mini|Grenze zwischen Armenien und Aserbaidschan mini|Von Aserbaidschan besetzte Gebiete Armeniens (2023) Diese Chronik enthält die Ereignisse im armenisch-aserbaidschanischen Grenzkonflikt von der Eskalation am 12. Mai 2021, als aserbaidschanische Soldaten mehrere Kilometer auf armenisches Gebiet vordrangen, bis Ende 2021. Der Konflikt findet zwischen Armenien und Aserbaidschan entlang deren gemeinsamer Staatsgrenze, insbesondere die Region Bergkarabach, statt. Der Konflikt um diese Region reicht weit in die Vergangenheit zurück. Bereits zuvor gab es seit dem Waffenstillstand vom 10. November 2020, der den Krieg um Bergkarabach 2020 beendete, gelegentlich Streitigkeiten um die gemeinsame Grenze.
Vorgeschichte und erste Zusammenstöße Der Konflikt um Bergkarabach, im Zuge dessen Armenien beziehungsweise die international nicht anerkannte Republik Arzach seit den 1990er Jahren die von ihnen beanspruchten und weitere Gebiete von Aserbaidschan in Bergkarabach hielt, eskalierte im September 2020 zu einem erneuten Krieg. Im Laufe des Krieges konnte Aserbaidschan ein Drittel des Territoriums der Republik Arzach erobern. Ein weiteres Drittel, Gebiete die zu Zeiten der Sowjetunion schon direkt von Aserbaidschan verwaltet wurden und keine Autonomie hatten, wurden im Zuge des Waffenstillstands der Kontrolle von Aserbaidschan übergeben. Der übrige Teil Arzachs wurde unter den Schutz einer russischen Friedenstruppe gestellt, die ebenfalls den Latschin-Korridor kontrolliert, der die letzte Verbindung zwischen Arzach und Armenien darstellt. Die Einrichtung der Friedenstruppe wurde bis Anfang Mai 2021 abgeschlossen.
Die Übergabe von Gebieten an Aserbaidschan führte in Arzach zu Problemen in der Kommunikation einschließlich Mobilfunk sowie in der Stromversorgung. Bereits im Dezember kam es zu Verletzungen des Waffenstillstands durch Aserbaidschan. Es folgten weitere Angriffe und Grenzüberschreitungen und -streitigkeiten in der Region zwischen dem Latschin-Korridor und Stepanakert, die einzige Verbindung zwischen Armenien und Arzach. Außerdem Streitigkeiten und Blockaden an der Mine von Sotk, die genau auf der Staatsgrenze liegt und an Orten entlang der Straße zwischen den armenischen Städten Goris und Kapan, die entlang der Grenze verläuft. Diese unmittelbaren Grenzgebiete hatte Aserbaidschan nicht einnehmen können, sie wurden von Armenien im Laufe des Dezembers 2020 auf Anweisung von Premier Paschinjan geräumt, um Kämpfe mit einrückenden aserbaidschanischen Grenztruppen zu vermeiden.
Am 2. Februar 2021 warf Aserbaidschan Armenien vor, Schüsse auf aserbaidschanische Stellungen im Bezirk Qazax, weit nördlich von Bergkarabach, abgegeben zu haben, was die armenische Regierung bestritt. Im April 2021 wurde auch wieder mehrfach Beschuss von Ortschaften im verbliebenen Gebiet von Arzach gemeldet, insbesondere Stepanakert und dessen südliche Umgebung.
