mini|300 px| Kirgise bei der Beizjagd mit einem Adler (Berkutchi), 2009 Pferde in Kirgisistan sind, wie in allen anderen nomadisch geprägten turko-mongolischen Ländern, ein wichtiges Element der Wirtschaft und der Kultur. Die weite Verbreitung des Pferdes erlaubte den nomadisierenden Kirgisen, Kriege zu führen, zu jagen und sich in ihrem gebirgigen Land fortzubewegen. Wertvolle Pferde sind ein Statussymbol.
Der Besitz großer Pferdeherden war zu Sowjetzeiten in Kirgisistan verboten, was für die kirgisische Bevölkerung viele Schwierigkeiten mit sich brachte. Die Sowjets modernisierten die ursprüngliche einheimische Pferderasse, den Kirgisen, indem sie ihn mit Don-Pferden und Vollblütern kreuzten. So entstand der Novokirgise.
Seit der Krisenzeit in den 1990er Jahren erleben Pferdezucht, Reitspiele, Stutenmilch und traditionelle Feste, bei denen Pferde geopfert und anschließend verzehrt werden, eine Renaissance. In Kirgisistan werden sechs Pferderassen gezüchtet,Suche auf "Kyrgyzstan" and "Horse", FAO die wichtigste ist der Kirgise, der in der Literatur und der mündlichen Überlieferung eine wichtige Rolle spielt und mitunter den Menschen gleichgestellt wird. mini|800 px|alt=Trockene Hoch/Pferdeweide, Berge im Hintergrund|Traditioneller Lebensraum des Pferds in Kirgisistan
Geschichte mini|300 px|alt=altes Foto von einer berittenen Familie vor einem Geschäft, jedes Elternteil hat ein Kind bei sich auf dem Pferd, | kirgisische Familie beim Einkaufen in Osch, 1902
Kirgisistan liegt an der Seidenstraße und wurde seit langer Zeit von Reitern durchquert. Das Pferd diente den Nomaden sowohl zur Fortbewegung als auch für landwirtschaftliche Arbeiten. Es wurden Stangenschleifen verwendet. Fuhrwerke gelangten erst mit der russischen Eroberung Turkestans in den 1860er Jahren, nach Kirgisistan.Žaparov, S. 3 Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden alle Kriege der Kirgisen zu Pferd durchgeführt. Die gesamte Wirtschaft des Landes war auf die Tierhaltung ausgerichtet: Pferde und Schafe wurden in allen Bereichen als Zahlungsmittel verwendet. Kinder lernten schon früh das Reiten. Die Fähigkeiten eines guten Reiters wurden daher besonders geschätzt. Vor der Sowjetzeit hing der sozialen Status eines Kirgisen von der Anzahl Pferde ab, die er besaß.Žaparov, S. 2 Pferdefell wurde zu Pelzkleidung verarbeitet.F. A. Brockhaus: Allgemeine Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste. Herausgegeben von J. S. Ersch und I. G. Gruber, Leipzig 1841. Dritte Section O-Z, Stichwort „Pelze“: „Die gemeinen Kirgisen tragen Pferdehäute.“
Sowjetunion Kollektivierung und Sesshaftmachung Wie auch andere Sowjetrepubliken erlebte Kirgisistan mit der Gründung von Kolchosen und Sowchosen einen Niedergang seiner Reittraditionen, unter anderem aufgrund der Einführung von PKWs und Traktoren. Die Kirgisen widersetzten sich lange Zeit der Sesshaftigkeit und blieben zumeist lieber Nomaden. Dies führt zu teilweise gewalttätigen Zusammenstößen zwischen nomadischen Hirten und Anhängern des Kommunismus. Einige zogen es vor, ihr gesamtes Vieh vor der Flucht zu schlachten, anstatt es der Kollektivierung zu übergeben. Die Beschlagnahmung dieser Herden, zu denen neben Pferden auch andere Haustiere gehörten, war der Ursprung der ersten kollektivierten Staatsbetriebe in Kirgisistan. Sie folgt auf eine zunehmende Sesshaftigkeit der Kirgisen ab 1931, insbesondere in den ärmsten Bevölkerungsschichten. Kolchosen und Sowchosen stellten Pferde zur Bewachung und Überwachung der Herden zur Verfügung.