The Lonesome Death of Hattie Carroll ist ein Protestsong, vom amerikanischen Singer-Songwriter Bob Dylan geschrieben und gesungen. Am 23. Oktober 1963 aufgenommen, wurde der Song 1964 auf Dylans 3. Album The Times They Are a-Changin’ veröffentlicht und steht für die literarische Qualität des Dylanschen Songwriting.

Der einsame Tod von Hattie Carroll: Der Fall und das Urteil Rassistisches Verbrechen Als Carroll 1963 getötet wurde, herrschte in Charles County in öffentlichen Einrichtungen wie Restaurants, Kirchen, Theatern, Arztpraxen, Bussen und dem Jahrmarkt noch immer eine strenge Rassentrennung. Die Segregation der Schulen des Charles County wurden erst 1967 aufgehoben. Der in dem Lied beschriebene Hauptvorfall ereignete sich in den frühen Morgenstunden des 9. Februar 1963 im Emerson Hotel in Baltimore. Mit einem Rohrstock griff der wohlhabende 24-jährige weiße Tabakfarmer William Zantzinger (bei Dylan Zanzinger) betrunken mindestens drei Mitarbeiter des Emerson Hotels an: einen Pagen, eine Kellnerin und – gegen 1:30 Uhr morgens – Carroll, eine afro-amerikanische 51-jährige Hotelangestellte, eine Mutter von neun Kindern. Howard Sounes schilderte die nächsten Momente auf der Grundlage der Gerichtsakten: Nachdem er Carroll geschlagen hatte, griff er seine eigene Frau an, warf sie zu Boden und schlug sie mit seinem Schuh. Fünf Minuten nach dem Schlag lehnte sich Carroll gegen eine Kollegin neben ihr und klagte über Übelkeit. Ihre Kollegen brachten Carroll in die Küche. Ihr Arm wurde taub, ihre Sprache undeutlich. Sie brach zusammen, wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Carroll starb acht Stunden nach der Attacke. Eine Autopsie ergab Arteriosklerose, ein vergrößertes Herz und hohen Blutdruck. Eine Lumbalpunktion bestätigte eine Hirnblutung als Todesursache. Sie starb am 9. Februar 1963 um 9 Uhr morgens im Mercy Medical Center (Baltimore, Maryland).

Der Prozess Zantzinger wurde zunächst wegen Mordes angeklagt. Er verteidigte sich damit, dass er extrem betrunken gewesen sei und behauptete, keine Erinnerung an den Angriff zu haben. Seine Anklage wurde auf Totschlag und Körperverletzung reduziert, basierend auf der Vermutung, dass es ihre Stressreaktion auf seine verbale und körperliche Misshandlung war, die zu der intrakraniellen Blutung führte, und nicht ein Trauma mit stumpfer Gewalt durch den Schlag, der keine bleibenden Spuren hinterließ. Am 28. August wurde Zantzinger in beiden Anklagepunkten schuldig gesprochen und zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt. Das Time Magazine berichtete über die Verurteilung: Nachdem das Urteil verkündet worden war, vermutete die New York Herald Tribune, dass er zu einer so kurzen Strafe verurteilt worden sei, damit er nicht im überwiegend von Schwarzen belegte Staatsgefängnis seine Strafe verbüßen müsse. Seine Berühmtheit würde ihn dort zum Ziel von Misshandlungen machen, vermutete man. Zantzinger verbüßte seine Zeit im vergleichsweise „sicheren“ Bezirksgefängnis des Washington County, ungefähr 110 km vom Tatort entfernt. Seine damalige Frau Jane klagte: „Niemand hier behandelt seine Nigger so gut wie Billy.“ (Original: “Nobody treats his niggers as well as Billy does around here.”)

Der Protestsong Entstehung, Aufnahme und Aufführung mini|28. August 1963, Washington D.C., Joan Baez, Bob Dylan William Zantzinger wurde am 28. August 1963 wegen Totschlags verurteilt. Am selben Tag hielt Martin Luther King Jr. seine Rede „Ich habe einen Traum“ beim Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit. Bob Dylan, damals 22 Jahre alt, war einer der Prominenten auf dem Marsch und auf der Heimreise nach New York City las er von der Verurteilung Zantzingers und beschloss, über den Fall ein Protestlied zu schreiben.

In einer Radiodokumentation über das Lied hieß es eher, dass er es sowohl in Manhattan als auch im Haus seiner damaligen Freundin, Joan Baez, in Carmel-by-the-Sea geschrieben habe.

Er nahm den Song am 23. Oktober 1963 auf, als der rassistische Vorfall und der Prozess noch im Gedächtnis der Öffentlichkeit waren. Das Lied gehörte sofort zu seinem Live-Repertoire. Schon am 26. Oktober 1963 trug er das Lied in der Carnegie Hall das erste Mal öffentlich vor (Live 1962-1966: Rare Performances From The Copyright Collections, 2018). Bis zum Oktober 2012 wurde das Lied 296 Mal in seinen Konzerten gespielt. Einige Live-Interpretationen erschienen auf den Alben The Bootleg Series Vol. 5: Bob Dylan Live 1975, The Rolling Thunder Revue (2002; aufgenommen am 21. November 1975), The Bootleg Series Vol. 6: Bob Dylan Live 1964, Concert at Philharmonic Hall (2004; aufgenommen am 31. Oktober 1964). Im Jahr 2019 wurden fünf Live-Auftritte des Songs von der Rolling Thunder Revue-Tour 1975 auf dem Boxset The Rolling Thunder Revue: The 1975 Live Recordings veröffentlicht.

Literarische und formale Aspekte Schon früh hatte Phil Ochs auf die herausragende poetische Qualität des Songs hingewiesen.

