Das Vertrauen ist ein Roman von Anna Seghers. Nach Vorabdrucken in der FDJ-Wochenzeitung Forum wurde der Roman im November 1968 im Aufbau Verlag publiziert.Maria Loreto Vilar: Das Vertrauen. In: Carola Hilmes, Ilse Nagelschmidt (Hrsg.): Anna Seghers-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Metzler, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-476-05664-1. S. 143–148. Hier S. 143. Es handelt sich um den letzten Seghers-Roman und um die Fortsetzung des Seghers-Romans Die Entscheidung.
Kurzbeschreibung Vor dem Hintergrund der Vorgeschichte, Nachgeschichte und eigentlicher Schilderung des Aufstands vom 17. Juni 1953 schildert Das Vertrauen verschiedene Persönlichkeitsstrukturen, personale Beziehungsgeschichten und sonstige Erlebnisse verschiedener Protagonisten, unter denen die Hauptfigur durch ein Fehlverhalten zwar der Partei-Karriere in der DDR entbehren muss, aber dafür das Liebesglück findet.
Inhalt Haupthandlungsstrang in der DDR Der aus Die Entscheidung bekannte Ingenieur Riedl, stellvertretender DirektorAnna Seghers: Das Vertrauen. Roman. (= Gesammelte Werke in Einzelausgaben, Band 8.) Aufbau-Verlag, Berlin 1975. S. 15. im Stahl-VEB Kossin, reist für einen Interzonenhandels-Abschluss zur Firma Greibisch nach Westdeutschland, trifft dort unter anderem auch auf den aus Kossin geflohenen Arbeiter Gerhard Bechtler, lässt dort durch diverse Besuche seine Vergangenheit aufleben: „Einen lebenden Faden zu fassen hab ich gehofft. Ich hab nichts gefaßt“. Mit seinem Chauffeur kehrt Riedl in die DDR zurück, in eine Alltagswelt mit Arbeit und deren Scheitern (z. B. einem abgelehnten Verbesserungsvorschlag),Seghers, Das Vertrauen, S. 73. Paarbeziehungen und deren drohendem Scheitern (z. B. eine Entfremdung seines Schützlings Thomas Helger von dessen stalinverehrender Freundin Lina Sachse, mit der er nicht zusammenziehen will),Seghers, Das Vertrauen, S. 38. Politik und deren Scheitern, z. B. die Rezeption des Slánský-Prozesses durch Lina, „ganz unglaubliche Dinge, die in Prag passiert sind. Auch wieso sie passieren konnten, hat man erklärt“, so Lina über eine Parteisitzung: „Nicht nur in Prag, im ganzen Land stecken Agenten in Ämtern und Betrieben“,Seghers, Das Vertrauen, S. 74. denen auch Thomas‘ Lern-Kumpel Heinz Köhler in Linas Augen nahesteht, was Thomas abstreitet: „Heinz Köhler hat ’ne freche Schnauze, ja, aber ein Agent, wie du das nennst, ist der nicht“.Seghers, Das Vertrauen, S. 75. Außerdem wiegelt Lina Thomas‘ Nachdenklichkeit über die angebliche Ärzteverschwörung ab.Seghers, Das Vertrauen, S. 112–113. Während in Thomas‘ Beziehung zu Lina die Entfremdung einzieht, trifft Thomas eine alte Bekannte wieder: Pimi, mit der er unmittelbar nach dem Krieg zusammen in einer Kinderbande Mundraub beging.Seghers, Das Vertrauen, S. 98. Pimis merkwürdiger Zauber macht für Thomas sogar eine Wanderung am Fluss zu einem wunderbaren Erlebnis: „Das verstärkte noch sein Gefühl, in eine fremde Gegend versetzt zu sein. Daran war nichts Erstaunliches, weil einem im Traum nichts erstaunt.“Seghers, Das Vertrauen, S. 126. Ebenso wenig erstaunlich: dass Lina bald darauf als „überzeugte Stalinistin“„a dedicated Stalinist“ – K. V. Alward: Das Vertrauen. In: K. V. Alward: Anna Seghers and Socialist Realism. (Doktorarbeit.) McGill University, Montreal 1972. S. 344–362. Hier S. 349. (pdf). von Stalins Tod massiv betroffen ist, während sie die Tatsache kalt lässt, dass die Ärzteverschwörung frei erfunden war – bei Thomas ist es genau andersherum: „Auf ihn machte die Sache mit Stalins Ärzten größeren Eindruck als Stalins Tod“.Seghers, Das Vertrauen, S. 154. Da Lina mit Stalins Tod beschäftigt ist, nähert sich Thomas noch weiter an Pimi an, während Heinz Köhler mit Toni Enders anzubändeln versucht, die zwar für Thomas schwärmt, jedoch sehr von Heinz’ Fürsorge für dessen kranke Mutter eingenommen ist.Seghers, Das Vertrauen, S. 156. Allerdings teilt Toni Heinz’ Haltung zur DDR nicht,Seghers, Das Vertrauen, S. 159. in der eine Normenerhöhung droht: „Was früher saftige Prämien abwarf, soll jetzt für alle die Norm sein“, erregt sich der arbeitsstolze Kossiner Gießer Heiner Schanz: „Was früher ’erfüllt‘ hieß und ’übererfüllt‘, und wir haben’s glatt geschafft, weil wir nun mal hinter der Arbeit her sind, das soll jetzt jeder machen.