mini|299x299px|Trans-Pride-Flagge, entworfen 2000 von Monica Helms
Transgeschlechtlichkeit (von lateinisch trans ‚hinüber‘ ‚jenseits‘; englisch transgender; adjektivisch transgeschlechtlich, kurz trans) oder Transidentität (von lateinisch identitas ‚Wesenseinheit‘ ‚Identität‘) bezeichnet bei Personen, dass ihre Geschlechtsidentität nicht oder nicht vollständig mit dem in der Regel anhand äußerer Merkmale vor oder unmittelbar nach der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt.
Transgeschlechtlichkeit ist ein Überbegriff für viele Personen, die sich dem queeren bzw. LGBT-Spektrum zuordnen. Sie ist unabhängig von sexueller Orientierung. Zum Überbegriff gehören binäre Transmenschen,Wissen: Transmensch. In: Die Welt. 15. April 2012, abgerufen am 9. November 2021 („Wer sind Transsexuelle und Transgender-Personen?“).Worteintrag: Transmensch, der. In: Duden online. Abgerufen am 9. November 2021; Bedeutung: „Mensch, der transgender oder transsexuell ist“. beispielsweise Transfrauen und TransmännerWorteintrag: Transperson, die. In: Duden online. Abgerufen am 9. November 2021., genauso wie nichtbinäre Transpersonen, die sich über die Geschlechtergrenzen hinaus identifizieren bzw. eine geschlechtliche Zuordnung vollkommen verweigern. Menschen, die nicht trans sind, werden entsprechend als cisgeschlechtlich oder einfach cis bezeichnet.
Manche Transpersonen erleben Geschlechtsdysphorie, leiden also darunter, dass sie sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde (Geschlechtsinkongruenz). Einige von ihnen streben deshalb medizinische Maßnahmen an, etwa Hormonersatztherapie und geschlechtsangleichende Operationen. Der Grad, zu dem Transpersonen sich mit ihrer äußerlichen Erscheinung wohlfühlen und ihre authentische Identität annehmen, kann zum Beispiel mit der Transgender Congruence Scale (TCS) eingeschätzt werden. mini|hochkant|Transgeschlechtlichkeits-Symbol Das heutige Verständnis von Transgeschlechtlichkeit ist wenige Jahrzehnte alt. Während das Konzept des Transvestitismus auf Magnus Hirschfeld im Jahr 1910 zurückgeht, wurde der Begriff „Transsexualismus“ von ihm erst 1923 geprägt und das Konzept der „Transsexualität“ im heutigen Sinne maßgeblich ab den 1950er- und 1960er-Jahren durch den deutsch-amerikanischen Arzt Harry Benjamin etabliert. In vielen Gesellschaften wurden Transpersonen von Zeitgenossen aufgrund ihrer Weigerung, in gesellschaftlich vorgeschriebene Geschlechterrollen zu passen, mit Argwohn betrachtet oder für unnatürlich bzw. psychisch krank gehalten.
Magnus Hirschfeld war ab etwa 1910 ein Pionier der Forschung an TransmenschenMagnus Hirschfeld: Die Transvestiten: Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb, mit umfangreichem kasuistischem und historischem Material. Alfred Pulvermacher, Berlin 1910 (online auf digitaltransgenderarchive.net). und deren medizinischer Behandlung, und darauf aufbauend wurde bis in die 1990er-Jahre Transgeschlechtlichkeit besonders unter den medizinischen Aspekten betrachtet. Um die Jahrtausendwende vollzog sich ein Paradigmenwechsel, da Transmenschen anfingen, sich nicht mehr durch das biologische Geschlecht und dessen Veränderungen zu definieren, sondern durch die Geschlechtsidentität und deren Ausdruck. Zur gleichen Zeit, teilweise bereits seit den 1970er-Jahren, verbesserte sich in vielen Ländern die rechtliche und soziale Situation von Transpersonen. Allerdings ist seit 2020 in manchen Regionen wie den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich ein erneutes Aufkommen von Transfeindlichkeit (Transphobie) zu beobachten.
Begriffe Identitäten Seit im Zuge der Aufklärung ein Diskurs zur „Sexualität“ begann, war er bis weit in die 1970er Jahre bestimmt durch einen biologistisch-essentialistischen Ansatz, nach der sexuelle Kategorien biologisch veranlagt sowie kultur- und geschichtsübergreifend anwendbar seien.
