Die Geschichte von Lagos, der größten Stadt der Bundesrepublik Nigeria, wurde geprägt durch die Zeit als „Sklavenküste“ bis 1850, die britische Kolonialzeit bis 1960 und die Zeit nach der Erlangung der Unabhängigkeit.
Anfänge mini|Palast des Oba (Königs) von Lagos, Iga Idunganran Die Insel Iddu/Iddo, die heute Teil des Festlandes ist, wurde wahrscheinlich im 14. Jahrhundert von Bauern und Fischern des Volks der Awori besiedelt. Ihr Herrscher Olofin teilte die Insel unter seinen zehn Söhnen auf. Einer von ihnen, Aromire, pflanzte auf der nahegelegenen Insel Lagos Pfeffer an. Der später an dieser Stelle errichtete Palast des Oba (Königs) der Yoruba, der Iga Idunganran, heißt darum wörtlich übersetzt: „Pfefferfarmpalast“.
Aufgrund einer Auseinandersetzung zwischen Olofin und einer wohlhabenden Frau namens Aina mischte sich der Oba von Benin in die Angelegenheiten der Insel Iddo ein. Der Oba schickte Abgesandte, um der Bitte Ainas nachzukommen, den Streitfall zu untersuchen. Die Männer, die mit einem Kanu ankamen, hielten die Fischereiutensilien am Ufer aus der Ferne für Zeichen der Kriegsbereitschaft. Als sie zum Oba zurückkehrten, berichteten sie ihm von ihren Erkenntnissen, und er schickte sie in der Annahme einer Herausforderung mit Verstärkung zurück in den Kampf. Aseru, ein Kriegshäuptling, der vom Oba als Verstärkung geschickt worden war, blieb nach der Niederlage und Gefangennahme von Olofin auf der Insel Iddo zurück. Er zog weiter in den Krieg gegen andere Nachbarstädte und kam bis nach Iseri, wo er schließlich starb. Ein Mann namens Asipa brachte seinen Leichnam dann zurück nach Benin. Für seine Tat belohnte ihn der Oba, indem er ihn zum Gouverneur der Insel Iddo ernannte. Außerdem erhielt er die königliche Trommel (Gbedu), die von den Obas von Lagos bis zum heutigen Tag geschlagen wird. Sein Sohn Ado wurde der erste König von Lagos, und sein Geschlecht führt die Linie der Obas von Lagos bis zum heutigen Tag fort.
Eintreffen der Europäer mini|Karte von Westafrika von 1727 1472 landete der portugiesische Seefahrer Rui de Sequeira an der Küste von Eko und nannte die Siedlung zuerst Lago de Curamo. Anschließend wurde die Insel zu einer Handelsniederlassung ausgebaut, die dann den Namen Lagos erhielt, benannt nach der Hafenstadt Lagos im Süden Portugals.
Die vielen verzweigten Lagunen vor Lagos waren nützlich für den atlantischen Sklavenhandel mit den Portugiesen. Im Jahr 1704 lud Oba Akinsemoyin portugiesische Sklavenhändler nach Eko ein. Dies begründete den Sklavenhandel in Lagos, das als Handelszentrum florierte und seinen Einfluss und seine Beziehungen zu den Nachbarn, einschließlich Badagry, ausbaute. Der Grundstein für die Palastmauern von Iga-Idunganran wurde zu dieser Zeit gelegt, und das Dach wurde mit Ziegeln gedeckt, die von den portugiesischen Sklavenhändlern geschenkt wurden. Es war eine friedliche Zeit, in der die Freundschaft und der Handel zwischen allen Beteiligten fest etabliert waren, und der Einfluss von Isale Eko als Hauptstadt des neuen Handelszentrums wuchs. Zur Zeit der Herrschaft des nächsten Königs hatten die Ijebu begonnen, ihre Produkte in Eko zu handeln. Bohnen, Palmöl und Palmkerne wurden u. a. gegen Spirituosen, Tabak, Schießpulver und Stoffe getauscht. Dank der Macht und des Einflusses von Oba Ologunkutere wurden Rebellionen gegen die Tributzahlungen von innen heraus unterdrückt und eine Invasion von Dahomey in Badagry abgewendet. Er führte auch die erblichen Titel der Eko-Häuptlinge ein. Durch kleine und große Intrigen, Kriege zwischen den Stämmen und Veränderungen wuchs und veränderte sich Isale Eko. Der Sklavenhandel blühte weiter auf, und während der Herrschaft von Oba Adele wurde der Islam in der Region eingeführt.
