mini|Letzte Originalaufnahme Reinhold Gerlings vom Juni 1930 Reinhold Robert Oskar Gerling (* 30. August 1863 in Posen; † 23. Juli 1930 in Oranienburg) war ein deutscher Schauspieler, Bühnenautor, Schriftsteller, Heilkundiger, Vorkämpfer für die Gleichstellung der Homosexualität, Volksredner und Gründer verschiedener Vereine für Körperpflege in Berlin.
Leben und Wirken
Frühes Leben als Schauspieler und Bühnenautor Reinhold Gerling kam als jüngstes von 10 Kindern zur Welt. Schon als Jugendlicher hatte er einen ausgesprochen eigenen Willen und bezeichnete sich selbst in einer autobiographischen Abhandlung als „Rowdy“, der einer Schlägerei nicht auswich. Er besuchte das Posener Friedrich-Wilhelm Gymnasium und erhielt gute Noten, doch zog es ihn immer wieder fort zu Abenteuern. So riss er mit zwölf über mehrere Wochen von zuhause aus und versuchte die österreichische Grenze zu erreichen. Fünfzehnjährig brach er die Schule ab und begann eine Lehre bei der Firma Robert Schmidt & Co., einem Mode- und Manufakturwarengeschäft in Posen. Sein eigentliches Interesse galt jedoch dem Theater und der Schauspielerei. In der Freizeit lernte er nicht nur ganze Rollen, sondern komplette Theaterstücke auswendig und spielte in Liebhabertheatern mit. Nach einem Vorfall, wo man ihn der Vaterschaft eines Kindes beschuldigte, verließ er endgültig sein Elternhaus, um Schauspieler zu werden und schloss sich einer Theatertruppe an. Diese zog zunächst nach Lissa, dann nach Berlin. Schließlich fand er ein Engagement bei einer Truppe in Naumburg und in Eisleben und reüssierte mit der Rolle des Mortimer in Schillers Maria Stuart. Um sich sein Gehalt aufzubessern, arbeitete er nebenbei als Theatersekretär und konnte so die großen Rollen lange vor der Rollenverteilung erlernen und dadurch brillieren. In dem 1883 neueröffneten Theater in der Reichskrone zu Naumburg spielte er den Romeo in Shakespeares Romeo und Julia. Bald begann er Einakter zu dichten und Prologe zu schreiben, die bei Eröffnungsvorstellungen vorgetragen wurden. Zwischen 1883 und 1888 verfasste Gerling 33 Bühnenwerke, meistens Schwanke oder Lustspiele, die anschließend auf zahlreichen deutschen und europäischen Bühnen aufgeführt worden sind. Die Engagements führten ihn durch Deutschland und ins deutschsprachige Ausland, namentlich nach Bremen, Bern, Zürich, Brünn. Nach 1885 entstanden verschiedene Bühnenstücke, die ihre erfolgreiche Uraufführung meistens im Berliner Ostendtheater, dem späteren Rose-Theater, hatten. So TheodoraZur Zensur des Theaterstücks: Zensur des Theaterstücks: Theodora. Drama in 4 Akten von Reinhold Gerling. Manuskript-Druck Berlin 1885. Genehmigt 19.11.1885. Alhambra-Theater und Ostend-Theater. 1 Einlage, aufgerufen am 13.02.2023 auf https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/DEC75HCQURMN4DQAKWS5BA57PDSC6QQY, ein Drama in vier Akten, das von rund 50 Bühnen erworben wurde. Nach einem kurzen Zwischenspiel als Dramaturg in Weimar begann er im Verlag von Louis Selar von Stankoviks (1831–1902) zu arbeiten. Mit der Heirat 1889 gab er sein künstlerisches „Boheme-Dasein“ auf und tauschte dieses gegen ein „gut bürgerliches“ Leben. In dieser Zeit begann er sich neben dem Verfassen weiterer Bühnenwerke auch mit dem Okkultismus und mit spiritistischen Bewegungen auseinanderzusetzen sowie mit der Hypnose und der Psychologie.
