Bruna Bianchi (* 5. Juni 1942 in Mailand; † 19. Januar 2021 in Cisternino, Apulien) war eine italienische Germanistin und Übersetzerin. Sie übertrug Literatur, insbesondere Prosawerke der Nachkriegszeit, aus dem Deutschen. Zu den von ihr ins Italienische übersetzten Autoren zählen Peter Handke, Ingeborg Bachmann, Max Frisch, Uwe Johnson und Günter Grass, aus früheren Generationen Hermann Hesse oder Annette von Droste-Hülshoff.

Unter dem Pseudonym Una Chi war sie selbst literarisch tätig und veröffentlichte Romane.

Leben und Wirken Bruna Bianchi wurde in Mailand als Nichte der Schriftstellerin Brunella Gasperini geboren.Antonella Mauri: I silenzi e le menzogne. La resilienza post-traumatica nell opera di Brunella Gasperini. In: Giusy Di Filippo, Giovanni Spani und Marco Marino (Hrsg.): Donne resilienti: Raccolta di saggi. Massachusetts, Holden, 2023, S. 57. Nach ihrem Studium arbeitete sie als Übersetzerin – zunächst gemeinsam mit Enrico Filippini, im Jahr 1968 erschien das Drama Soldaten, Nekrolog auf Genf von Rolf Hochhuth auf Italienisch – und an der Universität Mailand. Bianchis Übertragungen deutschsprachiger Literatur wurden von Beginn der 1970er-Jahre an von Verlagen wie Feltrinelli, Einaudi oder Adelphi in Auftrag gegeben und publiziert. Ihre Neuübersetzung von Die Blechtrommel (Günter Grass) zum fünfzigsten Jahrestag des Romans wurde als „eine der entscheidenden Etappen in der Geschichte [des] Mailänder Verlagshauses Feltrinelli“ verstanden.Eva Banchelli: Die Blechtrommel und die italienische Kulturszene Anfang der Sechziger Jahre. In The Echo of Die Blechtrommel in Europe, Brill, 2016, S. 77–96, hier S. 94.

Bianchi war 1972 zum 5. Esslinger Gespräch in der Akademie Bad Boll nach Deutschland gekommen. Helmut M. Braem berichtete davon, wie „die Italienerin“ eine Diskussion ausgelöst habe, „unbeabsichtigt“, über den Ausdruck „Gabelbissenbecher“ in einem Text von Peter Handke.Helmut M. Braem: [Beitrag in der Süddeutschen Zeitung], nachgedruckt unter der Überschrift Im Blickpunkt der ’Süddeutschen Zeitung’ in Der Übersetzer, Januar 1973, S. 3. In den Jahren 1978, 1980, 1986, 1992 und 2005 nahm sie an den internationalen Übersetzerworkshops zu jeweils einem Werk von Günter Grass teil.Claudia Toda Castán: El papel del autor: análisis de la relación directa autor-traductor sobre el ejemplo de Günter Grass. Universität Salamanca, 2009. Bianchis übersetzerische Vorgangsweise fand sich, nach dem Zusammentreffen von sechs Übersetzerinnen und Übersetzern mit dem Autor anlässlich der anstehenden neuen Sprachversionen von Das Treffen in Telgte (OA 1979), in einem Bericht der New York Times überliefert.John Vinocur: In Any Language, Grass Chooses His Words With Care. The New York Times, 26. Januar 1980. Sie selbst berichtete über ihre Erfahrungen mit dem Übersetzen von Grass und mit den vom Autor persönlich geprägten Seminaren im 2002 von Helmut Frielinghaus herausgegebenen Band Der Butt spricht viele Sprachen. Grass-Übersetzer erzählen:Bruna Bianchi: Ich erinnere mich. In Helmut Frielinghaus (Hrsg.): Der Butt spricht viele Sprachen. Grass-Übersetzer erzählen. Göttingen, Steidl, 2002, S. 35–43.

Zwischen 1994 und 2000 veröffentlichte sie vier erotische Romane unter dem Namen Una Chi. Teilweise illustrierte sie ihre Bücher selbst. Schon im Jahr 1994, nach dem Erscheinen des ersten Romans, wurde die Identität der Autorin im Corriere della Sera thematisiert und mit Bianchi in Verbindung gebracht, ein Jahr darauf das Pseudonym gelüftet.Marisa Fumagalli: Scrittrice erotica, giu' il velo: la scrittrice anonima erotica „Una Chi“ potrebbe essere Bruna Bianchi traduttrice milanese. Corriere della Sera, 8. September 1994. Im Gespräch mit der Tageszeitung gab die Autorin als einen der Gründe für ihr Publizieren unter einem anderen Namen an, eine Mutter, welche „romanzi hard“ schreibe, könnte auf Unverständnis stoßen, was wiederum gewisse Probleme mit sich brächte.Marisa Fumagalli: „Io, scrittrice erotica getto via la maschera“. Bruna Bianchi protagonista del giallo letterario della scorsa estate. Corriere della Sera, 25. März 1995. Bianchi hatte eine Tochter und einen Sohn.

