mini|Brenzkirche (2008) Die Brenzkirche im Stadtteil Mönchhalde (Am Kochenhof 7) in Stuttgart-Nord, die nach dem Reformator Johannes Brenz benannt ist, ist eine von vier Kirchen der evangelischen Kirchengemeinde Stuttgart-Nord. Das Gebäude wurde von 1932 bis 1933 nach Plänen des Architekten Alfred Daiber erbaut. Wie Gebäude in der naheliegenden Weißenhofsiedlung von 1927 ist die Kirche im Stil der Neuen Sachlichkeit erbaut und war zur Zeit ihrer Entstehung ein Zeugnis des Neuen Bauens, des Internationalen Stils und des Funktionalismus. Maßgeblich waren hierfür neben den Flachdächern die großformatigen asymmetrischen Fensterfronten, die runde Nordwestecke, der offene Glockenturm, die Wege- und Lichtführung und der nüchtern gestaltete Kirchensaal im Obergeschoss. Multifunktionalität war ein treibendes Prinzip, um die vorhandenen Räume möglichst effizient nutzen zu können.

Zur Reichsgartenschau 1939 wurde das Äußere der Kirche, die dem Haupteingang der Schau gegenüber lag, maßgeblich umgestaltet, um der Bauauffassung des NS-Regimes zu entsprechen. Im Zuge des Umbaus, der von dem Architekten Rudolf Lempp verantwortet wurde, verlor die Kirche alle äußeren Elemente des Neuen Bauens. Sie erhielt Satteldächer und einen höheren geschlossenen Glockenturm. Die runde Nordwestecke wurde rechtwinklig abgeschlossen. Es entstand ein unharmonisches Gesamtbild. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche durch Brand- und Sprengbomben schwer beschädigt. Beim Wiederaufbau nach 1945 wurde auch der Kirchensaal so umgestaltet, dass er nicht mehr den liturgischen Reformvorstellungen um 1930 entsprach.

1983 wurde die Kirche als ein Zeichen für den Kampf des Dritten Reichs gegen die moderne Kunst zum Baudenkmal erklärt. Somit sind nicht nur die ursprüngliche Architektur, sondern auch die nachträglichen Veränderungen des Baus dem Denkmalschutz unterworfen. 2023 wurde ein Realisierungswettbewerb für den Umbau der Kirche durchgeführt. Das Konzept des mit dem 1. Preis ausgezeichneten Entwurfs sieht vor, dass zentrale Ideen des ursprünglichen Baus von 1933 wieder erlebbar gemacht werden, ohne aber nur zu rekonstruieren. Vielmehr sollen zum einen die verschiedenen Zeitschichten sichtbar bleiben und zugleich mit innovativen Architekturelementen ein zukunftsweisendes Erscheinungsbild entstehen.

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] } Die Brenzkirche steht auf dem Killesberg, der Teil eines Höhenzugs ist, der nordwestlich der Innenstadt den Stuttgarter Talkessel begrenzt. Ein seit dem 18. Jahrhundert dort bewirtschaftetes Hofgut hatte den Namen Weißenhof. Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurde im zugehörigen Wohnhaus eine Gastwirtschaft betrieben, die ein beliebtes Ausflugsziel war. Während des Ersten Weltkriegs kaufte die Stadt Stuttgart das Hofgut. Die Gastwirtschaft wurde 1927 aufgegeben und Teile des Hofgeländes 1929 wurden an die Erlösergemeinde verkauft. Das später für die Kirche vorgesehene Grundstück hat einen L-förmigen Zuschnitt und liegt entlang der Straße Am Kochenhof, Ecke Landenbergstraße. Es war der ehemalige Auffüllplatz der angrenzenden bis 1904 betriebenen Steinbrüche.Lubitz, 2017, S. 17–19.Plate 2017, S. 136–137.

Geschichte mini|Sitz der Kunstgewerbeschule Stuttgart ab 1913 Anfang des 20. Jahrhunderts dehnte sich Stuttgart immer mehr in die Halbhöhenlagen rund um den Talkessel aus. Das führte dazu, dass neue protestantische Stuttgarter Pfarrgemeinden geschaffen und neue Kirchen gebaut wurden, darunter 1908 die von Theodor Fischer entworfene Erlöserkirche unterhalb des Killesbergs. Nach dem Ersten Weltkrieg expandierte die Bautätigkeit am Killesberg weiter. Es entstanden unter anderem die Siedlungen am Weißenhof und am Viergiebelweg. Deshalb richtete der Oberkirchenrat 1928 an der Erlöserkirche eine weitere Stadtvikarstelle zur Betreuung des rasch wachsenden Außenbezirks am Killesberg ein. Die Gottesdienste des Außenbezirks wurden zunächst im Sitzungssaal, später im Festsaal des Neubaus der Kunstgewerbeschule von 1913 gehalten. 1931 wurde die „Kirchengemeinde auf dem Weißenhof“ – so die bis dahin verwendete Selbstbezeichnung – als Teilkirchengemeinde der Stadt Stuttgart anerkannt und daraufhin der erste Kirchengemeinderat gewählt.Lubitz, 2017, S. 16–17.

