Abū l-Hasan Muhammad ibn Yūsuf al-ʿĀmirī an-Nīsābūrī ( gest. 6. Januar 992 in Nischapur) war ein islamischer Philosoph und Logiker, der sich hauptsächlich in Chorasan aufhielt. In seiner Philosophie mischte er Neuplatonismus und Aristotelismus, doch anders als seine philosophischen Zeitgenossen war er besonders daran interessiert, die Beschäftigung mit Philosophie gegenüber den Religionsgelehrten zu rechtfertigen. Die versöhnliche Haltung gegenüber dem Islam verband ihn mit seinem Lehrer Abū Zaid al-Balchī (gest. 934) und dessen Lehrer al-Kindī.Rowson: „al-ʿĀmirī“. 1980, Band XII, S. 72b. Al-ʿĀmirī war vor allem als Metaphysiker bekannt.

Leben Über al-ʿĀmirīs Leben ist nur wenig bekannt. Nach Angabe von Abū Sulaimān as-Sidschistānī studierte er bei Abū Zaid al-Balchī.as-Siǧistānī: Ṣiwān al-ḥikma. 2004, S. 307. Nach dem Tod seines Lehrers begab er sich nach Buchara, und von dort aus nach Taschkent, wo er Fiqh und māturīditischen Kalām bei Abū Bakr al-Qaffāl studierte. Anschließend kehrte er nach Buchara zurück und verfasste dort sein magnum opus as-Saʿāda wa-l-isʿād. In der Zeit zwischen 953 und 963 lebte er in Nischapur.Gholamhossein Ebrahimi Dinani, Sayyad Javad Tabatabai: „Abū l-Ḥasan al-ʿĀmirī“ in Encyclopaedia Islamica .

Von ungefähr 964 an lebte al-ʿĀmirī für fünf Jahre in Raiy, wo er studierte, Texte diktierte und Bücher abfasste. Abū Haiyān at-Tauhīdī schreibt, dass Miskawaih, der zu dieser Zeit ebenfalls in Raiy lebte, kein einziges Wort von ihm übernommen und kein einziges Problem von ihm im Gedächtnis bewahrt habe, als ob zwischen ihnen eine Barriere gewesen wäre.Abū Ḥaiyān at-Tauḥīdī: al-Imtāʿ wa-l-muʾānasa. Band I, S. 36. Miskawaih selbst berichtet, dass er al-ʿĀmirī im Gefolge des hochgebildeten buyidischen Wesirs Abū l-Fadl Ibn al-ʿAmīd sah, als sie auf der Durchreise von Chorasan nach Bagdad waren und von dort zurückreisten. Obwohl al-ʿĀmirī zu dieser Zeit bereits ein voll ausgebildeter Philosoph gewesen sei und eigene Kommentare zu Aristoteles Werken verfasst habe, habe er sich dem Wesir als sein Schüler untergeordnet.Miskawayh: Taǧārib al-umam. Ed. H.F. Amedroz. 3 Bde. Basil Blackwell, Oxford 1920. Band 2, S. 277. ().

Im Jahre 360 der Hidschra (= 970/71 n. Chr.) sah ihn Abū Haiyān at-Tauhīdī in Bagdad im Lehrzirkel von Abū Hāmid al-Marwarūdhī verkehren. Er sprach dort über ein Fiqh-Problem, nämlich die Zulässigkeit von berauschenden Getränken, wobei at-Tauhīdī sich darüber wunderte, dass er dafür philosophische Begriffe verwendete. At-Tauhīdī sah ihn dann noch ein zweites Mal im Jahre 364 (= 974/75 n. Chr.) im Gefolge von Abū l-Fadls Sohn Abū l-Fath Ibn al-ʿAmīd das Gespräch mit den Bagader Philosophen führen.At-Tauḥīdī: Al-Baṣāʾir wa-ḏ-ḏaḫāʾir. Ed. Widād al-Qāḍī. 9 Bände. Dār Ṣādir, Beirut 1988. Band 3, S. 93 f. (). Zu al-ʿĀmirīs Bekanntschaften in Bagdad gehörte der Grammatiker Abū Saʿīd as-Sīrāfī, mit dem er im Dschumādā II 364 (= Februar/März 975) über das Bā' der Basmala disputierte.At-Tauḥīdī: Aḫlāq al-wazīrain. Ed. Muḥammad aṭ-Ṭanǧī. Dār Ṣādir, Beirut 1992. S. 411 f. (). Ibn al-ʿAmīd soll bei dieser Gelegenheit as-Sīrāfī gelobt und al-ʿĀmirī getadelt haben.Mīnūvī: „Abū l-Ḥasan al-ʿĀmirī“ in Urdu Dāʾirah-i Maʿārif-i Islāmīyah Band I, S. 772b. At-Tauhīdī erwähnt, dass al-ʿĀmirī noch in verschiedene andere Diskussionen verwickelt wurde, so zum Beispiel über die Aussage, dass der Philosoph mit geschlossenen Augen sehen kann, was der Nicht-Philosoph nicht mit offenen Augen sehen kann, so wie darüber, dass der Arzt der wahre Bruder des Astronomen sei. Nach dem Bericht Abū Haiyān at-Tauhīdīs (gest. 1009) wurde al-ʿĀmirī von den Bagdader Gelehrten allerdings nur sehr kühl aufgenommen, weil er mit seiner Langweiligkeit (kazzāza), Ungeschliffenheit (ġilaẓ ṭibāʿ) und Schroffheit (ǧafāʾ ḫuluq) Abneigung gegen sich hervorrief.Abū Ḥaiyān at-Tauḥīdī: al-Imtāʿ wa-l-muʾānasa. Band II, S. 84.

