Als Kurgankultur (nach kurgán ‚Grabhügel‘) werden verschiedene neolithische und kupferzeitliche Kulturen Ost- und Mitteleuropas zusammengefasst, deren Gemeinsamkeit in Bestattungen unter großen, aus Erde oder Steinen aufgeschütteten Grabhügeln besteht. Der von Marija Gimbutas geprägte Begriff ist mit einer Urheimat und Ausbreitung der Indogermanen verbunden, die besonders auf Vorarbeiten zur darin zentralen Steppentheorie aufbaut, die die Urheimat der Indogermanen in der Pontischen Steppe nordöstlich des Schwarzen Meeres verortet.
Ursprung der Steppentheorie Vor Gimbutas Bereits im 19. Jahrhundert wurde die Urheimat der Indogermanen in den pontischen Steppen angesiedelt, namentlich von Forschern wie Theodor Benfey (1869), Victor Hehn (1870), Otto Schrader (1883, 1890), Theodor Pösche (1886), und auch Karl Brugmann neigte dazu. Mit dem Rassentheoretiker Karl Penka (1883), der in der Nachfolge dann von Gelehrten wie Hermann Hirt, Gustaf Kossinna, Franz Specht, Julius Pokorny, John Loewenthal unterstützt wurde, setzte in Mittel- und Nordeuropa jedoch eine unseriöse völkisch-nationalistische Gegenströmung ein, die die indogermanische Urheimat in Deutschland oder Skandinavien verortete, deren Einwohner folglich über „rassische Überlegenheit“ gegenüber anderen Völkern verfügen würden, so dass dieses völkisch-nationalistische Lager auch die Begriffe germanisch und indogermanisch fälschlich miteinander gleichsetzte, wie auch die Begriffe germanisch und arisch. Demgegenüber ist heute bekannt, dass die asiatischen Arier bzw. Indoiraner und Indoarier zwar ein Teil der Indogermanen als Nachfahren der Kurgankultur waren, mit den viel später in Europa auftauchenden, ebenfalls von den Kurgan abstammenden Germanen aber nicht näher verwandt waren als über die gemeinsame indogermanische Sprachfamilie.
Beide Lager, die Vertreter der seriösen Steppen- sowie der völkischen Nordeuropatheorie, betonten bereits im 19. Jahrhundert rudimentäre Spuren möglicher, linguistisch, archäologisch sowie über vergleichende Religionswissenschaft erschließbarer vorindogermanischer matriarchaler Fruchtbarkeitskulte in Europa, die ab dem Auftreten indogermanischer Kulturen verdrängt oder zumindest nachhaltig marginalisiert worden seien. Hierbei ging jedoch das völkisch-nationalistische Lager, das die indogermanische Urheimat in Mittel- bzw. Nordeuropa verortete, eher davon aus, diese matriarchalen Rudimente als vermeintlichen „altgermanischen Mutterkult“ als genuin indogermanisch, folglich in der indogermanischen Protohistorie weniger marginalisiert und erst durch die Einführung des Christentums nachhaltig verdrängt anzusehen, als das die Steppentheorie vertretende Lager tat, das im Gegensatz dazu die Theorie formulierte, das Patriarchat mitsamt seiner Abwertung matriarchaler Fruchtbarkeitskulte sei primär durch die indogermanische Einwanderung in Europa eingeführt worden. Ebenfalls zählte auch der offensichtliche Gegensatz zwischen agrarisch-sesshaften bzw. teils seefahrenden und kriegerisch-nomadischen Elementen in indoeuropäischen Kulturen bereits lange vor Gimbutas zu den wichtigen Forschungsfeldern der Indogermanistik und der indogermanischen vergleichenden Religionswissenschaft (s. dazu die Arbeiten u. a. Georges Dumézils).
Im 20. Jahrhundert wurde die Steppentheorie besonders vom marxistischen Archäologen Vere Gordon ChildeV. G. Childe: The Aryans: a study of Indo-European origins, K. Paul, London 1926.David W. Anthony: The „Kurgan Culture“, Indo-European origins, and the domestication of the horse: A reconsideration. (PDF; 5,5 MB) In: Current Anthropology, Band 27, Nr. 4, August-Oktober 1986, S. 291–313. sowie dem deutschen Prähistoriker Ernst Wahle weiterentwickelt. Wahle war wiederum Doktorvater des litauischen Archäologen Jonas Puzinas, des Doktorvaters von Marija Gimbutas.
