mini|Karte von Idschzim und seinen ebenfalls zerstörten Nachbardörfern ʿAin Ghazal und Dschabaʿ auf den Ausläufern des Karmel, im Westen die palästinensische Küstenebene.
Idschzim () war zuletzt ein palästinensisches Dorf im britisch-palästinischen Distrikt Haifa, dem es die Mächte der Triple Entente 1918/1920 zuschlugen, als sie das besetzte ehemals osmanische Reichsgebiet territorial umgliederten. Davor gehörte das Dorf über 500 Jahre zum Osmanischen Reich, das es 1515 vom Mamlukenreich Ägypten erobert hatte.
Im Palästinakrieg eroberten israelische Militäreinheiten das Dorf 1948. Wie hunderte andere palästinensische Orte wurde das Dorf im Zuge der Nakba zerstört und die heimische Bevölkerung vertrieben. Heute ist die ehemalige Ortslage am Hang eine überwiegend bewaldete Wüstung, in der Ebene Karmelküste unterhalb des Hanges befindet sich die Ortschaft Kerem Maharal im israelischen Bezirk Haifa.
Geschichte
Frühe Geschichte Im Osmanisch-Mamlukischen Krieg (1516–1517) eroberte das Osmanische Reich Ägypten und seine levantinischen Nordprovinzen mitsamt Idschzim. Ende des 16. Jahrhunderts hatten in dem Dorf lediglich 55 Menschen gelebt. Das zunächst wirtschaftlich und militärisch starke Reich stieg ab Mitte des 17. Jahrhunderts ab, als die Hohe Pforte schwächer wurde und lokale Führer begannen, sich gegenseitig zu bekämpfen, wobei es ihnen vorrangig darum ging, sich gegenseitig Gebiete zu entreißen, um dadurch in zugewonnenen und womöglich minder ausgeplünderten Bereichen die Steuern einzutreiben, wobei sie davon nur einen Bruchteil an die Hohe Pforte weitergaben.ʿAtzmonah Wachsmann Schabtai (), “” (22. September 2020), auf: רואה שחורות במשקפיים ורודים; abgerufen am 24. September 2025.
Diesem Verfall stemmte sich Ẓahir al-ʿUmar al-Zaidani (um 1690–1775) entgegen, eine mutige und charismatische Persönlichkeit aus der erfolgreichen, vom Rande der Wüsten der Arabischen Halbinsel stammenden Beduinenfamilie al-Zayadina, damals ansässig im nach Jahren des Niedergangs wenig bevölkerten ʿArraba. Als Steuerpächter (), zu dem ihn der Wālī von Sidon ernannt hatte, reüssierte er zunächst in der Nahiyat Tabariyya.Thomas Philipp, Acre: the rise and fall of a Palestinian city, 1730–1831, New York und Chichester: Columbia University Press, 2001, (=History and society of the modern Middle East series; Bd. 6), Seite wie gesondert angegeben. ISBN 0-231-12327-2. Von Galiläa aus, das bis 1918 zum osmanischen Libanon gehörte, nahm Ẓāhir al-ʿUmars Aufstieg seinen Anfang. Ẓāhir al-ʿUmar setzte kaufmännisch denkend auf regelmäßige kontinuierliche Steuereingänge, statt auf einmalige Höchstbeträge, die die Steuerpflichtigen ruinierten. Sein Konzept schloss auch ein, Landpächter vor Räubern zu schützen.
Von Kaufleuten respektiert und bäuerlichen Landpächtern für Rücksicht und Schutz geschätzt, begann Ẓāhir al-ʿUmar mit Verhandlung und militärischem Geschick in Galiläa eine Ordnung aufzubauen, die Schutz vor Raubüberfällen und amtlicher Ausbeutung und Willkür bot, indem er allgemeine Regeln aufstellte und durchsetzte, auf die sich die Einwohner verlassen konnten. Die Ruinenstadt Akkon mit ihrem natürlichen Hafen nahm Ẓāhir al-ʿUmar sich zur Hauptstadt und rekonstruierte ihre Befestigungen.Jill Gill und Norman Wareham, Every Pilgrim’s Guide to the Holy Land, London: SCM-Canterbury Press, 1998, 31998, S. 178. ISBN 1-85311-212-7. In Ẓāhir al-ʿUmars Gebiet vor Raub geschützt konnten bäuerliche Produzenten ihre Produktion steigern und behielten nach Steuer und Pacht mehr von ihrem Ertrag für sich übrig als ihresgleichen in Gebieten anderer Herren. Ẓāhir al-ʿUmar übernahm den Export global gängiger Feldfrüchte auf die Weltmärkte.
