Der Buchstabe A () ist eine Erzählung von Wladimir Semjonowitsch Makanin (1937–2017). Sie erschien erstmals in der Zeitschrift Nowy mir (2000, Nr. 4) und im gleichen Jahr im Verlag Wagrius in der Erzählungs-Sammlung Удавшийся рассказ о любви, die 2005 in der Übersetzung von Annelore Nitschke unter dem Titel Der kaukasische Gefangene im Luchterhand Literaturverlag veröffentlicht wurde und außer Der Buchstabe A noch die beiden Erzählungen Eine geglückte Liebesgeschichte sowie Der kaukasische Gefangene enthält.

Kurzbeschreibung In einem sowjetischen Straflager fernab der Zivilisation verändern sich Haftbedingungen und Sozialstruktur, was die Lager-Häftlinge auf ihr rebellisches Einmeißeln des Buchstaben „A“ in einen fernen Felsen zurückführen, während die Lagerleitung damit eigentlich nur auf den Wirrwarr Moskauer Befehle nach Stalins Tod reagiert.Wladimir Makanin: Der Buchstabe A. In: Wladimir Makanin: Der kaukasische Gefangene. Drei Erzählungen. Luchterhand, München 2005. S. 59–149. Hier S. 107. Die letztlich völlige Befreiung der Lager-Häftlinge hat zur Folge, dass einige erkennen, nur die körperliche Äußere Freiheit erhalten zu haben, während sie in ihrem Innern Gefangene und unfrei bleiben: Ihre Psyche hat irreversible Veränderungen erfahren, die sie an Innerer Freiheit hindern und daran, als normale Menschen zu existieren. Inhalt Anfang August in einem Straflager in der sibirischen Taiga.Makanin, Der Buchstabe A, S. 61. „Seit über einem Jahr setzten die Gefangenen ein geheimes, stolzes Vorhaben in die Tat um: In der Nähe des Lagers wurde ein bestimmtes Wort in Stein gemeißelt. In den Felsen. Damit man es aus der Ferne sehen konnte. Die Buchstaben in Stein waren auch deshalb gut, weil sie in selbstbestimmter Arbeit entstanden und nicht Teil des verhaßten Plansolls waren“.Makanin, Der Buchstabe A, S. 65. In jenem August ist erst ein Buchstabe fast fertig: der Buchstabe A. Ob er am Anfang des Felsen-Wortes stehen soll oder mittendrin und was für ein Wort am Ende auf dem Felsen stehen soll, weiß kein Sek (russisch з/к, Abkürzung für das euphemistisch angehauchte заключённый каналоармеец – gefangener Kanalsoldat –, Plural: Зэки = Seki) – kein Sek außer Konjajew. Außerdem weiß Konjajew, Oberhaupt der Seki aus Baracke Eins, noch andere Dinge: die Namen aller toten Gefangenen. Daraus leitet er eine Forderung an die Lagerleitung ab: „Die Toten soll man nicht mehr anonym begraben. Nicht in einer gemeinsamen Grube“.Makanin, Der Buchstabe A, S. 64. Außerdem sollen die Einzelgräber Namensschildchen haben. Konjajews Interpretation des Felsen-Wortes ist entsprechend morbide: „In gewissem Sinne sollte das in den Stein gemeißelte Wort eine Art Grabinschrift für alle werden.“ Allerdings nimmt Konjajew das geplante Felsen-Wort faktisch mit ins Grab, denn sein bisheriger Vize und Nachfolger Ljam-Ljam wird sich nicht daran erinnern können, so dass am Wort nicht weiter geschrieben werden kann.Makanin, Der Buchstabe A, S. 110. Bis dahin aber setzen sich für die Herstellung des Felsen-Wortes regelmäßig Gefangene als „krank“ vor Schichtende von der Arbeitskolonne ab: „Man ließ die drei oder vier Mann ohne Begleitwache gehen. Aus diesem Lager konnte man nicht fliehen. Das wußten alle.