Bruna Bianchis literaturwissenschaftliches Wirken, vor allem ihre Beiträge zur Droste-Forschung, wurde mehrfach aufgegriffen, im deutschen Sprachraum zum Beispiel von Gert Sautermeister (1996) und Bernd Kortländer (1998), international etwa von der US-amerikanischen Germanistin Gertrud Bauer Pickar (Ambivalence Transcended. A Study of the Writings of Annette Von Droste-Hülshoff, Columbia, Camden House, 1997).

Werk

Übersetzungen (Auswahl) mit Enrico Filippini: Rolf Hochhuth: Soldati. Necrologio per Ginevra. Tragedia [Soldaten, Nekrolog auf Genf], Mailand, Feltrinelli, 1968 Alexander Kluge: Gli artisti sotto la tenda del circo: perplessi. L’ineredula. Progetto C. Detti di Leni Peickert [Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos. Die Ungläubige. Projekt Z. Sprüche der Leni Peickert], mit einem Vorwort von Pier Paolo Pasolini, Mailand, Garzanti, 1970 Günter Grass: Anestesia locale [örtlich betäubt], Turin, Einaudi, 1971 Uwe Johnson: Anniversari: dalla vita di Gesine Cresspahl [Jahrestage], Mailand, Feltrinelli, 1972 Max Frisch: Diario della coscienza 1966–1971 [Tagebuch 1966–1971], Mailand, Feltrinelli, 1974 Günter Grass: Dal diario di una lumaca [Aus dem Tagebuch einer Schnecke], Turin, Einaudi, 1974 Max von der Grün: Strada sdrucciolevole [Stellenweise Glatteis], Turin, Einaudi, 1977 Peter Handke: Infelicità senza desideri: un romanzo emblematico sulla condizione della donna [Wunschloses Unglück], Mailand, Garzanti, 1977 Max Frisch: Montauk [Montauk], Turin, Einaudi, 1978 Günter Grass: Il rombo [Der Butt], Turin, Einaudi, 1979 Peter Handke: Breve lettera del lungo addio: romanzo [Der kurze Brief zum langen Abschied], Mailand, Feltrinelli, 1981 Anna Seghers: La gita delle ragazze morte: e altri racconti [Der Ausflug der toten Mädchen und andere Erzählungen], Mailand, Tartaruga, 1981 Günter Grass: L’incontro di Telgte [Das Treffen in Telgte], Turin, Einaudi, 1982 Max Frisch: Barbablu [Blaubart], Turin, Einaudi, 1984 Max Frisch: Trittico: 3 quadri sceni [Triptychon], Turin, Einaudi, 1985 Ernst Jünger: Il problema di Aladino [Aladins Problem], Mailand, Adelphi Ed, 1985 Annette von Droste-Hülshoff: Ledwina, Milano, SE, 1988 Peter Handke: I calabroni [Die Hornissen], mit einem Nachwort von Wendelin Schmidt-Dengler, Mailand, Mondadori, 1992 Günter Grass: Il richiamo dell’ululone: un racconto [Unkenrufe], Mailand, Feltrinelli, 1992 Günter Grass: La ratta [Die Rättin], Turin, Einaudi, 1997 Peter Handke: Prima del calcio di rigore [Die Angst des Tormanns beim Elfmeter], Mailand, Feltrinelli, 2000 Ingeborg Bachmann: Luogo eventuale [Ein Ort für Zufälle], Mailand, SE, 2002 Günter Grass: Il tamburo di latta [Neuübersetzung von Die Blechtrommel], Mailand, Feltrinelli, 2009 Hermann Hesse: Sull’amore, Mailand, Mondadori, 2012

Germanistisches (Auswahl) Annette Droste-Hülshoff, il testo poetico, mit einem Beitrag von Winfried Woesler, Pasian di Prato, Campanotto, 1990 Verhinderte Überschreitung. Phänomenologie der ‘Grenze’ in der Lyrik der Annette von Droste-Hülshoff. In: Ortrun Niethammer, Claudia Belemann (Hrsg.): Paderborn u. a., Ferdinand Schöningh, 1993, S. 17–34. Bedeutungsnot, Gesangsverbot. Problematik der Textgestaltung in der Drosteschen Lyrik. In: Droste-Jahrbuch 3, 1991–1996, S. 52–65.

Belletristik [Una Chi]: E duro campo di battaglia il letto, Edizioni ES, 1994 dt.: Das Bett ein Schlachtfeld. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. München, Belleville, 2009, ISBN 978-3-923646-69-2. [Una Chi]: Il sesso degli angeli, Edizioni ES, 1995 dt.: engelsgeschlecht. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. München, Belleville, 1997, Neuauflage 2023, ISBN 978-3-923646-68-5. [Una Chi]: Ti vedo meglio al buio, Edizioni ES, 1998 [Una Chi]: L'ultimo desiderio, Edizioni ES, 2000

Weblinks Una Qui auf der Seite des Belleville Verlags Una, qui?, Website zum Gedenken an Bruna Bianchi/Una Chi (italienisch)

Einzelnachweise

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