mini|Große Kunst von Frauen. Dorling Kindersley Verlag, München 2021, ISBN 978-3-8310-4293-7 Das Buch Große Kunst von Frauen () ist ein 2019 im Verlag Phaidon veröffentlichter Bildband, der 400 Künstlerinnen aus fünf Jahrhunderten (um 1500 bis um 2000) mit ihrem Werk vorstellt. Die deutsche Ausgabe erschien 2021 beim Verlag Dorling Kindersley, übersetzt von Claudia Theis-Passaro, Teresa Zuhl und Annegret Hunke-Wormser. Im Titel des alphabetisch geordneten Buchs ist „von Frauen“ (im Original „Women“) durchgestrichen, um darauf hinzuweisen, dass es sich um große Kunstschaffende handelt, unabhängig vom Geschlecht.
Beschreibung mini|Ausgabe von „Why have there been no great women artists?“ zum 50. Jahrestag 2021. Der Bildausschnitt stammt aus einem Porträt von Marie-Denise Villers (1801) Im Vorwort verweist der Verlag darauf, dass Große Kunst von Frauen zum Teil auf Phaidons Publikation The Art Book aus dem Jahr 1994 beruht, die einen verlegerischen Standard für aufwändige und reichhaltige Reproduktionen setzte. Schon diese Publikation hätte eine Reihe von Künstlerinnen aufgenommen, was damals in Kunstgeschichtsbüchern eher die Ausnahme gewesen sei. Der Verlag begründet die Veröffentlichung von Große Kunst von Frauen damit, dass heute die von Frauen geschaffene Kunst immer wichtiger werden würde und Galerien, Museen und der Kunstmarkt zunehmend auf zuvor übersehene Künstlerinnen aus Vergangenheit und Gegenwart aufmerksam würden. Chancengleichheit für Künstlerinnen sei noch nicht erreicht, der Verlag möchte mit der Publikation Interessierten eine geeignete Einführung bieten. Der Originaltitel des Buchs (Great Women Artists) bezieht sich auf das bahnbrechende Essay Why have there been no great women artists? („Warum hat es keine bedeutenden Künstlerinnen gegeben?“) der Kunsthistorikerin Linda Nochlin von 1971. In diesem für die feministische Kunstgeschichte damals wegweisenden Aufsatz beleuchtet Nochlin die institutionellen Hindernisse für den Erfolg von Frauen in der westlichen Welt in der bildenden Kunst.
„Women“ bzw. „von Frauen“ ist auf dem Titelblatt des Bildbands durchgestrichen, was eine Verlegerin von Phaidon, Deborah Aaronson, angeregt hatte. Rebecca Morril, die Auftragsredakteurin des Werks, sagte in einem Interview dazu:
Wie schon The Art Book bietet Große Kunst von Frauen eine Übersicht über die Kunstschaffenden, die nicht chronologisch, sondern nach Alphabet angelegt ist. Bei der Veröffentlichung von The Art Book hätte dies einen völlig neuen Ansatz dargestellt, so der Verlag. Die Auswahl der 400 Künstlerinnen erfolgte unter Berücksichtigung mehrerer Kriterien, wobei das Hauptziel war, eine möglichst breitgestreute Darstellung von Kunst zu erreichen: „Werke verschiedener Epochen, hergestellt von Künstlerinnen weltweit, unter Verwendung verschiedener Formen und Materialien.“ Nur namentlich bekannte Künstlerinnen, von denen mindestens ein Kunstwerk erhalten ist, wurden einbezogen. Dadurch fehlen Objekte und Bilder aus Kulturen, in denen die Namen der Kunstschaffenden von Objekten traditionell nicht verzeichnet werden. In einem Interview ergänzte Morrill, dass die lange Liste mit einer Zusammenstellung von Listen von Künstlerinnen begann, die in früheren Phaidon-Büchern (sowohl Monografien als auch Überblickswerke) und in großen Einzelausstellungen weltweit vertreten waren. Diese erste Liste wurde mit Hilfe der freiberuflich arbeitenden beratenden Redakteurin, Kunstkritikerin und Kuratorin Karen Wright erweitert.
Aufgenommen wurden auch Kunstschaffende, denen bei ihrer Geburt das weibliche Geschlecht zugeordnet wurde, die sich inzwischen aber nicht-binär identifizieren, sowie Transfrauen. Die früheste aufgenommene Künstlerin wurde um 1490 geboren (Properzia de’Rossi), die späteste im Jahr 1990 (Tschabalala Self). Zu jeder Künstlerin wird eines ihrer Werke – meist wurde ihr bekanntestes ausgewählt – mit einem großen Farbfoto vorgestellt. Dazu gibt es von 23 Autorinnen und Autoren verfasste biografische Informationen und kurze ästhetische Interpretationen der abgebildeten Werke.