“Seghers, Das Vertrauen, S. 167. Die linientreue Lina und der ungläubige Thomas kommen derweil nicht wieder zusammen: „Er hatte Lina gegenüber kein Unrechtsgefühl; Lina sah ihn zwar öfters traurig an, sie wartete, daß er sie ansprechen würde, sich mit ihr versöhnen. Denn sie waren gar nicht mehr richtig zusammen gewesen seit ihrem letzten Streit – wenn so etwas wie die Freilassung der Stalinärzte in Moskau und die Meinungsverschiedenheit über den Grund dieser Freilassung ein Zerwürfnis zwischen zwei jungen Leuten herbeiführen konnte.“Seghers, Das Vertrauen, S. 169. Thomas geht mit Pimi auf eine Zelt-Tour, es kommt zum Geschlechtsverkehr: „Sie war kühl und glatt. Nicht katzenhaft. Auch nicht elfisch. Sie war fügsam und gut. Alles war gut.“Seghers, Das Vertrauen, S. 172. Pimi lädt Thomas ein, in der FolgewocheSeghers, Das Vertrauen, S. 176. mit ihr zusammen eine Freundin in West-Berlin zu besuchen. „Thomas zögerte mit der Antwort. Im Innern war er sehr darauf aus, sich Westberlin anzusehen. […] Da gibt es das andre Leben. Nach Büchern kann ich mir kein Bild machen. Ich muß mit eignen Augen sehn, was viele Leute wild macht, ganz gierig, ganz untreu.“Seghers, Das Vertrauen, S. 174. Noch vor dem Besuch allerdings berichtet Lina Thomas, dass Heinz und Toni ein Paar wären,Seghers, Das Vertrauen, S. 195. Thomas versucht Toni zur Rede zu stellen, doch Toni wiegelt ab: „Mein Bruder bist du nicht, du hast gar nichts mit mir zu tun. Red ich dir vielleicht wo was drein? Keine Spur.“Seghers, Das Vertrauen, S. 196. Obwohl die Begierde nach Pimi über Thomas genauso verschwunden wie gekommen war,Seghers, Das Vertrauen, S. 193. geht Thomas mit Pimi nach West-Berlin, „dieser unbekannten Stadt, die ein unbekanntes Land war, von dem es immerfort hieß, es sei etwas unglaublich Besonderes, es sei nichts dran, es sei alles dran, es sei Lug und Trug, es sei herrlich, kümmerlich seien diese Herrlichkeiten, dort findest du, was dein Herz begehrt. Alles dran? Was schon, zum Beispiel? Was denn begehrt dein Herz?“Seghers, Das Vertrauen, S. 198. In einem Zimmer, das Pimis Freundin gehört, kommt es abermals zum Geschlechtsverkehr zwischen Pimi und Thomas, während die eigentlich in Thomas verliebte Toni ihren Verehrer Heinz Köhler zu einer FDJ-Dampferfahrt nötigt, die Heinz „unerträglich“ findet,Seghers, Das Vertrauen, S. 203. während Lina es unerträglich findet, dass Thomas alternativ zur FDJ-Dampferfahrt einen Westberlin-Ausflug bevorzugte.Seghers, Das Vertrauen, S. 204–205. Später wird die Volkspolizei bei Thomas vorstellig, weil er seitens der Westberliner Polizei bezichtigt wird, für einen Diebeszug Pimis Schmiere gestanden zu haben,Seghers, Das Vertrauen, S. 215. woraufhin Thomas entgegnet, das könne nicht sein, weil er nur außerhalb der wochenendlichen Ladenöffnungszeiten mit Pimi in West-Berlin weilte und zu Arbeitsbeginn am Montag wieder in Kossin.Seghers, Das Vertrauen, S. 216. Obwohl Thomas‘ Darstellung bestätigt wird, verliert Thomas seinen Platz in der FDJ-LeitungSeghers, Das Vertrauen, S. 217. und seinen alsbaldigen Studienplatz,Seghers, Das Vertrauen, S. 267. was Heinz Köhler so kommentiert: „Nun, siehst du? Kannst du mich jetzt verstehen? Du hast irgendwas gemacht, was denen nicht paßt. Und plötzlich soll’s nicht mehr in dir drin sein: Die Fähigkeit zum Ingenieur.“Seghers, Das Vertrauen, S. 307.