Paul Ogorzow (* 29. September 1912 in Muntowen, Kreis Sensburg; † 25. Juli 1941 in Berlin-Plötzensee) war ein deutscher Serienverbrecher und wurde insbesondere als Berliner S-Bahn-Mörder bekannt. Die knapp zweijährigen Ermittlungen zu Ogorzows Verbrechensserie mit insgesamt 31 Notzuchtverbrechen, acht Morden und sechs versuchten Morden waren eine der größten Fahndungen in der Berliner Kriminalgeschichte.Gabi Schlag, Benno Wenz: Tatort Berlin – Der S-Bahnmörder von Rummelsburg, TV-Doku, RBB, 2012.

Privat- und Berufsleben Ogorzow, Mitarbeiter der Deutschen Reichsbahn, war Hilfsweichenwärter am Betriebsbahnhof Rummelsburg. Er lebte in der Dorotheastraße 24 in Berlin-Karlshorst. Ogorzow galt als strebsam und pflichtbewusst, führte eine gute Ehe und war Vater zweier Kinder. Er wurde als freundlicher und liebevoller Familienvater wahrgenommen, der gern mit der Eisenbahn spielte, in seinem Garten Obst und Gemüse züchtete und ein geschätzter Nachbar war. Paul Ogorzow wurde als ganz normaler Bürger gesehen, dem niemand zutraute, ein Doppelleben zu führen oder gar ein Frauenmörder zu sein. Eine ehemalige Nachbarin Ogorzows sagte:

Ein anderes Bild von Ogorzows Person, das letztendlich zu dessen Ergreifung führte, zeichnete allerdings ein ehemaliger Arbeitskollege (S.). In seinen Augen führte Ogorzow seine Tätigkeiten nur widerwillig durch. Auch habe Ogorzow erzählt, dass er die ihm übertragenen Strecken-Prüfdienste gar nicht immer durchführte, sondern stattdessen sich privat herumtrieb. Er erschien ihm wie jemand, der vielleicht in den besetzten Gebieten eine Untat begangen hatte, und deshalb jetzt in Rummelsburg tätig sein musste.

Ogorzow trat zum 1. April 1932 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 1.109.672)Bundesarchiv R 9361-II/780531 und war SA-Scharführer.

Die sexuellen Gewalttaten Zwischen 1939 und 1941 überfiel er in Berlin 31 Frauen, vergewaltigte sie und ermordete zwischen dem 4. Oktober 1940 und dem 2. Juli 1941 acht von ihnen. Von seinen acht Opfern warf er fünf im Streckenabschnitt Rummelsburg – Rahnsdorf aus der fahrenden S-Bahn, die anderen Frauen tötete Ogorzow in einer Laubenkolonie in der Nähe der S-Bahn-Strecke. Davor gingen vom 13. August 1939 an sechs Mordversuche auf sein Konto. Weiterhin gestand er etwa 20 Fälle von versuchter und vollendeter Vergewaltigung.Ronald Rathert: Verbrechen und Verschwörung: Arthur Nebe – Der Kripochef des Dritten Reiches, Münster 2001, ISBN 3-8258-5353-5, S. 86.

Er nutzte die während des Zweiten Weltkriegs auch in Berlin zum Schutz vor Bombenangriffen angeordnete Pflicht zur allgemeinen Verdunkelung. In Bahnuniform setzte er sich in sonst leeren S-Bahn-Abteilen zu ahnungslosen Passagierinnen. Sieben Frauen fielen ihm nachts in der S-Bahn zum Opfer; er schlug sie mit einem schweren Bleikabel nieder, um sich anschließend an ihnen zu vergehen und sie dann aus dem fahrenden Zug zu werfen. Zwei der Opfer überlebten schwer verletzt und konnten erste Hinweise auf den Täter geben.Gunther Geserick, Klaus Vendura, Ingo Wirth: Zeitzeuge Tod. Spektakuläre Fälle der Berliner Gerichtsmedizin, Militzke Verlag, Leipzig 2001, ISBN 978-3-86189-628-9 Insbesondere erinnerten sie sich daran, dass der Täter eine Uniform trug. Obwohl die Opfer keine detaillierteren Angaben zur Art der Uniform machen konnten, war dies dennoch ein wichtiger Hinweis, da sich die Fahndung nun auf Täter im Bereich der Bahnbediensteten konzentrieren konnte.

