensunterhalt zu verdienen. Wie genau sie auf die Idee gekommen ist, durch das Fotografieren an Geld zu kommen, ist nicht bekannt. Sicherlich wird ihr die Tatsache behilflich gewesen sein, dass sie es schon seit ihrer Kindheit gewohnt gewesen war, auf kreative Art und Weise an Geld zu kommen.

Badehaus Helgoland Die berühmtesten Fotografien Mary Willumsens entstammen dem Badehaus Helgoland an der Svanemølle-Bucht und den umliegenden Sanddünen. Dort bekam sie die Erlaubnis, die Gäste des Badehauses zu fotografieren, die sie darum baten. Auf den Bildern abgebildet sind immer Mädchen oder Frauen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten. Es sind demnach Porträtaufnahmen, die die Frauen darauf allerdings nicht bloß abbilden, sondern ihre individuellen Züge darstellen und teilweise eine Geschichte erzählen. Die Modelle befinden sich dabei immer in geschützten Bereichen zu denen Männer entweder keinen Zutritt hatten oder aus anderen Gründen fernblieben. Häufig befinden sich die fotografierten Frauen in den Damen-Umkleiden des Badehauses.

Stil Kennzeichnend ist zunächst, dass die Frauen auf jedem Bild individuell, mit eigenen Posen abgebildet sind. Auch die Intensität des Posierens variiert zwischen überhaupt keiner Pose und dem Erzählen einer Geschichte. Anhand der Bilder können ebenfalls Rückschlüsse über den Grad der Planung und Vorbereitung gezogen werden. Manchmal sind auf den Fotografien einfache Requisiten wie Pinsel oder Hüte zu erkennen, manchmal ist dagegen nur das Modell in der jeweiligen Umgebung abgebildet.

Ein Charakteristikum, das sich durch alle Aufnahmen zieht, ist die Tatsache, dass die Identitäten der Frauen verborgen bleiben. Das wird dadurch erreicht, dass sich diese beispielsweise wegdrehen, oder ihr Gesicht durch Gegenstände oder Posen verdecken. Der einfache Grund dafür dürfte gewesen sein, dass sich die Modelle andernfalls mit gesellschaftlichem Missfallen, Diskriminierung und Ausgrenzung hätten auseinandersetzen müssen. Außerdem schafft es Willumsen dadurch, dass die Persönlichkeiten der Frauen durch die Haltung, die Handlung und Teile der Mimik noch intensiver präsentiert werden. Darüber hinaus wird somit der Charakter eines Versteckspiels erreicht. Die Frauen scheinen mit dem Betrachter zu spielen, ohne diesen anzuschauen.

Teilweise wird in den Aufnahmen eine Geschichte erzählt, oder es wird indirekt dazu aufgefordert, sich eine Geschichte zu überlegen. In allen Fotografien ist Mary Willumsens Talent für das Erkennen des richtigen Augenblicks und Spontanität ersichtlich. Auch Komposition spielt eine wichtige Rolle. Obwohl sie die Identitäten der Frauen bewusst verbirgt, sticht am meisten der hohe Stellenwert der Individualität der Modelle hervor. Jedes Bild erzählt eine andere Geschichte oder transportiert ein anderes, einzigartiges Gefühl.

Auf allen Aufnahmen steht die Weiblichkeit der Frauen im Mittelpunkt, die allerdings in vielen verschiedenen Formen zu sehen ist. Manche Bilder sind erotisch, jedoch nie vulgär oder obszön. Mary Willumsen ist stets darauf bedacht gewesen, die jeweilige Erotik der Frauen unverfälscht und mit den persönlichen Einflüssen der Frauen darzustellen. Auf anderen Bildern wird Humor transportiert und auf vielen Bildern lachen die Frauen. Dadurch wird der Eindruck erzeugt, dass die Fotografin und das jeweilige Modell eine fröhliche Zeit zusammen verbracht haben. Teilweise erinnern die Bilder sogar an Freundinnen, die gemeinsam an einem Sommertag am Strand herumalbern. So vor allem bei Werken, auf denen mehrere Frauen fotografiert wurden. Anders als auf anderen Aufnahmen der Zeit, wirken die Frauen und Mädchen gelöst und frei. Das könnte daran liegen, dass die Bilder in geschützten Bereichen angefertigt wurden, wo sie sich vor männlichen Blicken sicher fühlen konnten. Zudem dürfte auch Mary Willumsens eigene Weiblichkeit förderlich dafür gewesen sein, dass sich die Modelle derartig wohl vor ihrer Kamera gefühlt haben.