Das Alpha-Gal-Syndrom (AGS) (auch Alpha-Gal-Allergie; andere Bezeichnungen: Säugetierfleischallergie, Zeckenstich-Fleischallergie) ist eine vor allem in den U.S.A. verbreitete allergische Reaktion auf das Kohlenhydrat Galactose-α-1,3-galactose (Kurzform: Alpha-Gal), das in tierischen Produkten von Säugetieren vorkommt, besonders Fleisch und Milchprodukte, und auch als Medikamentenallergie auftreten kann, wenn diese tierische Bestandteile haben, die Alpha-Gal enthalten. Die allergische Reaktion ist dabei um einige Stunden nach Nahrungsaufnahme verzögert und ist eine IgE-vermittelte Hypersensitivitätsreaktion vom Typ IV. Sie wird getriggert durch einen vorherigen Zeckenbiss, v. a. durch die in den U.S.A. vorkommende Zecke Amblyomma americanum (Lone-Star-Zecke).Alpha-gal syndrome, CDC (regelmäßig aktualisiert, Erstveröffentlichung 2019)Aima A. Ahonkhai, Howard M. Heller, Sarah M. Schrader: Case 20-2026: A 38-Year-Old Man with Abdominal Pain. New England Journal of Medicine 2026, Band 395, Ausgabe 3 vom 16. July 2026, Seiten 291–300, DOI:10.1056/NEJMcpc2513544

Geschichte Erst 2008 konnte gezeigt werden, dass IgE-Immunglobuline gegen Alpha-Gal eine allergische Reaktion auslösen können. Dazu kam es im Rahmen einer Injektion von Cetuximab, einem in der Onkologie verwendeten chimären monoklonalen Antikörper, der Spuren von Alpha-Gal enthält. Und erst 2009 konnte gezeigt werden, dass Fleischprodukte ebenfalls eine Alpha-Gal-Reaktion auslösen können.

Ursache und Krankheitsentstehung mini|rechts|Chemische Struktur von Alpha-Gal

Galactose-alpha-1,3-galactose (Alpha-Gal) ist ein Kohlenhydrat, das in den Zellmembranen der meisten Säugetiere vorkommt, jedoch nicht beim Menschen. Es ist als Dipeptid vielfach an Glykoproteine und Glykolipide der Zellmembran gebunden. Aufgrund einer erworbenen genetischen Mutation mit einem Frameshift und einem daraus folgendem vorzeitigem Stop-Codon wird es nicht von Menschen, Menschenaffen und Meerkatzenverwandten exprimiert. Daher bilden diese durch Antigen-Kontakt über das Darm-Mikrobiom, Pathogene und Nahrung mit Säugetier-Produkten Antikörper gegen Alpha-Gal, aber nur von den Immunglobulin-Typen IgM, IgG und IgA, ohne dass daraus eine allergische Reaktion folgt. Hingegen kommt Alpha-Gal-IgE-Immunglobulin physiologisch bei Menschen nicht vor. Die natürlich vorhandenen menschlichen Antikörper wurden mit einem besseren Schutz gegen Viren, Bakterien und Parasiten assoziiert, die Alpha-Gal produzieren, und sind damit ein wichtiger immunologischer Schutz.

Andererseits stellen die physiologischen Antikörper gegen Alpha-Gal auch eine große Hürde bei der Entwicklung der Xenotransplantation dar, weshalb die Spendertiere genetisch so modifiziert werden müssen, dass sie ebenfalls kein Alpha-Gal produzieren können.

mini|hochkant=1.5|Allergische Sensibilisierung für Alpha-Gal (Grafik auf Englisch).Patricia Román-Carrasco, Wolfgang Hemmer, Alejandro Cabezas-Cruz, Adnan Hodžić, José de la Fuente, Ines Swoboda: The α-Gal Syndrome and Potential Mechanisms. Frontiers in Allergy 2021, Band 2, vom 16. Dezember 2021, Artikel Nr. 783279, doi:10.3389/falgy.2021.783279, pmid:35386980, pmc:8974695

Nach einem Zeckenbiss kann es zu einer allergischen Sensibilisierung kommen. In erster Linie ist Amblyomma americanum verantwortlich, eine Zeckenart, die vor allem im Osten der U.S.A. vorkommt, und deren Ausbreitungsgebiet sich in den letzten Jahrzehnten durch die Klimaveränderung deutlich nach Norden bis in die Neuengland-Staaten und zu den Großen Seen sowie nach Westen ausgebreitet hat.

