Die Geoarchäologie ist ein interdisziplinäres Forschungsgebiet an der Schnittstelle von Archäologie und Geowissenschaften. Sie untersucht archäologische Fundstellen, Funde und Befunde in ihrem geologischen, geomorphologischen und landschaftlichen Zusammenhang. Ihr grundlegendes Ziel besteht darin, die Entstehung, Erhaltung und Veränderung archäologischer Fundplätze zu verstehen und vergangene Natur- und Kulturlandschaften zu rekonstruieren. Da archäologische Hinterlassenschaften stets in Böden und Sedimenten eingebettet sind, bildet die geoarchäologische Untersuchung eine wesentliche Voraussetzung für ihre zeitliche, räumliche und funktionale Einordnung. In diesem Sinne kann die Geoarchäologie als integraler Bestandteil der Geländearchäologie betrachtet werden.

Eine einheitliche Definition des Begriffs besteht nicht. Je nach wissenschaftlicher Tradition wird die Geoarchäologie entweder als Teilgebiet der Archäologie, als Anwendung geowissenschaftlicher Methoden auf archäologische Fragestellungen oder als eigenständige Disziplin verstanden. Ihre fachlichen Wurzeln reichen bis in das 19. Jahrhundert zurück. Damals wurden erstmals archäologische Objekte in pleistozänen Ablagerungen entdeckt und mithilfe geologischer Untersuchungen als Zeugnisse einer weit zurückliegenden menschlichen Vergangenheit erkannt. Forscher wie Charles Lyell, Oscar Friedrich von Fraas, Robert Rudolf Schmidt und Wolfgang Soergel verbanden archäologische und geowissenschaftliche Ansätze, freilich ohne sich selbst als Geoarchäologen zu bezeichnen.

Auch die Entstehung der universitären Urgeschichtsforschung war eng mit den Geowissenschaften verbunden. Der erste Studiengang für Urgeschichte in Deutschland wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts eingerichtet. An der Universität Tübingen bestanden von Beginn an enge Beziehungen zwischen Urgeschichte und Geowissenschaften. Die frühe prähistorische Forschung war insbesondere auf geologische Kenntnisse angewiesen, um Fundschichten zu datieren, Ablagerungsprozesse zu erklären und menschliche Hinterlassenschaften in größere erdgeschichtliche Zusammenhänge einzuordnen.

Der Begriff „Geoarchäologie“ setzte sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch. Einen entscheidenden Impuls für seine Etablierung lieferte der 1976 erschienene Sammelband von Donald A. Davidson und Myra L. Shackley,D.A. Davidson / M.L. Shackley (Hrsg.): Geoarchaeology: Earth Science and the Past, London 1976. zu dem Colin Renfrew eine prägende Einleitung beitrug. Der Band vereinte Beiträge zu geoarchäologischen Methoden sowie zu Küsten-, See- und Festlandlandschaften und biologischen Sedimenten und trug maßgeblich dazu bei, bereits bestehende Forschungsansätze unter dem Begriff der Geoarchäologie zusammenzuführen. Vertreter des Faches wurden lange eher als Hilfswissenschaftler denn als eigenständige Archäologen wahrgenommen. Zwar wurde die Bedeutung geowissenschaftlicher Kenntnisse für die archäologische Ausbildung bereits früh hervorgehoben, doch waren die meisten Forscher entweder Archäologen, die geowissenschaftliche Methoden anwendeten, oder Geowissenschaftler mit archäologischem Schwerpunkt.

Während sich das Fach zunächst vor allem auf prähistorische Fundplätze konzentrierte, umfasst es heute archäologische Stätten nahezu aller Zeitstellungen der menschlichen Geschichte. Das Untersuchungsspektrum reicht von Millionen Jahre alten Fundplätzen der Frühmenschen in Afrika bis zu mittelalterlichen und neuzeitlichen Siedlungen. Zu den zentralen Arbeitsgebieten gehören die Rekonstruktion pleistozäner und holozäner Landschaften, die Untersuchung von Sedimenten und Böden, die Datierung und Chronostratigraphie sowie die Analyse der Auswirkungen menschlicher Tätigkeiten auf die Umwelt.

Das methodische Spektrum der Geoarchäologie hat sich stetig erweitert. Es umfasst unter anderem Fernerkundung, Geoinformatik, Mikromorphologie, Biomarkeranalysen, analytische Geoarchäologie und die Untersuchung von Anthrosolen, also durch menschliche Nutzung geprägten Böden. Diese Verfahren ermöglichen es, Ablagerungsprozesse, Landnutzung, Umweltveränderungen und die Erhaltung archäologischer Hinterlassenschaften detailliert zu erfassen.

Literatur

E. Zangger: Geoarchäologie In: Mensch und Landschaft in der Antike. Lexikon der historischen Geographie, Stuttgart 1999, S. 166–169. P. Goldberg / R.Macphail: Practical and Theoretical Geoarchaeology, Malden MA 2006. G. Rapp / C.L Hill CL: Geoarchaeology. The Earthscience Approach to Archaeological Interpretation, 2. Aufl., New Haven 2006. C. Stolz / C. Miller (Hrsg.): Geoarchäologie, Berlin 2022.

Weblinks

Anmerkungen

Kategorie:Spezialarchäologien/Hilfswissenschaften Kategorie:Archäologisches Fachgebiet Kategorie:Archäologische Forschungsmethode