La finta pazza (deutsch etwa: „Die vorgeblich Wahnsinnige“) ist eine Oper in einem Prolog und drei Akten von Francesco Sacrati (Musik) mit einem Libretto von Giulio Strozzi nach dem 2. Buch des Epos Achilleis von Publius Papinius Statius und der Nr. 96 der Fabulae des Hyginus Mythographus. Sie wurde am 14. oder 27. Januar 1641 zur Eröffnung des Teatro Novissimo in Venedig uraufgeführt. Eine fahrende Operntruppe zeigte ab Mai 1644 eine überarbeitete Fassung. 1645 gab es eine Aufführung in Paris vor dem jungen König Ludwig XIV.
Handlung
Kurzfassung
Vorgeschichte. Die Oper behandelt eine Episode der griechischen Mythologie. Die Meeresnymphe Tetide (Thetis) hat durch ein Orakel erfahren, dass ihr Sohn Achille (Achilleus) eine wesentliche Rolle im Trojanischen Krieg spielen soll, dabei aber umkommen wird. Um ihn zu schützen, versteckt sie ihn als Frau verkleidet am Hof des Königs Licomede (Lykomedes) auf der Insel Skyros. Dort lebt Achille bei den Frauen. Er offenbart seine wahre Identität nur Prinzessin Deidamia (Deidameia), in die er sich verliebt. Die beiden haben bereits einen Sohn, Pirro. Trotz seines Glücks sehnt sich Achille insgeheim nach Waffen und Krieg. Da auch die Griechen von dem Orakel wissen, schicken sie Ulisse (Odysseus) und Diomede (Diomedes) nach Skyros, um Achille aufzuspüren. Diomede hatte früher einmal ein Verhältnis mit Deidamia, das er gerne erneuern würde.
Erster Akt. Ulisse und Diomede treffen auf Skyros ein und werden zum König gebracht. Die Göttinnen Giunone (Juno) und Minerva unterstützen ihr Vorhaben und überreden auch Tetide, Achilles Mitwirkung am Krieg nicht länger zu verhindern. Achille und Deidamia erfahren von der Ankunft der Griechen. Deidamia bittet ihren Geliebten, sie nicht zu verlassen. Sie einigen sich darauf, notfalls gemeinsam abzureisen, und schwören sich ihre Liebe. Nach einem kurzen Streitgespräch zwischen den Göttern Giove (Jupiter), Venere (Venus) und Amore (Amor) sowie der Allegorie des Sieges (La Vittoria) überreden die beiden Griechen den König, das Frauengemach auf Skyros betreten zu dürfen. Ein Eunuch unterhält sie mit seinem Gesang. Ulisse schenkt den Mädchen eine Schatulle, in der sich neben Schmuck auch ein Dolch befindet. Achille verrät sich durch die Gier, mit der er sich darauf stürzt.
Zweiter Akt. Diomede, Ulisse und Achille unterhalten sich über die Liebe, über die sie unterschiedliche Ansichten haben. Achilles erhält von seinem Vater, dem Gott Vulcano (Vulcanus), eine Lanze. Venere preist die Macht der Frauen über die Männer und befürwortet Täuschungen, um die eigenen Ziele zu erreichen. Deidamia erfährt von ihrer Amme, dass Achille ohne sie aufbrechen will. Während er in spielerischen Zweikämpfen mit den Griechen seine Fähigkeiten zeigt, sucht sie nach einem Ausweg. Um eine schnelle Entscheidung im Trojanischen Krieg zu verhindern, schickt Giove La Vittoria nach Skyros. Sie soll Deidamia raten, Wahnsinn vorzutäuschen, um Achilles Abreise zu verhindern. Diomede, der Eunuch, die Amme und der Hauptmann der Wachen von Skyros sorgen sich um die vermeintlich wahnsinnige Prinzessin.
Dritter Akt. Licomede lässt seine Tochter fesseln, um sie zu beruhigen. In ihrem angeblichen Wahn offenbart sie den anderen ihre Beziehung mit Achille. Tetide bittet vergeblich den Fährmann der Toten, Caronte (Charon), um Hilfe, ihren Sohn zu retten. Caronte weist sie auf das bereits feststehende Schicksal hin. Durch scheinbar im Schlaf gemurmelte Worte bringt Deidamia Achille dazu, sich offen zu ihr zu bekennen und um ihre Hand anzuhalten. Anschließend „gesundet“ sie von ihrem Wahn. Licomede lernt endlich seinen Enkel Pirro kennen. Die Freude ist jedoch nur kurz, da sich der Aufbruch in den Krieg nicht länger aufschieben lässt. Ein Chor himmlischer Geister trägt Deidamias jetzt gelöste Ketten in den Himmel.