“Makanin, Der Buchstabe A, S. 66. Mit der nahenden Vollendung des Felsen-A beginnt eine Reihung nach und nach auftretender, merkwürdiger Ereignisse: Die Gefangenen finden Rindfleisch in ihrem Mittagsessen vor. Konjajew wird nach seiner Hinrichtung tatsächlich mit Namensschildchen bestattet: „Von genau diesem Tag an wurde mit Aufschriften begraben“,Makanin, Der Buchstabe A, S. 92. und später heben Soldaten und Seki Gräber gemeinsam aus.Makanin, Der Buchstabe A, S. 125. Aus dem Umherschubsen und Treten des bei der Flucht gefassten Sek Jenka durch die Wachsoldaten wird das Umherschubsen und Treten eines Balls, die Wachen vernachlässigen dabei ihre Wach-Aufgabe, und die Seki können beim Betrachten des „Spiels“ unkontrolliert zwischen Baracke Eins und Baracke Zwei pendeln,Makanin, Der Buchstabe A, S. 95. spielen irgendwann sogar selbst.Makanin, Der Buchstabe A, S. 102. Die Isolationshaft im „Lazarett“ wird faktisch abgeschafft: „Man werde dort keine Gefangenen mehr in Gewahrsam halten und bestrafen […]. Es sei denn, die Seki wollten einen Tobenden einen Tag oder zwei bändigen.“Makanin, Der Buchstabe A, S. 108. Die bissigsten Hunde werden nicht mehr losgelassen,Makanin, Der Buchstabe A, S. 109. später ganz abgeschafft.Makanin, Der Buchstabe A, S. 129. Der Vize-Lagerkommandant bietet nach dem Verschwinden des Lagerkommandanten dem Oberhaupt von Baracke zwei, Strunin, eine Stellvertreterrolle an, da sich „die Führungsspitze stark gelichtet habe“.Makanin, Der Buchstabe A, S. 115. Bei der bislang im Akkord verrichteten Zwangsarbeit auf dem Straßen-Damm lassen die Wachsoldaten Schlendrian einziehen und „die Seki rauchen. Standen daneben. Die langsamen, schlecht mit Erde gefüllten Schubkarren waren ihnen auch recht“ und werden nicht mehr bestraft.Makanin, Der Buchstabe A, S. 120. Jenka kann nicht nur direkt in der einst verbotenen Zone vor dem Stacheldrahtzaun stehen, sondern „hatte ein kleines Loch in den Drahtzaun gemacht und kletterte hinaus“,Makanin, Der Buchstabe A, S. 121. woraufhin einige Seki das Loch nutzen, um außerhalb des Lagers zu picknicken, Pilze oder Beeren zu sammeln.Makanin, Der Buchstabe A, S. 122. Der „Wirtschaftsblock“ wird allgemein zugänglich. „Der Sek wunderte sich, daß er hier kein himmlisches Manna erblickte. Was er sah, war dürftig. […] Wodka, schlechter Fusel oder andere harte Sachen – nichts dergleichen fand sich im Wirtschaftsblock. Dabei hatten sie so darauf gehofft!“Makanin, Der Buchstabe A, S. 123. Die Seki werden nicht daran gehindert, bei verstorbenen Soldaten vor der Beerdigung deren Kleidung zu entwenden.Makanin, Der Buchstabe A, S. 124. Soldaten und Seki schieben gemeinsam Wache – bewaffnet.Makanin, Der Buchstabe A, S. 130. Seki werden zum motorisierten Fuhrpark durchgelassen,Makanin, Der Buchstabe A, S. 132. zu den Pferden.Makanin, Der Buchstabe A, S. 134. Von Anfang an mutmaßen die Seki, dass diese Verbesserungen mit dem Felsen-A zusammenhängen. „Seki sind abergläubisch und freuen sich über jede Verkettung von Zufällen, wenn sie ihnen nützt. […] Der Mensch sucht (und findet) eine Begründung für das Glück. Sonst verliert er die Orientierung. Wozu hundert verschiedene Gründe durchgehen, wenn sich jeder einzelne von ihnen (bei genauem Hinsehen) als noch absurder entpuppt? […] Und kein Zweifel, der Buchstabe trennt die Seki nicht, sondern schließt sie fester zusammen“.Makanin, Der Buchstabe A, S. 81.

