Die Landshuter Hofmusiktage – Europäisches Festival Alter Musik sind ein seit 1982 im zweijährigen Abstand stattfindendes Musikfestival für Alte Musik im niederbayerischen Landshut. Sie verbinden historische Aufführungspraxis mit Konzerten in historischen Räumen der Stadt Landshut. Veranstalter der Hofmusiktage ist der gleichnamige Verein.
Geschichte miniatur|Titelbild des Almanachs der Landshuter Hofmusiktage 1982. Die Landshuter Hofmusiktage wurden 1982 von der Stadt Landshut, dem BMW-Kulturprogramm und dem Verkehrsverein Landshut mit dem Ziel gegründet, alte Musik aus Mittelalter, Renaissance und Barock in den Räumen aus ihrer Entstehungszeit in der gut erhaltenen historischen Architektur der Stadt Landshut aufzuführen. Programmatische Schwerpunkte sind die Musik von Orlando di Lasso, der häufig in Landshut weilte und von dessen Verbindungen zur Stadt der Briefwechsel zwischen ihm und Wilhelm V. zeugt, und die Commedia dell’Arte, die in den Fresken der sogenannten Narrentreppe auf der Burg Trausnitz im 16. Jh. erstmals nördlich der Alpen dargestellt wird.Franzpeter Messmer: Italienische Lieblichkeit, in: Georg Spitzlberger, u. a.: Weltberühmt und vornehm..., Landshut 1204-2004, Landshut 2004, S. 234–246.
Die Landshuter Hofmusiktage entwickelten sich zu einem führenden europäischen Festival Alter Musik in Europa. Viele maßgebende Solisten und Ensembles der Alten Musik traten hier auf, wie z. B. Clemencic Consort, Musica Antiqua, Hespérion XX mit Jordi Savall, London Baroque, The King’s Singers, Estampie, Sarband, Hilliard Ensemble, Lautten Compagney, Il Giardino Armonico, Andrew Manze, Emma Kirkby, I Fagiolini, Concerto Köln, Dominique Visse, L'Arpeggiata, Dorothee OberlingerEberhard Iro: Fliegende Finger: Die Blockflötistin Dorothee Oberlinger mit Dmitry Sinkofsky, in: Landshuter Zeitung, 12. Mai 2018., Pera EnsembleUta Sailer: Interview mit Mehmet Yesilcay, in: BR Klassik, 29. April 2016, https://www.br-klassik.de/audio/gespraech-mit-mehmet-yesilcay-100.html, abgerufen am 1. Februar 2024., Marco BeaslyEberhard Iro: Ein großer Erzähler: Marco Beasley, in: Landshuter Zeitung, 7. Mai 2018. , Singer PurEberhard Iro: Frisch und verträumt: das preisgekrönte Vokalensemble Singer Pur, in: Landshuter Zeitung, 13. Mai 2022..
Das Festival holte zahlreiche Commedia dell’Arte Gruppen nach Landshut, u. a. Teatro di Pupi Siciliani dei Fratelli Pasqualino, Athanor Theater (Athanor Akademie), Teatro all'Avogaria Venezia, Pegasustheater, I Buffoni dispettosi.
Die Landshuter Hofmusiktage sind ein überregionales Festival. Zu jeweils einem Drittel kommt das Publikum aus Landshut und seiner Umgebung, aus München und seinem Umkreis und aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Die Landshuter Hofmusiktage werden vom Verein Landshuter Hofmusiktage e.V. veranstaltet. In den ersten zwei Jahrzehnten waren die Stadt Landshut, das BMW Kulturprogramm und der Verkehrsverein Landshut Mitveranstalter. Ab den 2010er-Jahren zog sich BMW als Mitveranstalter zurück und beendete 2018 sein Sponsoring.
Das Festival wird jeweils von einem Künstlerischen und organisatorischen Leiter durchgeführt. Der Verkehrsverein Landshut stellte das Organisationsteam. 2020 mussten die 20. Landshuter Hofmusiktage aufgrund der Corona-Pandemie auf 2022 verschoben werden. Ab 2024 findet das Festival in einer neuen Konzeption statt.Rita Neumaier: Landshuter Hofmusiktage mit neuem Profil, in: Landshuter Zeitung, 21. Dezember 2022: https://www.idowa.de/regionen/landshut/landshut/landshuter-hofmusiktage-mit-neuem-profil-572183.html, abgerufen am 1. Februar 2024.
