Die Operation Matterhorn war eine strategische Bomberoffensive der Luftstreitkräfte der US-Armee auf die japanischen Hauptinseln während des Pazifikkriegs im Zweiten Weltkrieg. Neben Industrie- und Militäranlagen in Japan gehörten auch japanische Stützpunkte in China und Südostasien zu den weiteren Zielen.
Vorgeschichte
Die Idee, strategische Bomber in China zu stationieren, war nicht ganz neu. Auf der Symbol-Konferenz in Casablanca im Januar 1943 erörterte US-Präsident Franklin D. Roosevelt mit dem britischen Premierminister Winston Churchill die Möglichkeit von Luftoperationen gegen die Japaner von chinesischen Stützpunkten aus. General George C. Marshall unterstützte General Henry H. Arnolds Ansicht, dass die japanische Industrie sehr anfällig für Bombardierungen aus der Luft sei. Deren entsprechende Reaktion hatte sich schon bei der Durchführung des Doolittle-Raids im Jahr zuvor gezeigt. Der Präsident fügte hinzu, dass regelmäßige Bombardierungen Japans auch enorme Auswirkungen auf die Moral des chinesischen Volkes hätten. Daher schlug er vor, 200 bis 300 Flugzeuge nach China zu schicken, darunter schwere B-24-Bomber, und schlug weiter vor, die Bomber in Britisch-Indien zu stationieren und dann über vorgelagerte Stützpunkte in China operieren zu lassen.
Operationsplanung Während diese Option durch die Planungskommission geprüft wurde, trafen sich die Combined Chiefs-of-Staff auf der Quadrant-Konferenz in Quebec und genehmigten im August desselben Jahres eine strategische Offensive nach Westen durch den Zentralpazifik, die die Eroberung der Marianen-Inseln umfasste. Die Inseln lagen näher an den japanischen Inseln als alle Stützpunkte in China. Zudem hatten sie den Vorteil, dass sie leichter versorgt und verteidigt werden konnten als Stützpunkte an anderen Standorten, da sie sich dann in den Händen der Alliierten befänden. Der neue VLR-BomberVery Large Range → Sehr große Reichweite (Langstreckenbomber), die B-29, war in der Lage, in einer Reichweite zu operieren, die es erlauben würde direkte Angriffe auf die japanischen Heiminseln von Stützpunkten in den Marianen sowie aus China auszuführen. mini|V. l. n. r.: Generalissimus Chiang Kai-shek, US-Präsident Franklin D. Roosevelt und der britische Premierminister Winston Churchill auf der Konferenz in Kairo Im September kam das Planungsteam der Combined Chiefs of Staff zum Schluss, dass B-29-Bomber, die in China operieren und daher außer durch die Einbeziehung in die „Hump“-Luftbrücke von der Nachschubversorgung ausgeschlossen sind, unter einer Vielzahl logistischer Probleme leiden würden. US-Präsident Franklin D. Roosevelt entschied sich jedoch für Stützpunkte in China, da er es kaum erwarten konnte, mit der Bombardierung der japanischen Heimatinseln zu beginnen. Daher versprach Roosevelt Generalissimus Chiang Kai-shek auf der Sextant-Konferenz in Kairo, dass schwere B-29-Bomber in China stationiert würden. General Henry H. Arnold, der Oberbefehlshaber der United States Army Air Forces (USAAF), unterstützte diese Entscheidung als vorübergehende Lösung. Ihm war jedoch bewusst, dass strategische Missionen gegen Japan von den Marianen aus größere strategische Möglichkeiten boten, sobald Stützpunkte auf diesen Inseln verfügbar waren.
Im Oktober 1943 entwarf Brigadegeneral Kenneth B. Wolfe von der USAAF den Plan zur Operation Matterhorn zur Durchführung durch das XX Bomber Command. Wolfe stützte sich dabei auf einen ersten Plan mit dem Decknamen Setting Sun, der auf einem von Roosevelt auf der Casablanca-Konferenz entworfenen Entwurf und auf dem Twilight-Gegenplan von Generalleutnant Joseph Stilwell, dem US-amerikanischen Stabschef von Chiang Kai-shek, basierte.