Prolog (erste Fassung) – „Il consiglio improvviso“ (‚Der unvorhergesehene Rat‘)
Auf einem fliegenden Drachen reitend erscheint der „unvorhergesehene Rat“ und stellt sich dem (weiblichen) Publikum als Sohn armer Eltern vor: der Not („Bisogno“) und der Vorsicht („Prudenza“). Die Frauen lernen von ihm die Kunst der Verführung und die Fähigkeit, den geliebten Mann an sich zu binden. So wie er den Drachen lenke, überwinden die Frauen ihren Stolz. Auf seinen Rat hin gibt Deidamia im folgenden Drama vor, dem Wahn verfallen zu sein, um den von ihr geliebten Achille zurückzugewinnen.
Prolog (zweite Fassung)
Fama (der Ruhm) und Aurora (die Morgenröte) erreichen zeitgleich die Insel Skyros. Fama steht für die ruhmreiche Zukunft Achilles, Aurora für den idyllischen Charakter der Insel. Beide wähnen sich am Ziel ihrer Reise.
Prolog (Paris 1645)
rahmenlos|hochkant=2.2|Szenenbild des Prologs, Paris 1645
Aurora besingt die verliebten Zeffiretten (milde Westwinde), die im Morgengrauen umherfliegen und das Schicksal und den künftigen Ruhm des Achille beschreiben (Arie Aurora: „Zeffiretti innamorati“). Flora, die Göttin der Blüte, will ihm zu Ehren Blumen und Kränze verstreuen. Sie weist aber darauf hin, dass die mächtige Stadt Paris einst seinen Ruhm noch überstrahlen werde. Aurora ergänzt, dass der französische König Louis (Ludwig XIV.) in jungen Jahren ruhmreich Krieg führen und später Frieden stiften und mit gnädiger Majestät herrschen werde (Arie Aurora: „Vedrà dopo il girar di molti lustri“).
Erster Akt – „Protesi“ (‚Einleitung‘)
Seehafen auf der Insel Skyros
rahmenlos|hochkant=2.2|Szenenbild I:1 bis I:2, Paris 1645
Szene 1. Ulisse und Diomede treffen als Abgesandte der Griechen im Hafen von Skyros ein. Ihre Aufgabe ist es, Achille zu finden, ohne den einem Orakel zufolge der Sieg über Troja nicht möglich ist. Diomede erzählt seinem Freund, dass er selbst einst auf Skyros als Waffenexperte für König Licomede arbeitete und sich in dessen Tochter Deidamia verliebte. Die Inselbewohner empfangen sie und führen sie zum König.
Szene 2. Die Göttinnen Giunone und Minerva sind fest entschlossen, Ulisses Mission den Erfolg zu sichern. Die Meeresnymphe Tetide hingegen widerspricht. Sie ist Achilles Mutter und will ihren Sohn vor den Gefahren im Trojanischen Krieg bewahren. Aus diesem Grund hat sie ihn auf Skyros versteckt. Da die anderen sie aber auf den großen Ruhm hinweisen, den er als Anführer des griechischen Heeres gewinnen werde, gibt Tetide nach und ist bereit, Achille seinem Vaterland zu opfern.
Hof mit Loggien und Statuen sowie Bogen und Vorhang
rahmenlos|hochkant=2.2|Szenenbild I:3 bis II:7, Paris 1645
Szene 3. Der junge Achille lebt als Frau verkleidet unter dem Namen „Phyllis“ am Königshof von Skyros. Nur wenige kennen seine wahre Identität, darunter Prinzessin Deidamia (Duett Achille/Deidamia: „Ombra di timore“). Die beiden sind heimlich längst ein Paar. Sie haben sogar bereits ein Kind, den kleinen Pirro. Dennoch träumt Achille immer wieder von Schlachten und Krieg. Als die Nachricht von der Ankunft Ulisses und Diomedes eintrifft, erzählt Deidamia ihm von den Kriegsvorbereitungen. Auch ihr Vater werde ein Kriegsschiff nach Troja schicken. Achille fühlt sich hintergangen. Er würde am liebsten ebenfalls in den Kampf ziehen. Deidamia bittet ihn, bei ihr zu bleiben. Notfalls würde sie ihm in den Kampf folgen. Die beiden schwören sich ihre unverbrüchliche Liebe (Duett Achille/Deidamia: „Felicissima giorno“).
Szene 4 [–]. La Vittoria (der Sieg) fragt ihren Vater Giove, welcher der beiden Parteien des Trojanischen Kriegs sie ihre Gunst schenken solle. Giove entgegnet, dass dieser Krieg lange dauern werde. Auch Venere, die Göttin der Schönheit, meint, dass ihr heute nicht der Sinn nach Siegen stehe. Die Götter ziehen es jedoch vor, bewaffnet und gerüstet in den Kampf ziehen, nicht mit der Schönheit eines nackten Körpers. Venus weist sie darauf hin, wie effektiv das liebende Antlitz einer Venus einen bewaffneten Mars entwaffnen könne. Sie will selbst nach Skyros gehen, um Achille mit allen Mitteln zurückzuhalten (Arie Venere: „E trovato, che sarà“). Ihr Sohn Amore weigert sich, ihr dorthin zu folgen. Sie solle den Krieg Mars überlassen und nicht zu einem Spielball der Sterblichen werden. Zudem habe das Schicksal bereits den Untergang Trojas beschlossen (Duett Venere/Amore: „So, ch’il fato d’Asia vuol“).
