Der römerzeitliche Fundplatz Cham-Hagendorn befindet sich am Nordwestrand des Weilers Hagendorn, der zur politischen Gemeinde Cham ZG gehört. In der Römischen Kaiserzeit gehörte dieses Gebiet zur Civitas Helvetiorum, einem Teil der Provinz Germania superior.

In Hagendorn wurden eine Wassermühle, zwei Schmieden und ein Heiligtum des 2./3. Jahrhunderts n. Chr. ausgegraben. Alle Anlagen dienten gewerblichen oder kultischen Zwecken; eine Siedlung oder einzelne Wohnbauten gab es in diesem Bereich nicht. Die Mühle, die Schmieden und der Kultplatz gehörten zum umfangreichen Grundbesitz (fundus) der Villa rustica von Cham-Heiligkreuz. Wegen der sehr guten Erhaltung ihrer Holzbestandteile ist die Wassermühle für das Verständnis der römischen Mühlentechnik wichtig.

Lage Der heutige Weiler Hagendorn liegt rund 3,5 km nordwestlich des Zugersees. Das Seeufer verlief bis ins 16. Jahrhundert allerdings weiter nördlich als heute. Aus dem Zugersee kommend, fliesst die Lorze in nördliche Richtung und mündet in die Reuss. Der Fundplatz lag in der Antike direkt am Ufer eines von Ost nach West fliessenden Gewässers; ob es sich um einen Seitenarm der Lorze oder um einen Bach handelt, der das Grobenmoos in die Lorze entwässerte, bleibt unentschieden. Auch der Fluss hat sich im Lauf der Jahrhunderte verlagert.

Ausgrabungen 1944/45 Am 18. März 1944 wurde die Fundstelle Cham-Hagendorn entdeckt. Im Rahmen der sogenannten Anbauschlacht zur Vergrösserung der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche sollte die Schwemmebene westlich von Hagendorn trockengelegt werden. Am 20. März besichtigten die Ausgräber Josef Speck und Albert Weiss die Wände eines Drainagegrabens; am 6. April sicherte Landammann Meyer eine Subvention zur archäologischen Untersuchung des Geländes zu, das für zwei Jahre gepachtet wurde.Caty Schucany: Die Ausgrabungen 1944/1945 und 2003/2004. In: Caty Schucany, Ines Winet: Schmiede – Heiligtum – Wassermühle. Basel 2014, S. 13–20. Es bestand die Erwartung, hier auf einen römischen Gutshof zu stossen.Anton Tuor: Die römischen Mühlen von Hagendorn. 1995, S. 53.

Da ein Feldtagebuch nicht existiert, ist der genaue Ablauf der archäologischen Untersuchung nicht bekannt. Ein Freiwilligen-Team aus sieben Erwachsenen und zwei Jugendlichen grub unter der Leitung von Michael Speck an geschätzt siebzehn Tagen zwischen Mitte April und Ende September 1944 und zwischen Mitte Juli und Ende Oktober 1945 ein in etwa rechteckiges Areal von 20 m Länge und 14,50 m Breite aus. In etwa 90 cm Tiefe stiessen sie auf einen verlandeten Wasserlauf. Der grobkörnige Sand war durchmengt mit Keramikscherben, Holzbrettchen und Pflanzenresten. In diesem Bereich fanden sich auch wuchtige Balken und Pfähle mit Schwarzfärbung, die als Verkohlung infolge eines Brandes interpretiert wurde. Eine grosse hölzerne Radnabe mit einem Kranz von Steckenlöchern liess vermuten, dass es sich hier um Reste einer Wassermühle handeln könne. Als dann mehrere Bruchstücke von Mühlsteinen und ein kompletter Läuferstein ans Licht kamen, wurde dies zur Gewissheit.

Der Vergleich mit den Befunden von 2003/04 deutet darauf hin, dass die Ausgräber der 1940er Jahre sich auf die Bergung von Hölzern und das Einsammeln der Keramik konzentrierten, was der damaligen Schwerpunktsetzung der Archäologie entsprach. Die Untersuchung von Schlacken, Tierknochen und botanischen Proben gehörten noch nicht zum Spektrum einer Grabungsauswertung.Ines Winet: Funde, Einleitung. In: Caty Schucany, Ines Winet: Schmiede – Heiligtum – Wassermühle. Basel 2014, S. 177–180.

