Stein – Rachelsberg – Gobert ist die Bezeichnung eines Fauna-Flora-Habitat(FFH)-Gebiets im thüringischen Landkreis Eichsfeld. Namensgebend waren die Berge im Grenzgebiet zu Hessen Auf dem Stein (496,1 m), der meistens nur Stein genannt wird, und Rachelsberg (523,4 m) sowie der Höhenzug der Gobert. Die von einer langgezogenen Folge von Bergen mit Steilhängen, Felsabstürzen und Klippen sowie von großflächigen Wäldern geprägte Region wird auch „Eichsfelder Schweiz“ genannt. In der Zeit der Deutschen Teilung gehörte das Gelände zum grenznahen Sperrgebiet und war für die Allgemeinheit nicht zugänglich, so dass die Wälder über einen längeren Zeitraum naturnah und ungestört wachsen konnten.
Lage mini|links|Blick über Asbach auf den nordwestlichen Bereich des FFH-Gebiets Das geschützte Waldgebiet erstreckt sich an der westlichen Seite des Landkreises Eichsfeld entlang der Landesgrenze zu Hessen. Es zeichnet sich durch ein abwechslungsreiches Relief aus, dessen Höhenlagen zwischen rund 300 m bis 520 m variieren. In der naturräumlichen Gliederung Deutschlands des Instituts für Landeskunde Bad Godesberg wird es der Gobert (483.10), einer Teileinheit des Oberen Eichsfelds (483.1) in der Haupteinheit der Nordwestlichen Randplatten des Thüringer Beckens, zugeordnet. Östlich grenzen mit dem Rosoppe-Frieda-Hügelland (358.50) und westlich mit der Allendorfer Weitung (358.31) und dem Höheberg (358.6) Einheiten des Unteren Werraberglands (358) an.Hans-Jürgen Klink: Blatt 112 Kassel. In: Naturräumliche Gliederung nach der Geographischen Landesaufnahme des Instituts für Landeskunde Bad Godesberg. Nach dem innerthüringischen, nur landesweit einteilenden System des Landesamtes für Umwelt, Bergbau und Naturschutz (TLUBN) liegt das FFH-Gebiet in der Einheit „Werrabergland-Hörselberge“ in der Landschaft „Muschelkalk-Platten und -Bergländer“.Die Naturräume Thüringens auf der Webseite des Thüringer Landesamts für Landwirtschaft und Ländlichen Raum; abgerufen am 29. Juni 2023.
Administrativ gehören die Flächen zum Verwaltungsbereich von den Gemeinden Asbach-Sickenberg und Dietzenrode/Vatterode sowie des Ortsteils Mackenrode der Landgemeinde Uder und von den Gemeinden Wiesenfeld, Volkerode, Pfaffschwende und Kella der Verwaltungsgemeinschaft Ershausen/Geismar. Mit rund 55 Prozent liegt der größte Teil des FFH-Gebiets in den Gemarkungen von Asbach und Sickenberg. Die beiden Dörfer, die 1950 fusionierten, gehören ebenso wie Vatterode nicht zum historischen Eichsfeld, sondern kamen in der Nachkriegszeit durch einen Gebietstausch zu Thüringen.Triops – Ökologie & Landschaftsplanung: Abschlussbericht zum Managementplan „Stein – Rachelsberg – Gobert“.
Regionalgeschichtliche Bedeutung mini|links|Mainzisch-hessischer Grenzstein auf dem Rachelsberg Die Berglandschaft des FFH-Gebiets war fast immer Grenzland. Die Landesgrenze zwischen Thüringen und Hessen verlief hier einst auf sehr alten Grenzziehungen, die größtenteils bis in das 13. und 14. Jahrhundert zurückreichten und damals das Erzbistum Mainz von der Landgrafschaft Hessen trennten. Mit dem Reichsdeputationshauptschluss 1803 fiel das mainzische Eichsfeld an Preußen. Gleichzeitig wurde der Landgraf von Hessen-Kassel zum Kurfürsten erhoben und Landesherr des Kurfürstentums Hessen. Zwischen den beiden Staaten wurde 1837 die Grenze erneut festgelegt und ist zum Teil auch mit neuen Grenzsteinen gekennzeichnet worden, die die Inschrift KP für Königreich Preußen und KH für Kurfürstentum Hessen tragen. Vielfach ist auch die nachträglich angebrachte Jahreszahl 1837 auf den alten mainzisch-hessischen Steinen zu sehen.