Michel Foucaults Der Wille zum Wissen sorgte ab 1977 für eine Verschiebung hin zu einem konstruktivistischen Modell. Demnach konstituierte sich Sexualität als kulturelles und soziales Identitätskonzept erst im 19. Jahrhundert, zuvor habe es auch noch keine Begriffe gegeben, die wie die heutigen „heterosexuell“, „trans“, „schwul“ oder „lesbisch“ geeignet waren, entsprechende Selbstverständnisse zu benennen. Seither werden sexuelle und geschlechtliche Identitäten als Konstruktionen begriffen, die Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Anfang nahmen. Damit legte Foucault den Grundstein zur Entwicklung der Queer-Theorie ab den 1990er Jahren, nach der die Konstruktion binärer Geschlechtlichkeit nur eine von vielen gleichberechtigten und gleichursprünglichen Konzeptionen von Sexualität ist und daher hinterfragt werden kann. Damit wurde die Grundlage für ein weiteres Verständnis von Transidentitäten geschaffen.
Dieses Verständnis ist im 21. Jahrhundert aus den Queer Studies insbesondere der USA zunehmend herausgefordert worden. Während aktivistische Historikerinnen wie z. B. Susan Stryker auf essentialistische Konzepte zurückgriffen, nutzten z. B. Clare Sears oder Scott Larson den Begriff transgender stattdessen als analytischen Rahmen abseits biographischer Fragen. Auch Literaturwissenschaftlerinnen wie Carolyn Dinshaw oder Valerie Traub entwickelten Theorien zugunsten historischer Kontinuitäten. Solche Ausdehnungen des Begriffs führen in der Regel dazu, dass der Horizont von der Nachkriegszeit bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wieder mit in den Blick genommen wird. Eine nachhaltige Resonanz hin zu einem neuen Paradigmenwechsel ist bisher keinem dieser Ansätze gelungen.
Grundlagen Der Ausdruck transgeschlechtlich war ursprünglich eine Bezeichnung für Menschen, die sich mit ihrem ursprünglichen biologischen Geschlecht nur teilweise oder gar nicht identifizieren und ihr biologisches Geschlecht als nicht übereinstimmend oder falsch empfinden. Dieses bei der Geburt zugewiesene Geschlecht wird im Englischen mit den Begriffen birth-assigned gender bzw. der Abkürzung AGAB (assigned gender at birth) bezeichnet, um es vom eigentlichen Geschlecht (Geschlechtsidentität) zu unterscheiden.
Transmänner sind Personen, denen bei der Geburt meist das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde (englisch: assigned female at birth, kurz AFAB), die sich jedoch als Mann identifizieren. Transfrauen sind Personen, denen bei der Geburt meist das männliche Geschlecht zugewiesen wurde (englisch: assigned male at birth, kurz AMAB), die sich jedoch als Frau identifizieren. Während sich manche Transpersonen eindeutig mit einem einzelnen Geschlecht identifizieren, lehnen andere jede eindeutige Form einer Geschlechtszuweisung oder -kategorisierung für sich ab.
Weiterhin identifizieren sich manche Transpersonen mit einem der beiden binären Geschlechter Mann und Frau, während sich andere nichtbinär einem weiteren oder gar keinem Geschlecht zuordnen. Die weiter gefassten Bezeichnungen transmaskulin und transfeminin schließen auch nichtbinäre Personen ein, die sich nur teilweise oder gar nicht mit einem der beiden vorherrschenden Geschlechter identifizieren.
In der Vergangenheit entstanden verschiedene Begriffe, um Transgeschlechtlichkeit und ihre Aspekte zu beschreiben, die nicht immer synonym sind. Teilweise handelt es sich dabei um Selbstbeschreibungen von Transpersonen, teilweise wurden die Begriffe von Außenstehenden erdacht. Der Gebrauch der Bezeichnungen trans und transgender/transgeschlechtlich zeigt eine Abkehr von dem in Rechtsprechung und Gesetzgebung lange Zeit vorherrschenden, auf körperliche Eindeutigkeit fokussierten Konzept der Transsexualität, das im Kontext der Medizin und Sexualforschung der 1970er-Jahre geprägt wurde und durch diesen medizinischen Hintergrund als pathologisierend wahrgenommen werden konnte.
