mini|Überlinger Stadtgarten mit Kakteengruppe und Springbrunnen (2007) Der Überlinger Stadtgarten ist ein öffentlich zugänglicher, in den Jahren 1875 und 1876 angelegter botanischer Garten mit Pflanzen, exotischen Kakteen, alten Bäumen aus fernen Ländern und einem Rosengarten. Der fast 150 Jahre alte Stadtgarten liegt außerhalb der Befestigungsgräben im Westen der Stadt Überlingen am nördlichen Ufer des Bodensees in Baden-Württemberg.
Anfänge Im 15. Jahrhundert wurde die Stadt Überlingen mit Befestigungsgräben auf drei Seiten umschlossen. Auf der westlichen Seite, nahe dem Gallergraben, lag bis ins 19. Jahrhundert der Gemüse- und Rebgarten des Heiliggeistspitals zu Überlingen. 1875 beschloss der damalige Bürgermeister Wilhelm Beck, einen öffentlichen Garten anlegen zu lassen. Als erstes wurden Zedern, Riesenthuja und Lebensbäume angepflanzt. Angeleitet wurde die Arbeit vom fürstenbergischen Hofgärtner Kellermann aus dem nahegelegenen Heiligenberg.
Erster Stadtgärtner Der erste Stadtgärtner hieß Hermann Hoch (1866–1955). Er stammte aus einer Familie, die sehr lange in Überlingen ansässig war. Nach Abschluss der Höhere Bürgerschule im Jahr 1882 schloss er eine Gärtnerlehre in Konstanz ab und begab sich auf Wanderschaft. Erste Stationen waren beim Hofgärtner auf der Insel Mainau, dann in Baden-Baden und Pforzheim. Danach folgte eine Anstellung in der Schweiz bei einer Handelsgärtnerei in Cologny bei Genf. 1889 besuchte Hoch die Weltausstellung in Paris, bevor er nochmals in die Schweiz zurückkehrte. In Pregny, einem Vorort von Genf, arbeitete er für die dort ansässige Familie Rothschild im Schlossgarten. Anschließend machte er im Winter 1890 eine mehrmonatige Italienreise, um wie auch bisher, Erfahrungen im Gartenbau zu sammeln. Dabei hielt er in Skizzen fest, was ihn in den Gärten in den etwa 50 Städten, die er bereisen konnte, interessierte. Über Graz und Wien führte ihn seine Reise 1891 nach Dresden, wo er in einer Gärtnerei in Loschwitz arbeitet. Für die Gartenkunst, die Hoch später in Überlingen zum Blühen brachte, wurden die Gärten von Schloss Pillnitz bei Dresden eine Inspiration.
1893 heiratete er Hedwig Pöschke, die er in Dresden kennengelernt hat, und sie bekamen 11 Kinder zusammen. Einer seiner Söhne folgte in seine Fußstapfen als zweiter Überlinger Stadtgärtner. Durch einen Brief von seinem Vater hatte Hermann Hoch schon im Jahr 1891 erfahren, dass der Überlinger Gemeinderat einen erfahrenen Gärtner suchte und sich für Hermann Hoch interessierte. Erst am 25. April 1894 trat er die Stelle als erster Stadtgärtner in Überlingen an und blieb dabei bis zur Pensionierung zum Jahresende 1931. Hoch war ein aktives Mitglied in und saß zeitweise im Vorstand des 1899 vom Gemeinderat gegründeten und bis heute aktiven Verschönerungsverein Überlingens, auch wenn es in und um den Verein zu Meinungsverschiedenheiten kam.