Die formelle Charta, nach der die Twentieth Air Force operieren sollte, stellte sich wie folgt dar:
Es sollte eine strategische Luftwaffe der Armee mit der Bezeichnung Twentieth gegründet werden, die direkt unter den Joint Chiefs of Staff mit dem kommandierenden General der Army Air Force als ausführendem Kommandeur operieren sollte, um ihre Anweisungen für den Einsatz von VLR-Bombern umzusetzen. Wichtige Entscheidungen bezüglich Einsatz, Missionen und Zielvorgaben sollten den Joint Chiefs of Staff getroffen und vom kommandierenden General ausgeführt werden. Sollte ein strategischer oder taktischer Notfall eintreten, könnten Einsatzgebiets- oder Gebietskommandanten VLR-Bomber für andere Zwecke als den Hauptauftrag einsetzen, wobei die Joint Chiefs of Staff darüber unverzüglich in Kenntnis zu setzen sind. Die Verantwortung für die Bereitstellung geeigneter Stützpunkte und die Stützpunktverteidigung liegt gemäß den Anweisungen der Joint Chiefs of Staff bei den Einsatzgebiets- oder Gebietskommandanten. Um Verwirrung vor Ort zu vermeiden, würden die Joint Chiefs of Staff den Einsatzgebiets- oder Gebietskommandanten logistische Verpflichtungen für Einheiten der Twentieth Air Force übertragen, die von ihren Kommandos aus operieren. Die Verantwortung für die Festlegung gerechter und einheitlicher Verwaltungsrichtlinien mit der Verpflichtung für die lokale Koordinierung zu sorgen, liegt bei ihnen. Konflikte zwischen Einsatzkräften, die nach allgemeinen Weisungen der Joint Chiefs of Staff operieren und VLR-Kräften, die nach deren besonderen Weisungen operieren, sind zu vermeiden. Die Richtlinien der Joint Chiefs of Staff für den VLR-Betrieb würden so formuliert, dass mögliche Reibungen innerhalb der verschiedenen Kriegsgebiete minimiert werden. General Arnold sollte direkte Kommunikation mit den VLR-Führungskräften vor Ort haben.
Das XX Bomber Command wurde am 27. November 1943 in Salina, Kansas, aktiviert.
Operation Setting Sun Der Plan zur Operation Setting Sun basierte auf Unterstützung der in China stationierten Fourteenth Air Force von Generalmajor Claire Lee Chennault. Dieser hatte vorgeschlagen, dass die B-29-Bomber dauerhaft in Britisch-Indien und in China stationiert werden sollten. Da die Planer nicht bereit waren, die Rückeroberung Hongkongs abzuwarten, rechneten sie damit, ohne die Vorteile eines ostchinesischen Hafens zu operieren. Die logistische Unterstützung musste über Britisch-Indien erfolgen, und zwar unbeschadet anderer Operationen. Dies passte genau zum Vorschlag von Chennault.
Die vorgelagerten Luftwaffenstützpunkte in China wären autark auf der Grundlage von Material, das von Indien über den „Hump“ geflogen wurde, mit B-29-Flugzeugen, einer Flotte von Consolidated C-109-Tankflugzeugen, 20 Consolidated C-87-Transportern und drei Curtiss C-46 Unterstützungsstaffeln des Bomberkommandos. Die vorgeschobenen Operationsbasen für die B-29-Bomber sollten in der südchinesischen Provinz Guangxi liegen. mini|Karte mit eingetragenen potenziellen B-29-Stützpunkten mit einem Aktionsradius von 1600 Seemeilen (rund 2963 Kilometer)
Operation Twilight Operation Twilight war die Version von Generalleutnant Joseph W. Stilwell und Generalmajor George E. Stratemeyer, dem Kommandeur des Eastern Air Command, South-East Asia Air Command. Der Plan erwies sich als praktikabler und wurde zunächst von den Planern der Combined Chiefs of Staff übernommen.
Twilight schlug die Aufstellung einer Streitmacht von 10 bis 20 Gruppen (letztendlich auf 30 aufgestockt) schwerer Boeing B-29 Superfortress-Bomber auf chinesischen Stützpunkten in der Nähe von Changsha vor. Zusätzlicher Treibstoff, Bomben und andere Vorräte würden von 45 schweren Consolidated B-24-Liberator-Bombern, die zu Transportern umgebaut werden und 367 C-54 Skymaster oder Consolidated C-87 direkt von Kalkutta nach Kweilin transportiert. Später könnten B-29-Gruppen im Raum Mandalay stationiert werden.
Die Planungsstab ging davon aus, dass Japan in sechs Monaten besiegt werden könnte, wenn fünf Einsätze pro Monat von 28 B-29-Gruppen durchgeführt würden. Realistischer sogar, dass ein Feldzug im Oktober 1944 mit geringerer Einsatzzahl (aber zunehmender Anzahl an Flugzeugen, falls die B-29-Produktion dies erlauben würde) eine alliierte Besetzung Japans ab September 1945 ermöglichen könnte.