Leitungsgremium 1. Vorsitzender Verein Landshuter Hofmusiktage e.V.: 1982–2023: Josef Deimer (Oberbürgermeister, ab 2005 Altoberbürgermeister) seit 2023: Michael Bragulla (Fachbereichsleiter Marketing und Tourismus bei der Stadt Landshut)
Künstlerische Leiter: 1982–1989: Winfried Fischer (Leiter des BMW-Kulturprogramms) 1990–2023: Franzpeter Messmer (Autor und Musikwissenschaftler) seit 2023: Bernhard Hirtreiter (Sänger und Musikpädagoge)
Organisatorische Leiter: 1982–1990: Kuno Weber 1991–2020: Kurt A. Weinzierl seit 2020: Michael Bragulla
Konzeption miniatur|Konzertsaal Heiligkreuzkirche, Konzert von Marco Beasley mit dem Ensemble Accordone, 2014. miniatur|Italienischer Saal der Residenz: Konzert mit Ina Siedlaczek und Axel Wolf, 2018. Historische Aufführungspraxis Die Landshuter Hofmusiktage haben einen offenen Ansatz bei der Auswahl von Ensembles: Es traten sowohl Musiker auf, die auf historischen Instrumenten spielten als auch Ensembles auf konventionellen Instrumenten mit historisch informierter Aufführungspraxis wie z. B. der Trompeter Ludwig Güttler mit seinen verschiedenen Formationen. Ab 1990 musste Musik aus Mittelalter, Renaissance und Barock in der Regel immer auf historischen Instrumenten gespielt werden. Im Format Alte Musik plus konnten auch konventionelle Instrumente eingesetzt werden. In diesem Format traten Solisten und Ensembles aus der Klassik auf, u. a. Peter Schreier, Ludwig Güttler, Hagen-Quartett, Gidon Kremer, Giora FeidmanEberhard Iro: Träumen, trösten, tanzen - Giora Feidman und die Gitanes Blondes bescherten den Landshuter Hofmusiktagen einen fulminanten Abschluss, in: Landshuter Zeitung, 3. Mai 2016. , Kronos Quartett, Brigitte Fassbaender und Salut SalonEberhard Iro: Liebe, kunstvoll beleuchtet: Salut Salon, in: Landshuter Zeitung, 7. Mai 2018.. Das Festival spiegelte mit diesem liberalen Ansatz das Musikleben, in dem zunehmend historisch informative Aufführungspraxis auch von konventionellen Orchestern eingesetzt wurde.
Konzertsäle Rathaus Landshut – Rathausprunksaal Konzertsaal Heiligkreuzkirche Burg Trausnitz: Weißer Saal und Innenhof Stadtresidenz: Italienischer Saal – Innenhof Dominikanerkirche St. Ignazius – Jesuitenkirche Kloster Seligenthal – Aula und Kirche
Wiederausgrabungen Durch den Landshuter Dirigenten und Alte-Musik-Pionier Hans Walch und seine Hofkapelle wurden bei den Landshuter Hofmusiktagen Kompositionen des 16. Jhs., vor allem aus dem Umkreis der Landshuter Hofkapelle wieder ausgegraben und erstmals während des Festivals aufgeführt. Dazu zählen die folgenden Werke: Orlando di Lasso: Missa ad imitationem moduli Puis que j'ai perdu Ivo de Vento: Missa Je ne veulx rien Giammateo Asola: Missa Regina coeli zu 8 Stimmen Antoine Brumel: Missa de Dringhs zu 4 Stimmen Bartolomeo lo Roi: Missa Manchincourt: Misa Ego flos campi zu 4 Stimmen
Alte Musik im Kontext von Kulturgeschichte Jede Festivalausgabe hat ein Leitthema. Anfangs war es die soziale Funktion in der Gesellschaft (kirchlich, weltlich, höfisch), ab 1990 Themen aus der Kulturgeschichte. Ab 2002 wurden Musikstädte und -länder in Europa porträtiert, ab 2014 wurden Themen gewählt, welche die aktuelle Diskussion aufnahmen wie z. B. 2022 die Rolle der Frau in der Musik. Ziel der Leitthemen war, alte Musik im Kontext der Geschichte erklingen und ihre Aktualität für die Gegenwart deutlich werden zu lassen. Im Rahmenprogramm des Festivals wurden Bezüge zu Kunst, Literatur und Kulturgeschichte aufgezeigt. + Themen der Landshuter Hofmusiktage Jahr Thema Jahr Thema 1982 Europäische Musik aus Gotik, Renaissance und Frühbarock 1984 Europäische Tanzmusik 1986 Geistliche und festliche Musik 1988 Höfische Musik 1990 Liebe, Lust und Leidenschaft 1992 Musik & Reisen 1994 Zeitsprünge: Lasso – Monteverdi 1996 Brücken zwischen Orient und Okzident 1998 Der Traum vom Süden – Wilhelm V. in Landshut 2000 Musikalische Gärten 2002 Venezia 2004 Europa in Landshut 2006 Espaňa 2008 La France 2010 Napoli 2012 Nederland 2014 Amore 2016 Gerusalemme liberata 2018 Freude und Frohsinn 2022 Frau MusicaRoland Biswurm: Wenn Frau Musica aufspielt - Musik von und über Frauen bei den Landshuter Hofmusiktagen, Bayern 2, kulturLeben, 05.05.2022, https://www.br.de/radio/bayern2/programmkalender/sendung-3397424.html, abgerufen am 1. Februar 2024.