Mitte des 18. Jahrhunderts gehörte Idschzim mit rund eintausend Einwohnern zu den größten Ortschaften in der Karmelküste. Die Menschen lebten von der Landwirtschaft. Im Jahre 1771 erweiterte al-Zaidani, der schon seit 1761 Haifa beherrschte, seinen Herrschaftsbereich über die gesamte Länge der Scharonebene südwärts bis hinab nach Jaffa, das er als sein südliches Bollwerk gegen Einfälle osmanischer Vasallen aus dem Eyâlet Ägypten befestigte. Dadurch kam auch Idschzim unter Ẓahir al-ʿUmars Regierung. Vordem zählte die Karmelküste mit Idschzim zur osmanischen Provinz Eyâlet al-Scham (Sitz: Damaskus). Ẓahir al-ʿUmars Herrschaftsbereich blieb immer prekär, denn die Hohe Pforte beäugte argwöhnisch jede erfolgreiche lokale Regierungskunst als Gefahr für die Reichseinheit und ermutigte wieder und wieder Wālīs benachbarter Verwaltungsbezirke al-ʿUmar al-Zaidani zu stürzen. So ermuntert zog der Vasall Muhammad Bey Abu Dahab aus dem osmanischen Eyâlet Ägypten aus und nahm am 20. Mai 1775 Jaffa, wobei er alle Männer der Stadt enthaupten ließ, um mit seiner Brutalität den Mut zur Abwehr zu erschüttern. Darauf überrannten
Während Jaffa nach der Beseitigung Ẓahir al-ʿUmars wieder an das Eyâlet al-Scham kam, blieb das Hinterland Haifas mit Idschzim als Teil des Sandschaks Akkon beim osmanischen Libanon, zunächst Eyâlet Sidon genannt, nach der Verwaltungsreform von 1888 als Vilâyet Beirut bezeichnet. Das Dorf selbst wurde von zwei familiären Sippen dominiert: den Gutsbesitzern der al-Madi und der Religionsgelehrtenfamilie der al-Nabhani. Letztere entstammten einem Zweig des Beduinenstammes der Banu Nabhan, der sich vor langer Zeit im Gebiet niedergelassen hatte.Reza Pankhurst: Hizb ut-Tahrir - the untold History of the Liberation Party, Hurst, London 2016, S. 18f.; Jamal Sankari: An-Nabhani and Hizb ut-Tahrir, VDM, Saarbrücken 2010, S. 12f.
Der osmanische Versuch im Ersten Weltkrieg auf Seiten der Mittelmächte, den Suezkanal zu blockieren, um so die Verbindungen zwischen den Teilen des Britischen Imperiums auf weite Umwege zu zwingen und im Falle eines Sieges das bis 1882 osmanische Chedivat Ägypten dem britischen Einfluss wieder zu entreißen, endete schließlich mit der Niederlage und Auflösung des Osmanischen Reiches. Den osmanisch eröffneten Sinaifeldzug trieben siegreiche Gegenvorstöße der Egyptian Expeditionary Force der Triple Entente vom ägyptischen Sinai immer weiter nordostwärts über die osmanische Grenze in die Vorpostenprovinz Mutesarriflik Jerusalem, das westliche christliche Pilger, Theologen, Historiker und Geographen als Palästina ansahen, weshalb die Militärgeschichte von Palästinafront spricht.Alex Carmel (), Geschichte Haifas in der türkischen Zeit 1516-1918 [תּוֹלְדֹוֹֹת חֵיפָה בִּיְמֵי הַתּוּרְכִּים, Haifa: , 1969; dt.], Clara Zellermeyer (Übs.), Wiesbaden: Harrassowitz, 1975, (=Abhandlungen des Deutschen Palästinavereins; Bd. 3), S. 149. ISBN 3-447-01636-1.