In seiner Autobiographie Chronicles: Volume One zählt Dylan „The Lonesome Death of Hattie Carroll“ zu den frühen Liedern, die unter dem tiefen Eindruck eines von Suze Rotolo empfohlenen Besuches einer New Yorker Aufführung der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht und Kurt Weill geschrieben wurden. Er erinnert sich, wie er die Worte von Seeräuber-Jenny niederschrieb, um zu verstehen, wie das Brecht-Weill-Lied seine Wirkung erzielte:

Dylan analysierte den Brechtschen Verfremdungseffekt an der Seeräuber-Jenny und versuchte, die gefundene emotionale Distanzierung auf seine Lieder zu übertragen. Der Chorus von „Hattie Carroll“, But you who philosophize disgrace and criticize all fears Take the rag away from your face Now ain't the time for your tears, gibt geradezu die Abwehr der Gefühle vor. Dreimal wiederholt er den Chorus, erst nach der kompletten Darlegung der literarisch bearbeiteten Geschichte von Hattie Carroll wird der Refrain variiert zu: Oh, but you who philosophize disgrace and criticize all fears Bury the rag deep in your face For now's time for your tears.

Der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering beobachtet, dass „der Song […] diese Geschichte konsequent im Brechtschen Gestus didaktisch-distanzierten ›Zeigens‹ und unter Nennung von Namen und Adressen“ vorträgt.

Der Literaturkritiker Christopher Ricks hält das Lied für „eines von Dylans größten“ und die Aufnahme auf dem Album The Times They Are a-Changin‘ für perfekt. Er widmet ihm ein ganzes Kapitel und analysiert sowohl die Bedeutung als auch die Prosodie in seinem Buch über Dylans Lieder als Poesie. Für ihn ist es ein „Song, der nicht besser geschrieben werden konnte“.

Auch Greil Marcus unterstreicht die literarische Qualität des Liedes: “[…]the perfection of the song as a work of art — of how, perhaps, the horror of the event brought out an apotheosis of craft that Dylan had never quite found before and would never find again.” Das Lied gehört für Greil Marcus zu den sieben Songs, die für die Biographie Bob Dylans grundlegend sind. Deshalb widmet auch er diesem Lied in seiner Biographie ein Kapitel. Für Greil Marcus dokumentiert sich in diesem Lied der „Ehrgeiz, eine Geschichte zu schreiben, die so lange dauern wird wie Antigone“ (Original: “We heard the ambition to write a history that will last as long as Antigone.”).

Dylans Selbstdeutung

Melodie In der Liste der Lieder von Bob Dylan wird der Song in der Kategorie Coversong mit neuem Text geführt. Danach gehen weite Teile der Melodie auf „Mary Hamilton“, eine schottische Ballade aus dem 16. Jahrhundert, als „Child Ballad 173“ in die Sammlung Child Ballads aufgenommen, zurück. Der Song gehörte schon früh zum Repertoire seiner Freundin Joan Baez (veröffentlicht auf „Joan Baez“, 1960).

Coverversionen Coverversionen gibt es unter anderem von Judy Collins (1964), Paul Jones (1967), Country Joe McDonald (1968), Phranc (1985), Roky Erickson & the 13Floor Elevators (1994), Martin Carthy (1998), Steve Howe (1999), Julie Felix (2002), Ronald Born (2002), Doc Chad (2003), Michael Rose (2004), Jewels & Binoculars (2004), Michel Montecrossa (2004), Rx Bandits (2005), Christy Moore (2005), Mason Jennings (2007), Les Shelleys (2010), Winston Apple (2010), Cage the Elephant (2012), Chris Dylan (2014), Paula Cole (2017), Charlie Ballantine (2018).

Text Bob Dylan: The Lyrics 1961-2012. Simon & Schuster, New York 2016, ISBN 978-1-4516-4876-8, S. 95. Bob Dylan: Lyrics. Herausgegeben von Heinrich Detering. Reclam (Fremdsprachentexte), Stuttgart 2009, ISBN 978-3-15-019741-7, S. 18–20.

Literatur Zeitungen Farmer Convicted in Barmaid’s Death. In: New York Times. 28. Juni 1963. S. 11. Farmer Sentenced in Barmaid’s Death. In: New York Times. 29. August 1963. S. 15.

Fachliteratur Frazier, Ian: Legacy of a Lonely Death. In: Mother Jones magazine, November/Dezember 2004, 42–47; partial version on line. Reprinted by The Guardian, 25. Februar 2005 als Life after a lonesome death (full version with the full song lyrics).

Christopher Ricks: Dylan’s Visions of Sin. Ecco Books, New York City 2003, ISBN 978-0-06-059924-9. Heinrich Detering: Bob Dylan. Reclam, Stuttgart 2009, 3. Auflage, ISBN 978-3-15-018662-6. Greil Marcus: Folk Music – A Bob Dylan Biography in Seven Songs. Yale University Press 2022, ISBN 978-0-300-25531-7.

Weblinks Maryland Court Records, abgerufen am 11. August 2023, englisch. „Legacy of a Lonesome Death“, Mother Jones, November/December 2004, abgerufen am 11. August 2023, englisch. „Bob Dylan – The Lonesome Death of Hattie Carroll“, SongMeanings.net, abgerufen am 13. August 2023, englisch. „The Art of Bob Dylan's 'Hattie Carroll'“, web.cecs.pdx.edu (1964 critique by Phil Ochs in Broadside Magazine), abgerufen am 10. August 2023, englisch. Text von “The Lonesome Death of Hattie Carroll” bobdylan.com (englisch), abgerufen am 10. August 2023. „The Lonesome Death of Hattie Carroll“, bbc.co.uk (BBC Radio 4 programme); abgerufen am 24. August 2015, englisch.

Einzelnachweise

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