Ereignisse
Mai 2021 mini|Der Sew-See (aserb. Qaraqöl) vom Berg Ischchanassar gesehen, an dem in sowjetischer Zeit die Grenze nicht genau markiert wurde und in dessen Umgebung in Richtung Armenien es zu Kämpfen kam. Die Streitigkeiten an der neuen Grenze zwischen Armenien und Aserbaidschan eskalierten erstmals ab dem 12. Mai 2021, als nach armenischen Angaben aserbaidschanische Soldaten am See Sew (aserb. Qaragöl) 3,5 km weit in armenisches Staatsgebiet vordrangen, auf das Gebiet des südwestlicheren Dorfes Ischchanassar und in Richtung Werinschen. Am 13. Mai sollen aserbaidschanische Soldaten in Richtung der Städte Sissian und Wardenis vorgestoßen sein. Zunächst kursierende Gerüchte, es wäre zu Kämpfen gekommen und armenische Soldaten wären verwundet worden, stellten sich bald als Falschmeldungen heraus. Armenische Soldaten hätten die aserbaidschanischen Einheiten zurückgedrängt, ohne dass Schüsse fielen. Von Aserbaidschan wurde diesem Vorwurf nicht direkt widersprochen. Während der französische Präsident Aserbaidschan aufforderte, sich unverzüglich zurückzuziehen und die US-Regierung ihre Besorgnis über die Situation bekundete, gab die russische Regierung, die Vertragspartner im Waffenstillstand in der Region ist, zunächst keine Stellungnahme zum Vorfall ab. Erst einen Tag später forderte der russische Präsident die Konfliktparteien auf, sich an den Waffenstillstand zu halten. In den Tagen nach dem Vorfall äußerten beide Seiten widerstreitende Auffassungen zum Grenzverlauf am See Sew. Bis 17. Mai meldete die Regierung in Jerewan, dass Aserbaidschan zwei Grenzposten der Provinz Gegharkunik eingenommen habe, wobei es sich laut Aserbaidschan nur um Grenzanpassungen und Besetzung der eigenen Posten handelte. Danach, so die armenische Regierung, hätten sich die insgesamt 250 auf armenisches Gebiet vorgedrungenen aserbaidschanischen Soldaten teilweise wieder zurückgezogen. Zugleich wurde seither der Zugang zu grenznahen Weiden und Wasserreservoirs in den Provinzen Sjunik und Gegharkunik durch aserbaidschanischen Einheiten erschwert, so beim Dorf Kut. Das von Armenien um Unterstützung gebetene Sicherheitsbündnis OVKS unter Führung Russlands lehnte Beistand ab. Die russische Regierung bot nur Mediation bei der Demarkation der Grenze an.
Am 20. Mai kam es erneut zu einem Aufeinandertreffen beider Streitkräfte am See Sew. Bis zu 600 aserbaidschanische Soldaten sollen sich laut der armenischen Regierung zu diesem Zeitpunkt auf armenischem Gebiet befunden haben. Am folgenden Tag sollen 11 armenische Soldaten beim Dorf Chosnawar von Aserbaidschanern verletzt worden sein. Am 25. Mai sollen aserbaidschanische Soldaten zu den Orten Werin Schorzha im Südosten der Provinz Gegharkunik und Werinschen (südöstlich des Sees Sew) vorgedrungen sein. Nahe Werin Schorzha sei ein armenischer Soldat getötet und eine Stellung auf armenischem Gebiet eingenommen worden, mit der Aserbaidschan die Straße nach Kəlbəcər besser kontrollieren könne. Die armenische Opposition behauptete, dass inzwischen 1000 aserbaidschanische Soldaten in Armenien seien. Aserbaidschan wies all dies zurück. In den Tagen darauf nahmen aserbaidschanische Sicherheitskräfte zunächst sechs (27. Mai), dann noch mal 40 armenische Soldaten fest. Diese sollen die Grenze nach Aserbaidschan überschritten haben, die ersten sechs Minen verlegt haben, so die Regierung in Baku. Laut Paschinjan verlegten die Soldaten Minen auf der armenischen Seite der Grenze. Beide Seiten verstärkten ihre Anstrengungen zur Befestigung der Grenze, wobei von armenischer Seite Aserbaidschan vorgeworfen wurde, bis jenseits der Grenze vorzudringen. In der Nacht zum 28. Mai soll Armenien eine aserbaidschanische Stellung bei Aschagi Buskow in Nachitschewan beschossen und dabei einen Soldaten verwundet haben, was Armenien zurückwies.
Juni 2021 Nach Angaben des aserbaidschanischen Verteidigungsministeriums sind am 1. Juni 40 armenische Soldaten bei Armudlu in den aserbaidschanischen Bezirk Kəlbəcər eingedrungen und wurden von aserbaidschanischen Einheiten zurückgedrängt. Armenien bestritt dies, gab aber an, dass bei einem Zusammenstoß in der Region zwei armenische Soldaten verletzt wurden. Am 6. Juni kam es zu einem Schusswechsel, nachdem aserbaidschanische Einheiten einen Hirten aus Kut und dessen Herde angriffen und dies von der armenischen Seite erwidert wurde. Ab dem 5. Juni begann Aserbaidschan mit der Errichtung von Befestigungen an der Grenze nahe Werin Schorzha, woraufhin es bis zum 11. Juni mehrfach zu Schusswechseln mit armenischen Soldaten kam, die Bauarbeiten auf armenischem Gebiet verhindern wollten. Am 8. Juni meldete Aserbaidschan die Festnahme eines Saboteurs bei Laçın, laut Armenien hatte sich der Soldat nur im Nebel verirrt. Am 28. Juni kam es bei Tech zu einem Angriff aus Aserbaidschan auf einen armenischen Bauern, der dann von armenischen Soldaten geschützt wurde.
