mini|Historischer Kurenkahn auf dem Kurischen HaffBei dem hier dargestellten Kahn Gil.No.60 handelt es sich um einen Keitelkahn – u. a. daran zu erkennen, dass Fock und Brummer gemeinsam gesetzt sind. Dieser Kahn ist das reale Vorbild des Modells, an welchem weiter unten einige Details erläutert wurden. Unter dem Begriff Kurenkahn (lit. Kurėnas) werden mehrere Bootstypen zusammengefasst, die bis Ende des Zweiten Weltkriegs vor allem auf dem namengebenden Kurischen Haff im ehemaligen Ostpreußen als Fischer- aber auch als Transportboote eingesetzt wurden (teilweise wird der Begriff auch auf entsprechende Bootstypen des Frischen Haffs übertragen). Dieser Sammelbegriff tritt vor allem in neuerer Zeit auf – in historischen Schriften oder vor Ort wurden sie einfach als Fischerkähne bezeichnet oder unter ihrem jeweiligen Namen (Kurren-, Keitel- und Braddenkahn) benannt.Diese Behauptung läßt sich so nicht direkt belegen. Jaeger schreibt dazu im Glossar: „Allg. eingebürgerter Begriff für Kähne der großen Segelfischerei […] Meistens von Laien und Schriftstellern so genannt.“ Er selbst verwendet diesen Begriff kaum und auch in der dort zitierten Literatur tritt er nicht auf.

Begriff Kurenkahn Der Name „Kurenkahn“ ist vor allem ein lokaler Bezug auf den Ort ihres Einsatzes und rührt vom Volksstamm der Neukuren her, die das spätere Nehrungskurisch sprachen, das dem Lettischen nahe steht, und die Fischerei der Region seit dem 16. Jahrhundert dominierten und die unter anderem auch Namensgeber für die Nehrung und das Haff waren. Der Name bedeutet nicht, dass dieser Bootstyp auf die Kuren zurückgehen würde.

Der Name scheint dabei eher eine Wortschöpfung zu sein, die in späterer Zeit und außerhalb dieses Gebietes zur Bezeichnung dieser Boote herausgebildet hat. Die Begriffe Kuren- und Kurrenkahn sind keinesfalls gleichbedeutend!

Bauart Der Kurenkahn ist ein ca. zwölf Meter langes Holzboot, typisch für seine Form sind der hochgezogene Bug und eine nach hinten abschwingende Seitenlinie. Eine Besonderheit ist aber der flache Bootsboden, der mit einem Tiefgang von ca. 40 cm zum einen das Befahren seichter Stellen im Haff, zum anderen aber auch das problemlose Anlegen am Ufer und ein teilweises An-Land-Ziehen ermöglichte (was mit einem Kielboot nicht möglich ist).

Da man aufgrund der Bauart somit nicht zwingend auf das Vorhandensein von Hafen- oder Kaianlagen angewiesen war, eignete sich der Bootstyp zudem auch gut zum Abtransport von Vieh, Holz, Heu und anderen Lasten von ufernah gelegenen Nutzflächen.

Die Kähne wurden grundsätzlich gesegelt. Der Fischfang mit Motorkraft war auf dem Kurischen Haff zur Schonung des Bestandes grundsätzlich verboten.Jaeger: Die Fischerkähne auf dem kurischen Haff, S. 104 (r. u.)Fischer aus dem Memelland, umfangreicher Artikel über die Fischerei am Kurischen Haff Da der Fang mit Segelkähnen somit eine Notwendigkeit war, erklärt sich auch, warum bis zum Zweiten Weltkrieg dieser Bootstyp so verbreitet war (und auch kontinuierlich weiterentwickelt wurde).

Schiffskörper Kahnboden und Steven Als erster Arbeitsschritt beim Kahnbau musste der Boden gelegt werden. Für den Boden wurden bevorzugt Kiefernholz-, teilweise auch Eichenholzbohlen verwendet. Diese wurden entweder noch grün verbaut bzw. zuvor ca. 14 Tage gewässert.

Der Boden wurde völlig platt gelegt und zusammengefügt und erst danach aufgebogen: Hierbei wurde vor allem der Bereich vor dem Großmast leicht angehoben, was die späteren Fahreigenschaften verbesserte.

Die Steven wurden aus entsprechend krumm gewachsenem Eichenholz angefertigt und auf dem Boden aufgestellt: Dazu wurden sie auf dem Boden an ihrer endgültigen Position montiert, mussten jedoch zunächst auch noch zusätzlich abgestützt werden.Jaeger, Kapitel: Der Bau der Großen Kähne ab S. 107 (Boden S. 107 f., Steven S. 109 ff., Mollen S. 129, Bord S. 117 ff., Knie S. 128ff, Mastbank S. 136 f.)

