Zur Tötung von Nahel Merzouk kam es am Morgen des 27. Juni 2023 im Pariser Vorort Nanterre. Der 17-jährige Jugendliche wurde am Steuer eines Autos nach einer Verfolgungsjagd mit der Polizei erschossen, nachdem er sich einer polizeilichen Aufforderung widersetzt hatte. Ein Amateurvideo von dem Vorfall wurde im Internet veröffentlicht. Als Folge entwickelten sich tagelang anhaltende gewaltsame Unruhen im Großraum Paris und in zahlreichen anderen Städten Frankreichs.
Tathergang mini|hochkant|Gedenken am Todesort von Nahel Merzouk, der Place Nelson-Mandela Version der Anklage und Polizei Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Nanterre bemerkten am 27. Juni 2023 um 7:55 Uhr zwei Motorradpolizisten der Polizeipräfektur Paris zu Schichtbeginn ein gelbes Fahrzeug der Mercedes-AMG A-Klasse mit polnischem Kennzeichen, offenbar von einem Jugendlichen gesteuert.
Merzouk war mit hoher Geschwindigkeit auf der Busspur des Boulevard Jacques Germain Soufflot unterwegs. Die Polizisten aktivierten ihre Signalanlagen und forderten ihn an einer roten Ampel zum Halten auf. Merzouk befolgte die Anweisung nicht, beschleunigte und überfuhr die rote Ampel. Die Polizisten verfolgten ihn durch mehrere Straßen und meldeten den Vorfall über Polizeifunk um 8.16 Uhr. Merzouk beging mehrere Verkehrsverstöße, gefährdete an Fußgängerüberwegen einen Fußgänger und einen Radfahrer und wurde erst zum Anhalten gezwungen, als ihm ein Stauende den Weg versperrte. Die Polizisten stiegen in der Passage François Arago von ihren Motorrädern, richteten ihre Dienstwaffen auf Merzouk und forderten ihn auf, die Zündung des Wagens auszuschalten.Esther Paolini: Mort de Nahel: le récit de la course-poursuite, minute par minute. In: Le Figaro. 29. Juni 2023, abgerufen am 5. Juli 2023 (französisch). Als Merzouk die Aufforderung ignorierte und anfuhr, feuerte einer der beiden Polizisten einen Schuss auf ihn ab. Das Auto fuhr noch ein Stück in südwestliche Richtung und kollidierte um 8:19 Uhr auf der Place Nelson-Mandela mit einem Hindernis. Die hinten im Wagen sitzende Person wurde festgenommen; der Beifahrer flüchtete. Der Polizist, der den Schuss abgegeben hatte, leistete dem Fahrer Erste Hilfe. Um 8:21 Uhr wurden Rettungskräfte verständigt; trotz deren Reanimationsbemühungen wurde Merzouks Tod um 9:15 Uhr festgestellt. Eine am Morgen des 28. Juni 2023 durchgeführte Obduktion ergab, dass das Geschoss seinen linken Arm sowie den Brustkorb von links nach rechts durchquert hatte.
Nach ersten Angaben der Polizei hatte ein Beamter einen Schuss abgegeben, während der junge Autofahrer auf ihn zugefahren sei. Diese von der Gewerkschaft Unité SGP Police-Force Ouvrière unter Berufung auf Notwehr übernommene Version wurde hinfällig, nachdem ein Video in den sozialen Medien zeigte, dass ein Polizist mit der Waffe in Höhe des Fahrertürfensters auf den Fahrer zielte, wobei er seinen linken Ellenbogen an der vorderen Ecke des Fensters abstützte und seine linke Taille seitlich an die Motorhaube drückte. Er schoss, als das Auto anfuhr.Nahel M. tué par un policier à Nanterre: les images du drame. In: Le Monde. 28. Juni 2023, abgerufen am 3. Juli 2023 (französisch).
Es wurden zwei Strafverfolgungen eröffnet. Zunächst ein Verfahren gegen den (bereits toten) jungen Fahrer wegen mutmaßlicher „Weigerung, einer polizeilichen Anweisung Folge zu leisten“ (frz. refus d’obtempérer) und „versuchter Tötung unter Vorsatz einer Amtsperson“; anvertraut dem Kommissariat von Nanterre und der Sûreté territoriale des Hauts-de-Seine, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Ein weiteres Verfahren, wegen „Tötung unter Vorsatz durch eine Amtsperson“, wurde der zuständigen Dienstinspektion IGPN (Generalinspektion der Nationalen Polizei), welche dem Innenministerium untersteht und damit derselben Hierarchie wie die obersten Polizeiebenen anvertraut.Redaktion, Agence France-Presse: A Nanterre, un ado de 17 ans tué par la police lors d’un contrôle routier : ce que l’on sait des faits, L’Obs, 27. Juni 2023.
