Die Internierungslager in Marseille dienten wie andernorts in der vom Vichy-Regime beherrschten freien Zone Frankreichs auch der Unterbringung sogenannter feindlicher oder unerwünschter Ausländer. In Marseille füllten sich die Lager allerdings neben den üblichen Verdächtigen (Juden, Kommunisten und Sozialisten) vor allem mit Personen, die sich in der Stadt aufhielten, um ihre Emigration nach Übersee zu betreiben. Viele Marseiller Lager waren von daher primär Transitlager, in denen Frauen und Kinder untergebracht wurden, während die Männer weiterhin vom Camp des Milles aus oder aus dem Camp de Gurs ihre Ausreise betreiben mussten.

Marseille als Zufluchtsort und Falle für Emigranten Im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs hatte sich die französische Regierung die Möglichkeit geschaffen, sogenannte „étrangers indésirables“ (unerwünschte Ausländer oder auch feindliche Ausländer) Journal officiel, 1938, S. 12920–12923, insb. 12923 Scan bei Gallica in besonderen Lagern zu internieren.

In der Zeit zwischen dem „Sitzkrieg“ und dem Einmarsch der Wehrmacht nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden ab September 1939 die in Frankreich lebenden Männer aus dem Deutschen Reich interniert – egal, ob es sich bei ihnen um Emigranten oder Parteigänger der Nazis handelte; dies auch aus Angst, die in Frankreich lebenden Deutschen könnten sich zu einer Fünften Kolonne entwickeln. Die Unterbringung der Männer erfolgte in Internierungslagern, dessen größtes in der Region Marseille das Camp des Milles war. Diesem Camp unterstanden viele Nebenlager, darunter alleine 19 in MarseilleAndré Fontaine: Internierung in Les Milles. September 1939–März 1943, bei denen es sich aber nicht um große Lagerkomplexe handelte, sondern eher um kleinere bis mittelgroße Einrichtungen, oft auch in beschlagnahmten oder angemieteten Hotels.

Einige der Lager in Marseille wandelten sich, ähnlich wie das Camp des Milles, von einem Sammel-, dann Sichtungs- und Internierungslager nach dem Waffenstillstand von Compiègne (1940) zu einem Transitlager.

Als Sitz von 13 KonsulatenAJPN: Marseille 1939-1945AJPN – Anonymes, Justes et Persécutés durant la période Nazie dans les communes de France (Namenlose, Gerechte und Verfolgte während der NS-Zeit in den Gemeinden Frankreichs) wurde die Stadt Marseille zu einem Ort, der Zufluchtsstätte und Falle zugleich war.

Literarisch wurde diese Situation von Anna Seghers in ihrem autobiografischen und mehrfach verfilmten Roman Transit beschrieben, und in dem Buch »Fast frei zu sein ist doch etwas Herrliches« rekonstruierte Kathrin Massar das Leben von Ursel Bud zwischen Hoffnung und Enttäuschung beim Warten auf ein Ausreisevisum.Kathrin Massar: »Fast frei zu sein ist doch etwas Herrliches« Ähnlich eindringlich schildert auch Alfred Kantorowicz in seinem Buch Exil in Frankreich die Situation der nach Ausreise drängenden Emigranten in Marseille.

Die oben erwähnten 19 Internierungsstätten in Marseille – darunter Krankenhäuser, Gefängnisse und Hotels – sind zwar alle namentlich bekannt, aber erforscht scheinen nur wenige zu sein. Die ältesten Marseiller Internierungsorte waren nach Fontaine ab September 1939 das Prison des PrésentinesTourisme Marseille: Ancienne Prison des Femmes des Présentines das Gefängnis BrébantDem Brébant widmet Kantorowicz ein ganzes Kapitel; er war dort selber Insasse. (Alfred Kantorowicz: Exil in Frankreich, S. 175 ff.) und das Hôtel Le Terminus du Port; ihnen folgte gegen Ende 1939 das Fort Saint-NicolasSiehe hierzu den Artikel in der französischsprachigen Wikipedia: :fr:Fort Saint-Nicolas (Marseille).. Die genannten Einrichtungen standen alle auch auf der Liste der von der Kundt-Kommission inspizierten Lager.Christian Eggers: Die Reise der Kundt-Kommission, S. 239

Die häufigsten Erwähnungen finden drei Internierungsstätten, die sich alle in Hotels befanden: Hôtel Bompard Hôtel Levant Hôtel Le Terminus du Port Auch über sie gibt es keine umfassenden Studien, aber immerhin den Aufsatz von Sylvie Orsoni, der einen differenzierteren Blick auf diese drei Internierungsstätten erlaubt.Bei Eggers (Unerwünschte Ausländer) finden sich eine Vielzahl verstreuter Hinweise auf die drei Hotels und darüber hinaus auch noch auf Le Brébant und eine Einrichtung der Groupes de Travailleurs Étrangers (GTE); eine systematische Darstellung dieser Einrichtungen existiert bei ihm aber nicht. Das gilt ebenso für die Arbeit von Denis Peschanski.