Bord und Liesbord mini|BugansichtGlattbordig aufeinandergesetzte Kränze. Liesbord (obere Planke) geklinkert.(siehe auch untere Schnittzeichnung) Anders als bei etlichen anderen hölzernen Bootstypen erfolgte keine Beplankung eines zuvor errichteten Spantenskeletts, sondern die einzelnen Planken oder Kränze wurden zu einer stabilen Außenhülle zusammengefügt.

Die untere Planke, die Kimmungsplanke, wurde um den zuvor errichteten Boden umgelegt, die weiteren Bordplanken jeweils so aufgesetzt, dass das Bord außen glatt war (Kraweelbauweise). Lediglich der obere Kranz, das Liesbord, wurde geklinkert gegen die obere Bordplanke gesetzt. Die Anzahl der Planken konnte unterschiedlich sein und hing vom Bootstyp bzw. der Bordhöhe, vor allem aber von der Breite der verwendeten Planken ab (wobei aus Sicht des Bootsbauers eine niedrige Anzahl bevorzugt wurde – schon allein wegen des geringeren Arbeitsaufwandes).

Die Kränze bestanden aus Eichenholz und wurden aus jeweils zwei Planken (vorne/hinten) zusammengesetzt. Um mit möglichst wenig Verschnitt auszukommen, war es zudem günstig, wenn die Stämme eher konisch und im Stammfuß leicht krumm waren – die Bretter somit der für das Boot benötigten Form schon nahe kamen. Für ein nahtloses Aufeinanderpassen mussten sie sehr exakt vorgearbeitet werden. Um die nötige Wölbung zu erreichen, wurden sie über einem Feuer gebogen.

Nachdem die „Schale“ des Kahns fertiggestellt war, wurde der Boden gemollt: hierbei wurde er der Länge nach in der Mitte leicht angehoben. Der genaue Grund dafür lässt sich nicht mehr sicher feststellen – am wahrscheinlichsten ist, dass übergenommenes Wasser so besser zu den Seiten hin ablaufen konnte.

Kahnknie und Mastbank miniatur|Mastbank und MastbankknieSchnittzeichnung, Ansicht von hinten. Darstellung mit wassergefülltem Skauer. Zu erkennen sind der gemollte Boden und die Spüllöcher. Zur Queraussteifung wurden nachträglich vier Spanten eingebaut, die hier aber grundsätzlich Knie hießen. Sie bestanden aus naturgewachsenem Eichenknieholz. Das Mastbankknie diente zudem als Auflage für den Mast.

Die Knie wurden teilweise auch als Anlegepunkte für den Innenausbau herangezogen. Da sie später aber weitgehend unter den Fußbodenbrettern verschwanden, erfolgte nicht eigentlich eine Aufteilung des Kahninnenraums; lediglich die Lagerräume unter diesen Brettern wurden durch sie in verschiedene Bereiche unterteilt.

Die einzige in den Innenraum hineinreichende Queraussteifung war die Mastbank, die als eine Art Balken von Bordrand zu Bordrand verlief. Sie diente als oberes Lager für den Großmast.

Innenausbau Der Innenausbau der Kähne war einfach und funktional gehalten. Es gab keine Aufbauten; seitlich betrachtet schloss der Kahn mit dem sowieso eher niedrigen Dollbord ab. Die eingebauten Räume waren nicht wasserdicht, sondern extra mit Spüllöchern versehen, um evtl. eingedrungenes Wasser wieder frei abfließen zu lassen.

Kajüten Alle drei Kahntypen waren mit je zwei einfachen Kajüten ausgestattet. Diese waren bauartbedingt eher flach. Die Abschlusswände wurden Verschläge genannt und waren mit Türen versehen; Fenster o. Ä. gab es nicht. Die größere Kajüte befand sich vorn und wurde als Wohnraum genutzt; dort waren stets zwei einfache Schlafgelegenheiten vorhanden und seit ca. 1910 wurde zunehmend eine kleine Kochgelegenheit dort eingebaut.

Der bis dahin übliche Feuerherd, eine Sandkiste vor dem hinteren Verschlag, wurde jedoch beibehalten und bei gutem Wetter weiterhin benutzt.JAEGER, S. 140.

Fußbretter und Fischraum miniatur|Fischraum und Vorraum mit Skauer.Bodenbretter heraus genommen. Der Raum zwischen den Verschlägen war mit herausnehmbaren Brettern belegt. Hier lag der Boden höher als in den Kajüten. Im vorderen Bereich befanden sich darunter der Vor- und Fischraum, in den der Fang einsortiert wurde. Um vor allem beim Hantieren mit den Netzen einen genügend tiefen und sicheren Stand zu haben, war der Boden vor der hinteren Kajüte jedoch niedriger; je nach Typ stieg er zum Fischraum hin entweder schräg an (Kurrenkahn) oder lag fast waagerecht, hatte dann aber zu diesem hin eine Stufe (Keitelkahn).JEAGER, S. 166.