In einem der S-Bahn nahe gelegenen Laubenviertel lauerte Ogorzow sieben weiteren Opfern auf, von denen vier schwer verletzt überlebten.

Verhaftung und Geständnis Paul Ogorzow wurde von der Berliner Polizei als Sittlichkeitsverbrecher ermittelt und am 17. Juli 1941 am Betriebsbahnhof Rummelsburg verhaftet.

Er gab als Gründe für sein Morden Hass auf Frauen sowie Faszination am Töten an. Um seiner Hinrichtung zu entgehen, behauptete er, von einem jüdischen Arzt wegen einer Geschlechtskrankheit falsch behandelt worden zu sein. In seinem handschriftlichen Geständnis ist unter anderem zu lesen:

In der kriminalpolizeilichen Zusammenfassung des Falles vom 17. Juli 1940 werden als Motive ein übersteigerter Sexualtrieb, sexueller Reiz am Widerstand der Opfer und allgemein Hass auf Frauen genannt, da er sich bei ihnen zwei- bis dreimal mit Geschlechtskrankheiten angesteckt hatte.

Verurteilung Ogorzow wurde am 24. Juli 1941 von einem Sondergericht im Schnellverfahren als Gewaltverbrecher und Volksschädling zum Tode verurteilt und im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee am 25. Juli 1941 mittels Guillotine hingerichtet.Vgl. Barbara Korte, Sylvia Paletschek (Hrsg.): Geschichte im Krimi: Beiträge aus den Kulturwissenschaften, Köln, Weimar, Wien 2009, ISBN 978-3-412-20253-8, S. 126.

Die Fahndung nach Ogorzow wurde für Reichskriminaldirektor Arthur Nebe und die Kripo Berlin zum Erfolg.Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2003, S. 195.

Zeitgenössische Berichterstattung Über die von Ogorzow begangenen Verbrechen wurde mindestens seit Anfang Oktober 1940 überregional in der Presse berichtet. So meldete eine in Wien erscheinende Tageszeitung am 9. Oktober 1940 über den Mord an Gerda Ditter:

Zu dieser Tat meldete am gleichen Tag eine andere Wiener Zeitung ergänzend:

Genau einen Monat später gab es zu einem Ogorzow zuzuschreibenden Verbrechen erneut mehrere Zeitungsmeldungen auch außerhalb von Berlin. In einer Wiener Tageszeitung stand am 9. November 1940:

Nach Lage der Dinge handelt es sich hierbei um Paul Ogorzows Überfall am 4. November 1940 auf die 30-jährige Elisabeth Bendorf, die er zwischen Hirschgarten und Köpenick aus dem Zug warf, nachdem er sie zuvor durch Schläge mit einem Bleikabel schwer verletzt hatte. Am 20. Juli 1941 konnte Ogorzows Verhaftung gemeldet werden.

Auch der wenige Tage später beginnende Prozess fand überregional Beachtung.

Die Spekulation über eine kurze Prozessdauer stellte sich als richtig heraus, sodass vorstehender Artikel bereits im Druck ergänzt werden konnte:

Über das Gerichtsverfahren wurde auch im Duktus der Sprache des Nationalsozialismus berichtet. So war etwa unter der Überschrift „Ein Untermensch“ zu lesen:

Auch über die Hinrichtung wurde in der Presse überregional berichtet.

Ogorzows Opfer Ogorzows Mordopfer waren laut den Eintragungen in den Archivbüchern des Leichenschauhauses:Ingo Wirth, Hansjürg Strauch, Klaus Vendura: Das Institut für Rechtsmedizin der Humboldt-Universität zu Berlin 1833–2003, Frankfurt am Main 2003, ISBN 978-3-8267-1238-8, S. 144.