Bei Marija Gimbutas Der 1956 durch Gimbutas im Rahmen ihrer Zusammenfassung dieser älteren Forschungen zur Steppentheorie geprägte Begriff der Kurgankultur bezog sich bei ihr zunächst auf die Diskussion einer Urheimat der indogermanischen Sprachen.Marija Gimbutas: The Prehistory of Eastern Europe. Part I: Mesolithic, Neolithic and Copper Age Cultures in Russia and the Baltic Area. Peabody Museum, Cambridge (Massachusetts) 1956.Marija Gimbutas: Culture Change in Europe at the Start of the Second Millennium B.C. A Contribution to the Indo-European Problem. In: A. F. C. Wallace (Hrsg.): Selected Papers of the Fifth International Congress of Anthropological and Ethnological Sciences. Philadelphia, September 1–9, 1956. University of Philadelphia Press, Philadelphia 1960, S. 540–552. Später verband Gimbutas die Hypothese der ethnischen Einheitlichkeit dieser Kulturen zunehmend mit Vorstellungen zur Einführung patriarchaler Strukturen in Europa.Marija Gimbutas: Das Ende Alteuropas. Der Einfall von Steppennomaden aus Südrussland und die Indogermanisierung Mitteleuropas. Institut für Sprachwissenschaft, Innsbruck 1994. ISBN 3-85124-171-1
Der Oberbegriff „Kurgankultur“ wird im archäologischen und sprachwissenschaftlichen Diskurs bis heute verwendet. Die Kurgan-Hypothese von Marija Gimbutas war und ist umstritten, dies trifft aber auf alle Hypothesen zur indogermanischen Urheimat zu. Heute ist die aus der Kurgan-Hypothese umformulierte Steppen-These das dominante Modell der Indogermanisierung Europas.Asya Pereltsvaig, Martin W. Lewis: The Indo-European Controversy. Facts and Fallacies in Historical Linguistics. Cambridge University Press, Cambridge 2015.
Überblick Die litauisch-amerikanische Archäologin Marija Gimbutas führte 1956 die Bezeichnung „Kurgantradition“ als Oberbegriff für die halbnomadischen, runde Hügelgräber bauenden Völker ein, nach ihrem auffälligsten Merkmal, den riesigen Kurganen (nach russisch-tatarisch kurgán ‚Grabhügel‘), in denen eine ausgewählte Gruppe von Toten mit zahlreichen Grabbeigaben bestattet wurde. Diese Kulturen werden gewöhnlich als „Ockergrabkultur“ und „Grubengrabkultur“ (bzw. mittlerweile auch oft als Jamnaja-Kultur) bezeichnet, was Gimbutas nicht prägnant genug erschien.
Die Ockergrab- bzw. Kurgankultur ist gekennzeichnet durch Einzelbestattung in Grabgruben (später Holzkammern), über die ein Grabhügel (Kurgan) aufgeworfen wurde. Die Gräber enthalten Einstreuungen von Ocker. Da die für Steppenvölker typischen Gräber auch in Mittel- und Südosteuropa auftauchen, werden sie von Gimbutas zum Beweis ihrer Kurgan-Hypothese herangezogen. In einer Reihe von Gräbern, zuerst bei der Maikop- und Novotitarovskaja-Kultur, fanden sich Wagen oder Räder als Beigaben sowie Äxte aus Stein oder Kupfer. Die Skelette in den späteren Erdgräbern lagen entweder ausgestreckt oder in Hockerhaltung auf dem Rücken.
Von vielen Archäologen werden Begriffe wie „Kurganvolk“ und „Kurgankultur“ jedoch abgelehnt, da sie nach ihrer Meinung den kulturellen Verschiedenheiten und Entwicklungen innerhalb eines weiträumigen Gebietes während einer Dauer von rund 2000 Jahren nicht gerecht werden und einen so nicht bestehenden Kontext suggerieren. Die meisten Archäologen, besonders in Russland, verwenden den Begriff Kurgankultur nicht, sondern unterteilen den entsprechenden Zeitabschnitt in verschiedene regionale, zeitlich begrenzte Kulturen, die in der nebenstehenden Grafik unter „Kupfersteinzeit“ (außer Glaskowo) zu finden sind.
Der Begriff „Kurganhypothese“ bezeichnet die Vorstellung, diese Region sei Urheimat der Sprecher der gemein-indogermanischen Grundsprache. Diese Hypothese wird mittlerweile von den meisten Prähistorikern und Sprachwissenschaftlern positiv beurteilt.
