mini|hochkant=1.5|Heribertschrein, Petrusseite mit Dach Der Heribertschrein ist ein mittelalterlicher Reliquienschrein des 12. Jahrhunderts. Ursprünglich befand er sich in der Klosterkirche Alt St. Heribert der Abtei Deutz, die später als Pfarrkirche St. Heribert genutzt wurde. Nach der Aushebung der Gebeine des Heiligen Heribert von Köln wurde der Schrein in Auftrag gegeben, 1175 fertiggestellt und die Gebeine wurden feierlich in den Schrein überführt. Heute steht der Schrein in einem Glaskasten auf einem von vier Säulen gestützten Stein aus grünem Marmor hinter dem modernen Altar der Kirche.

Vorgeschichte und Geschichte des Schreins Heribert von Köln

Die Erziehung Heriberts fand in der Wormser Domschule ihren Anfang und setzte sich im Benediktinerkloster in Gorze fort. In Worms wurde Heribert nach seiner Ausbildung Dompropst. Heribert wurde von Hildebold, dem Wormser Bischof und Reichserzkanzler für „Germanien“, am kaiserlichen Hofe eingeführt und trat als Leiter der deutschen Kanzlei in die Hofkapelle, eine Eliteakademie für Reichs- und Königsdienst, ein. 994 wurde Heribert von Kaiser Otto III. zum Kanzler von Reichsitalien erhoben. Damit hatte erstmals ein Deutscher dieses Amt inne. 995 wurde er zum Priester geweiht und drei Jahre später, nach dem Tod Hildebolds im Jahr 998, ernannte Kaiser Otto III. Heribert zum Kanzler von Germanien, wodurch beide Ämter erstmals in einer Person vereint waren. Durch seine Freundschaft zu Otto III. wurde Heribert ebenfalls der Titel des „Archilogothea“ verliehen, der ihn als den obersten Berater und Vertrauten für Otto III. auszeichnete.

Während des zweiten Italienfeldzugs wurde Heribert 999 vom Domkapitel zum Erzbischof von Köln gewählt. Seine Weihe erhielt er zum Weihnachtsfest 999 im Alten Kölner Dom, nachdem er barfuß in Köln eingezogen war. Diese Geste der Bescheidenheit spiegelte den Humilitätstopos wider, der das Bild Heriberts prägte. Während seiner Amtsausübung als Kölner Erzbischof trat Heribert durch seine außergewöhnliche Frömmigkeit und Armenfürsorge hervor.

Als Kaiser Otto III. im Januar 1002 auf der italienischen Burg in Paterno verstarb, war Heribert als Kanzler ebenfalls vor Ort. Unter schweren Kämpfen überführte er den Leichnam Ottos III. sowie die Reichsinsignien zurück nach Aachen, wobei die Heilige Lanze unter der Aufsicht des Pfalzgrafen Ezzo von Lothringen voraus geschickt wurde. Nach der Beisetzung Ottos III. und der Wahl Heinrichs II. als dessen Nachfolger, legte Heribert das Kanzleramt nieder. Zurück in Köln gründete er, wie mit Otto III. vereinbart, die Abtei Deutz.

Trotz der Spannungen zwischen Heribert und König Heinrich II. begleitete Heribert ihn auf dessen Romzug 1004 und unterstützte seine Stiftung des Bistums Bamberg im Jahre 1007. Als Heinrich II. Heriberts Unterstützung zur Belagerung der Burg Hammerstein verlangte, Heribert dies aber wegen Krankheit verweigerte, glaubte Heinrich II. diese Begründung nicht. Er reiste nach Köln, fand Heribert schwer krank vor und bat um Vergebung, Heriberts Aussagen keinen Glauben geschenkt zu haben.

Nur wenige Wochen nach dem Besuch Heinrichs II. starb Heribert am 16. März 1021 in Köln. Er wurde in der von ihm gegründeten Abtei in Deutz beigesetzt. Die Erhebung seiner Gebeine fand am 30. August 1147 unter Abt Gerlach statt. Da der Schrein für die Gebeine Heriberts zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollendet war, wurden diese zunächst in kostbare Seiden und Leinen gehüllt und in eine Lade gelegt. Unter Abt Hartbern wurde der konzipierte Heribertschrein fertiggestellt und die Gebeine wurden in diesen überführt. Auf dem Schrein finden sich im Bildprogramm der Dachseiten die wichtigsten Lebensstationen und Wunder Heriberts wieder.