Die Kakteen, die Hoch in Genf und in Italien gesehen hatte, machten einen großen Eindruck auf ihn. 1897 legte er in Überlingen ein erstes Kakteenbeet an. Er züchtete Kakteen und gewann bald Preise für seine Ergebnisse, die auf regionalen Gartenausstellungen präsentiert wurden. Neben Kakteengruppen plante Hoch 1929 auch den ersten Rosengarten in der städtischen Anlage. Über die Gestaltung dieses Projekts gab es allerdings einen heftigen städtepolitischen Streit, der in der örtlichen Presse Niederschlag fand. Der heutige Rosengarten entlang der Bahnhofstraße geht auf Pläne von Johann Baptist Hoch zurück, dem Sohn von Hermann Hoch. mini|Wegweiser am Eingang des Überlinger Stadtgartens mini|Überlinger Stadtgarten (2010) mini|Kakteengruppe mini|Pavillon im Oberen Garten mit Seeblick mini|Das Hexenhäusle aus dem Jahr 1905 mini|Herbst im Überlinger Stadtgarten (2007) mini|Das neue Pflanzenhaus am Eingang der Landesgartenschau 2021
Überregionale Bekanntheit In einem historischen Überblick über die ersten 125 Jahre des Stadtgartens zitierte Thomas Vogler, der von 1976 bis 2012 als Chef des Grünflächenamts zuständig u. a. für den Überlinger Stadtgarten war, einen im Jahr 1898 erschienenen Bodensee-Reiseführer:Direkt vom Badhotel aus gelangt man in die weitläufigen, herrlichen städtischen Anlagen mit ihren malerischen, unvergleichlichen Schluchten, schattigen Ruheplätzchen, rauschenden Springbrunnen, exotischen Baum- und Strauchpartien, Blumenrabatten und bezaubernden Fernsichten. Diese Anlagen in ihrer großartigen Gesamtheit, weit und breit einzigartig in ihrer Art, umspannen fast die ganze Stadt in weitem Bogen.
Etwa 75 Jahre nach Gründung des Stadtgartens veröffentlichte der vielseitige Journalist und naturkundliche Sachbuchautor Friedrich Schnack im Jahr 1952 eine detaillierte Beschreibung eines Rundgangs durch die Parkanlage und gab Informationen über Herkunft und Besonderheiten der Bäume, Blumen und Blattpflanzen wieder.
Der heutige Stadtgarten Der heutige Stadtgarten lässt sich in einen westlichen Teil, einen östlichen Teil, Rosengarten, und Oberen Stadtgarten aufteilen.
Laut dem damaligen Stadtgärtner Thomas Vogler „gilt der Überlingen Stadtgarten unter Fachleuten als einer der bedeutendsten dendrologischen Gärten am nördlichen Bodenseeufer und in Süddeutschland“. In Überlingen sind Bäume aus dem Nahen und Fernen Osten, aus Nordamerika, aus dem Kaukasus, aus Kanada, und aus Sibirien zu finden. 1958 wurde am westlichen Ausgang ein Urweltmammutbaum, oder chinesisches Rotholz, ein Nadelbaum, gepflanzt, der früher als ausgestorben galt. Die Gartenanlage beheimatet außerdem mehrere Exemplare des nordamerikanischen Mammutbaums, oder Sequoia. Seit 1986 ist „der Stadtgarten aus wissenschaftlichen und heimatgeschichtlichen Gründen als Kulturdenkmal erfasst.“
Jahrelang wurden Hunderte von nicht winterharten Pflanzen, insbesondere die Kakteen und Sukkulenten, in Gewächshäusern zur Überwinterung umgezogen und dann im Frühjahr wieder umgepflanzt. 2022 wurde auf einem Ufergrundstück in der Bahnhofstraße und nahe des Stadtgartens ein gläsernes Pflanzenhaus mit einer Höhe von fast 10 Metern, einer Grundfläche von 600 Quadratmetern und einer Pflanzfläche von 250 Quadratmetern für die historische Kakteensammlung von rund 1000 Kakteen und Sukkulenten eröffnet. Das Gebäude wurde zunächst als Ausstellungsraum im Rahmen der Landesgartenschau nach einem Entwurf der Firma Smiemans gebaut. Das Haus ist täglich für die Öffentlichkeit geöffnet. Jetziger Leiter der Stadtgärtnerei ist Andreas Höfler.
Im östlichen Teil des Stadtgartens befindet sich ein gusseiserner Springbrunnen aus dem Jahr 1886. Im Oberen Stadtgarten steht ein 120 Jahre alter gusseiserner Aussichtspavillon, ein malerisches, aus Holz gebautes „Hexenhäusle“ aus dem Jahr 1905, und ein Rehgehege. Der Weg durch den Überlinger Stadtgarten ist eine Station auf dem über 50 Kilometer langen Premiumwanderweg SeeGang zwischen Konstanz und Überlingen.
2023 gab der Verschönerungsverein Überlingen einen neuen Stadtgartenführer mit ausführlichen Texterklärungen, Lageplänen und Farbfotos heraus.