Version der Insassen Der Beifahrer Der 17-jährige Beifahrer verbreitete seine Version der Ereignisse zunächst in diversen Beiträgen in der Presse und in sozialen Medien, bevor er am 4. Juli von den Ermittlern der Polizei vernommen wurde."Mort de Nahel M. : les deux autres passagers donnent leur version des faits" Le Monde vom 4. Juli 2023 In einem am 30. Juni veröffentlichten Interview erklärte er, dass er und Nahel in einem geliehenen Auto unterwegs gewesen seien und von Motorradpolizisten verfolgt worden seien, weil sie mit überhöhter Geschwindigkeit auf einer Busspur gefahren seien. Dann seien sie im Verkehr stecken geblieben. Die Polizisten seien von ihren Motorrädern abgestiegen. Ein Polizist sei auf Höhe der Fahrertür und der andere auf Höhe des vorderen Kotflügels stehengeblieben. „Der erste Polizist forderte Nahel auf, das Fenster zu öffnen. Nahel ließ das Fenster herunter.“ Der erste Polizist, der am Fenster stand, habe Nahel dann eine Waffe an die Schläfe gehalten und gesagt: „Halt still oder ich schieße dir in den Kopf!“ Der zweite Polizist habe sich vom Fenster hinein gelehnt und gesagt: „‚Stell den Motor ab, sonst erschieße ich dich!‘ Und er verpasste Nahel einen Schlag mit dem Waffenkolben – einfach so.“ Der erste Polizist, der neben dem Fahrerfenster stand, sei dann „durch das Fenster hinein“ in den Fahrgastraum und habe „einen weiteren Schlag mit dem Waffenkolben“ ausgeführt. „Er wusste nicht mehr, was zu tun war. Sein Kopf drehte sich, er konnte nichts mehr machen, nicht einmal sprechen“. Der zweite Motorradfahrer habe dann Nahel einen dritten Schlag versetzt. „Und weil er benommen war, rutschte Nahels Fuß vom Bremspedal ab. Da es sich bei dem Auto um einen Automatik handelte, rollte es von selbst an. Der Polizist am Fenster sagte zu seinem Kollegen: ‚Erschieß ihn!‘. Da schoss er. Nahels Fuß blieb auf dem Gaspedal stecken. Er schaffte es, noch drei Sekunden lang dort zu verbleiben, er hupte in Richtung des Autos vor ihm. Dann, plötzlich, fing er an zu zittern. Er hat mir nicht geantwortet“. Nach dem Unfall rannte der Beifahrer weg: „Ich hatte Angst. Angst, dass jemand auf mich schießt.“Caroline Piquet: Mort de Nahel : « J’avais peur qu’on me tire dessus », le passager qui a pris la fuite sort du silence, leparisien.fr, 30. Juni 2023. Diese Aussage wich von der Version der Polizei ab, denn laut Pariser Polizeipräfekt Laurent Nuñez „stellte der Fahrer zunächst den Motor ab, startete das Fahrzeug erneut und fuhr dann los. In diesem Zusammenhang benutzte der Polizist seine Schusswaffe.“Théo Putavy: Mort de Nahel : le troisième passager de la voiture donne sa version des faits pour "rétablir la vérité", 30. Juni 2023
Der Rücksitzpassagier Der Vater des 14-jährigen Rücksitzpassagiers erklärte: „Nahel ist sein großer Bruder aus der Nachbarschaft. Er hat meinem Sohn sofort angeboten, ihn zur Jahresabschlussprüfung zur Schule zu fahren“. Er setzte sich auf der Rücksitz. „Mein Sohn wusste nicht, dass Nahel keinen Führerschein besaß, und auch nicht, dass er noch minderjährig war.“ Der Junge erklärte: „Die Polizisten […] richteten ihre Waffen auf Nahel“, der „etwa drei Schläge“ einstecken muss und versucht, „seinen Kopf zu schützen“. „Einer der Polizisten sagt, er würde ihm eine Kugel in den Kopf schießen. Nahels Fuß habe sich sicherlich aus Panik von der Bremse gelöst, als er versuchte, sich zu schützen. Da bewegte sich das Auto von alleine vorwärts. Es war eine Automatik. Und der Polizist sagte seinem Kollegen, er solle schießen. Und der Schuss ging los. Nahel sagte, nachdem die Kugel ihn traf: ‚Das ist ein Verrückter, er hat geschossen.‘“ Dann habe der Wagen einen Satz gemacht und am Straßenrand etwas gerammt. „Da war kein Blut, aber er war zur Seite abgerutscht“. Er habe wegen der Kindersicherung nicht sofort aussteigen können, ihm sei es dann aber doch gelungen, aus dem Auto auszusteigen. Sofort habe einer der Polizisten ihn angesprochen. „Ich habe meine Hände gehoben, damit er nicht auf mich schießt. Ich habe (dem Polizisten) gesagt, dass ich nichts getan habe, und er sagte zu mir: ‚Halt dein Maul!‘“ Er wurde zu Boden geworfen und ihm wurden dann Handschellen angelegt. Da begriff er, dass sein Freund tot war.Caroline Piquet: « C’est un fou, il a tiré » : les derniers mots de Nahel racontés par le passager arrière de la voiture, leparisien.fr, 3. Juli 2023.