Mit den Hafterleichterungen beginnen aber auch ungeniertere Diebstähle in den Baracken, deren Täter keck eine „Gehässigkeit der Entwischten“Makanin, Der Buchstabe A, S. 116. an den Tag legen, und es häufen sich nächtliche Morde. Von den nächtlichen Abrechnungen aufgeschreckt, führt der nun regierende Vize-Lagerkommandant ein Gespräch mit den beiden Baracken-Oberhäuptern Strunin und Ljam-Ljam sowie dem jungen Pankow, der nach Konjajews Tod wegen Ljam-Ljams Amtsversagen faktisch der Anführer der Baracke Eins ist.Makanin, Der Buchstabe A, S. 149. „Die Freiheiten waren überraschend, unvorhergesehen. Die Freiheiten machten es möglich, daß jeder mit jedem abrechnete. […] Deshalb verband sie eine gemeinsame Sorge – persönliche Abrechnungen verhindern. […] Die Seki hegten doch kaum noch Haß auf die Lagerleitung. Aber um so schmerzhafter spürten und begriffen die Seki, wie wenig von ihnen selbst befreit worden war. […] Wie wenig von dem befreit worden war, was sich als einziges zu befreien lohnte – das Vertrauen zum Pritschennachbarn.“Makanin, Der Buchstabe A, S. 125–126. Strunin allerdings stirbt nicht durch Mord, sondern am Straßen-Damm. „Afonzew beugte sich zu Strunins Gesicht hinunter. Die Miene des Anführers verzerrte sich, er litt. In seinen Augen standen Schmerz und Angst! Nicht um sein Leben – vielleicht wegen seiner Stummheit. Seiner schuldig gebliebenen Antwort“ auf die Frage nach dem Felsen-Wort oder dem nächsten Buchstaben.Makanin, Der Buchstabe A, S. 128–129. Währenddessen entwickeln sich die nächtlichen Abrechnungen weiter – es gibt neuartige Morde: „Da wurde nicht […] abgerechnet… Das war so etwas wie… Männer können nicht ohne Aufgabe sein.“Makanin, Der Buchstabe A, S. 133. Afonzew und andere „Seki mittlerer Autorität“Makanin, Der Buchstabe A, S. 132–133. bringen vor, dass man nach Vollendung des Felsen-A wieder eine Aufgabe brauche, „ziehen leicht den Spott auf sich“, es kommt zu Tätlichkeiten, die „Seki mittlerer Autorität“ bekunden: „Scheiß auf den Buchstaben, aber es muß was her, was uns wieder zusammenschmiedet.“Makanin, Der Buchstabe A, S. 135–136. Der Sek Tusow stellt daraufhin eine Idee vor, die er schon länger hat: „ein freies kollektives Treffen“Makanin, Der Buchstabe A, S. 119. mit den Insassinnen der Frauenbaracke Eins „in einer kleinen Föhrenschonung“.Makanin, Der Buchstabe A, S. 136. Auch Soldaten nehmen an dem Treffen teil. „Nicht, um aufzupassen, natürlich, und nicht, um zu bewachen“, sondern um als Seki verkleidet mitzumachen.Makanin, Der Buchstabe A, S. 138. Nach dem Treffen bleiben zwei tote Männer zurück. Doch wozu „aufklären, wenn in den Baracken grundlos (und ganz ohne Beteiligung von Frauen) die nächtliche Morde weitergingen, die man gar nicht mehr schlimm fand?“Makanin, Der Buchstabe A, S. 140. Zu den Ermordeten gehört dann alsbald auch Tusow, „er hatte ein zu kleinliches Gedächtnis. Wußte noch, wieviel Nägel gestohlen waren… wieviel Schachteln geliefert waren… wie hoch der Trockenschwund beim Brot war“.

Als zwei neue Traktoren geliefert werden, bemächtigen sich die Seki der Fahrzeuge und finden die Arbeiten, für die die Traktoren gedacht sind, uninteressant – stattdessen fangen die Seki an, mit den Traktoren den Stacheldrahtzaun niederzuwalzen: „Ekstase der Zerstörung! Raserei, die immer Hand in Hand mit der Freiheit geht!“Makanin, Der Buchstabe A, S. 142. Als die Zäune weg sind, sind die nun „kahl dastehenden“ Wachtürme dran. Während einer der Traktoren auf einen der Wachtürme zubrummt, haben zwei Seki andere Pläne, darunter der junge Pankow: „Sie wurden gleichzeitig von derselben Idee entflammt: auf den Turm einen Scheißhaufen zu setzen.“Makanin, Der Buchstabe A, S. 144. Der Traktorfahrer hält allerdings Kurs und trifft den Turm, als der zuerst oben eingetroffene Pankow bereits seine Hose heruntergelassen hat. Der Turm stürzt ein, doch Pankow bleibt stur. „Hockte sich hin und preßte geräuschvoll seinen Kot auf den Holzbelag. Auf die Plattform. Von der jahrzehntelang das Maschinengewehr mit seiner Mündung heruntergebleckt hatte.“Makanin, Der Buchstabe A, S. 145–146. Nicht nur Pankow, sondern alle der am Vortag mit Bohnenspeise gemästeten Seki tun es Pankow auf der Plattform nach, dann auf den Überresten des Stacheldrahtzauns und in der dortigen verbotenen Zone, vor der Wache, vor dem zur Isolationshaft dienenden „Lazarett“, vor der eigenen Baracke, auf dem Appellplatz. „Sogar auf dem geheiligten Fleckchen mit den Pusteblumen direkt unter den Fenstern des getürmten Lagerkommandanten!“Makanin, Der Buchstabe A, S. 147–148. Der zwecks Notdurft-Verrichtung dahockende Pankow krakeelt den Insassen der Baracke Eins „Ermunterung und Einigung zu“, erhält entsprechend Antwort von seinen Mit-Defäkierern: „Sie hockten da wie die Adler und schrien einander zu“, endet die Erzählung.

Textanalyse