Baumbestand Baum Wissenschaftlicher Name Anzahl Kalifornische Weihrauchzeder Calocedrus decurrens 1 Hiba-Lebensbaum Thujopsis dolobrata 2 Kanadische Hemlocktanne Tsuga canadensis 1 Riesen-Lebensbaum Thuja plicata 6 Sumpfzypresse Taxodium distichum 1 Japanische Sicheltanne Cryptomeria japonica 1 Buchsbaum Buxus sempervirens var. arborescens 7 Berg-Ahorn Acer pseudoplatanus 2 Schwarzkiefer Pinus nigra 7 Feigenbaum Ficus carica 2 Tulpen-Magnolie Magnolia × soulangeana 2 Scheinzypresse Chamaecyparis lawsoniana 10 Mammutbaum Sequoiadendron giganteum 6 Riesen-Hartriegel Cornus controversa 1 Katsurabaum Cercidiphyllum japonicum 3 Gleditschie Gleditsia triacanthos 1 Kaukasus-Fichte Picea orientalis 1 Eibe Taxus baccata 7 Strauchkastanie Aesculus parviflora 1 Eisenholzbaum Parrotia persica 1 Portugiesische Lorbeerkirsche Prunus lusitanica 1 Amerikanischer Amberbaum Liquidambar styraciflua 2 Wollemie Wollemia nobilis 1 Blaue Atlas-Zeder Cedrus atlantica cv. ‚Glauca‘ 4 Serbische Fichte Picea omorika 1 Rotbuche Fagus sylvatica 3 Ungarische Eiche Quercus frainetto 1 Säulenbuche Fagus sylvatica Cultivar ‚Dawyck‘ 1 Judasbaum Cercis siliquastrum 4 Ginkgo Ginkgo biloba 3 Taschentuchbaum Davidia involucrata 1 Eschen-Ahorn Acer negundo 1 Fächer-Ahorn Acer palmatum 1 Bitterorange Poncirus trifoliata 1 Zimt-Ahorn Acer griseum 1 Europäische Lärche Larix decidua 1 Urweltmammutbaum Metasequoia glyptostroboides 1 Amerikanischer Tulpenbaum Liriodendron tulipifera 1 Hinoki-Scheinzypresse Chamaecyparis obtusa 1 Japanische Blütenkirsche Prunus serrulata ‚Kanzan‘ 1 Andentanne Araucaria araucana 1 Amerikanische Eberesche Sorbus americana 1 Japanische Nusseibe Torreya nucifera 1 Weißbirke oder Sandbirke Betula pendula 1
Literatur (Auswahl) (chronologisch sortiert) Friedrich Schnack: Der Überlinger Stadtgarten : Bäume, Blumen, Kakteen. Mit 17 Lichtbildern von Siegfried Lauterwasser. Überlingen am Bodensee 1952. Friedrich Schnack: Der Überlinger Stadtgarten. Einzigartig am Nordufer des Bodensees. In: Leben am See. Das Jahrbuch des Bodenseekreises Band 1. Verlag Senn, Tettnang 1983, S. 38–45. (Auszug aus seiner Schrift „Der Überlingen Stadtgarten“, 1952) Thomas Vogler: Der Überlingen Stadtgarten. [Nachschrift] In: Leben am See. Das Jahrbuch des Bodenseekreises Band 1. Verlag Senn Tettnang 1983, S. 46. Thomas Vogler: Mit Gartenanlage ein Denkmal gesetzt. 125 Jahre Stadtgarten Überlingen. In: Leben am See. Das Jahrbuch des Bodenseekreises Band 17. Verlag Senn, Tettnang 2000, S. 339–350. Michael Losse: Überlingen am Bodensee: Kulturgeschichte und Architektur. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2011, ISBN 978-3-86568-575-9. Heike Veit, Ulf Janicke: 150 Jahre Hermann Hoch: 1866–1955. Eine kleine Festschrift. Hg. von Verschönerungsverein Überlingen eV., Überlingen 2016. Hansjörg Straub. Fotos von Johannes Beller: Der Überlinger Stadtgarten. Hg. von Verschönerungsverein Überlingen eV., Überlingen 2023, ISBN 978-3-00-075665-8.
Weblinks
2020 Videoaufnahme der Große Kakteenwanderung der Stadtgärtnerei Premiumwanderweg Seegang Website der Stadt Überlingen
Einzelnachweise
Stadtgarten Kategorie:Parkanlage in Baden-Württemberg Kategorie:Botanischer Garten in Baden-Württemberg Kategorie:Parkanlage in Europa