Beteiligte Personen Nahel Merzouk Nahel Merzouk wurde 2006 geboren und war ein 17-jähriger französischer Jugendlicher marokkanisch-algerischer Abstammung. Er ist der Sohn von Mounia Merzouk, seit seiner Geburt alleinerziehend, und Hicham Hammouti. Er besuchte das Collège Jean-Perrin in Nanterre und anschließend das Lycée Louis-Blériot in Suresnes, wo er zunächst Elektronikkurse für ein CAP und dann Mechanikkurse belegte. Er brach die Ausbildung nach sechs Monaten ab und begann als Pizzabote zu arbeiten. Merzouk war bei der Polizei im Zusammenhang mit Verkehrsdelikten sowie Drogenkonsum und -besitz bekannt, jedoch ohne Eintrag im Strafregister. Zwischen 2021 und 2023 wurde er angeblich fünfmal wegen „Weigerung, einer polizeilichen Anweisung Folge zu leisten“ (frz. refus d’obtempérer) erwähnt und zweimal in Gewahrsam genommen, das letzte Mal am 24. Juni 2023.
Polizist Der Polizist, der den tödlichen Schuss abgab, Florian M., stammte aus Südwestfrankreich und war Motorradfahrer bei der Direction de l’ordre public et de la circulation (DOPC, „Direktion für öffentliche Ordnung und Verkehr“). Er war zum Tatzeitpunkt 38 Jahre alt, wurde an der Nationalen Polizeischule in Sens ausgebildet und war vor seinem Eintritt in die Polizei als Soldat in Afghanistan eingesetzt. Er hatte der Compagnie de sécurisation et d’intervention 93 (CSI 93, „Sicherungs- und Einsatzkompanie 93“) und der Brigade de répression de l’action violente motorisée (Brav-M) angehört, zwei Einheiten, denen zahlreiche gewalttätige Übergriffe und Unregelmäßigkeiten vorgeworfen wurden und die in zahlreiche Disziplinarverfahren verwickelt waren, war jedoch selbst nach Medienangaben bis zur Tötung Merzouks nicht selbst Ziel von Ermittlungen gewesen. M. wurden im Laufe seiner Karriere als Polizist mehrere Auszeichnungen verliehen, darunter zwei für seine Einsätze während der Gelbwestenbewegung im Jahr 2020 und für eine Festnahme nach einer Freiheitsberaubung 2021 in Bernes-sur-Oise.
Fahrzeug Das Fahrzeug, eine Mercedes-Benz A-Klasse A45 AMG, war in einem „Untermietsystem“ (Polnischer Autohändler – Polnische Firma oder Person – (Polnischer Weitervermieter) – Französischer Vermieter – Anmieter) am Vortag an die kaum drei Monate zuvor gegründete „FullUp Location“ (mit Stammkapital von 1000 €) in Nanterre vermietet worden. Bevor Nahel damit fuhr, hatten zwei andere Personen es während derselben Anmietung unter bislang ungeklärten Umständen benutzt, gab die Staatsanwaltschaft bekannt. Der Tatbestand „Untermietsystem“ spiegelt ein weit verbreitetes Phänomen in Frankreich wider, über das die Behörden seit zwei Jahren berichten. Dabei, so betonte die Staatsanwaltschaft Grenoble, würden die rechtlichen Bedingungen für eine Untervermietung nicht beachtet. Die Fahrzeuge sind zwar legal auf französischen Straßen, da sie in Polen versichert sind, aber dieser Versicherungsvertrag gilt für die Anmietung in Frankreich nicht. Die Untervermietung erfolge ohne Vertrag, ohne Kaution, ohne Anforderung eines Identitätsnachweises und ohne Buchhaltung. Bei begangenen Verkehrsverstößen können die Fahrzeuglenker oftmals nicht ermittelt werden. Das Geschäftsmodell steht im Verdacht, zur Geldwäsche und für illegale Aktivitäten eingesetzt zu werden. Das Fahrzeug wurde im Rahmen der gerichtlichen Ermittlungen gegen den Polizisten Florian M. beschlagnahmt.
Reaktionen In den Tagen nach dem Vorfall