In der Einleitung des Buches verweist Rebecca Morrill auf frühe Beispiele von Abhandlungen, die vor allem Künstlerinnen in den Blick nahmen, die schon vor den Anfängen der feministischen Kunstgeschichte in den 1960er Jahren entstanden. Sie nennt hierzu Giovanni Boccaccios De claris mulieribus (1361–1362) und Walter Shaw Sparrows (1862–1940) Women Painters of the World (1905). Morrill führt einerseits an, dass wohl viele Künstlerinnen „in Vergessenheit geraten“ sind und „auf ihre Wiederentdeckung warteten“, verweist andererseits aber darauf, dass Nochlin in ihrer Analyse zu den fehlenden Künstlerinnen in der Kunstgeschichte die Möglichkeit außer Acht gelassen hätte, dass „sich die Wahrnehmung von ‚künstlerischer Größe‘ in Zeit und Raum verschieben“ könne und „nicht auf ewig festgeschrieben“ bleiben müsse. Morrill konstatiert, dass sich die Situation von Künstlerinnen im 21. Jahrhundert deutlich verbessert habe, männliche Kunstschaffende es aber weiterhin einfacher hätten, von der Kritik wahrgenommen zu werden und hohe Preise für ihre Werke zu erzielen. Mit den personellen Veränderungen in den Kulturinstitutionen sei aber ein Wandel eingetreten. Viele öffentlichen Museen bemühten sich nun um höhere Diversität bei den ausgestellten Kunstschaffenden, was auch den Ankauf von Werken betrifft.
Ein Glossar, das den Zusammenhang zwischen den präsentierten Künstlerinnen im Zusammenhang mit vertrauten Stilen und Strömungen zeigt, rundet den Sammelband ab.
Rezeption Quinn Kirby verweist in Musée Magazine darauf, dass das Buch gleichzeitig anerkennt als auch ignoriert, wie das Geschlecht den Zugang von Künstlerinnen zu kreativen Räumen beeinflusst hat. Beim Lesen der Publikation entstehe der Eindruck, in einem visuellen Wörterbuch zu blättern. Die ausgewählten Werke und Beschreibungen der Künstlerinnen ermöglichten es, sich inspirieren zu lassen, bestimmte Künstlerinnen an anderer Stelle zu erkunden. Dadurch würde die Arbeit der Künstlerinnen aufgewertet, was das ausdrückliche Ziel des Buches sei.
Während Devie Ivie im Interview Magazine die Zugänglichkeit des „Coffee Table Books“ hervorhebt („Wenn doch nur alle unsere Lehrbücher für Kunstgeschichte so viel Spaß machen würden.“), beschreibt Sarah Kent in The Art Desk den Sammelband als Buch, „auf das wir gewartet haben“ und als „Offenbarung“. Wenn eine derartige Studie zu ihrer Studienzeit erschienen wäre, wäre der Kampf, als Künstlerin voranzukommen, weniger entmutigend gewesen. Ihre Studienkolleginnen und sie hätten Vorbilder und Namen gehabt, mit denen sie der Behauptung hätten entgegentreten können, es habe nie bedeutende Künstlerinnen gegeben. Sie spekuliert, dass die in diesem Buch aufgezeigte „jüngste Explosion weiblicher Talente“ vielleicht eine Generation früher hätte stattfinden können. Das Buch sei symptomatisch für einen gerade stattfindenden Umbruch. Die Vorurteile würden schwinden und die Museen sich bemühen, die aus der Kunstgeschichte ausgelöschten Frauen wieder ins Bewusstsein zu rücken, indem sie ihre lange vergessenen und neu zugeschriebenen Werke ausgraben würden. Als Beispiel führt Kent eine Reihe von Ausstellungen über Künstlerinnen an, die die Uffizien in Florenz 2017 mit einer Ausstellung über Plautilla Nelli starteten. Kent lobt auch, dass die Begleittexte jeweils die wichtigsten Punkte des Lebenswerks der Künstlerin hervorragend zusammenfassen würden.
Bridget Quinn in Hyperallergic charakterisiert den Bildband als „spektakuläres Objekt“, das als visuelle Referenz einfach großartig sei. Aber als Text über Frauen und die Geschichte der Kunst weise er Schwächen auf. Einerseits distanziere sich der Verlag im Vorwort von feministischer Kunstgeschichte mit der Aussage „Dies ist kein Überblick über feministische Kunst oder eine Auswahl von Kunst über ‚weibliche Erfahrung‘ und ‚Frauenthemen‘“. Andererseits verweise der Verlag darauf, dass der Band ein „Zeugnis“ sei der „umfangreichen, sich über mehrere Jahrzehnte erstreckenden Forschung zu Kunstschaffenden, die aus der Geschichte herausgeschrieben wurden.“ Diese Forschung sei ein feministisches Unterfangen gewesen. Außerdem vermisst Quinn eine Darstellung der Auswahlkriterien. Sie lobt jedoch, dass der Bildband die Arbeiten der Künstlerinnen ins Blickfeld des 20. Jahrhunderts rücke und das Buch darin manchmal sogar großartig sei.