Auch der in Deutschland weit verbreitete Gemeinen Holzbock (Ixodes ricinus) und Ixodes holocyclus in Australien können eine Alpha-Gal-Allergie auslösen, entsprechend sind einzelne Fälle in Australien und Europa, auch in Deutschland beschrieben.

Wenn eine Zecke Alpha-Gal-haltiges Blut eines Säugetiers aufgenommen hat, verbleibt das Kohlenhydrat in ihrem Verdauungstrakt und wird beim Stich auf den Menschen übertragen. Eine Sensibilisierung für das Allergen findet also erst durch den Blut- und Lymphkontakt nach dem Zeckenstich statt (Injektionsallergen) Es resultiert eine verzögerte allergische Typ-IV-Reaktion, die IgE-vermittelt ist.

Bei der Sensibilisierung bildet sich Alpha-Gal-IgE, das an basophile Granulozyten und Mastzellen bindet, die dadurch sensibilisiert werden. Kommt es erneut zu einem Kontakt dieser Zellen mit Alpha-Gal, werden sie aktiviert und durchlaufen eine Degranulation, wodurch zahlreiche Zytokine ausgeschüttet werden und damit die verzögerte allergische Reaktion getriggert wird. Das Alpha-Gal-Syndrom kann sich auch noch viele Wochen nach einem Zeckenbiss entwickeln.

Verbreitung Laut der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC gab es zwischen 2010 und 2022 rund 110.000 Verdachtsfälle von Alpha-Gal-Syndrom in den Vereinigten Staaten. Die tatsächliche Zahl der Betroffenen ist jedoch unbekannt und es besteht weiterer Forschungsbedarf, um die Verbreitung der Erkrankung zu bestimmen.

Klinische Erscheinungen Beim Alpha-Gal-Syndrom ist ein weites Spektrum von klinischen Erscheinungen möglich, das von isolierten Magendarmproblemen über allergische Hautreaktionen bis zu lebensbedrohlichen anaphylaktischen Reaktionen führen kann und in seltenen Fällen tödlich verlaufen kann.

Eine allergische Reaktion auf Alpha-Gal setzt meistens nach Aufnahme von Fleischprodukten mit drei bis acht Stunden Verzögerung ein, wodurch sie sich von anderen Nahrungsmittel-Allergien abgrenzt. Selten sind frühere oder auch bis 12–24 Stunden verspätete Reaktionen beschrieben worden.

Typische Krankheitszeichen können sein:

Juckreiz (Pruritus) am ganzen Körper Nesselsucht (Urtikaria) Angioödem Beschwerden in Magen-Darm-Trakt (z. B. Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall) Atemnot im schlimmsten Fall Kreislaufkollaps

Die allergischen Reaktionen hängen von der Menge konsumierten Alpha-Gals ab und können von Person zu Person und bei einer Person zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich sein. Sie können leicht bis schwer oder sogar lebensbedrohlich sein. Menschen reagieren möglicherweise nicht nach jedem Alpha-Gal-Kontakt allergisch. Die Gründe für diese Unterschiede sind bisher noch nicht erforscht und werden eher theoretisch diskutiert.

Diagnose Die Diagnose erfolgt aufgrund der typischen Krankheitsgeschichte und Blutuntersuchungen, bei denen spezifische Antikörper des Typs Immunglobulin E gegen Alpha-Gal (Alpha-Gal-IgE) nachgewiesen werden (Normbereich unter 100 U/l). Ein erhöhter Alpha-gal sIgE-Blutwert ist im Allgemeinen ein verlässlicher Hinweis darauf, dass man auf Alpha-Gal allergisch reagieren kann. Der Bluttest lässt jedoch keine sichere Aussage darüber zu, ob man überhaupt Krankheitszeichen entwickelt und wie ausgeprägt diese sein könnten.