Im September 1945 wurde die Grenzlinie durch das zwischen der amerikanischen und der sowjetischen Militärregierung getroffene Abkommen als Landesgrenze erneut verändert. In diesen Jahren führte die für die Westalliierten wichtige Versorgungslinie der Nord-Süd-Eisenbahnverbindung zwischen Bebra und Eichenberg rund vier Kilometer lang durch sowjetisches Besatzungsgebiet. Nachdem es auf diesem Abschnitt wiederholt durch Kontrollschikanen zu Behinderungen gekommen war, sollten mit einer Grenzkorrektur weitere Streitigkeiten vermieden werden. Mit der Umsetzung des sogenannten „Whisky-Wodka-Vertrags“ des Wanfrieder Abkommens wechselten die hessischen Orte Asbach, Sickenberg, Vatterode, Weidenbach und Hennigerode nordöstlich von Bad Sooden-Allendorf in die sowjetische Zone. Die thüringischen Dörfer Werleshausen und Neuseesen und mit ihnen die Bahnstrecke kamen in den amerikanischen Sektor.Rittergut Kalkhof. In: Kulturelle Entdeckungen. Band III. Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen 2005, ISBN 3-934377-88-2, S. 174.
mini|Kolonnenweg auf der Gobert In der Zeit der Teilung Deutschlands verlief die innerdeutsche Grenze oberhalb von Volkerode, Pfaffschwende und Kella über das Plateau der Gobert. Das gesamte Waldgebiet der östlichen Gobert lag innerhalb des 500 Meter breiten Schutzstreifens und war für die Allgemeinheit nicht zugänglich. Nur mit Sondergenehmigung und Bewachung durch die Grenztruppen konnte in diesem Bereich noch gearbeitet werden. Entlang der Grenzsteine waren hinter dem Kolonnenweg ein sechs Meter breiter Kontrollstreifen, ein Kfz-Sperrgraben und ein drei Meter hoher Streckmetallzaun angelegt sowie unterhalb der Waldgrenze Signalzäune aufgebaut worden. Erst nach dem Fall der Berliner Mauer, im November 1989, war es möglich, das Sperrgebiet zu betreten. Am 28. Dezember 1989 wurde am „Alten Sägewerk“ der Grenzzaun für einige Stunden geöffnet und Besucher aus Ost und West feierten hier gemeinsam die Grenzöffnung. In den folgenden Tagen schraubten und schnitten Besucher immer wieder den Zaun auf, um in der abgeschiedenen Gegend „rüber und nüber“ zu gelangen, bis am Rosenmontag 1990, in Absprache mit der Grenzkompanie Pfaffschwende, ein Teil des Zaunes entfernt wurde. Die Demontage der übrigen Grenzzäune folgte dann in den späteren Monaten.Heimat- und Wanderverein (HWV) Volkerode: Grenzzaun-Grenzöffnung 1989 bei Volkerode. Informationstafel „Am alten Sägewerk“ auf der Gobert. An dem Rastplatz „Am alten Sägewerk“ auf der Gobert erinnern Texte, Bilder und ein Fragment des Metallgitterzaunes an die Zeit der deutschen Teilung.
Lebensräume Mit dem Ziel, den Zustand des FFH-Gebiets zu dokumentieren, zu bewerten und Maßnahmen zur Sicherung und Entwicklung der relevanten Lebensraumtypen (LRT)Liste der in Deutschland vorkommenden Lebensräume des Anhangs I der Fauna-Flora-Habitatrichtlinie. In: Deutschlands Natur; abgerufen am 27. Juni 2023. und Arten vorzuschlagen, sind die Flächen entsprechend dem Natura-2000-Erlass des Thüringer Ministeriums für Landwirtschaft, Forsten, Umwelt und Naturschutz nach einem modularen Prinzip untersucht worden. Die Beschreibung der Waldflächen erstellte mit dem Stichtag 1. Januar 2016 das Forstliche Forschungs- und Kompetenzzentrum von ThüringenForst in Gotha. Mit der Erarbeitung des Fachbeitrags für die Offenlandflächen zwischen Mai 2019 und November 2020 wurde das Büro Triops von der TLUBN beauftragt.