Leben als Schriftsteller und Vortragsredner Eine schwere Erkrankung und die – seiner Meinung nach – falsche Behandlung durch Ärzte waren die Hauptgründe für Gerling sich von der klassischen Schulmedizin abzuwenden. In der Folge wurde er zu einem engagierten Verfechter der Naturheilkunde. Der Tod seines zweijährigen Sohns Alfred 1895, den Gerling auf eine Impfvergiftung zurückführte, führte ihn zu einem kritischen Studium nicht nur der Impffrage, sondern auch der Naturheilmethoden und der prophylaktischen Hygiene. Fortan bekämpfte er den allgemeinen Impfzwang und stellte sich an die Spitze der gesundheitlichen Reformbewegung, die im Deutschland des ausgehenden 19. Jahrhunderts aufkeimte. Er trat als Vorkämpfer für eine natürliche Heil- und Lebensweise hervor und warb für die Naturheilkunde. Später setzte er sich für die Hypnose als Heil- und Erziehungsmittel ein und gründete 1893 die Magnetische Gesellschaft in Berlin, die bis in die 1930er Jahre unter dem Namen Gesellschaft für Forschung und Aufklärung existierte.
Gerling wurde ein höchst produktiver Autor, der den Nerv der Zeit traf und Bücher und Ratgeber über unterschiedlichste Themen wie Hypnotismus, Willensschulung, Menschenkenntnis, Sexualpädagogik oder Nervosität veröffentlichte. Florian G. Mildenberger beschreibt Gerling in einem Essay als „populärwissenschaftlich äusserst aktiven Naturheilkundigen“ und erwähnt den „erfolgreichen Sammelband Praktische Naturheilkunde“, wo „Gerling Empfehlungen für gesundheitsfördernde Ernährung, Körperhaltung und Gymnastik mit sozialpolitischen Forderungen nach bezahlbaren Mieten und einer besseren Ausbildung in Schulen“ verband. Für Christiane Barz war Gerling einer, „dem kein Detail des Alltaglebens zu unbedeutend ist, als dass man es nicht mit ein paar praktischen Hinweisen gesünder, zweckmässiger und schöner machen könnte“. Horst Gruner und Wim Peeters unterstellen Gerling in einem Essay über die Nervosität, dass dieser seinen populärwissenschaftlichen Ratgeber Meine Nervosität: Wie sie entstand und wie ich sie heilte 1902 gewissermaßen als „kalkulierten Coup“ veröffentlichte. Sie analysieren, dass er „mit seinem Ratgeber, der im Titel auf eine persönliche Krankheitserfahrung Bezug nimmt, nicht nur eine thematische Nachfrage [bediente], sondern versuchte ein alternatives Hilfsangebot gegenüber den Publikationen von Ärzten und medizinischen Nervenspezialisten zu etablieren.“
1911 sorgte Gerling mit einem Beitrag über den „Odolzauber“ in der Neuen Heilkunst dafür, dass der Umsatz von Karl August Lingners Mundwasser Odol rückläufig wurde. Erst ein juristisches Verfahren und ein Vergleich regten Gerling dazu an, den Beitrag zurückzunehmen.
Gerling wurde Ende 1896 als Nachfolger von Adolf Damaschke zum Generalsekretär des „Deutschen Bundes der Vereine für naturgemässe Lebens- und Heilweise“ und übernahm die Redaktion der lebensreformerischen Zeitschrift Der Naturarzt. Später wurde er Herausgeber des Hygienischen Volkskalenders, der Neuen Heilkunst, des Menschenkenners und des naturkundlichen Kampfblattes Volksheil.Zu Gerlings Rolle als Hygieniker siehe: Er gründete verschiedene Vereine für Körperpflege in Berlin und galt als „Führer der deutschen Naturheilkundebewegung“.
Der Orania-Verlag in Oranienburg bei Berlin wurde von ihm und Wilhelm Möller aufgebaut.