Skauer Da wertvolle Speisefische als Lebendfang höhere Marktpreise erzielen konnten, hatten einige Kähne hinter dem Großmast einen bis zum Oberboden reichenden Fischkasten eingebaut, der durch Löcher im Kahnboden mit dem Außenwasser in Verbindung stand, den Skauer. Die Meinungen zum Nutzen dieser Einrichtung waren – auch je nach Fanggebiet und Fangmethode – geteilt und erst nach 1931 setzte sich dieser, aufgrund einer veränderten Vermarktungssituation, zunehmend durch. Gefühlsmäßig wurden die Segeleigenschaften durch den Skauer etwas verschlechtert; in jedem Fall wurde der Tiefgang durch den Verdrängungsverlust leicht erhöht.JEAGER, S. 167 ff.

Steuer miniatur|Steuer eines Kurenkahns.Helmhold in Kerbe festgelegt. Da der Helmhold nur lose auf den Steuerschaft aufgesteckt wurde, war er oft mit einer Kette gegen Verlust gesichert. Das Steuer (auch Ruder) war abnehmbar. Dies hatte vor allem zwei Gründe: Zum einen musste es beim Anlanden abgenommen werden können, um Beschädigungen zu vermeiden. Zum anderen wurde das Steuer beim Fischen teilweise ausgehängt – vor allem dann, wenn in den sehr flachen Gewässern des Nordhaffs gefischt wurde, teilweise auch aus Prinzip bzw. Gewohnheit (da man dabei vornehmlich vor dem Wind fuhr, war es auch nicht erforderlich).

Die Form des Steuers war charakteristisch: An den Schaft schloss sich unten der Steuer-Schwanz (auch Zogel oder Zagel) an, der selbst bei beladenem Kahn etwas über die Wasserlinie hinausreichte. Die Vorderkante des Schaftes folgte der Form des Achterstevens und wurde unten mit einem Dorn in eine entsprechende Öse eingehängt. Oben wurde das Steuer nur von einer Steuerkette gehalten (da aufgrund der gekrümmten Form kein weiterer Zapfen mit gemeinsamer Drehachse hätte eingebaut werden können).

Der Helmhold (Pinne) hatte eine typische Form. Er war lose über dem Steuerkopf gesteckt und gebogen. Die Form hing damit zusammen, dass er in der Kerbe – einer regelmäßig eingekerbten Leiste am Achterdeck – festgelegt werden konnte. Diese Kerbe war für die Kähne des Haffs typisch und unverzichtbar, um einerseits bei längerer Fahrt die Hände frei zu haben, andererseits, um bei großen notwendigen Steuerkräften den Helmhold unter Körpereinsatz von einer Kerbe zur nächsten legen zu können.JEAGER, S. 172–180.

Seitenschwert Aufgrund des fehlenden Kiels mussten die Kähne mit einem Seitenschwert ausgestattet werden, welches jeweils auf der Leeseite hinabgelassen wird, um die Abdrift durch Seitenwind zu vermindern. Eher ungewöhnlich ist, dass allgemein lediglich ein Schwert vorhanden war, welches auf die jeweils notwendige Seite überbracht wurde. (Lediglich zum Heutransport genutzte Kähne wurden mit zwei Schwertern ausgestattet, da durch die Ladung das Überbringen mitunter unmöglich war.) Da das Schwert aus diesem Grund ja abnehmbar war, konnte es beim Anlegen an Ufern als Landgang benutzt werden.JAEGER, S. 181.

Kahn-Typen Die unterschiedliche Bezeichnung der Kähne weist auf die jeweilige Fangart hin, denn je nach Netztyp wurden auch diverse bauliche Optimierungen vorgenommen. Allerdings waren diese nicht gravierend, so dass sich durchaus die Fangart je nach Bootstyp z. B. mit der Jahreszeit ändern konnte. Grob betrachtet kann man die Typen verschiedenen Größenklassen zuordnen, wobei aber eine generelle Einordnung nach diesem Merkmal nicht möglich ist, da alle Typen in ihrer Entwicklungsgeschichte größer wurden.

Gängiges Maß für die Angabe der Kahngröße war die Bodenlänge. Dies war auch das Maß, welche vor dem Bau festgelegt wurde (und auch das einzige, das vor dem Bau exakt festgelegt werden konnte). Die Länge über alles ist je nach Bauform (vor allem nach Form der Steven) etwas größer. mini|Braddengarn im EinsatzDas Bradden- wie auch das Kurrennetz wurde grundsätzlich von zwei Kähnen gemeinsam gezogen.