Der Twilight-Plan gewährleistete eine größere Sicherheit für die Bomber sowie ein größeres Maß an Autarkie und hätte es zehn Bomber-Gruppen ermöglicht, bis April 1945 ihren Betrieb aufzunehmen.
Operation Drake Zum Aufbau der Bomberflotte vom Typ Boeing B-29 Superfortress in China wurde die Operation Drake entwickelt. Doch trotz der massiven Bemühungen der Chinesen, so weit wie möglich neue Stützpunkte zu errichten, zeigte sich schnell, dass diese zu weit von den japanischen Hauptinseln entfernt lagen, als dass die Bomber von diesem Schauplatz aus entscheidende Angriffe verüben konnten. Ein Teil des Plans basierte auf dem Konzept, einige der Bomber im Osten Britisch-Indiens in der Region Bengalen zu stationieren, wo sie näher an Versorgungs- und Wartungseinrichtungen lagen und sie für ihre Angriffe über Flugplätze in der Region um Kweilin in China zu stationieren.
Operation Enterprise Für die Bomber wurden im Rahmen der Operation Enterprise in Nanning, Liuchow, Kweilin, Lingling, Hengyang, Suichuan, Chihkiang, Laohokow und Ankang große Stützpunkte errichtet. Die Japaner hielten die Bedrohung für groß genug, um ihre Operation Ichi-gō zu starten, um diese Gebiete zu erobern, damit den US-Bombern die Nutzung von Stützpunkten in Reichweite Japans verwehrt würde.
Operation Matterhorn mini|Boeing B-29 Superfortress Aufgrund des starken japanischen Drucks gegen die von Stilwell und Chennault kommandierten Boden- und Luftstreitkräfte wurde dann der Matterhorn-Plan entwickelt und die Stützpunkte weiter landeinwärts in die Provinz Chengdu verlegt. Unter der Aufsicht von General Laurence S. Kuter plante die Air Plans Division des Luftstabs die Operation Matterhorn.
General Arnold genehmigte den Plan am 12. Oktober und legte ihn den Joint Chiefs of Staff der USA vor, nachdem er Präsident Roosevelt über General George C. Marshall, den Stabschef der United States Army, davon überzeugt hatte, dass bis dahin keine weitere strategische Bombardierung Japans möglich sei, bis die Marianen eingenommen wären. Letzteres befand sich allerdings noch in der Planungsphase. Roosevelt zeigte sich mit dem geplanten Starttermin am 1. Juni 1944 unzufrieden, da er Chiang Kai-shek versprochen hatte, dass die Bombardierungen am 1. Januar 1944 beginnen würden. Er stimmte dann aber unter der Bedingung zu, dass die Operation ein Jahr lang fortgesetzt würde.
Das Gesamtziel der Operation Matterhorn bestand darin, ausgewählte wichtige japanische Industrie zu beschädigen oder ganz zu zerstören. Dies würde die industrielle Unterstützung der japanischen Kriegsanstrengungen als Beitrag zum gesamten strategischen Luftplan verringern. Der Plan sah wie der in Europa ein Zwischenziel vor: die Neutralisierung der japanischen Luftwaffe durch Kampfhandlungen und die Zerstörung von Flugzeug- und Triebwerksfabriken. Dann würde die Zerstörung primärer Ziele erfolgen, deren Ausschaltung zu einer fatalen Schwächung, oder gar zum Zusammenbruch des japanischen Widerstandswillens und der Fähigkeit, den Kampf fortzusetzen, führen würde. Operationen von chinesischen Stützpunkten aus würden dieses Ziel fördern und die japanischen Schiffbau- und Marineressourcen reduzieren.
Problematiken Ein großes Problem stellte die Reichweite dar, über die die B-29-Missionen geflogen werden sollten. Tokio, im Osten von Honshū, lag mehr als 3220 Kilometer von den vorgesehenen Stützpunkten in China entfernt und befand sich damit außerhalb der Reichweite der B-29. Die einzige Insel der großen japanischen Heimatinseln innerhalb des Kampfradius von 2575 Kilometern der B-29 war Kyūshū im Südwesten Japans.
Obwohl es sich bei der B-29 um ein für die damalige Zeit sehr fortschrittliches Kampfflugzeug handelte und obwohl die Entwicklung und Fertigung mit hoher Geschwindigkeit vorangetrieben worden war, litten die Flugzeuge noch immer unter vielfältigen mechanischen Problemen.