Im Herald bezeichneten Teddy Jamieson und Susan Swarbrick Great Women Artists als „Korrektiv zur testosteronlastigen Norm solcher Bücher“. Statt Picasso gäbe es Cornelia Parker und statt Willem de Kooning Elaine de Kooning. Roberta Smith bezeichnete es in der New York Times als „angenehme Überraschung“, wie viele Malerinnen im 17. und 18. Jahrhundert in Europa arbeiteten. Great Women Artists sei ein „großartiges“, äußerst nützliches Buch, auch wenn die Meinungen darüber auseinandergingen, ob jede der enthaltenen zeitgenössischen Künstlerinnen als großartig („great“) zu bezeichnen seien oder ob sie einfach nur gegenwärtig sichtbar und marktfähig seien.
Gelistete Künstlerinnen Die Liste enthält die Künstlerinnen aus dem Band Große Kunst von Frauen mit dem dort vorgestellten Werk. Die Angaben zur Sammlung, in der sich das betreffende Werk befindet, stammen aus dem Bildband und sind entsprechend Stand 2019. Das Geburtsland bezieht sich in der Regel auf das Land des Geburtsorts zum Zeitpunkt der Geburt.
Die Liste ist nach Geburts- und Todesjahr, Geburtsland und nach dem Jahr der Erstellung des vorgestellten Werks sortierbar.
KünstlerinGeburtsjahrTodesjahrGeburtslandVorgestelltes Werk (Jahr)Bild19302017PolenSieben Figuren 2012, Bronze, Privatsammlung18981991USAManhattan Bridge Looking Up 1936, Silbergelatine-Druck, Metropolitan Museum of Art1982USAClass of 2007 2007, Acryl auf Leinwand, Rubell Museum1946SerbienRhythm 0 1974, Performance, Studio Morra1967Bundesrepublik DeutschlandFenke 2014, Acryl und Öl auf Leinwand, von Alice und Nahum Lainer als Schenkung an das Los Angeles County Museum of Art versprochen19242014ItalienDreifachzelt 1969–71, Lack auf Sicofoil, Musée National d’Art Moderne19252021LibanonDas Gewicht der Welt 1–20 2016, Öl auf Leinwand, Serpentine Sackler Gallery18621944SchwedenGruppe X, Nr. 1 Altargemälde 1915, Öl und Blattmetall auf Leinwand, Privatsammlung150px18911999Vereinigtes Königreich Großbritannien und IrlandFigures in a Garden 1979–81, Acryl auf Leinwand, Tate Modern1959FinnlandDas Haus 2002, Installation mit Projektionen auf drei Kanälen19502015BelgienJeanne Dielman, 23, Quai du Commerce, 1080 Bruxelles 1975, Standfoto / Film1983NigeriaDwell: Aso Ebi 2017, Acryl, Transfer, Farbstifte, Collage und erinnerungsträchtiger Stoff auf Papier18991994Deutsches ReichWandbehang 1926 (Neuauflage Werkstatt Gunta Stölzl, 1965), merzerisierte Baumwolle und Seide, Metropolitan Museum of Art1970USAThe Back 2008–09, Öl auf Leinwand, Olbricht Collection1932KolumbienAlchemy 50 1987, Leinwand, Gesso, Blattgold und Acrylfarbe, Tate Modern1963ÄgyptenPorträt mit einem Ohrring 2016, Acryl, Stickerei und Gel-Medium auf Leinwand1947USAUnited States 2: O Superman 1980, Performance1962SchwedenAbout a Girl 2005, Öl und Acryl auf Holztafel, Diptychonum 1531/321625ItalienDrei Schwestern beim Schachspiel 1555, Öl auf Leinwand, Nationalmuseum in Posen150px1935USA100 Boots Looking for a Job, San Clemente, California 1972, Vintage-Silbergelatine-Print auf Karton1964BahamasGnaw 1992, dreiteilige Installation, Museum of Contemporary Art, Los Angeles19292023USAMonalisa 2009, gampi-Papier, Mylar, Ultrachrome-Tinte, Pigmente, Öl, Wasserfarbe und Holz, Privatsammlung (alias „Shoplifter“)1969IslandNervescape V 2016, Modacrylfasern, Nylon-Reisverschlüsse und Heftklammern, Queensland Art Gallery19122012USABargirl in einem Bordell im Rotlichtviertel, Habana, Kuba 1954, Silbergelatine-Print19262013USAUntitled (S. 310, Hanging Five-Lobed Continuous Form Within a Form with Spheres in the 2nd, 3rd and Bottom Lobes) um 1954, Kupfer- und Messingdraht1938USASkin Deep