2003/04 Als die Fensterfabrik Baumgartner einen Erweiterungsbau im Bereich des römerzeitlichen Fundplatzes Cham-Hagendorn plante, untersuchte die Kantonsarchäologie Zug vorab ein Areal von 24 × 60 m; dabei wurde auch das gesamte Grabungsgelände von 1944/45 nochmals untersucht. Es gab zwei Kampagnen vom 28. Juli bis 19. November 2003 und vom 26. Februar bis 1. Oktober 2004. Die Grabungen wurden seitens der Kantonsarchäologie Zug von Gishan B. Schaeren betreut und vor Ort durch Johannes Weiss und Benedikt Lüding geleitet. Das Team umfasste maximal acht Ausgräber und Zeichner. Sondierschnitte ergaben, dass nur in direkter Nähe zur Altgrabung 1944/45 mit antiken Befunden zu rechnen war. 60 Felder mit den Abmessungen von je 4 × 6 m wurden als Ausgrabungseinheiten festgelegt und untersucht. Nachdem ein Bagger Humus- und Ackerboden sowie Sedimentschichten abgeräumt hatte, wurden die Befunde von Hand freigelegt und zeichnerisch sowie fotografisch dokumentiert und beschrieben.

Die Drainagearbeiten, welche in den 1940er Jahren zur Entdeckung des Fundplatzes in Cham-Hagendorn geführt hatten, liessen in den folgenden Jahrzehnten den Feuchtboden austrocknen, der bis dahin insbesondere Hölzer so hervorragend konserviert hatte. Dies wirkte sich auf alle Fundgattungen negativ aus. Dass 2003/04 weit mehr Metallfunde (Schlacken, aber auch Münzen) gemacht wurden als 1944/45, liegt auch daran, dass ein Metalldetektor genutzt wurde.

Einbettung in die Siedlungslandschaft

mini|Karte der heutigen Schweiz in der Römischen Kaiserzeit (1. bis 3. Jahrhundert n. Chr.) Abseits der überregionalen Verkehrswege gelegen, gehörte das Gebiet des Zugersees in der Römischen Kaiserzeit zu einer landwirtschaftlich genutzten Region, die sich von Vindonissa aus rund 60 km südwärts erstreckte und die durch ein Netz von Villae rusticae erschlossen war. Diese Gutshöfe belieferten wahrscheinlich den Zentralort Vindonissa. Im Bereich des Zugersees gab es fünf Domänen, deren Zentren folgende Gutshöfe bildeten:Caty Schucany: Deutung des Fundplatzes und Einbettung in den Siedlungsraum. In: Caty Schucany, Ines Winet: Schmiede – Heiligtum – Wassermühle. Basel 2014, S. 494–505. Cham-Heiligkreuz; Baar-Zentrum; Risch-Holzhäusern; Risch-Muriweid; Zug-Friedhof St. Michael.

Im Norden schliesst sich eine grosse Domäne (Mettmenstetten-Grossholz, Kanton Zürich) an. Dass die Gutshöfe in einer Entfernung von 4 bis maximal 6 km voneinander erbaut wurden, lässt sich beispielsweise auch im Reusstal und im Aaretal beobachten. In der Villa Rustica wohnte die jeweilige Gutsbesitzerfamilie mit ihrem Personal, während Pächter und Landarbeiterfamilien auf verschiedenen Aussenstationen lebten.

Daneben gab es gewerblich oder kultisch genutzte Aussenstationen, wo niemand wohnte. Das wird auch für den Fundplatz Cham-Hagendorn vermutet, und die archäobotanischen Untersuchungen bestätigen, dass Menschen hier nicht siedelten: Schmiede, Heiligtum und Mühle waren von Wald umgeben. Dabei dominierten Buche, Eiche, Haselnuss und Erle. Die Holzbauten wurden in einem sumpfigen Gelände errichtet; um sie herum entstanden infolge menschlicher Aktivität Ruderalflächen mit den dafür typischen Pflanzen. Die wenigen Reste von Kulturpflanzen stammen wohl von Siedlungen in der weiteren Umgebung. Damit ist Cham-Hagendorn einer der wenigen römischen Fundplätze in der Schweiz, deren Umwelt auch archäobotanisch untersucht wurde.Patricia Vandorpe, Lucia Wick: Pflanzenreste. In: Caty Schucany, Ines Winet: Schmiede – Heiligtum – Wassermühle. Basel 2014, S. 430–446.

Da Cham-Hagendorn nur 1,4 km nordwestlich von Cham-Heiligkreuz gelegen ist, ist die Zuordnung zu dieser Villa Rustica eindeutig. Das Gelände des Gutshofs von Cham-Heiligkreuz befindet sich im Ortsteil Lindencham südlich des Benediktinerinnenklosters Heiligkreuz; archäologische Untersuchungen 1933/35 wiesen hier Ökonomiegebäude und Sodbrunnen nach. Die Lage des Haupthauses (pars urbana) ist unbekannt. Eine Magnetometerprospektion bestätigte 2017 die Befunde der Altgrabung.Jochen Reinhard, Christoph Rinne, Renata Huber: Spurensuche mit Infrarotkamera, Metalldetektor und Magnetometer. Zur römischen villa rustica von Cham-Lindencham, Heiligkreuz. In: Tugium. 34, 2018, S. 117–122.