Szene 5 . Licomede verspricht Ulisse und Diomede seine Unterstützung. Um seinem eigentlichen Auftrag, der Suche nach Achille, nachzukommen, besteht Diomede darauf, auch den weiblichen Bewohnern des Hauses vorgestellt zu werden. Licomede zögert, da er die schüchternen Mädchen nicht beunruhigen will. Schließlich muss er jedoch dem Drängen seiner Gäste nachgeben und lässt die Vorhänge zu den Damengemächern aufziehen.
Szene 6 . Ulisse und Diomede bewundern die Schönheit der versammelten Mädchen, die gerade den widerwilligen Eunuco (Eunuchen) zu einem Lied überreden (Canzonetta a tre voci Eunuco/Deidamia/Achille: „Il canto m’alletta“). Da Lycomede die Mädchen nun auffordert, seine Gäste zu begrüßen, muss der Eunuch den Vortrag alleine zu Ende bringen (Arie Eunuco: „Belle rose, che regine“). Ulisse reicht den Mädchen eine Schatulle mit Schmuckstücken, die mit großer Freude angenommen werden. In dem Kästchen befindet sich auch ein Dolch – eine List, um Achille zu enttarnen. Tatsächlich stürzt sich dieser sofort darauf und kann seine Identität nicht länger leugnen. Ulisse und Diomede fordern ihn auf, sich ihnen anzuschließen (Ulisse/Diomede/Achille/Licomede: „Di Grecia tutta i più sopiti eroi“).
Szene 7 [–]. Minerva und Giunone leiten zum „Tanz des Leidens“ („Sofferenza“) über (Duett Minerva/Giunone: „A soffrire, a soffrire“), den die jungen Leute der Insel mit ihrem Gesang begleiten (Chor: „Che fate in questi chiostri“).
(Paris 1645:) Ballett für vier Eunuchen, vier Bären und vier Affen.
Zweiter Akt – „Epitasi“ (‚Haupthandlung‘)
Szene 1. Diomede ist eifersüchtig auf Achille, der offensichtlich eine Liebesbeziehung mit seiner einstigen Geliebten Deidamia hat (Duett Diomede/Ulisse: „L’amante modesto“).
Szene 2. Achille teilt Ulisse und Diomede mit, wie sehr er sich über das Ende seines Versteckspiels freut (Arie Achille: „Dolce cambio di natura“). Sie unterhalten sich kurz über die Liebe: Während Achille seine Zuneigung mehreren Frauen schenken will, glaubt Ulisse an die Treue. Die drei Männer begeben sich zum Hafen, wo sie ihre Stärke in Kämpfen messen wollen.
Szene 3. Der Feuergott Vulcano gibt seinem Sohn Achille eine mächtige Lanze, deren Holz Minerva persönlich bearbeitete und dessen Eisenspitze er selbst schmiedete.
[Szene 4] (Paris 1645). Venere wirft ihrem Ehemann Vulcano vor, zu viel Zeit mit der Herstellung von Kriegswaffen zu verbringen. Sie neckt ihn damit, dass sie trotz ihrer Ehe weitere Liebschaften habe, während er in seiner Höhle lebe. Falls er allerdings eine Waffe für ihren Günstling Paris schmieden wolle, werde sie ihm erneut ihre Liebe schenken. Vulcano verspricht ihr dies. Venere besingt ihre Macht über die Männer (Arie Venere: „Sì, sì, ch’egli è ben giusto“).
Szene 4 . Deidamia erfährt von ihrer Amme (Nodrice), dass Achille ohne sie abreisen wolle. Sie fühlt sich von ihm verraten. Die Amme rät ihr, ihre Enttäuschung zu verbergen. Er könne unmöglich weiter bei den Frauen leben und genauso wenig könne sie ihrem Vater von dem Verhältnis erzählen. Entweder Achille werde bald zurückkehren oder sie werde einen anderen Ehemann finden.
Szene 5 . Achille hat die spielerischen Schaukämpfe gewonnen. Er sehnt sich nach dem Krieg und drängt Ulisse und Diomede zur Abreise.
Szene 6 . Deidamia sucht verzweifelt nach einem Weg, Achille zum Bleiben zu bewegen.
Szene 7 . Auf einem Adler reitend entschuldigt sich Giove bei seiner Frau Giunone für seine häufige Abwesenheit. Während Giunone auf der Vernichtung Trojas besteht, ist Giove noch unentschlossen. Er fordert Vittoria auf, Deidamia beizustehen. Diese soll Wahnsinn vortäuschen, um Achille zum Einlenken zu bewegen (Arie Vittoria: „Senno contro stoltezza invan contrasta“).
Prächtiger weiter Platz auf Skyros