Entstehung nach Gimbutas Die sogenannte Kurgankultur entstand vom 5. bis 3. Jahrtausend v. Chr. während der Austrocknung der Steppengebiete in Südrussland, die sich damals zwischen Dnepr, Siwerskyj Donez, Don und Wolga nördlich über das Kaspische Meer hinaus bis zum Ural erstreckten. Durch Trockensteppebildung, östlich des Kaspischen Meeres auch Wüstenbildung, und die daraus resultierenden Hungersnöte waren die Träger der Kurgankultur zu Wanderungen in westlichere, regenreichere Gebiete gezwungen. Von diesem Zeitpunkt an, als die Völker nördlich des Schwarzen Meeres unterworfen bzw. verdrängt waren, also etwa ab 4500 v. Chr., werden die vermuteten halbnomadischen Eroberer von Gimbutas als „Kurganvölker“ bezeichnet.
Lebensweise Die Kurgankultur steht nach Gimbutas im Gegensatz zur Gesellschaft des sogenannten Alteuropas, also der neolithischen und äneolithischen Kulturen Europas, die friedfertig, sesshaft und matriarchal organisiert gewesen sein sollen. Die Kurganvölker dagegen gehörten einer kriegerischen, patriarchalen und hierarchischen Kultur an, die ihre Toten in Erdgruben mit zelt- oder hüttenartigen, von einem Stein- oder Erdhügel bedeckten Kammern bestattete. Diese halbnomadischen Völker lebten jahreszeitlich bedingt vorübergehend in halb unterirdischen Grubenhäusern und betrieben in den festen Siedlungen einen jahreszeitlichen Ackerbau, der in geringerem Maße, aber kontinuierlich betrieben wurde. Den übrigen Teil des Jahres zogen sie mit den Viehherden auf schweren von Ochsen gezogenen Wagen in den Süden und lebten dort von Weidewirtschaft. Wagengräber, also Wagen als Grabbeigabe für die Verstorbenen, waren häufig. Die Kurgankultur war die erste Kultur einer ganzen Reihe archäologischer Kulturen, die ihre Verstorbenen in Grabhügeln (Kurganen) bestatteten. Diese Tradition hielt sich in den eurasischen Steppen noch bis um die Zeitenwende bei den Reitervölkern der Skythen und nahestehender Stämme, verschwand danach aber. Im Gegensatz zu späteren Kulturen waren die Einrichtung der Grabkammer und die Beigaben noch relativ einfach. Oft war es nur eine einfache Grube (russisch: Jama), auf die der Name der Teilkultur der Jamnaja-Kultur zurückgeht.
Unter den Grabfunden Südosteuropas finden sich bis etwa 4300 v. Chr., abgesehen von Gerätschaften zur Jagd, keine Waffen. Außerdem gibt es angeblich keine Hinweise auf Befestigungen von Siedlungen. Deshalb waren laut Gimbutas die friedfertigen Ackerbauern eine leichte Beute für die wandernden Gruppen der Kurgankultur, die sie überrannten. Die Eindringlinge waren mit Stich- und Hiebwaffen ausgerüstet: mit langen Dolchen, Speeren, Lanzen, Pfeilen und den typischen Kurgan-Bögen aus Holz. Untersuchungen der Kurgane ergaben, dass nur ein Teil der Männer Waffen ins Jenseits mitbekam, während in Kurganen späterer Reiternomaden alle Männergräber und viele Frauengräber Waffen enthielten.
Wanderungen in Wellen mini|Angeblicher Vorstoß der Kurganvölker nach Ostmitteleuropa in der Zeit zwischen 4300 und 3500 v. Chr.
Als Projektleiterin von fünf großen Ausgrabungen in Südosteuropa und nach intensiven Studien eines weiten Spektrums von archäologischen Originalberichten und linguistischen Forschungen glaubte Gimbutas seit 1977 nachweisen zu können, dass die Indogermanen das „Alteuropa“ der Kupferzeit, d. h. das vorurindogermanische jungsteinzeitliche Europa, infiltriert hatten.
Die verschiedenen Kurgankulturen mit einer patriarchalen Herrschaftsstruktur, die aus einem König oder Fürsten, einem Adelsrat und freien Männern bestand, wanderten demnach aus der Steppenregion des nördlichen Schwarzmeer- und des unteren Wolga-Gebiets, wahrscheinlich aus klimatischen Gründen während einer Trockenperiode, aus. Sie zogen gen Westen nach Europa (vgl. Badener Kultur, Schnurkeramik-Kultur und Trichterbecherkultur), gen Südwesten nach Anatolien, gen Südosten – allerdings erst ab ca. 2000 v. Chr. – in den heutigen Iran und das heutige Indien (vgl. Andronowo-Kultur und indoiranische Sprachen), gen Nordwesten in das Baltikum und nach Osteuropa und gen Osten in die südrussischen und kasachischen Steppen bis in den Altai und nach Tuwa (vgl. Afanasjewo-Kultur, die wahrscheinlich von Zuwanderern aus der Jamnaja-Kultur begründet wurde), später von dort ins Tarimbecken (vgl. Tocharer).