Stätten der Internierung in Marseille Hôtel Bompard Das Mercure Marseille Centre Bompard La Corniche, noch immer unter der Adresse 2 Rue Des Flots Bleus, Ecke Traverse Beaulieu (), stellt sich auf seiner Webseite als Hotel für Reisende vor, „die auf der Suche nach lokalen und authentischen Erlebnissen sind“.Mercure Marseille Centre Bompard La Corniche (Homepage) Auch Ursel Bud und mit ihr viele Hunderte Frauen und Kinder waren Reisende und an diesem Ort seit Mai 1940 auf der Suche – nach einer Möglichkeit, Frankreich verlassen und als Emigrantinnen in einem anderen Land Zuflucht finden zu können. Damals diente das Hôtel Bompard „als Duirchgangslager für internierte Frauen auf ihrem Weg nach Übersee, als Gegenstück zu Les Milles, dem Transitlager für Männer […], dessen Verwaltung es auch unterstand. Die offizielle Bezeichnung des Bompard lautete ‚Centre d'émigration‘, Emigrationszentrum.“

Wie das Bompard zu einem Centre d'émigration wurde, ist nicht dokumentiert, doch für dessen Betrieb war weiterhin der frühere Hotelbesitzer, Monsieur G., verantwortlich beziehungsweise – so Sylvie Orsoni – die Besitzer.

Massar berichtet, dass der Besitzer absichtlich schlechtes Essen verabreicht und die Frauen schikaniert haben soll; sie zitiert aber auch eine andere Insassin des Hotels, Emma Raphael, die den schon erwähnte Monsieur G. als „den Häftlingen gut gesinnt“ beschrieb, und sie verweist auf die Gerüchteküche rund um das Bompard, zu deren Entstehung auch Kantorowicz beigetragen haben mag. Dieser erwähnte keinen Monsieur G. als Besitzer, sondern eine Frau, die zugleich die Frau „des Kantinenwirts und formalen Besitzers des Etablissements Le Brébant“ gewesen sei. In Anlehnung an Bert Brechts Dreigroschenoper entwarf er ein Tableau von Abhängigkeiten und Geschäftemachereien rund um das Brébant und das Bompard.

Massar weist auch auf Lenka Reinerová und Steffie Spira hin, die Ähnliches berichtet hätten, zitiert aber abschließend die Historikerin Liliane Rada Nasser, die in ihrem Buch Ces Marseillais venus d'OrientLiliane Rada Nasser. Ces Marseillais venus d'Orient: L'immigration libanaise à Marseille aux XIXe et XXe siècles, Editions Karthala, Paris 2010, ISBN 978-2-8111-0421-4 zu der Ansicht gelangt sei, dass die Geschichte des Bompards keine Anhaltspunkte für derartige Zustände geliefert habe. Sylvie Orsoni allerdings neigt den Ausführungen von Kantorowicz zu.Sylvie Orsoni: Étrangères indésirables

Gestützt auf die Forschungen von Doris Obschernitzki (* 1946)Doris Obschernitzki im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek geht Orsoni davon aus, dass zwischen Sommer 1940 und November 1942 insgesamt 910 Frauen und Kinder das Hôtel Bompard durchliefen. Wie groß die Kapazität des Hotels tatsächlich war, lässt sich in etwa aus der von Massar für den Sommer 1941 berichteten Belegung ablesen: rund 200 Frauen und 50 Kinder. Über die Lebensbedingungen berichtet sie:

Die Ambivalenz lag darin, dass die Frauen trotz dieser schlechten Bedingungen und obwohl sie nach wie vor den Status von Internierten hatten, in den Marseiller Hotel-Lagern mehr Freizügigkeit genossen, als die in den großen Lagern untergebrachten Männer. Sie konnten tagsüber „in die Stadt gehen, ihre Angelegenheiten erledigen und Freunde und Verwandte Treffen“ – selbst die, die im Camp des Milles interniert waren.Wilhelm Borth: Bea Maier (1895–1942) zwischen Reutlingen und Auschwitz Auf eben diese Ambivalenz bezieht sich auch der Titel von Massars Buch, der sich von einem Zitat aus einem Brief von Ursel Bud herleitet, die nach ihrem vorangegangenen Aufenthalt im Camp de Rieucros am 9. August 1940 aus dem Bompard an Volkmar von Zühlsdorff schrieb:

Im Bompard engagierten sich auch Hilfsorganisationen für die Frauen und besonders auch die Kinder. Noel Field und das Unitarian Service Committee (USC) sowie die das Œuvre de secours aux enfants (OSE) kümmerten sich um die Kinder und deren Schulbildung und sorgten auch dafür, dass Kinder mit guten französischen Sprachkenntnissen eine normale Schule besuchen konnten. Die World ORT (ORT) organisierte zusammen mit dem Comité d'assistance aux réfugiés (CAR)„CAR war eine Hilfsorganisation, die 1933 gegründet wurde, um die aus Deutschland und nach 1938 aus Österreich vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten nach Frankreich geflohenen Jüdinnen und Juden mit Geld und Unterkünften zu unterstützen.“ (Glossar zum Lager Gurs) Näh- und Schneiderkurse. Medizinische und soziale Hilfe kam auch vom Roten Kreuz und vereinzelt auch von französischen Ärztinnen und Ärzten. Ab Anfang 1942 existierte im Bompard auch eine Verbindungsstelle der HICEM, durch die vor allem die Auswanderungsbemühungen unterstützt werden sollten. Ursel Bud begleitete diese Position.

Der Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg veränderte die Situation für die Internierten in Frankreich grundlegend, da nun auch die aus dem Deutschen Reich Ausgebürgerten als Enemy Aliens eingestuft und ihre Visa-Anträge pauschal abgelehnt wurden. Ein Visum für die USA war nur noch unter sehr schweren Bedingungen zu erhalten., was Massar am Beispiel von Ursel Bud minutiös nachzeichnen konnte. Zugleich verschlechterten sich vom Frühjahr 1942 an die Lebensbedingungen für ausländische Juden in Frankreich kontinuierlich, erste Gerüchte über Deportationen aus Deutschland breiteten sich aus. Massar berichtet von 5.000 Juden, die seit März 1942 bereits aus Frankreich deportiert worden seien, bevor Adolf Eichmann im Juni 1942 die „Deportation der Juden aus den Niederlanden, Belgien und Frankreich in die Vernichtungslager“ befohlen habe. In Frankreich betraf das auch die Juden in der freien Zone, aus der 10.000 Personen deportiert werden sollten. Da das Vichy-Regime sich weigerte, französische Juden deportieren zu lassen, ging die Auffüllung des Kontingents zu Lasten der hier lebenden ausländischen Juden. Mitte Juli sprach das Innenministerium zudem ein Emigrationsverbot für Juden aus – mit schwerwiegenden Folgen.

Das alles kulminierte dann in den großen Razzien mit anschließenden Deportationen im August und September 1942.

In Marseille befanden sich Mitte Juli 1942 nach einem Bericht von Eichmanns Mitarbeiter Theodor Dannecker 321 staatenlose Jüdinnen, darunter 159 ehemalige deutsche Staatsangehörige. Wie viele davon im Bompard lebten, ist nicht bekannt. Am 4. und am 10. August 1942 wurden dann insgesamt 90 Frauen aus dem Hotel ins Camp des Milles gebracht, von wo aus sie über das Sammellager Drancy nach Auschwitz transportiert wurden. Die Gewissheit, dass die Deportierten am Ziel ihres Transports alle zu Tode gekommen waren, setzte sich bei den im Hotel verbliebenen Frauen erst allmählich durch.

Ende August setzte das Vichy-Regime seine Razzien fort, und am 27. August 1942 wurden weitere 50 Frauen aus dem Bompard ins Camp des Milles verbracht, darunter auch Ursel Bud. Sie entging aber der Deportation nach Auschwitz – vermutlich aufgrund ihrer Tätigkeit für die HICEM. Sie konnte nach fünf Tagen in Les Milles am 31. August wieder ins Bompard zurückkehren. Der Aufschub währte nur bis Mitte Oktober. Sie und 15 weitere Frauen wurden in der Nacht vom 16. auf den 17. Oktober 1942 im Bompard abgeholt und in einen Zug verfrachtet, dessen Ziel das Camp de Rivesaltes war. Sie entging abermals der Deportation nach Auschwitz, weil sie sich bereits vor 1936 in Frankreich aufgehalten hatte, und konnte sich einer am 23. November angekündigten Verlegung ins Camp de Gurs durch Flucht entziehen. Sie überlebte mit gefälschten Papieren und nahm am französischen Widerstand teil.