Juli 2021 mini|Armenische Soldaten der Grenzstellung im Hochgebirge der Provinz Gegharkunik am 28. Juli 2021, die nach einem Filmbericht des armenischen Verteidigungsministeriums, aus dem das Standbild kommt, kurz vorher beschossen worden waren. Am 6. Juli berichtete Armenien, dass aserbaidschanische Einheiten armenische Soldaten in Gegharkunik angegriffen hätten, die den Beschuss erwidert haben. Dabei seien zwei armenische und zwei aserbaidschanische Soldaten verletzt worden. Am gleichen Tag berichtete Aserbaidschan von Beschuss seiner Stellungen bei Aliagaly im Bezirk Ağdam, wobei ein Soldat verletzt wurde. Für den 10. Juli berichtete Baku vom Beschuss einer Stellung bei Tschambarak im Bezirk Gədəbəy. Die armenische Seite berichtete von einem verwundeten Soldaten durch Beschuss von Aserbaidschan in der Provinz Ararat am 14. Juli, am gleichen Tag soll der benachbarte aserbaidschanische Bezirk Sədərək beschossen worden sein, wobei ein Soldat verletzt wurde. Am 13. Juli und erneut in der Nacht zum 15. Juli kam es nahe Şuşa in Bergkarabach zu Schusswechseln zwischen aserbaidschanischen und irregulären armenischen Einheiten. Die zur gleichen Zeit stattfindende Ernte an der Waffenstillstandslinie wurde von russischen Friedenstruppen geschützt, um befürchtete Angriffe Aserbaidschans zu verhindern. Ebenfalls am 15. Juli meldete Aserbaidschan armenischen Beschuss seiner Stellung in Yukhary Airym in Kəlbəcər, was Armenien bestritt. Ende Juli gab es erneut wiederholt Schusswechsel an der Grenze zwischen beiden Staaten: Am 19. Juli sei Jerasch von Aserbaidschan beschossen worden. Die aserbaidschanische Regierung wiederum sprach von Beschuss aus Armenien seit dem 17. Juni auf Stellungen in den Bezirken Kəlbəcər, Ağdam, Tovuz und Sədərək sowie drei Verletzten auf ihrer Seite. Am 23. Juli sei dabei ein Soldat in getötet worden. Am nächsten Tag sollen aserbaidschanische Einheiten das Feuer auf armenische Stellungen eröffnet haben. Die Schusswechsel hier und bei Jerasch hielten bis 26. Juli an. Während Armenien Aserbaidschan beschuldigte, bei Sotk und Werin Schorsa eine neue Offensive zu starten, sah die Regierung in Baku die Schuld bei Waffenstillstandsbrüchen Armeniens. Am 28. Juli seien drei armenische Soldaten getötet und vier verletzt worden, als die Grenze zwischen Gegharkunik und Kəlbəcər beschossen worden sei. Armenien bat daher Russland erneut um Hilfe und um die Stationierung russischer Truppen an der armenischen Grenze, wie auch schon Ende Juni. sowie um eine Befassung durch den UN-Sicherheitsrat. So würden die Bewohner des armenischen Dorfes Tech von den nahen aserbaidschanischen Einheiten bedroht.
August 2021 Anfang August kam es vermehrt zu gegenseitigem Beschuss beziehungsweise Vorwürfen darüber an der Grenze zwischen der Exklave Nachitschewan und Armenien, so am 2., 6., 8., 10. und 11. August. Auch an der Grenze zwischen Gegharkunik und Sjunik auf der einen und Kəlbəcər und Laçın auf der anderen Seite kam es am 4. August zu Auseinandersetzungen. Am 12. August warfen sich beide Seiten gegenseitig den Bruch des Waffenstillstands in Bergkarabach vor. Aserbaidschan habe bei Şuşa eine Offensive mit Beschuss und einer Drohne versucht. Armenien habe entgegen dem Abkommen Truppen in das Gebiet der russischen Friedenstruppen verlegt und an den folgenden Tagen aserbaidschanische Stellungen in Kəlbəcər, Gədəbəy, Laçın, Xocalı und Füzuli beschossen. Gegenseitiger Beschuss der armenischen Provinzen Gegharkunik, Sjunik und Ararat sowie der aserbaidschanischen Bezirke Tovuz, Kəlbəcər, Gədəbəy sowie der Exklave Nachitschewan setzte sich bis zum 18. August fort. Dabei kamen fünf armenische Soldaten ums Leben, ein weiterer wurde verwundet. Am 17. August sollen aserbaidschanische Einheiten im Südwesten der Republik Arzach durch Beschuss einen Feldbrand verursacht und dann die Feuerwehr beschossen haben. mini|Die armenische Fernstraße M2 (E117) in dem nun wieder an Aserbaidschan zurückgegebenen Abschnitt bei dem Dorf Eyvazli, die hier und in einem südlicheren Abschnitt kurzzeitig von Aserbaidschan unterbrochen wurde.