Anfang des 19. Jahrhunderts änderte sich die Einstellung Großbritanniens zum Sklavenhandel. Es erklärte ihn für ungesetzlich und die Staaten des Südens mussten sich auf legitimen Handel insbesondere mit Palmöl umstellen. Palmöl wurde als Lampenöl verwendet und nach der Erfindung der Margarine auch für die Margarineherstellung.Detlef Krause: Die Commerz- und Disconto-Bank 1870–1920/23: Bankgeschichte als Systemgeschichte. Franz Steiner Verlag 2004 (Dissertation, ISBN 978-3-515-08486-4), S. 61 (online)
Mit dem Verbot des Sklavenhandels (nicht der Sklaverei) im Jahr 1807 durch Großbritannien verlagerte sich das britische Interesse an Nigeria auf Palmöl zur Verwendung in Seifen und als Schmiermittel für Maschinen. Die Abolition in Großbritannien war jedoch einseitig, und viele andere Länder traten an ihre Stelle. Europäische Unternehmen und Schmuggler betrieben den atlantischen Sklavenhandel weiter. Das britische Westafrika-Geschwader versuchte, die Schmuggler auf See abzufangen. Die geretteten Sklaven wurden nach Freetown gebracht, einer Kolonie in Westafrika, die ursprünglich von Leutnant John Clarkson für die Umsiedlung von Sklaven gegründet worden war, die von Großbritannien nach dem Amerikanischen Revolutionskrieg in Nordamerika freigelassen worden waren.
Großbritanniens Westafrika-Geschwader verfolgte zu Beginn des 19. Jahrhunderts portugiesische, amerikanische, französische und kubanische Sklavenschiffe und schloss mit viel Hartnäckigkeit Anti-Sklaverei-Verträge mit Küstenhäuptlingen entlang der westafrikanischen Küste von Sierra Leone über das Nigerdelta bis in den Süden des Kongo. Die Inseln, Lagunen und Deltaarme der nigerianischen Küste erwiesen sich mit ihren unzähligen Buchten, mäandernden Kanälen und grassierenden Tropenkrankheiten als schwierig zu kontrollieren. Lagos blieb darum bis ins Jahr 1840 ein lebhafter Umschlagsplatz im Sklavenhandel. mini|Beschießung von Lagos durch die Briten 1852 Ab Mitte des 19. Jahrhunderts begannen die Briten im Verein mit der Durchsetzung des Verbots der Sklaverei und der Durchsetzung ihrer – nun veränderten – Handelsinteressen direkten Einfluss auf die Staaten des südlichen Nigeria zu nehmen. Die Abschaffung bzw. Bekämpfung des (transatlantischen) Sklavenhandels durch die Briten stürzte das Königreich Oyo in eine Krise, die letztlich zum Bürgerkrieg innerhalb des Yorubagebietes führte. Bis in die 1860er Jahre hinein blieb Nigeria aber trotz der britischen Maßnahmen eine Quelle von Sklaven für die Märkte Nord- wie Südamerikas. Insbesondere die Yorubakriege nach dem Zerfall Oyos wurden zur ständigen Quelle kriegsgefangener Menschen für die Sklavenmärkte.
1841 kam König Akitoye an die Macht und bemühte sich, den Sklavenhandel zu unterbinden, wurde aber vier Jahre später von seinem Neffen Kosoko gestürzt. Er floh zum britischen Konsul John Beecroft und bat ihn um Unterstützung. Die Bedingung für die britische Unterstützung war, den Sklavenhandel in Lagos zu beenden. Am 26. und 27. Dezember 1851 griffen die Briten Lagos Island mit fünf Schlachtschiffen an und besiegten Kosokos Armee. Kosoko selbst floh verwundet nach Epe. 1852 wurde Akitoye wieder als König eingesetzt, starb jedoch im gleichen Jahr.
Lagos als Koloniehauptstadt
Lagos wird britischer Marinestützpunkt Die Royal Navy nutzte ursprünglich den Hafen der vor Nigeria liegenden, spanischen Insel Fernando Po (heute Bioko, Äquatorialguinea) als extraterritoriale Operationsbasis. 1855 beanspruchte Spanien diesen Hafen für sich. Die Royal Navy musste daher einen anderen Marinestützpunkt suchen. Diesen fand man in der strategisch günstig gelegenen Insel Lagos (eine Stadt Lagos gab es noch nicht).
Die Insel Lagos war (bevor sie durch Aufschüttungen mit der Insel Ikoyi vereint wurde) mit 9 km2 etwas kleiner als die deutsche Halig Hooge und wurde so wie diese einige Male im Jahr überflutet („Land unter“). Sie war jedoch leicht zu verteidigen und erlaubte die effiziente Kontrolle über die Mündung der Lagos-Lagune bzw. eines beträchtlichen Küstenabschnitts von Nigeria.
