Fusobacterium (Fusobakterien im engeren Sinn) ist eine Gattung obligat anaerober, gramnegativer, nicht sporenbildender Bakterien, die zu den Gracilicutes gehören. Einzelne Zellen sind schlanke, stäbchenförmige Bazillen mit spitzen Enden. Fusobakterien wurden 1900 von Courmont und Cade entdeckt und kommen in der tierischen und menschlichen Flora häufig vor.
Aufgrund ihrer Häufigkeit im menschlichen Rachen, der Mund-, Magen-Darm- und (weiblichen) Genitalflora wurden Fusobakterien lange Zeit als normaler Teil der menschlichen Flora betrachtet. Derzeit herrscht Konsens darüber, dass Fusobakterien immer als Krankheitserreger behandelt werden sollten. Aktuell werden mehr als 13 Fusobakterien-Arten unterschieden. Fusobacterium nucleatum spielt als Krankheitserreger beim Menschen die Hauptrolle, Fusobacterium necrophorum befällt Menschen und Tiere, insbesondere Rinder.
Fusobacterium-Stämme sind an verschiedenen Krankheiten und Infektionen bei Tieren und Menschen beteiligt, darunter beim Menschen an Parodontalerkrankungen, dem Lemierre-Syndrom, Mund-, Kopf- und Halsinfektionen sowie Darmkrebs und topische Hautgeschwüre, bei Tieren u. a. an uterinen Infektionen, der Moderhinke und der Lumpy Jaw Disease des Kängurus.
Die Behandlung von Fusobakterieninfektionen erfolgt in der Regel mit Antibiotika.
Geschichte Courmont und Cade entdeckten Fusobakterien im Jahr 1900. Die erstmalige Dokumentation einer Infektion mit Fusobakterien erfolgte bereits 1898 durch Veillon und Zuber, wobei es sich um eine systemische Infektion eines Kleinkinds handelte. Die Gattung wurde 1923 von Knorr vorgeschlagen.
Arten Es werden aktuell mehr als 13 verschiedene Arten von Fusobakterien unterschieden, von denen zwei jeweils eigene Unterarten haben (F. nucleatum und F. necrophorum).LPSN: Search: Fusobacterium §subspecies.
Liste der gültig veröffentlichten Fusobacterium-Arten nach der LPSN (Stand 30. Juli 2024):
F. animalis et al. 2022 F. canifelinum corrig. et al. 2004 Synonym: F. canium et al. 2004 F. equinum et al. 2001 (sic! – nicht: F. aequinum) F. gastrosuis et al. 2017 F. gonidiaformans 1970 F. hominis et al. 2022 F. mortiferum 1970 F. naviforme 1970 F. necrogenes ( et al. 1937) 1970 F. necrophorum 1969 F. nucleatum 1922 F. perfoetens 1973 (sic! – nicht: F. perfoetans) F. periodonticum et al. 1984 (sic! – nicht: F. parodonticum) F. russii ( et al. 1937) 1970 F. simiae 1982 (sic! – nicht: F. simae) F. ulcerans 1988 F. varium 1969 F. vincentii ( et al. 1990 ex 1922) et al. 2022 F. watanabei et al. 2021
Noch nicht gültig veröffentlichte Arten Noch keine offiziell gültigen Veröffentlichungen gibt es für die folgenden vorgeschlagenen Arten (Stand 30. Juli 2024):
„F. aquatile“ 1973 „F. hwasookii“ et al. 2015 „F. massiliense“ et al. 2017 „F. pseudoperiodonticum“ et al. 2019 „F. symbiosum“ 1974 „Candidatus F. pullicola“ et al. 2021
Neu klassifizierte Arten Andere zuvor deklarierte Fusobakterien-Arten wurden inzwischen umklassifiziert, d. h. in andere Gattungen verschoben, darunter (Stand 30. Juli 2024):
F. plautii (alias F. plauti) ⇒ Flavonifractor plautii et al. 2010 F. alocis ⇒ Filifactor alocis ( et al. 1985) 1999 F. sulci ⇒ Eubacterium sulci ( et al. 1985) 1999 F. prausnitzii ⇒ „Bacteroides praussnitzii“ et al. 1937
F. prausnitzii ist Teil der Clostridium leptum-Untergruppe unter Eubacterium-ähnlichen Organismen. Einige Stämme von F. prausnitzii, einem bei gesunden Patienten vorkommenden Darmkommensalen, wurden 2002 vollständig in Faecalibacterium (Clostridiales: Ruminococcaceae) umklassifiziert.