Verehrung als Heiliger Die Verehrung Heriberts als Heiliger setzte bereits kurz nach seinem Tod 1021 ein. Zwischen 1046 und 1060 fand sich der erste literarische Niederschlag im hagiographischen Werk Lantberts von Deutz, einem Schulmeister des Deutzer Klosters. Das bekannteste Wunder Heriberts ist das Regenwunder. Bei einer Kölner Bittprozession um Regen, die von St. Severin nach St. Pantaleon führte, soll gesehen worden sein, wie eine Taube um Heribert kreiste. Nach der Beendigung der Messe habe es nach einer langen Dürre und Wasserknappheit angefangen zu regnen. Mittels dieser Legenden stieg die Bedeutung Heriberts über die Stadt Köln hinaus an und die Deutzer Kirche gewann als Wallfahrtsort an Bedeutung. Rupert, ein ebenso wie Lantbert aus Lüttich stammender Mönch, verfasste knapp 100 Jahre später ebenfalls eine Vita sancti Heriberti, die teils auf Lantberts Werk fußt. Ziel der Texte war es, die tugendhafte Lebensführung im Dienste Gottes hervorzuheben und christlich-karitatives Engagement als erstrebenswert darzustellen.

Die am 30. August 1147 feierlich erhobenen Gebeine des Heiligen wurden in den um 1175 fertiggestellten kostbaren Heribertschrein gebettet. Auf dem Dach des Heribertschreins lässt sich die Vita Heriberts in großen Medaillons nachverfolgen.

Entstehung, Form und Bildprogramm Entstehung, Datierung, Funktion Die Gebeine des verehrten Heribert wurden 1147 durch Abt Gerlach (1146–1160) erhoben. Sie wurden in kostbare Tücher gewickelt (siehe Abschnitt „Reliquien Heriberts“) und in einen Holzlade gelegt. Wie dendrochronologische Untersuchungen ergaben, sind der Holzkern und die hölzerne Innenlade des Schreins noch ursprünglich. Nach mehrfachen Änderungen bezüglich des Aufstellungsorts wurde auch das Bildprogramm überarbeitet. Wie Heribert Müller ausführt, wurde das heute sichtbare Konzept um 1160 von Abt Hartbern festgelegt und in Auftrag gegeben. Dabei wurden früher hergestellte Silberreliefs angepasst und weiter verwendet. Auf Hartbern geht auch die Idee der Verwendung von Emaille-Schmuck zurück. Durch die Untersuchungen am Schrein in den 1990er Jahren kann als gesichert gelten, dass die Beschläge vorproduziert und in einem Zuge um 1170–1175 montiert wurden. 1175 erfolgte die feierliche Translation der Lade in den fertigen Schrein.

Es gibt bisher keine Hinweise darauf, ob die Gestaltung von einem einzigen Goldschmied oder von mehreren Goldschmieden vorgenommen wurden. Mögliche Quellen wie Berichte oder Rechnungen aus dem Kloster dürften bei Bränden verloren gegangen sein. Martin Seidler widerspricht der These von den zwei unterschiedlichen Meistern bei der Anfertigung und bezeichnet sie nach Abschluss seiner Untersuchungen (1988–1994) als verfälschend.

Heribert gehörte u. a. wegen seines Regenwunders zu den wichtigen Kölner Heiligen, die bei einer Pilgerreise nach Köln zu besuchen waren. Vermutlich um 1200 wurde Heribert zum neuen Patron der Klosterkirche, die seit ihrem Bau Christus und Maria geweiht war. Der Schrein war angemessener Ausdruck der Verehrung durch die Mönche, die ihn als Klostergründer und Vorbild verehrten und der Laien, die ihn wegen seiner Wundertaten verehrten.

Die großen Emailles der Dachfläche mit den Szenen aus Heriberts Leben (siehe Abschnitt „Bildprogramm“) weisen wegen ihrer lateinischen Beschriftungen eher weniger auf eine Zurschaustellung des Schreins für Pilger hin. Für Laien sind die Bilder allein kaum verständlich und die Inschriften ebenso. Dies führt zu der Annahme, dass das Bildprogramm mit Blick auf die Kontemplation der Mönche ausgelegt wurde. Einen weiteren Beleg dafür liefern die Schriftrollen, die die in Emaille gehaltenen Propheten vor sich ausbreiten. Die Zitate beziehen sich inhaltlich auf das Wirken von Heiligen im Allgemeinen und untermauern damit theologisch den Heribert-Kult sowie die besondere Wirkung von Gebeten. Damit folgt die bildliche Darstellung einer Auslegung Bernhard von Clairvaux’, der die Rolle eines Heiligen als ethisches Vorbild für den Konvent für wichtiger ansah als den Reliquienkult. Die Szenen der Medaillons bilden eine Auswahl aus der von Landbert verfassten Heribertvita. Wie Schuster darlegt, wurde damit eine Art Kanon geschaffen, der in dieser Auswahl immer wieder vorkam. So hat Lantbert wohl auch ein Heribertoffizium mit liturgischen Anweisungen zum Stundengebet mit den gleichen Szenen geschaffen. Darin bilden Psalmen und Lesungen gleichsam den liturgischen Kommentar zur dargestellten Heiligenvita. Diese Verknüpfung von Liturgie und Schreinprogramm soll zu jener Zeit die Regel gewesen sein. Daher war der Schrein für die Mönche ein Andachtsobjekt.