Umgekehrt war al-ʿĀmirī auch von den Verhaltensweisen der Bagdader Gelehrten enttäuscht. Abū Sulaimān as-Sidschistānī zitiert ihn mit der Aussage, dass er bei den Leuten von Bagdad „äußere Eleganz, bewundernswerte Aufmachung und liebliches Aussehen“ gesehen habe, dahinter aber „herrschende Dummheit, falsche Liebe und Verachtung für die Menschen von Chorasan und aller anderen Gebiete“. Am besten für den Menschen sei es, wenn sein Verstand orientalisch (mašriqī) und seine Gestalt irakisch seien. Auf diese Weise verbinde er die Festigkeit Chorasans mit der Eleganz des Irak und halte die Dummheit Chorasans und die Leichtfertigkeit des Irak von sich fern.as-Siǧistānī: Ṣiwān al-ḥikma. 2004, S. 310.

Um 980 war al-ʿĀmirī bereits nach Chorasan zurückgekehrt, wo er seinen Traktat at-Taqrīr li-auǧuh at-taqdīr dem samanidischen Wesir Abū l-Husain al-ʿUtbī (gest. 982) widmete.Rowson: A Muslim Philosopher on the Soul and Its Fate. 1988, S. 6. Wahrscheinlich konnte er auch al-ʿUtbīs großartige Bibliothek benutzen. Außerdem verfasste al-ʿĀmirī in Buchara mehrere Bücher, darunter al-Amad ʿalā l-abad (fertiggestellt 985) und Manāqib al-islām. Später kehrte al-ʿĀmirī nach Nischapur zurück, wo er am 27. Schauwāl 381 (= 6. Januar 992) starb.Yāqūt al-Ḥamawī: Muʿǧam al-udabāʾ. Ed. Iḥsān ʿAbbās. Dār al-Ġarb al-Islāmī, Beirut 1993. Band 1, S. 233. Digitalisat

Ein muslimischer Gelehrter namens al-DscharīrīVgl. zu ihm Kraemer: Humanism in the Renaissance of Islam. 1986, S. 170, 237. fasste al-ʿĀmirīs Leben mit den Worten zusammen, dass dieser hinsichtlich der Harmonisierung von Philosophie und Scharia ähnliche Ziele wie sein Lehrer Abu Zaid al-Balchī verfolgt habe. Deswegen habe man ihn von einer Gegend in die andere getrieben, nach seinem Leben getrachtet, so dass er das eine Mal bei Ibn al-ʿAmīd und das andere beim Oberkommandierenden von Nischapur Zuflucht nehmen musste, und schließlich sich der Volksmenge angebiedert habe, indem er Bücher zur Unterstützung des Islams geschrieben habe. Dennoch habe man ihn verdächtigt, ein Mulhid zu sein und die Lehre von Anfangsewigkeit der Welt (qidam al-ʿālam) und die philosophische Theorie von Hayūlā, Form, Zeit und Raum zu vertreten. Er habe jedoch mit jedem Neuerer zusammengesessen und intime Gespräche geführt.Abū Ḥaiyān at-Tauḥīdī: al-Imtāʿ wa-l-muʾānasa. Band II, S. 15.

Werke Al-ʿĀmirī listet in seinem Werk al-Amad ʿalā l-abad, das er sechs Jahre vor seinem Tod verfasste, 17 Werke auf und erklärt, dass er außerdem noch kurze Abhandlungen, Antworten auf verschiedene Fragen und Kommentare zu logischen und naturwissenschaftlichen Arbeiten verfasst habe und darüber hinaus im Auftrag von Emiren und Staatsmännern noch verschiedene Schriften auf Persisch. All diese Werke seien in den Ländern verbreitet und bei den gebildeten Menschen beliebt.al-ʿĀmirī: al-Amad ʿalā l-abad. Ed. E.K. Rowson. Beirut 1979. S. 55–57 (). Al-ʿĀmirīs Werke behandelten die Felder Logik, Physik, Psychologie, Metaphysik, Ethik, Biologie, Medizin, Doxographie, Sufik, Koranexegese und Traumdeutung.Wakelnig: „al-ʿĀmirī, Abū l-Ḥasan“. 2011, S. 73b. Von diesen Werken haben sich nur die folgenden vollständig oder auszugsweise erhalten:

al-Iʿlām bi-manāqib al-islām Al-Iʿlām bi-manāqib al-islām („Die Unterrichtung über die Vorzüglichkeiten des Islams“) ist eine philosophische Verteidigung des Islams, die aus zehn Kapiteln, einer Einleitung und einem Schlussteil besteht und dem samanidischen Wesir Abū Nasr ibn Abī Zaid gewidmet ist.Rowson: „al-ʿĀmirī“. 2010, S. 488. Das Buch ist lediglich in einer Handschrift erhalten, die sich in der Râgib-Pascha-Bibliothek in Istanbul befindet (Ms. 1463, fol. 1r–28r) und auf das Jahr 525 der Hidschra (= 1130 n. Chr.) datiert ist.Rowson: A Muslim Philosopher on the Soul and Its Fate. 1988, S. 8. Ahmad ʿAbd al-Hamīd Ghurāb veröffentlichte 1967 in Kairo eine Edition.Abū l-Ḥasan al-ʿĀmirī: Kitāb al-Iʿlām bi-manāqib al-islām. Ed. Aḥmad ʿAbd al-Ḥamīd Ġurāb. Dār al-Kātib al-ʿArabī, Kairo 1967. Neuausgabe Dār al-Aṣāla, Riad 1988. Digitalisat Franz Rosenthal hat den mit der Wissenschaftslehre befassten Teil ins DeutscheFranz Rosenthal: Das Fortleben der Antike im Islam. Artemis, Zürich und Stuttgart 1965. S. 91–101. und den mit Politik befassten Teil ins EnglischeRosenthal: „State and religion according to Abu ’l-Ḥasan al-ʿĀmirī“. 1956, S. 42–52. übersetzt. E.K. Rowson liefert eine englische Übersetzung der Einleitung und der ersten drei Kapitel.Seyyed Hossein Nasr, Mehdi Aminrazavi (ed.): An Anthology of Philosophy in Persia. Oxford University Press, New York/Oxford 1999. S. 136–159.

In seiner Vorrede beklagt al-ʿĀmirī die Tatsache, dass die Masse der Menschen die Philosophie, die eigentlich die höchste Form des Wissens darstellt, ablehnen und nicht beachten.al-ʿĀmirī: Kitāb al-Iʿlām bi-manāqib al-islām. 1988, S. 69. Sodann erklärt er, dass es dem Menschen im Falle, dass er Missetaten begeht, nicht möglich sei, andere davon abzuhalten, darüber zu sprechen, und das einzige Mittel, das dann helfe, eine Verbesserung der Charaktereigenschaften (iṣlāḥ al-aḫlāq) sei.al-ʿĀmirī: Kitāb al-Iʿlām bi-manāqib al-islām. 1988, S. 73. Die Behauptung einer Gruppe von Philosophen und einer Gemeinschaft von Bātiniten, dass die Aneignung von Wissen den Philosophen von allen religiösen Pflichten befreie, weil die Führung der Menschen auf den richtigen Pfad ausreichend sei, sei dagegen ein schwerer Fehler, weil Wissen auch das Prinzip der Handlung umfasse, und die Handlung die Vervollkommnung des Wissens sei.al-ʿĀmirī: Kitāb al-Iʿlām bi-manāqib al-islām. 1988, S. 73–75.

Die drei ersten Kapitel sind den Wissenschaften gewidmet. Im ersten Kapitel unterscheidet der Autor zwischen den religiösen und den philosophischen Wissenschaften und beschreibt die einzelnen Disziplinen. Außerdem verteidigt er die Philosophie gegen die Traditionsgelehrten (ḥašwīya), die meinen, dass sie im Widerspruch zur Religion steht. Im zweiten und dritten Kapitel versucht der Autor zu zeigen, dass die religiösen Wissenschaften einen höheren Rang haben. Dabei weist er die Auffassung einiger Intellektueller (mutaẓarrifa) zurück, die meinen, dass man sich angesichts der Uneinigkeit der Religionen nur an die moralischen Grundprinzipien halten solle, die allen gemeinsam sind, wie Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Einhaltung von Abmachungen, Herausgabe des anvertrauten Gutes und Hilfe für den Bedrückten. Der Autor bringt dagegen vor, dass solche Ansichten nur von Menschen vertreten würden, die nicht genügend Verstand besäßen, um die Sache ausreichend zu prüfen, oder sich nicht über die Konsequenzen ihres Handelns Gedanken machten, weil sie auf schnelle Vergnügungen aus seien.al-ʿĀmirī: Kitāb al-Iʿlām bi-manāqib al-islām. 1988, S. 97. Es gäbe nichts Irrationaleres als die Bekräftigung eines wahren Schöpfers ohne Gebote und Verbote.al-ʿĀmirī: Kitāb al-Iʿlām bi-manāqib al-islām. 1988, S. 98.