Planung und Bau der Brenzkirche Schon 1928 begannen Planungen für eine Kirche für die „Weißenhofgemeinde“. Anfang 1929 erwarb die Stuttgarter Gesamtkirchengemeinde das Grundstück gegenüber der Kunstgewerbeschule. Der Architekt der Bauabteilung der evangelischen Kirchenpflege, Zacharias Schäffer, erarbeitete einen Vorentwurf unter dem Projekttitel „Betsaal und Wohnungsbau am Kochenhof“, der im Januar 1930 dem Verwaltungsausschuss der Gesamtkirchengemeinde vorgelegt wurde. Der Grundstücksform folgend ging Schäffers Vorentwurf von einem Ensemble aus Pfarr- und Gemeindehaus entlang der Straße Am Kochenhof und einem frei stehenden Kirchenbau an der Landenbergerstraße aus.Lubitz, 2017, S. 20–22. mini|Wohnhaus in Weißenhofsiedlung, Architekt Hans Scharoun Nach einem Gutachten des Architekten Heinz Wetzel, Professor für Städtebau an der Technischen Hochschule Stuttgart, entschloss sich die Kirchengemeinde am 13. April 1930, einen Architekturwettbewerb auszuschreiben. Dabei strebte der Gesamtkirchengemeinderat einen Entwurf an, der sich an die Architektur der Weißenhofsiedlung anpasste. Vier Inhaber Stuttgarter Architekturbüros wurden eingeladen, darunter Alfred Daiber, dessen Entwurf das Preisgericht am 11. Juni 1930 den 1. Preis zuerkannte. Daiber hatte noch 1925/26 eher traditionell mit Satteldächern und expressionistischen Zierformen gebaut, aber bei einigen öffentlichen Bauaufträgen ab 1928 funktional im Sinne der Moderne. Sein zunächst eingereichter, noch sehr konventioneller Entwurf für die Brenzkirche passte zur Weißenhofsiedlung und sah eine geschlossene Bebauung vor, mit einem großen Kirchenbau entlang der Landenbergerstraße und einem Wohntrakt an der Straße Am Kochenhof, der an das Nachbargebäude anschließen sollte. Die schwierige städtebauliche Situation löste Daiber, indem er den Eingang von der Schmalseite der Kirche auf die Langseite schob und so einen kleinen Vorplatz anlegen konnte. Südlich schloss ein Querbau an, in dem die notwendigen Wohnungen und Amtszimmer untergebracht wurden. Der Entwurf sah keinen eigenständigen Kirchturm, sondern nur einen Dachreiter vor.Plate 2017, S. 137–139.

Im Oktober legte Daiber dem Engeren Rat der Gesamtkirchengemeinde einen weiterentwickelten Entwurf vor. Als Baukosten veranschlagte er rund 480.000 Reichsmark, fast das Doppelte der Summe, die Schäffer für seinen Vorentwurf kalkuliert hatte. Daibers Entwurf wurde zwar gelobt, doch angesichts der sich entwickelnden Weltwirtschaftskrise überstiegen die avisierten Baukosten die Möglichkeiten der Gesamtkirchengemeinde. Daiber wurde daher gebeten, ein reduziertes Projekt zu entwickeln.

Daibers zweiter Entwurf sah nur noch einen einzelnen Baukörper entlang der Landenbergerstraße vor, der mehrere Funktionen abdecken sollte: Funktionsräume im Erdgeschoss und einen Gemeindesaal mit Sängerempore im Obergeschoss, dazu Wohnungen und Amtszimmer, die unmittelbar neben dem Kirchenraum lagen, jedoch mit eigenem Eingang erschlossen wurden. Der Entwurf verzichtete nun weitgehend auf die klassischen Erscheinungsformen einer Kirche, wozu Daiber sich 1933 äußerte:

Die Kombination von in einem Gebäude zusammengefasstem Kirchensaal und Gemeinderäumen war zwar bei evangelischen Bauten in Württemberg nicht neu, aber in der Konsequenz der nun mit Daibers Neuplanung vorgelegten Multifunktionalität absolut zukunftsweisend.Auer, 2017, S. 7–9 Als Baukosten wurden 300.000 Reichsmark veranschlagt.