Klinische Relevanz beim Menschen Fusobakterien können verschiedene Krankheiten und Infektionen beim Menschen verursachen, darunter Sinusitis (Nasennebenhöhlenentzündung) Parodontalerkrankungen Peritonitis (Bauchfellentzündung) Lemierre-Syndrom Angina Ludovici topische Hautgeschwüre Bakteriämie und AbszesseMarianne Abele-Horn: Antimikrobielle Therapie. Entscheidungshilfen zur Behandlung und Prophylaxe von Infektionskrankheiten. Unter Mitarbeit von Werner Heinz, Hartwig Klinker, Johann Schurz und August Stich, 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Peter Wiehl, Marburg 2009, ISBN 978-3-927219-14-4, S. 263. Lungenentzündung Wundinfektionen Periimplantitis (Entzündung des Kieferknochens um eine Zahnimplantat herum) Septikämie (Blutvergiftung)
Mit zahlreichen weiteren Erkrankungen werden Fusobakterien in Verbindung gebracht: Es wird vermutet, dass Fusobacterium nucleatum an der Entstehung von Zahnfleischkrebs beteiligt ist. Fusobakterien werden häufig mit Colitis ulcerosa in Verbindung gebracht. Forschungen zu Darmkrebs haben sowohl im Stuhl von Patienten als auch im Tumor eine Überrepräsentation von Fusobakterien gezeigt. Fusobakterien wurden auch mit HIV-Infektionen und einer suboptimalen Immunwiederherstellung in Verbindung gebracht. Eine Studie zeigte Zusammenhänge zwischen Fusobakterium-Infektionen und dem Auftreten von Endometriose. Dabei wurde durch die Fusobakterien indirekt die Produktion der Zytokin-Familie Transforming Growth Factor beta angeregt, was zur Aktivierung und Mobilisierung von Myofibroblasten führte, welche wiederum die Endometriose triggerten.
Im Juli 2024 veröffentlichten Anjali Chander, Miguel Reis Ferreira et al. eine Studie, nach der Fusobakterien umgekehrt durch Zerstörung der Tumorzellen bei Kopf- und Halskrebs (Plattenepithelkarzinom, , OSCC) einen günstigen Einfluss haben können. Eine solche Wirkung wurde für F. nucleatum (Fnuc) und F. periodonticum (Fper) gefunden. Für Mundbakterien der Gattung Prevotella (P. oralis) konnte eine solche Wirkung dagegen offenbar nicht bestätigt werden.
Symptome und Behandlung Infektionen mit Fusobakterien verursachen häufig Symptome wie Fieber, Entzündungen und ein insgesamt krankhaftes Erscheinungsbild. Der Nachweis von Fusobakterien erfolgt in der Regel durch chirurgische Gewebeentnahme sowie die Untersuchung von Fäkalien und Blut. Die Behandlung von Fusobakterien-Infektionen erfolgt in der Regel mit Penicillin oder den anaeroben Antibiotika Clindamycin oder Metronidazol falls die Fusobakterien Beta-Lactam-Antibiotika abbauen können. Etwa 20 % der klinischen Stämme sind allerdings gegen Penicillin resistent. Bleibt eine Fusobakterien-Infektion unbehandelt, kann dies zu schwerwiegenderen oder tödlichen Erkrankungen wie dem Lemierre-Syndrom führen. Infektionen wie das Lemierre-Syndrom betreffen vor allem jüngere Bevölkerungsgruppen, insbesondere männlichen Geschlechts.
Einzelnachweise LPSN: A. C. Parte: Genus Fusobacterium Knorr 1922. NCBI Taxonomy Browser: Fusobacterium nucleatum. NCBI Taxonomy Browser: Fusobacterium necrophorum. Anjali Chander, Jacopo Iacovacci, Aize Pellon, Rhadika Kataria, Anita Grigoriadis, John Maher, Cynthia Sears, Gilad Bachrach, Teresa Guerrero Urbano, Mary Lei, Imran Petkar, Anthony Kong, Tony Ng, Ester Orlandi, Nicola Alessandro Iacovelli, Loris De Cecco, Mara Serena Serafini, David Moyes, Tiziana Rancati, Miguel Reis Ferreira: Fusobacterium is toxic for head and neck squamous cell carcinoma and its presence may determine a better prognosis. In: Cancer Communications; doi:10.1002/cac2.12588, Epub 6. Juli 2024 (). Dazu: Winzige Helfer gegen Tumore? Bakterienart im Mund kann Krebs "wegschmelzen". Auf: n-tv.de vom 29. Juli 2024.
Ayako Muraoka, Miho Suzuki, Tomonari Hamaguchi, Shinya Watanabe, Kenta Iijima, Yoshiteru Murofushi, Keiko Shinjo, Satoko Osuka, Yumi Hariyama, Mikako Ito, Kinji Ohno, Tohru Kiyono, Satoru Kyo, Akira Iwase, Fumitaka Kikkawa, Hiroaki Kajiyama, Yutaka Kondo: Fusobacterium infection facilitates the development of endometriosis through the phenotypic transition of endometrial fibroblasts. In: Science Translational Medicine, Band 15, Nr. 700, 14. Juni 2023, S. eadd1531; doi:10.1126/scitranslmed.add1531, PMID 37315109, ResearchGate:371573998 (). Dazu:
David Nield: Invasive Bacteria Trigger Endometriosis, Study Suggests. Auf: ScienceAlert vom 15. Juni 2023.