Insgesamt standen den fünf Domänen höchstens 6700 Hektar für die Landwirtschaft zur Verfügung; schätzungsweise zwei Drittel waren für Getreideanbau nutzbar, der Rest war feuchtes Weideland. Die Bevölkerung in diesem Gebiet wird auf 450 bis maximal 750 Personen geschätzt, wobei der Höchstwert als unwahrscheinlich gilt. Wenn der übliche Brache-Landbau betrieben wurde, lässt sich die Getreideernte im Gebiet des Zugersees auf jährlich 1100 bis 1400 Tonnen Getreide schätzen – genug, um 3500 bis 4500 Menschen zu ernähren. Die Wassermühle von Cham-Hagendorn war in den Jahren ihres Bestehens in der Lage, einen Grossteil dieses Getreides zu Mehl oder Griess zu vermahlen.

Bebauungsschichten Das römische Klimaoptimum dauerte von 300 v. Chr. bis 230 n. Chr. Die Bebauung von Cham-Hagendorn beginnt innerhalb dieses Zeitfensters und führt über dessen Ende hinaus. Unterbrochen und schliesslich beendet wurde sie durch mehrere Überschwemmungen, ausgelöst jeweils durch Hochwasser des Zugersees:Caty Schucany, Ines Winet: Schmiede – Heiligtum – Wassermühle. Basel 2014, S. 38.

Horizont 1a (160/70 bis 210/15 n. Chr.): Eine Schmiede und ein Heiligtum werden errichtet. Eine heftige Überschwemmung zerstört beide. Horizont 1b (215/18 bis 225/30 n. Chr.): Das Ufer wird mit einem Deich gesichert. Das Heiligtum wird wieder aufgebaut. Ein mässig starkes Hochwasser markiert das Ende dieser Phase. Horizont 2 (230/31 bis 260 n. Chr.): Rund 28 Jahre ist eine Wassermühle in Betrieb, bis sie um 260 n. Chr. durch eine Überschwemmung zerstört wird. Horizont 3 (um 260/70 n. Chr.): Der jüngsten Bebauungsschicht gehört eine Schmiede an. Wieder folgt eine Überschwemmung, nach der keine neue Bebauung festgestellt werden kann. Entweder gibt die Bevölkerung diesen Standort auf, weil die periodisch wiederkehrenden Überschwemmungen doch zu stark frustrieren, oder die Aufgabe von Cham-Hagendorn geschieht im Kontext eines allgemeinen Bevölkerungsrückgangs. Horizont 4 (um 270/75 n. Chr.): Während einer Warmphase bildet sich durch die Fliessaktivität des Wassers neuer Boden. Wahrscheinlich erst in nachrömischer Zeit verlandet das Gelände bei einer neuerlichen Überschwemmung. Danach ist im Bereich des Fundplatzes nur noch geringe Fliessaktivität festzustellen. Die Bebauung wird anhand der dendrochronologischen Bestimmung der Hölzer datiert; diese lassen sich drei Schlagphasen zuordnen: zwischen 173 und 200 n. Chr.; 215 und 218 n. Chr.; 231 n. Chr. Die Fundmünzen passen zu dieser Datierung; es handelt sich um Kleingeld des 2. und 3. Jahrhunderts mit Antoninianen des Gallienus und des Postumus als Schlussmünzen, die zwischen 253 und 261 geprägt wurden. Drei ältere Münzen aus keltischer bzw. augusteischer und tiberianischer Zeit fallen aus dem Rahmen und sind wohl bei Überschwemmungen bachabwärts hierher transportiert worden.Caty Schucany: Datierung. In: Caty Schucany, Ines Winet: Schmiede – Heiligtum – Wassermühle. Basel 2014, S. 441–472.

Baustrukturen und Funde Ältere Schmiede (Horizont 1a) Am Ufer des Bachs stand im späten 2. Jahrhundert n. Chr. ein Gebäude mit längsrechteckigem Grundriss, das aufgrund einer benachbarten Schlackenhalde als Schmiede gedeutet wird. Ob sie die Wasserkraft nutzte, ist nicht zu entscheiden. Die Umgebung war von Wald geprägt; der Holzreichtum dürfte für die Ortswahl ausschlaggebend gewesen sein. Wenn man schätzt, dass die Schmiede maximal 20 Jahre in Betrieb war, lässt sich aus der Menge der Kalottenschlacken schliessen, dass sie nur die bei der benachbarten Villa rustica anfallenden Aufträge zu erledigen hatte. Hier wurde womöglich nur an ein oder zwei Tagen pro Woche gearbeitet.Caty Schucany: Eisenverarbeitung im späten 2. Jh. n. Chr. (Horizont 1a). In: Caty Schucany, Ines Winet: Schmiede – Heiligtum – Wassermühle. Basel 2014, S. 473 f.

Heiligtum (Horizonte 1a/1b) hochkant|mini|Pfirsich (Elizabeth Blackwell, 1737)