Aktualität von Alter Musik für Neue Musik Ab 1990 wurden Brücken zwischen Alter und Neue Musik geschlagen.Katrin Filler: "Alte Musik ist sehr weit und offen" - Der Künstlerische Leiter Dr. Franzpeter Messmer über die Landshuter Hofmusiktage, das Zeitgemäße der Alten Musik und Anreize für ein junges Publikum, in: Landshuter Zeitung, 5. Mai 2022, S. 38. Das Festival vergab Kompositionsaufträge an Wilfried Hiller, Peter Kiesewetter, Carlos H. Veerhoff und Georg Haider, die zum jeweiligen Thema Werke schufen, bzw. neue Musik für alte Instrumente komponierten. Ab 2010 zeigte das Festival die Bedeutung Alter Musik für Rock, Gothic und Folk. Es lud die Bands Qntal, Faun, Corvus Corax, Orphaned LandSebastian Geiger: Metal für die Verständigung - Die israelische Band "Orphaned Land" bei den Landshuter Hofmusiktagen, in: Landshuter Zeitung, 2. Mai 2016. und SchandmaulSebastian Geiger: Ein wahres Kontrastprogramm: "Schandmaul" vereinen in der Alten Kaserne Mittelalter und Rock, in: Landshuter Zeitung, 14. Mai 2018. ein.
Neue Konzertformen miniatur|Straßentheater und -musik bei den Landshuter Hofmusiktagen 2014, das Pegasustheater spielt Commedia dell'Arte. Die Landshuter Hofmusiktage suchten nach neuen und anderen Konzertformen abseits des Konzerts, wie es sich im 19. und 20. Jh. herausgebildet hatte, wie z. B. Gesprächskonzerte, Musiknächte, Wandelkonzerte, Prozessionskonzerte, Konzerte mit Weinprobe, Straßenmusik. Ein jahrelang großer Erfolg waren die historischen Festbankette auf der Burg Trausnitz. Nach historischen Quellen wurde hierbei ein Festessen der Renaissance mit Musik, Tanz, Commedia dell’Arte und mit einer nach historischen Rezepten gekochten Speisenfolgte wiedererweckt. Wegen ihrer neuartigen Programmgestaltung wurden die Landshuter Hofmusiktage 1996 von Bundespräsident Roman Herzog als eines der innovativsten Festivals gewürdigt.
Musikvermittlung Ein großes Gewicht legte das Festival auf die Vermittlung: Viele Jahre lang wurden Konzerteinführungen angeboten. Stars der Landshuter Hofmusiktage kamen in die Schulen und stellten ihre Musik und Musikinstrumente vor. Im Jugendkunstwettbewerb wurden Arbeiten zum jeweiligen Thema des Festivals prämiert. Vorträge in der vhs Landshut vertieften einzelne Aspekte zur jeweiligen Festivalausgabe.
Ausstellungen
Zu fast allen Festivalausgaben veranstalteten die Landshuter Hofmusiktage Ausstellungen, die das Thema des Festivals visuell erlebbar machten. Besonders erfolgreich waren kulturhistorische Ausstellungen. Andere Ausstellungen zeigten Alte Instrumente, Handschriften und Erstdrucke. Fotoausstellungen ermöglichten es den Festivalbesuchern sich auf die verschiedenen Musikländer und -städte einzustimmen. Zeitgenössische Künstler wurden eingeladen, Arbeiten zum Thema des Festivals zeigen.