Bis September 1918 waren die Kampfhandlungen fern von Idschzim, doch andere Folgen des Krieges waren zu spüren. Männer wurden für den Kriegsdienst in der Osmanischen Armee gezogen, Lebensmittel und Zugtiere requiriert, teils entschädigt durch die per Notenpresse inflationierte osmanische Währung. Bis 1916 waren osmanische Banknoten auf ¼, später auf ⅙, ihrer Vorkriegsparität zur Mark (ℳ) gefallen,Frank Foerster, Mission im Heiligen Land: Der Jerusalems-Verein zu Berlin 1852–1945 (= Missionswissenschaftliche Forschungen; Neue Serie, Bd. 25), Gütersloh: Gütersloher Verlags-Haus Mohn, 1991, S. 130. ISBN 3-579-00245-7. die ja ihrerseits gleichzeitig ebenfalls durch die Notenpresse dramatisch an Kaufkraft verloren hatte. Im Handel nahmen die Leute schon im März 1916 nur noch Kurantmünzen zum Nennwert an,Mordechai Naʾor (), The Twentieth Century in Eretz Israel – a Pictorial History [, Tel Aviv: , 1996; engl.], Judith Krausz (Übers.), Köln: Könemann, 1998, S. 74. ISBN 3-89508-595-2. andere osmanische Zahlungsmittel nur noch mit Abschlägen, schließlich verweigerten Verkäufer gänzlich osmanische Banknoten anzunehmen, so dass sie den Bewohnern Idschzims nichts mehr einbrachten. Die Menschen hatten mit Mangel und Hunger zu kämpfen.
Britische Mandatszeit Im Ersten Weltkrieg eroberte die britische Egyptian Expeditionary Force auf Seiten der Triple Entente unterstützt von Militär aus Australien, Britisch-Indien und Neuseeland 1915 bis 1918 zunächst das Mutesarriflik Jerusalem und dann ab September 1918 auch das südliche, von Bergen geprägte Vilâyet Beirut mit dem Karmelgebirge und dessen Fortsetzung das südliche Galiläa. Die vorrückende Palästinafront vertrieb die unterlegenen Truppen der Mittelmächte (Osmanische Armee, deutsches Levante-Korps, Österreich-Ungarns Truppen in Palästina). Die Entente-Mächte Vereinigtes Königreich Großbritannien und Irland und Dritte Französische Republik zogen neue Grenzen in Nahost, teilten die bislang osmanisch beherrschten Gebiete Levante und Arabien untereinander auf (Sykes-Picot-Abkommen 1916), was beide Siegermächte dann 1918 Realität werden ließen als Occupied Enemy Territory Administrations East, North, South und West (OETA; bzw. ). Den osmanischen Libanon teilten Briten und Franzosen untereinander auf, das libanesische Sandschak Akkon kam an die britische OETA South, der Rest an die französische TEO Ouest, 1922 erteilte der Völkerbund jenes als Mandatsgebiet Palästina den Briten und dieses als Mandatsgebiet Syrien und Libanon den Franzosen.
Die britische Mandatsverwaltung Government of Palestine modernisierte das Land nach britischen Standards in Verwaltung, Justiz, Schulwesen und Wirtschaft. Da der Völkerbund die Förderung einer "jüdischen Heimstätte" in den Mandatsbestimmungen festgeschrieben hatte, erfuhr das britische Palästina eine jüdische Einwanderung, die auf solche Ländereien strebte, die arabischen Grundeigentümer an Einwanderer verkauften, was vor allem die versumpften und malariaverseuchten und daher un- oder nur extensiv genutzten Küstengebiete umfasste. Die Einwanderer legten diese trocken und rotteten die Malaria aus, um sich im neu bewohnbar gemachtem Gebiet niederzulassen. Die Einwohnerzahl und Wirtschaftstätigkeit im Umfeld Idschzims nahm zu. Der damit einhergehende soziale und kulturelle Wandel wie die Urbanisierung von Landbewohnern seit Entstehen des modernen Palästina führte zu Unmut unter arabischen nicht-jüdischen Einheimischen.
Ihren Unmut äußerten viele arabische Palästinenser auch gewalttätig gegen jüdische Palästinenser in Pogromen und ähnlicher antijüdischer Gewalt (Unruhen von Jaffa 1921, Massaker von Hebron (1929), Ausschreitungen in Palästina 1929) und auch gegen die britische Mandatsmacht (im großen Stil während des Großen Arabischen Aufstands in Palästina (1936–1939), größte Erhebung gegen eine britische Kolonialverwaltung in der Zwischenkriegszeit) und erneut nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Mandatsmacht erwehrte sich vehement arabischer Aufständischer und sann darauf, die Lage zu beruhigen. Der Nachrichtendienst der Hagannah, der SchaJ (), sammelte aus zugänglichen Quellen Informationen zu Verhalten und Bündnissen verschiedene Militanter im Lande.Kobi Peled (), “The fall of a village in the 1948 war: A historical close-up of the conquest of Miʿilya and its surrender” (18. Januar 2017), in: British Journal of Middle Eastern Studies, Bd. 45 (2018), Nr. 3, S. 410–429, hier S. 427.