Der kaukasische Gefangene () ist eine Erzählung von Wladimir Semjonowitsch Makanin. Sie erschien erstmals in der Zeitschrift Nowy mir (1995, Nr. 4) und wurde seither in verschiedenen Anthologien aufgenommen, unter anderem durch den Verlag Wagrius in der 2000 erschienenen Erzählungs-Sammlung Удавшийся рассказ о любви, die 2005 in der Übersetzung von Annelore Nitschke unter dem Titel Der kaukasische Gefangene im Luchterhand Literaturverlag veröffentlicht wurde und außer der Titel-Erzählung Der kaukasische Gefangene noch die beiden Erzählungen Der Buchstabe A und Eine geglückte Liebesgeschichte enthält. Kurzbeschreibung Rebellen haben russische Militäreinheiten in einem Gebirgstal des Kaukasus eingekesselt und verhandeln mit der lokalen russischen Militärführung über einen Austausch russischer Waffen gegen Verproviantierung. Der erfahrene russische Soldat Rubachin und sein Kamerad Wowka versuchen, im Alleingang einen Weg aus dem Belagerungsring zu finden, indem sie einen gefangenen jungen Rebellen als Geisel einsetzen. Rubachin ist von der Schönheit des Rebellen fasziniert, aber letztlich für sein eigenes Überleben und das seines Kameraden Wowka gezwungen, den schönen Rebellen zu töten. Inhalt Die beiden Soldaten Rubachin und Wowka sind ausgeschickt worden, um Hilfe für ihre Kameraden zu holen.Wladimir Makanin: Der kaukasische Gefangene. In: Wladimir Makanin: Der kaukasische Gefangene. Drei Erzählungen. Luchterhand, München 2005. S. 5–57. Hier S. 51. Sie sind dabei gescheitert, einen Weg hinaus aus einem Tal zu finden, in dem ihre russischen (oder sowjetischen) Einheiten von kaukasischen Rebellen eingekesselt sind, passieren auf dem Weg die Leiche eines von den Rebellen erschossenen Gefreiten, bestatten sie eilig.Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 8. Als Rubachin und Wowka in ihrem Militärlager anlangen, trinken ihr Oberstleutnant Gurow und der Rebellenführer Alibekow auf der Veranda von Gurows requiriertem Bauernhaus zusammen Tee.Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 9. „Alibekow ist wegen der Waffen da, und Gurow, seine Offiziere und Soldaten benötigen dringend Proviant, Lebensmittel“,Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 12. und so gibt es ein „[g]emächliches Gespräch zwischen zwei Männern, die sich seit langem kennen und achten.“Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 15. Der Oberstleutnant weist die offenkundig beschäftigungslosen Rubachin und Wowka an, bei der Herrichtung des Gemüsegartens seiner Frau zu helfen,Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 10. Wowka entzieht sich aber dieser Aufgabe, um eine alleinerziehenden Kriegs- oder Strohwitwe zu bezirzen, auf dass sie ihm dabei helfe, Portwein zu besorgen. Eigentlich will Wowka eine ganze Kiste: „Zum Zahlen. Man hat uns den Weg versperrt.“ Das aber lehnt die Alleinerziehende als verrückt ab.Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 17–19. Im Kramladen, wo Wowka außer einer Flasche Portwein noch Zigaretten kauft, erfährt Wowka, die Soldaten von Oberfeldwebel Sawkin machten alsbald eine Patrouille „in den Wald, Rebellen entwaffnen.“Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 19. Mit dieser Neuigkeit kehrt der in der Portwein-Frage nur mäßig erfolgreiche Wowka zu Rubachin zurück, bringt eine Idee zur Sprache, die ursprünglich von Rubachin stammt: „Da sollten wir auch mit. Wir schnappen uns einen Tschurka hier aus den Bergen“Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 20. Tschurka ist eine abwertende Bezeichnung für Staatsangehörige aus Zentralasien und dem Kaukasus. und haben somit „zum Zahlen“ etwas Besseres als eine Kiste Portwein, nämlich eine Geisel. „Die Soldaten stehlen sich klammheimlich vom Hof des Oberstleutnants“,Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 20. versuchen sich unter Sawkins Männer zu mischen, doch Wowka scheitert auch hier: Er ist „gesichtet und sofort ausgemustert worden: Oberfeldwebel Sawkin verließ sich nur auf seine eigenen Männer. […] Rubachin stand mit den bulligsten, kräftigsten Soldaten in einer Gruppe, verschmolz mit ihnen“, zieht mit Sawkins Soldaten los.Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 24. Als eingebetteter Fremdkörper kann Rubachin tatsächlich während der Entwaffnungs-Aktion eine persönliche Geisel nehmen. „Sie hatten viele entwaffnet, zweiundzwanzig Mann, und das war vielleicht der Grund, warum Rubachin seinen Gefangenen mühelos behalten konnte“.Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 28. Ferner rechtfertigen sich Rubachin und Wowka, sie handelten aufgrund einer Dienstanweisung von Gurow, was niemand weiter nachprüft. Tatsächlich können Rubachin und Wowka somit ihre Geisel, einen jungen Rebellen, für sich behalten, da man mit „den Gefangenen […] im allgemeinen nichts anfangen [konnte]: Die jungen ließ man laufen, die erfahrenen hielt man in der Arrestanstalt zwei oder drei Monate fest, wie im Gefängnis – na, wenn sie fliehen würden, dann würde man sie erschießen, nicht ohne Spaß an der Sache“.Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 30. Wissbegierigen Kameraden gegenüber verheimlichen Rubachin und Wowka, dass sie den jungen Rebellen „zum Zahlen“ brauchen, behaupten stattdessen genau umgekehrt, sie wollten den jungen Rebellen gegen Devisen austauschen.Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 31. Ferner kassieren Rubachin und Wowka zotige Anmerkungen über die Schönheit des Rebellen, wegen der Rubachin, der als „einfacher Soldat […] gegen menschliche Schönheit nicht als solche gefeit“ ist, bereits „ein neues, unbekanntes Gefühl“ empfindet.Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 33.
Rubachin und Wowka machen sich mit dem jungen Rebellen auf den Weg ins Gebirge, um sich mit ihm den Weg in ihre individuelle Freiheit zu erkaufen. Rubachin ergeht sich dem Gefangenen gegenüber in „abgedroschenen Phrasen“ darüber, dass ihre Völker doch einst befreundet gewesen seien, was beim Gefangenen das Ziel verfehlt, bei Wowka nur Spott hervorruft: „Es lebe die unzerstörbare Völkerfreundschaft…“Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 36. Rubachin gibt dem jungen Gefangenen außerdem zu verstehen, „daß sie ihn nicht ins Militärgefängnis brachten und auch sonst keine finsteren Absichten hegten, sondern ihn seinen Leuten übergeben wollten – im Tausch gegen die Passiererlaubnis.“Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 38–39. Rubachin verfängt sich während des Zusammenseins in eine sich immer weiter entwickelnde homoerotische „Sinnlichkeit“,Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 41. beispielsweise kommt es im Zuge einer Übernachtungspause zu zufälligen oder absichtlichen Berührungen wie das Streichen eines Rubachin-Fingers über die Wange des JünglingsMakanin, Der kaukasische Gefangene, S. 39. oder aneinander gelehntes Schlafen am Lagerfeuer. Rubachin merkt, dass durch die Nähe zu dem schönen Gefangene Ungewöhnliches mit ihm geschieht: „Aus dem Verbund der Organe hielt sein Magen als erster diese ungewohnte sinnliche Überlastung nicht aus – er krampfte sich zusammen, und der Bauch des erfahrenen Soldaten wurde hart wie ein Waschbrett. Rubachin rang nach Luft und bekam einen Hustenanfall“,Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 42. beginnt am nächsten Morgen „den Jüngling plötzlich zu umsorgen“,Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 44. was jener genau registriert: „Sicherlich wußte er, daß Rubachin durch ihre sich anbahnende Beziehung verwirrt war […], trug gleichsam schelmisch den Sieg über diesen hünenhaften, starken und doch so schüchternen Kerl davon.“Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 45. Doch schließlich gelangen die drei Männer an eine „gefährliche Stelle.“ Dort kommen von zwei verschiedenen Richtungen Rebellen-Patrouillen auf die drei Männer zu, und zurück können die drei Männer nicht; sie verstecken sich. Da der Gefangene zum Schweigen zu bringen ist, reißt Rubachin ihn hoch, verhindert, „daß seine Füße die verräterischen Büsche oder Steine berührten, die geräuschvoll herunterkollern könnten“, hält dem Gefangenen mit der einen Hand Mund und Nase zu, während die Hand des den Jüngling umfangenen Arms dem Jüngling „mit professionellem Kriegerautomatismus die Kehle zudrückt“, nachdem Rubachin ihn noch auf „die Kopfschlagader unterhalb des unrasierten Kinns“ geküsst hat.Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 48–49. Sobald die Gefahr vorüber ist, beerdigen Rubachin und Wowka den ermordeten jungen Rebellen ebenso, wie sie zu Beginn der Handlung den gefallenen russischen Gefreiten beerdigt haben: „Die Unumkehrbarkeit des Geschehenen (der Tod: ein klarer Fall von Unumkehrbarkeit) treibt sie zu hektischer Eile an, gegen ihren Willen.“ Anschließend kehren Rubachin und Wowka wieder ins eingekesselte russische Militärlager zurück, wo wie gehabt ein bisschen herumgeschossen und ein bisschen herumgeschlafen wird und Rubachin sich vorübergehend in einem Traumbild des von ihm getöteten Rebellen verliert,Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 55. erwacht, die schöne Berglandschaft mustert: „Die grauen, nur von Moos bewachsenen Hochtäler. Die armen, schmuddeligen Häuschen der Bergbewohner, wie Vogelnester an die Hänge gekleistert. Aber dennoch – die Berge?! Hier und dort drängten sich ihre sonnengelben Gipfel zusammen. Die Berge. Die Berge. Das wievielte Jahr schon wühlte ihre stumme, feierliche Erhabenheit sein Herz auf, aber was wollte ihm ihre Schönheit eigentlich sagen? Was war ihr Appell?“Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 57. Textanalyse Bei Der kaukasische Gefangene handelt es sich um eine auktorial erzählte Erzählung, die im Nordkaukasus spielt.Die Rebellen werden als „Abreken“ bezeichnet (Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 52), gesetzeslose Bergbewohner, die zu den in Tschetschenien, Nord-Dagestan, den muslimischen Teilen von Nord-Ossetien und Kabardino-Balkarien verbreiteten Anhängern des Batal Haddschi Belchorojew gehörten – vgl. Alexandre Bennigsen, S. Enders Wimbush: Mystics and commissars. Sufism in the Soviet Union. Hurst, London 1985. ISBN 1-85065-012-8. S. 10. Die Handlung beginnt zur Mittagszeit eines heißen HerbsttagesBeim Auffinden des toten russischen Gefreiten finden die „herbstlich braunen Erdbuckel“ (Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 8) und „das goldene Laub der Büsche“ (S. 11) Erwähnung. und endet am Folgetag. Ansonsten wird im Text die Zeit der Handlung weitgehend offen gelassen und kann nur aus Andeutungen geschlossen werden: Es gibt Schusswaffen, Lastautos sowie ein für die Rebellen als Kriegsbeute offenbar wertloses Spidola-Transistorradio. Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 7. Damit findet die Handlung offenkundig sehr viel später als 1960 statt, als die sowjetische Firma VEF das Transistorradio Spidola neu auf den Markt brachte. Titel Außer offensichtlich auf den jungen Rebellen bezieht sich der Titel auch auf einen Teil des Verhandlungsgesprächs zwischen Oberstleutnant Gurow und Alibekow, während dessen Gurow meint, Alibekow solle nicht „so störrisch“ sein, denn Alibekow wäre, „objektiv gesehen, ein Gefangener. Vergiß nicht, wo du dich befindest. Du sitzt bei mir.“ Alibekow verweist jedoch darauf, dass nur die Täler den Russen „gehören“, die Berge dagegen den Rebellen: „Du bist hier der Gefangene. […] Und überhaupt ist jeder von deinen Soldaten ein Gefangener.“Makanin, Der kaukasische Gefangene, S. 14. Themen