Gerda Ditter (20 Jahre; * 27. Juli 1920; † 4. Oktober 1940) Elfriede Franke (26 Jahre; * 27. Juli 1914; † 3. Dezember 1940) Irmgard Freese (19 Jahre; * 13. April 1921; † 4. Dezember 1940) Elisabeth Büngener (30 Jahre; * 25. Oktober 1910; † 22. Dezember 1940) Gertrud Siewert (46 Jahre; * 29. Januar 1894; † 29. Dezember 1940) Hedwig EhbauerSterbeurkunde Nr. 13/1941 StA Oberschönweide (27 Jahre; * 16. Juli 1913; † 5. Januar 1941)Anmerkung: Der bekannte Berliner Grimassenschneider Horst Ehbauer war ihr Sohn (siehe ) Johanna Voigt (38 Jahre; * 13. April 1902; † 12. Februar 1941) Frieda Koziol (34 Jahre; * 15. Juli 1906; † 1. oder 2. Juli 1941)

Gerda Ditter, Irmgard Freese und Frieda Koziol wurden in der Laubenkolonie getötet. Elfriede Franke, Elisabeth Büngener, Gertrud Siewert, Hedwig Ehbauer und Johanna Voigt wurden mit einem Bleikabel erschlagen und aus der fahrenden S-Bahn geworfen.

Filmische Rezeption Im Jahre 1974 wurde unter Regie von Peter Schulze-Rohr ein Dokumentarspiel mit dem Titel Verdunkelung – Der Eisenbahnmörder produziert, welches am 31. Mai 1976 ausgestrahlt wurde; neben Rudolf Brand, der den Hauptakteur spielte, waren viele Berliner Schauspieler wie Joachim Kemmer, Eva-Maria Werth (als Ogorzows Ehefrau) und Claus Jurichs zu sehen. 2012 entstand im Auftrag des RBB die TV-Doku Tatort Berlin – Der S-Bahnmörder von Rummelsburg, von Gabi Schlag und Benno Wenz.

Weitere S-Bahn-Mordserie In den Jahren 1990–1991 gab es eine mutmaßliche weitere Mordserie mit drei weiblichen Opfern im Bereich der S-Bahn Berlin.

Literatur Axel Alt: Der Tod fuhr im Zug. Den Akten der Kriminalpolizei nacherzählt. Verlag Hermann Hillger, Berlin-Grunewald und Leipzig 1944. Horst Bosetzky: Wie ein Tier. Der S-Bahn-Mörder. Dokumentarischer Roman. Argon Verlag 1995 / Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1997, ISBN 3-423-20021-9. A Serial Killer in Nazi Berlin: The Chilling True Story of the S-Bahn Murderer, Scott Andrew Selby, Berkley Books, 2014, ISBN 978-0-425-26414-0. Berlin at War: Life and Death in Hitler’s Capital, Roger Moorhouse, Bodley Head, 2010.

Weblinks Horst Bosetzky: Paul Ogorzow – Der S-Bahn-Mörder. In: stadtschnellbahn-berlin.de. 26. Oktober 2008 (mit Lageplan der einzelnen Tatorte). Johann Althaus: Tatort S-Bahn: Das „Tier von Rummelsburg“ überfiel 31 Frauen im Zug. In: welt.de. 4. Dezember 2017.

Einzelnachweise

Anmerkungen

Kategorie:Serienmörder (Deutschland) Kategorie:Kriminalfall (20. Jahrhundert) Kategorie:Berlin in der Zeit des Nationalsozialismus Kategorie:Hingerichtete Person (Deutsches Reich, 1933–1945) Kategorie:Hingerichtete Person (Berlin-Plötzensee) Kategorie:Person (Deutsche Reichsbahn 1920–1945) Kategorie:Eisenbahner Kategorie:SA-Mitglied Kategorie:NSDAP-Mitglied Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1912 Kategorie:Gestorben 1941 Kategorie:Mann