Neben seiner schriftlichen Tätigkeit hielt Gerling zudem zahlreiche allgemeinwissenschaftliche Vorträge – so bestritt er bis 1928 ca. 4500 Vorträge.
Gerling und der frühe Kampf für die gesellschaftliche Legalisierung der Homosexualität Die Rolle von Reinhold Gerling in Bezug auf die Legalisierung der Homosexualität in Deutschland ist nicht abschließend geklärt oder bewertet.
Erwin In het Panhuis meint, dass Magnus Hirschfeld Gerling mit der sich formierenden Homosexuellenbewegung bekannt machte und dass sich Gerlings Aufklärungsarbeit lediglich „neben seinen Vorträgen auf die Unterstützung der Petition zur Abschaffung des §175 RStrGB und auf die Veröffentlichung von Artikeln und mehreren Broschüren zur Homosexualität“ beschränkt. Unbestritten ist, dass sich Gerling und Hirschfeld kannten. Hirschfeld schrieb Artikel in der von Gerling redigierten Zeitschrift Der Naturarzt.
Sein Sohn Walter Gerling erzählt die Geschichte ganz anders: Gerling sei über seinen besten Freund auf die problematische Stellung der Homosexualität in der Gesellschaft gestoßen, weil dieser ständig eine Ampulle Zyankali mit sich getragen hätte, um sich jederzeit einer drohenden Strafverfolgung entziehen zu können. Nach dem Freitod des Freundes hätte Gerling eine Kampfschrift für eine gerechtere Auffassung der Frage und eine Abänderung des §175 RStrGB verfasst. Diese sei beschlagnahmt und der Autor angeklagt worden. Schließlich sei er 1889 von der Strafkammer des Landgerichts Berlin unter dem Vorsitz von Robert Georg Brausewetter zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Später wäre es Gerling gewesen, der bereits 1893 bei einem Zusammentreffen in Kassel bei seinem befreundeten Arzt Magnus Hirschfeld Interesse für die Frage hätte wecken können.
Welche Version der Geschichte wirklich stimmt, wird man kaum herausfinden.
Auffällig ist die Tatsache, jedenfalls laut Jens Dobler, dass Gerling im Gesamtwerk von Hirschfeld keine Erwähnung findet. Die Frage ist berechtigt, ob Hirschfeld in Gerling einen Konkurrenten sah. Friedrich Radszuweit, ein früher Homosexuellen-Aktivist, Unternehmer, Verleger und Autor, bewertet in einem Nachruf Gerling als den „eigentliche[n] Schöpfer der homosexuellen Bewegung“. Weiter schreibt er „war er es doch, der lange vor Dr. Hirschfeld Vorträge hielt und Broschüren über das homosexuelle Problem in einfacher volkstümlicher und verständlicher Form herausgab und dadurch den Weg für den späteren Befreiungskampf ebnen half. Reinhold Gerling war der Mann, der Dr. Hirschfeld veranlasst hat, vom medizinischen Standpunkt aus, Aufklärung ins Volk zu tragen und er war es auch, der die erste Organisation ins Leben rief.“ Gerling selber jedenfalls hatte keinerlei Berührungsängste mit Hirschfelds Wissenschaftlich-humanitärem Komitee (WhK) und hatte 1903 nachweislich Kontakt, als er sich Anfang des Jahres anerbot, Flugblätter auf seinen zahlreichen Vorträgen auszulegen. Anerkennend hielt das Komitee Ende 1903 wiederum fest, dass Gerling „Vorträge über die Homosexualität in Wiesbaden am 22. Oktober, in Bremen am 13. November und in Stralsund am 19. November [hielt], die sämtlich sehr stark besucht waren und lebhaften Beifall fanden.“ Die Vorträge hatten zum Teil jeweils über 1000 Zuhörer und Zuhörinnen. 1906 berichtet Helene Schützel, Herausgeberin des Nachrichtenblattes der Gesellschaft für hygienische Aufklärung, von einem Vortrag Anfang 1904 in Dresden mit 1300 Menschen.