Wälder mini|Eiben auf dem Rachelsberg Den überwiegenden Teil des FFH-Gebiets nehmen verschiedenartig ausgebildete Wälder ein. Es dominieren mit rund 58 Prozent Laubmischwaldbestände. 23 Prozent gelten als reiner Laubwald. Von den Wald-Lebensraumtypen besitzt der Waldmeister-Buchenwald (LRT 9130) mit 491,13 Hektar den größten Anteil an der Gebietsfläche. Der thermophile Orchideen-Buchenwald (LRT 9150) wächst auf 37,77 Hektar und die prioritären Waldtypen Schlucht- und Hangmischwälder (LRT 9180*) und Auenwälder mit Erle, Esche und Weide (91E0*) kommen auf 0,50 und 0,82 Hektar vor. Der qualitative Zustand der Wälder wurde vom Fachbeitrag Wald mit „gut“ bewertet. Als bemerkenswert gilt der recht hohe Anteil an Trockenwäldern im Gebiet. Der auf 24,16 Hektar wachsende Waldbiotoptyp wird wegen seiner besonderen Bedeutung gesetzlich geschützt.Gesetz über Naturschutz und Landschaftspflege (Bundesnaturschutzgesetz - BNatSchG). § 30 Gesetzlich geschützte Biotope. Website des Bundesministeriums der Justiz; abgerufen am 29. Juni 2023. Zu den Besonderheiten zählen die zahlreich im Gebiet vorhandenen Eiben, die durch forstliche Maßnahmen in ihrem Bestand erhalten und gefördert werden sollen, sowie einige sporadisch vorkommende Wildbirnen.Fachbeitrag Wald zum Managementplan für die Natura-2000-Gebiete „Stein - Rachelsberg - Gobert“ und einer Teilfläche vom „Werrabergland südwestlich Uder“. Die Thüringer Natura-2000-Erhaltungsziele-Verordnung nennt mit Hainsimsen-Buchenwald (LRT 9110) und Labkraut-Eichen-Hainbuchenwald (LRT 9170) noch zwei weitere Waldtypen.Gebiete von gemeinschaftlicher Bedeutung mit ihren Schutzobjekten und übergreifenden Erhaltungszielen: Stein – Rachelsberg – Gobert. In: Verordnung zur Festsetzung von Europäischen Vogelschutzgebieten, Schutzobjekten und Erhaltungszielen (Thüringer Natura-2000-Erhaltungsziele-Verordnung vom 29. Mai 2008; landesrecht.thueringen.de, abgerufen am 29. Juni 2023).
Natürliches oder naturnahes Grasland Im Offenland sind die Magerrasen auf basischem Untergrund (LRT 6210) einschließlich ihrer prioritären Ausbildung Naturnahe Kalk-Trockenrasen mit orchideenreichen Beständen (LRT 6210*) auf einer Fläche von rund 39 Hektar der am häufigsten vorkommende Lebensraumtyp. Pflanzensoziologisch werden sie den Submediterranen Trespen-Trocken- und Halbtrockenrasen zugeordnet. Zu den kennzeichnenden Arten gehören Fieder-Zwenke, Aufrechte Trespe, Tauben-Skabiose und Frühlings-Fingerkraut. Häufig kommen hier die Orchideen Stattliches Knabenkraut, Fuchssches Knabenkraut und Große Händelwurz vor. Ein orchideenreicher Halbtrockenrasen westlich Volkerode ist zugleich Wuchsort des Frauenschuhs, der zu den im Anhang II der FFH-Richtlinie aufgelisteten Arten von gemeinschaftlichem Interesse gehört.
Felsige Lebensräume mini|Auf den Dietzenröder Klippen mit Blick über das Walsetal auf den Höhberg im benachbarten FFH-Gebiet Röhrsberg – Hasenwinkel – Mühlberg Zu den wertvollen Lebensräumen des FFH-Gebiets gehören Kalkschutthalden (LRT 8160*) mit ihrer typischen Vegetation aus Moosen, Flechten und Farnen sowie niedrigwüchsigen Gräsern und Kräutern. Hier wachsen die den Lebensraumtyp kennzeichnende Schwalbenwurz und als Besonderheit die Bergdistel, eine in Thüringen stark gefährdete Art. „Kalkfelsen mit ihrer Felsspaltenvegetation“ (LRT 8210), zu der Kalk-Blaugras, Mauerlattich und Wald-Habichtskraut gehören, finden sich an den Dietzenröder Klippen oder an der Silberklippe. Ein Felsen an der Pfaffschwender Kuppe weist auf kleiner Fläche den Lebensraumtyp Kalk- oder basenhaltige Felsen mit Kalk-Pionierrasen (LRT 6110*) mit Scharfem Mauerpfeffer auf. Unterhalb der Burgruine Altenstein kommen auf zwei Flächen „Silikatfelsen mit ihrer Felsspaltenvegetation“ (LRT 8220) vor, mit dem Gewöhnlichen Tüpfelfarn als charakteristischen Art.
Nicht genutzte Lebensräume Zu den Lebensräumen, die nicht von einer Nutzung abhängig sind, gehören die Kalktuffquellen (LRT 7220*) entlang der im Wald liegenden Quellbäche des Alten Hainsbaches. Das kalk- und sauerstoffreiche Wasser tritt mit Ausfällungen von Kalktuff als Sicker-, Sturz- und Tümpelquelle aus. Am Oberlauf des Alten Hainsbaches gedeiht eine Fläche Feuchte Hochstaudenfluren (LRT 6430), die von Mädesüß, Knolligem Kälberkropf und Wasserdost geprägt wird. Die im Standarddatenbogen und der Erhaltungsziele-Verordnung genannten Lebensräume Natürliche nährstoffreiche Stillgewässer (LRT 3150), Fließgewässer mit üppiger Wasserpflanzenvegetation (LRT 3260), Wacholderheiden (LRT 5130), Magere Mähwiesen des Flach- und Hügellandes (LRT 6510) und Pionierrasen auf Silikatfelskuppen (LRT 8230) konnten bei den Kartierungen nicht erfasst werden oder deren Bestände erfüllten nicht die Mindestanforderungen.
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