Žaparov, S. 5 Während nomadische Hirten Herden von bis zu 80 Pferden besitzen konnten, war die Anzahl der Tiere, die sie für den Eigenbedarf halten durften, streng begrenzt. Im Gebiet des Rajons Tong (Oblus Yssyk-Köl) durften sie in den 1970er Jahren nur eine Stute und ein Fohlen haben, weitere Tiere wurden für die Kollektivwirtschaft beschlagnahmt. Es kam häufig vor, dass Züchter ihre Pferde vor den Behörden versteckten.Žaparov, S. 6
Zuchtgeschichte des Novokirgisen mini|Briefmarke mit einem Novokirgisen
Nach der russischen Eroberung Turkestans in den 1860er Jahren, benötigten die Russen zahlreiche Pferde für die kaiserliche Armee und wollten die einheimischen kirgisischen Pferde nutzen. Sie sahen in den einheimischen Pferden positive Eigenschaften wie Ausdauer, Genügsamkeit und harte Hufe, die sogar in den Bergen nicht beschlagen werden mussten und die gute Anpassung an ihre Umgebung.Cassidy, S. 12 Die durchschnittliche Widerristhöhe des Kirgisen lag bei 133–137 cm. Für Armeepferde waren sie damit zu klein.Ferret, S. 425 Ihr Äußeres wurde, wenig schmeichelhaft, mit übergroßen Shetlandponys verglichen. Dieses Problem konnte entweder durch Selektion über Generationen hinweg, oder durch Veredelung, die schnellere Erfolge versprach, gelöst werden. Es gab Stimmen, die für eine Reinzucht plädierten und jegliche Einkreuzung von Fremdblut ablehnten, weil sie Fähigkeit zur außergewöhnlich schnellen Erholung nach großen Anstrengungen der einheimischen Rassen erhalten wollten.«Bajga u kirgizov po slučaû smerti manapa Šabdana Džantaeva v Piškekskom uezde», Izvestiâ IRGO t. XLVIII vyp. VI, [Bajga unter den Kirgisen des Bezirks Piškek anlässlich des Todes des Manap Šabdan Džantaev], S. E. Dmitriev, 1914, Seite 12 Schlussendlich entschieden sich die Russen zu einer Veredelungszucht, bei der jedoch der lokale Typ vorherrschend bleiben sollte und nicht für eine Verdrängungszucht, weil die Härte und die Anpassung an die lokalen Bedingungen nicht verloren gehen sollten.Ferret, S. 426 Der Generalgouverneur von Turkestan Kuropatkin schlug vor einheimische Stuten mit großrahmigeren Karabaiern (ca. 155 cm Stockmaß) aus Usbekistan und Yomud-Hengsten (ca. 150 cm) aus Turkmenistan zu decken. In der Zarenzeit kamen in geringem Maß auch Englische Vollblüter zum Einsatz.
V. A. Pânovskij gründete 1907 in Prschewalsk, dem heutigen Karakol, zunächst ein kleines privates Gestüt, das 1912 in eine öffentliche Einrichtung umgewandelt wurde. Nach der Revolution wurde er zum Kommissar für örtliche Pferdezucht ernannt. Er kehrte 1918 zu dem Gestüt in Prschewalsk zurück, um es vor der Zerstörung zu bewahren.
Als K. Čackin 1919 zum Leiter der turkestanischen Gestütsverwaltung ernannt, konnte er nicht verhindern, dass viele Höfe zerstört wurden, wertvolle Zuchttiere ums Leben kamen und Züchter ins Ausland fliehen mussten. Čackin wollte keine Kriegspferde, sondern ein vielseitiges Reit- und Arbeitspferd züchten. Deshalb kreuzte er Kirgisen mit Zugpferden und Trabern. Er legte Wert darauf die wertvollen einheimischen Rassen zu erhalten und war der Ansicht, dass auch die Lebensbedingungen der Pferdezüchter besser werden müssten, wenn die Rasse besser werden sollte. Er bemühte sich um eine gerechte Verteilung von Weiden und Mähwiesen, die Erneuerung von Wanderrouten und die Bekämpfung von Tierseuchen.