Eine Bestätigung der Diagnose erfolgt durch einen deutlich verminderten Alpha-Gal-IgE-Spiegel einen Monat nach Beginn der diätetischen Elimination Alpha-Gal-haltiger Nahrungsmittel.

Auch Prick-Tests, bei denen eine Reaktion an der Haut ausgelöst wird, werden manchmal empfohlen.CDC: Fact Sheet for Health Care Providers, Stand: 12. April 2022; zuletzt abgerufen am 28. Juli 2023 Sie sind jedoch eher unzuverlässig verlässlich, da häufig falsch-negativ.

Therapie Bei Vorliegen einer akuten allergischen Reaktion ist diese wie jede allergische Reaktion zu behandeln, eventuell können Antihistaminika und Corticoide eingesetzt werden, auch zur Prävention. Kommen Urtikaria, Atemwegssymptome oder anaphylaktische Symptome hinzu, sollte der betroffene Patient einen Adrenalin-Autoinjektor mit sich führen.

Eine Hyposensibilisierung ist unter ärztlicher Überwachung möglich, aber oft langwierig, und Rezidive sowie Resensibilisierungen sind möglich.

Die wichtigste Therapie ist das langfristige Vermeiden von Alpha-Gal-haltigen Lebensmitteln, vor allem von Säugetier-Fleisch- und Gelatine-Produkte. Alpha-Gal kommt in minimalen Konzentrationen auch in Medikamenten vor, v. a. in solchen, die von Tieren gewonnen werden oder denen tierische Produkte (v. a. Gelatine) beigefügt wurden:

Alpha-Gal-haltige Lebensmittel Säugetierfleisch (wie Rind, Schwein, Lamm, Wild, Kaninchen usw.) kann große Mengen an Alpha-Gal enthalten. Organfleisch von Säugetieren, darunter Leber, Lunge, Herz, Nieren, Därme (Kutteln), Bries Lebensmittel, die Milch und Milchprodukte enthalten (viele Patienten mit AGS vertragen Milchprodukte)

Einige Menschen mit AGS reagieren möglicherweise auch empfindlich auf Alpha-Gal, das enthalten ist in: Gelatine aus Rind- oder Schweinefleisch, z. B. in Bonbons und Süßwaren Produkten, die aus Säugetierfett hergestellt oder damit gekocht werden (z. B. Schmalz oder Talg) Fleischbrühe, Bouillon, Brühe und Soßen. Hilfreich kann die Verwendung eines Ernährungstagebuchs sein. Auf diese Weise dokumentiert man sämtliche, täglich gegessene Lebensmittel gemeinsam mit eventuell aufgetretenen Krankheitszeichen (Art, Intensität und Zeitablauf).

Alpha-Gal-haltige Medikamente und Medizinprodukte Einige Medikamente und Impfstoffe können geringe Mengen an Alpha-Gal-haltigen Zusatzstoffen, Stabilisatoren oder Beschichtungen enthalten. Nicht alle Patienten mit AGS reagieren auf diese Inhaltsstoffe und solche Reaktionen sind sehr selten. Zu den Zutaten, die Alpha-Gal enthalten können, gehören Gelatine, Glyzerin, Magnesiumstearat, Rinderextrakt und andere, eventuell aus Körperteilen von Tieren gewonnene Produkte. Andere medizinische Produkte wie Herzklappenersatz von Schweinen oder Kühen, monoklonale Antikörper wie Cetuximab, Heparin und bestimmte Gegengifte sind tierischen Ursprungs und können Alpha-Gal enthalten.

Vorbeugung Wenn eine Allergie besteht, sollte auf Lebensmittel ohne Galactose-α-1,3-galactose zurückgegriffen werden. Das sind beispielsweise Geflügelfleisch (Huhn, Ente, Pute, Gans), Eier, Fisch und Meeresfrüchte wie Garnelen sowie Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte und Nüsse.

Einzelnachweise

Kategorie:Krankheitsbild in der Inneren Medizin