Am 29. Mai 1931 genehmigte der Gesamtkirchenrat den Bau. Die Gemeinde selbst wollte der Kirche den Namen Weißenhofkirche geben. Doch der Gesamtkirchenrat entschied sich, die Kirche nach dem Württemberger Reformator Johannes Brenz (1499–1570) zu benennen, einem Wegbereiter der protestantischen Theologie. Damit setzte man sich von der avantgardistischen Weißenhofsiedlung ab, die den Namen Weißenhof seit 1927 prominent besetzte.Lubitz, 2017, S. 14, 17.

Im Dezember 1931 reichte Daiber mit einer inzwischen nochmals überarbeiteten Planung das Baugesuch ein, das das Baurechtsamt im Januar 1932 genehmigte. Im März 1932 wurde mit den Bauarbeiten begonnen. Wegen der schlechten Bodenbeschaffenheit war eine Pfahlgründung des Gebäudes notwendig. Im Frühsommer kam es zu einer Bauunterbrechung, nachdem es innerkirchlich eine Kontroverse gegeben hatte, weil keine zweite Pfarrwohnung vorgesehen war. Ab Juli wurde der Bau fortgesetzt und bis zum Jahresende im Rohbau fertiggestellt. Bis März 1933 erfolgte der Innenausbau. mini|Kreuzkirche (1928/30) in Stuttgart-Hedelfingen Die Fertigstellung der Brenzkirche fiel in die Anfangszeit des Dritten Reichs und geriet wegen ihrer architektonischen Gestaltung ins Visier der Nationalsozialisten. In der Stuttgarter Presse wurde sie heftig angefeindet. Im Schwäbischen Merkur vom 25. März 1933 wurde sie wegen der mangelnden sakralen Ausstrahlung als „Seelensilo“ und „Musterbeispiel für unverstandene Sachlichkeit“ verhöhnt und Daiber als „bloßer Techniker“ kritisiert. Der Kampfbund für deutsche Kultur veröffentlichte in der Süddeutschen Zeitung vom 23. März 1933 eine Erklärung zur Brenzkirche: „Deutsche Frömmigkeit und deutsches Kulturgefühl werden durch dieses Bauwerk auf tiefste verletzt.“ Der Kampfbund brandmarkte die Architektur der Brenzkirche als „undeutsch“. Vor allem der fehlende markante Glockenturm scheint die Abwehr hervorgerufen zu haben, denn weitere Stuttgarter Kirchen, die zur gleichen Zeit entstanden und ebenfalls eine moderne Formensprache verwendeten, entgingen der Kritik. Diese Kirchen, etwa die Kreuzkirche in Hedelfingen von 1928/30, hatten alle einen markanten Kirchturm. In der Erklärung des Kampfbundes stand, dass die Anbringung der Glocken „besonders unangenehm“ auffalle, da sie „nach beinahe afrikanisch anmutender Manier etwa zwei Meter über dem Dachstuhl frei sichtbar an Balken aufgehängt“ seien. Die Redaktion der Zeitung ergänzte die Erklärung um die polemische Frage: „Sollte hier etwa eine Art von Uebergangsstil von der marokkanischen zu unserer sonst gebräuchlichen mitteleuropäischen Bauart geschaffen werden?“ Hier gibt es Parallelen zur Kritik an der Weißenhofsiedlung als „Araberdorf“ im gleichen Jahr. Im Stuttgarter NS-Kurier stand am 27. März 1933: „Diese Kirche ist wohl das Ungeheuerlichste, was ein Architekt in den letzten Jahren sich geleistet hat.“Lubitz, 2017, S. 33–34.

Am 2. April 1933 wurde die Kirche eingeweiht. In einer feierlichen Zeremonie zog die Gemeinde von der Kunstgewerbeschule zu ihrer neuen Kirche. Dabei trugen die Kirchengemeinderäte die neuen Tauf- und Abendmahlsgeräte, die in der Metallabteilung der Kunstgewerbeschule nach einem Entwurf von Paul Haustein angefertigt worden waren. Die Predigt zur Einweihung hielt Reinhold Haug, der 1931 als Stadtpfarrverweser für die Betreuung der Weißenhofgemeinde eingesetzt worden war. Im Anschluss sprach Theopil Wurm, seit 1929 Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche. Dabei reagierte er auf die Äußerungen in der Presse in den vorherigen Wochen. Die „äußere Form“ sei „nie die Stärke des Protestantismus gewesen“. Er ermutigte die Gemeinde, sich von der Kritik nicht beirren zu lassen.Lubitz, 2017, S. 26, 31-32. Im gleichen Jahr wurde als erster Pfarrer Friedrich Hilzinger, ein Anhänger der Deutschen Christen, berufen.Lubitz, 2017, S. 35–38.