1920 schrieb ein Vertreter vom Volkskommissariat für Landwirtschaft, dass in den Gestüten die sozialistische Revolution noch nicht durchgesetzt sei. Er bemängelte die bürgerliche Zielsetzung und die mangelnde Anbindung an das Volkskommissariat für Landwirtschaft und die Verwendung von Vollblütern in der Zarenzeit, wollte sie jedoch weiterhin einsetzen.Notitz von Evgenij Antonovič Poločanskij vom Volkskommissariat für Landwirtschaft, 9.12.1920, CGA RUz, f. 184, op. 1, d. 54, l. 711–712
In der Folge gründete die sowjetische Regierung zwei weitere Gestüte in Yssyk-Köl (1926) und Naryn (1927).Ferret, S. 429. Es wurden zahlreiche Pferde importiert: 1949 waren 17 % der Pferde der Kolchosen und Sowchosen in Kirgisistan ausländischer oder gemischter Abstammung., zitiert über Ferret, S. 429 Das Zuchtbuch für die neue Rasse Novokirgise (Russisch für „neuer Kirgise“) wurde 1954 eröffnet., zitiert über Ferret, S. 430 Die Zucht erfolgte hauptsächlich mit Vollblut-Hengsten und Don-Pferden. 1979 gehörten rund 53 % der Pferde in Kirgisistan zu den Novokirgisen. Der ursprüngliche Kirgise wurde in der Statistik nicht mehr geführt.Ferret, S. 430–431 Carole Ferret berichtet von dem Nationalstolz auf die Novokirgisen, der auf der Ansicht beruht, dass die Gene des kirgisischen Pferdes so stark seien, dass sie auch in eine Kreuzungszucht dominierten.D. Tatarkova, zitiert über Ferret, S. 433
Der Nowokirgise brachte es anfangs auf 143–151 cm, später dann auf durchschnittlich 155 cm. Novokirgisen sind gut an die Bedingungen im Hochland angepasst. Sie werden zur Arbeit sowie zur Fleisch- und Milchproduktion eingesetzt. Sie haben kurze Beine, eine kräftige Konstitution und ähneln in Typ und Körperbau dem Don-Pferd. Hengste haben eine durchschnittliche Widerristhöhe von 156 cm, bei einer Körperlänge von 158 cm, einem Brustumfang von 188 cm und einem Röhrbeinumfang 20,5 cm. Stuten haben eine durchschnittliche Widerristhöhe von 151 cm, bei einer Körperlänge von 155 cm, einem Brustumfang von 180 cm und einem Röhrbeinumfang 19 cm. Novokirgisen haben einen mittelgroßen, klar geschnittenen Kopf, einen gut ausgeprägten Widerrist, einen geraden Rücken und eine stark bemuskelte Kruppe. Die Beine sind klar mit gut ausgeprägten Sehnen. Häufig treten Säbelbeine auf. Eine leicht säbelbeinige Haltung kommt bei vielen Gebirgspferden vor und wird hier auf Grund der höheren Trittsicherheit in unsicherem Gelände toleriert und sogar in die Rassenbeschreibung mit aufgenommen.
Bei den Novokirgisen gibt es drei Typen, einen mittleren Typ, einen schweren Typ und einen Reitpferdetyp. Die ursprünglichen Kirgisen wurden nach ihrer geografischen Herkunft unterschieden (Naryn, Turgen, Talas, Alaj).(Zujtin & Vojtâckij 1930, S. 92)
Unabhängigkeit
Wiederbelebung der Pferdezucht Nach dem Zerfall der Sowjetunion gelang es einigen kirgisischen Züchtern, wieder vergleichsweise große Herden von etwa 40 Tieren aufzubauen. Zu Beginn der 1990er Jahre gingen die Pferdezahlen dennoch zurück. Ursache waren die großen Volksfeste zur Feier des Endes des Kommunismus, bei denen viele Pferde geschlachtet und verzehrt wurden. Aufgrund des Zerfalls der staatlichen sowjetischen Institutionen folgte eine Krise der Zucht. Dies führte zu einem geringeren Ansehen der Züchter, die Pferde genossen jedoch weiterhin hohen Status. In den 1990er-Jahren waren Pferdewagen und Kutschen weithin im Einsatz, weil die durch den Umsturz verursachte Krise zu Schwierigkeiten bei der Treibstoffversorgung führte. Erst in den 2000er Jahren begann sich die Situation zu verbessern.Žaparov, S. 7.
Von 2003 bis 2010 gab es ein Programm der kirgisischen Regierung zur Förderung der Pferdezucht. Dieses, am 22. Mai 2003 per Regierungserlass genehmigte Programm, zielte darauf ab, die Qualität und Quantität des Viehbestands zu steigern, um genügend Pferde für die verschiedenen Absatzmärkte (Fleisch, Milch, Arbeit und Sport) zu erhalten. Erwähnenswert ist auch die Entwicklung des Ökotourismus zu Pferd seit den 2000er Jahren.
Das kirgisische Pferd In den 1990er Jahren engagierten sich Einzelpersonen, dafür den ursprünglichen Kirgisen wieder aufzubauen, indem sie Tiere aus abgelegenen Gebieten zusammenführten.Ferret, S. 432 Jean-Louis Gouraud besuchte 1992 die wichtigsten Gestüte des Landes und bemerkte, dass das der ursprüngliche Kirgise weitgehend verschwunden war. In einem Brief an die Regierung Kirgisistans, bat er um den Schutz und die Wahrung dieses „Erbes der Menschheit“.Gouraud, S. 203–205 Der damalige Landwirtschaftsminister Karipbek Arkanow versprach sich um den Wiederaufbau der Rasse zu kümmern.Gouraud, S. 206 Laut Gouraud gelang es jedoch erst Jacqueline Ripart in den 2000er Jahren mit dem Projekt Kyrgyz Aty, das kirgisische Pferd zu fördern. Ein weiteres Projektziel war die Landbevölkerung für die Nützlichkeit des Reitens in ihrem gebirgigen Land zu sensibilisieren. Seit 2005 sind mehrere Projekte rund um den Kirgisen entstanden, insbesondere am Südufer des Yssyk-Köl. Zu diesen Festen gehören Pferderennen, Pferdespiele und Konzerte.Ferret, S. 433
Pferdezucht in Kirgisistan