Der Häuptling oder „König“ von Lagos dürfte nur über einige Dutzend Untertanen regiert haben. Jedenfalls war er im Vergleich zu den benachbarten Königen von Ijebu, Benin oder Oyo ein eher unbedeutender Herrscher und musste sich hauptberuflich als Bauer ernähren, da er wegen der Abwesenheit einer Geldwirtschaft keine Steuern eintrieb. Seine Rolle beschränkte sich auf zeremonielle und richterliche Aufgaben.
König Akitoye war inzwischen verstorben. Der 1851 vertriebene König Kosoko von Lagos drohte daraufhin, mit Hilfe französischer Kolonialtruppen, die in Ouidah im heutigen Benin stationiert waren, wieder die Herrschaft in Lagos zu übernehmen. Der Amerikanische Bürgerkrieg, in dem es zentral um die Frage der Sklaverei ging, machte den Machtkampf um Lagos besonders dringlich. Daraufhin traf Lord Palmerston (britischer Premierminister) die Entscheidung, dass es „zweckmäßig sei, keine Zeit zu verlieren und das formale Protektorat von Lagos zu übernehmen“. William McCoskry, der amtierende Konsul in Lagos, berief zusammen mit Kommandant Bedingfield am 30. Juli 1861 ein Treffen mit Oba Dosunmu, dem Nachfolger von Oba Akitoye, an Bord der HMS Prometheus ein, bei dem die britischen Absichten erläutert wurden und eine Antwort auf die Bedingungen bis August 1861 verlangt wurde. Dosunmu widersetzte sich den Vertragsbedingungen, doch unter der Drohung, Lagos durch Commander Bedingfield bombardieren zu lassen, lenkte Dosunmu ein und unterzeichnete den Lagos-Abtretungsvertrag.
Handelszentrum und Kronkolonie mini|Bischof Samuel Ajayi Crowther Dosunmu blieb mit eingeschränkter Macht Oba und erhielt ein jährliches Gehalt von 1200 Säcken Kaurigeld. Am 1. Januar 1862 wurde Lagos mit erweiterten Gebiet zum Protektorat, das erst von Freetown, dann von Accra aus verwaltet wurde, 1886 zur eigenständigen Kronkolonie Lagos.
Folgendes muss klargestellt werden: die Stadt Lagos wurde nie gegründet, sie entstand gewissermaßen von selbst durch die Nähe der Royal Navy. Dafür gab es drei Gründe:
Piraten wurden von der Royal Navy ferngehalten. Damit entstand eine größere Rechtssicherheit rund um die Insel Lagos und damit wiederum Vorteile für diese als Handelsort. Im Wirkungsbereich der Royal Navy war Sklavenhandel verboten. Für entlaufene Sklaven bedeutete dies, dass sie hier nicht wieder eingefangen werden konnten. Rund um Lagos waren sie also de facto frei. Die Royal Navy war ein regelmäßiger und zahlungskräftiger Kunde für alle Produkte, die auf Kriegsschiffen benötigt wurden, bevor sie wieder ausfuhren, oder die bei Landgang verzehrt wurden: Frischwasser, vitaminhaltige Südfrüchte zur Vermeidung von Skorbut, Frischfleisch etc. Die Briten brachten zu diesem Zeitpunkt also eine wirtschaftliche Belebung rund um die zuvor unbedeutende Laguneninsel.
Man kann dem Vereinigten Königreich darum rund um 1861 noch keinen kolonialen „Masterplan“ zur von Lagos ausgehenden Eroberung Nigerias bis 1903 unterstellen (wie dies im Standardwerk zur nigerianischen Geschichte A History of Nigeria von Toyin Falola suggeriert wird). Das Entstehen und das zügige Wachstum der Stadt Lagos war zuerst eine Nebenwirkung der britischen Flottenpolitik und nicht ein eigenständiges Ziel der Regierung in Whitehall. Vorerst ging es Großbritannien nur um einen zuverlässigen Marinestützpunkt im Golf von Guinea.
Der wirtschaftliche Aufschwung zog allerdings Immigranten an. Zu den Einwanderern aus ganz Nigeria und anderen westafrikanischen Ländern gesellten sich die als Kreolen bezeichneten ehemaligen Sklaven, die aus Freetown, Sierra Leone, Brasilien und von den Westindischen Inseln nach Lagos kamen. Die Kreolen trugen zur Modernisierung von Lagos bei, und ihre Kenntnisse der portugiesischen Architektur sind noch heute an der Architektur auf Lagos Island zu erkennen. Portugiesische Familiennamen wie da Silva, da Costa und Pereira sind darum nicht nur häufig zu finden, sondern zählen zu den ältesten und angesehensten Familien der Stadt. Seit dem 19. Jahrhundert verwandelte sich Lagos allmählich in einen Schmelztiegel von Afrikanern und Europäern.