Diese Verschiebung der Präferenz von Bezeichnungen, die das biologische Geschlecht betonten (transsexuell) hin zu Bezeichnungen, die Geschlechtsidentität und -ausdruck betonen (transgender, Transmenschen), reflektiert einen Paradigmenwechsel im Selbstverständnis von Transpersonen. Die Wahl der Bezeichnung, der Name und das Pronomen sollen allein der betreffenden Person überlassen werden.
Allen Begriffen gemein ist das Präfix trans, das als lateinische Präposition „hinüber, jenseits“ bedeutet. Es beschreibt den Umstand, dass Transpersonen sich „auf der anderen Seite“ des ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlechts befinden, wobei diese andere Seite nicht unbedingt das jeweils andere binäre Geschlecht sein muss. Entsprechend erklärt sich die Verwendung des gegenteiligen Präfix cis mit der Bedeutung „auf der hiesigen Seite, diesseits“, das genau wie trans in vergleichbarer Weise in der Wissenschaft Anwendung findet (z. B. in der Chemie).
Transvestismus Der deutsche Arzt und Sexualforscher Magnus Hirschfeld prägte 1910 die Bezeichnung Transvestit, damit war erstmals ein Begriff geschaffen, der Menschen umfasste, die in einer Differenz von biologischem Geschlecht und Selbstverständnis leben. Seine Definition von Transvestit war noch erheblich weiter gefasst als spätere Definitionen des Begriffs, sie umfasste neben Menschen, die sich gelegentlich, regelmäßig oder ständig als Angehörige des anderen Geschlechts kleiden, auch transgeschlechtliche Phänomene. Für Menschen, die sich nicht einfach nur gegengeschlechtlich kleideten, sondern nach heutigem Verständnis transgeschlechtlich waren, verwendete er 1923 – in der letzten Ausgabe seines Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen – den Begriff des seelischen Transsexualismus, eine geschlechtliche Variation, die er als Vorstufe des Hermaphroditismus ansah.
Transsexualität, transsexuell Das Wort transsexuell setzt sich aus den Bestandteilen Lateinisch trans und deutsch sexuell (von lateinisch sexus „Geschlecht“) zusammen.
Zeitweilig wurde David O. Cauldwell, der das Wort in seinem 1949 erschienenen Artikel Psychopathia transexualis aufgegriffen hatte, fälschlich als Urheber dieser Bezeichnung angesehen. Harry Benjamin, der Hirschfeld, dessen Publikationen und dessen Institut für Sexualwissenschaft kannte, griff die Bezeichnung 1953 in seinem Artikel Transvestism and Transsexualism im Zusammenhang mit dem Fall Christine Jorgensen wieder auf und etablierte ihn 1966 mit seinem Buch The Transsexual Phenomenon in der Sexualmedizin. In den Arbeiten von Cauldwell und Benjamin wurde die Bezeichnung Transsexualismus bereits in ihrer heutigen Bedeutung verwendet.
Transpersonen haben lange Zeit die Beschreibung als Transsexuelle übernommen und auch zur Selbstzuschreibung verwendet. Transsexualität hat jedoch nach heutigem Verständnis eine medizinische und pathologisierende Konnotation, die den anderen Dimensionen der Transgeschlechtlichkeit nicht gerecht wird.
Obwohl dies nicht beabsichtigt war, ist auch die fälschliche Assoziation mit Sexualität naheliegend.Bernd Meyenburg: Geschlechtsdysphorie im Kindes und Jugendalter. Kohlhammer, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-17-035126-4, S. 13. Aus diesen Gründen wurde der Begriff etwa seit Beginn der 2000er-Jahre zunehmend als diskriminierend zurückgewiesen und als Selbstbezeichnung abgelehnt. Nur Einzelpersonen bezeichnen sich selbst noch als transsexuell.Beim Gender Census 2023 identifizierten sich weniger als 2 % der Befragten als transsexuell:
Manche Organisationen wie die Aktion Transsexualität und Menschenrecht oder transsexuelle Personen wie Buck Angel greifen bewusst den Begriff Transsexualität auf und grenzen ihn vom medizinisch-psychologischen Begriff Geschlechtsidentität bzw. neuen Begriffen wie transgender ab. Diese Strömung wird als Transsexuellenbewegung bezeichnet und unterscheidet sich von der allgemeinen Trans-Bewegung, die sich auf die Queer-Theorie beruft.