Auch wenn das Programm sich an theologisch Gebildete wandte, wurde der Schrein auch von Laien zur Verehrung und Anbetung besucht. Ihnen war das Bildprogramm auf den Dachseiten vermutlich nicht zugänglich. Im Mittelpunkt stand für die Pilger die Verehrung der wundertätigen Reliquien, die in dem kostbaren Schrein aufbewahrt wurden. Zu den Gedenktagen des Hl. Heribert wurde der Schrein den Laien in Prozessionen (siehe Abschnitt „Schreinprozessionen“) und Heiltumsschauen vorgeführt. Es ist zu vermuten, dass sich die Verehrung Heriberts aber nicht auf so wenige Tage im Jahr beschränkt hat, sondern dass das Kloster einen regelmäßigen Besucherstrom erlebte, der auch zum wirtschaftlichen Unterhalt des Klosters beitrug.

Material, Technik und schematischer Aufbau des Schreins Der Heribertschrein weist eine Länge von 1,53 Metern, eine Höhe von 0,66 Metern und eine Breite von 0,42 Metern auf. Der Innenbau besteht aus Eichenholz. Die Außenseiten sind mit silbervergoldetem Kupfer beschlagen und mit Edelsteinen verziert.

mini|Heribertschrein, Paulusseite Die Gestaltung des Kastenschreins ähnelt in seiner Form einem langgestreckten architektonischen Bau mit einem Satteldach. Sowohl die vier Ansichtsseiten als auch das Giebeldach sind mit dekorativen Elementen geschmückt. Die ornamentale Gestaltung des Schreins weist eine Vielfalt an Techniken und Materialien auf. Im unteren Bereich des Schreins werden die Außenwände durch flache Lisenen in Figurennischen gegliedert. Der Aufbau ist zwischen den umlaufenden Sockel- und Gesimsprofilen eingezogen.

Die Langseiten sind mit getriebenen Apostelfiguren aus vergoldetem Silberblech gestaltet. Die Apostel werden jeweils von Prophetendarstellungen mit Schriftbändern aus bunter Emaille, die in Grubenschmelztechnik ausgearbeitet wurden, flankiert. Insgesamt befinden sich somit auf jeder Längsseite des Schreins jeweils im Wechsel sechs Apostel und sieben Propheten.

Die kurzen Stirnseiten des Heribertschreins sind ebenfalls ornamental ausgestaltet. An der Marienseite befindet sich eine Nische mit Kleeblattbogen, der in das Giebelfeld ragt. Die Marienfigur ist hier thronend, mit dem Jesuskind auf dem Schoß, zwischen zwei Engeln dargestellt. An der Gegenseite befindet sich die Figur des heiligen Heriberts, ebenfalls sitzend dargestellt, mit Mitra, Stab, Evangelienbuch, Pallium und Rationale. Er wird flankiert von zwei Personifikationen der Tugenden Caritas und Humilitas. Die Figurennische wird oben von einem kreisförmigen Rahmen, in dem Christus als Brustbild dargestellt ist, angeschnitten. Die Stirnseiten sind durch weitere Emaillearbeiten mit unter anderem Engelsdarstellung und Edelsteinapplikationen um die getriebenen Figurendarstellungen geschmückt.

An allen vier Seiten unter den Figurendarstellungen und an den Längsseiten über den Figuren befinden sich Inschriftenbänder in Emailletechnik.

Der Übergang von den Seitenwänden zum Dach sind durch alternierende Emaille- und Edelsteinarbeiten verzieht. Das Dach nimmt ein Drittel der Gesamthöhe des Schreins ein. Die Dachflächen sind ziseliert und mit weitern Emaillearbeiten ausgestaltet. Zwölf Medaillons aus Emaille erzählen auf der Dachfläche die Lebensgeschichte des heiligen Heribert. Zwischen den Medaillons sind gliedernde Emaillestreifen mit geometrischen Mustern und Engelsdarstellungen angebracht. Die Dachkanten und der Dachfirst sind mit aufgesetzten gegossenen Ornamenten und Bergkristallen geschmückt.

Bildprogramm