mini|Teile des Dreifaltigkeitsaltares im Pommerschen Landesmuseum Greifswald (2024)
Der Altar der Heiligen Dreifaltigkeit, auch Dreifaltigkeitsretabel, Gnadenstuhl- oder Levelingaltar bezeichnet, ist ein ursprünglich vierflügeliges Altarretabel aus Eichenholz mit geschnitzten und gemalten Szenen aus dem Jahr 1515.
Die erhalten gebliebenen Teile der Retabels wurden 2002 als Dauerleihgabe der Stralsunder Kirchengemeinde St. Jakobi / Heilgeist an das Pommersche Landesmuseum in Greifswald der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dort sind sie Bestandteil der Dauerausstellung.
Bedeutung
Der Flügelaltar zählt zu bedeutenden Arbeiten der spätmittelalterlichen Kunstwerkstätten Stralsunds.Nikolaus Zaske: Die gotischen Kirchen Stralsunds und ihre Kunstwerke. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1964, S. 222. Er zeugt von einer künstlerischen Verwandtschaft mit dem Schneideraltar und dem Hochaltar der St. Nikolaikirche in Stralsund.Nikolaus Zaske: Die gotischen Kirchen Stralsunds und ihre Kunstwerke. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1964, S. 225. Es wird vermutet, dass der Mittelschrein das Werk eines Stralsunder Meisters war, während die Ausschmückung der Flügel von den Gesellen übernommen wurde, was bspw. vom Altar der Heiligen Sippe in St. Jakobi bezeugt ist.Elisabeth Niesel: Die Holzplastik in Pommern, zwischen Recknitz und Oder. Diplom, MS, Leipzig 1958, S. 30. Das filigrane Schnitzwerk zeugt von der hohen Qualität der um 1500 tätigen Stralsunder Kunstwerkstätten, die Verbindungen zu allen drei Stadtkirchen (neben der Jakobi-Kirche: St. Nikolai und St. Marien) aufweisen.Nikolaus Zaske: Die gotischen Kirchen Stralsunds und ihre Kunstwerke. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1964, S. 225.
Geschichte
mini|Der Dreifaltigkeitsaltar (Mittelschrein und geschnitzte Innenflügel) in St. Jakobi Stralsund bis 1943/44
Im späten 15. Jahrhundert besaß die städtische Jakobikirche in Stralsund 50 Altäre und Kapellen. In einem 1471 ausgestellten Dokument wird ein Seitenaltar vor dem Ratsstuhl genannt.Hellmuth Heyden: Die Kirchen Stralsunds und ihre Geschichte. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1961, S. 39f. mit Quellangaben zu den in Stralsund befindlichen Archivdokumenten. Aus dem Jahr 1515 ist die Zustiftung eines Dreifaltigkeitsaltares in St. Jakobi urkundlich belegt. Nähere Umstände sind allerdings nicht bekannt. Als Beigabe zum Altar wurde im gleichen Jahr ein vergoldeter Gürtel zu dem Dreifaltigkeitsaltar hinter dem Ratsgestühl gestiftet. In seiner Dissertation vermutet Bernhard Kunkel, dass der Erlös des vergoldeten Gürtels zur Bezahlung des Schreinwerkes herangezogen worden war. Damit kann eine Stiftung durch einen Stralsunder Ratsherrn angenommen werden.Burkhard Kunkel: Werk und Prozess. Die bildkünstlerische Ausstattung der Stralsunder Kirchen. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-7861-2588-4, S. 255. Da im Rankenfries unter dem Mittelschrein des gegenwärtigen Gnadenstuhlaltares eines der fünf abgebildeten Wappen bzw. Hausmarken mit der Familie Leveling in Verbindung gebracht wird, könnte es sich bei dem urkundlich belegten Dreifaltigkeitsaltar und dem gegenwärtig im Pommerschen Landesmuseum ausgestellten Flügelretabel um denselben Altar handeln. Nachweisbar ist die Stiftung eines Altares durch den Stralsunder Ratsherrn Gerd Leveling (Amtszeit: 1496–1517).Christine Magin: Handschriftenfragment aus dem Dreifaltigkeitsalaltar der Kirche St. Jakobi in Stralsund. In: "Uns ist in alten Mären...". Das Nibelungenlied und seine Welt. Hrsg. von der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe und dem Badischen Landesmuseum Karlsruhe. Primus Verlag, Darmstadt 2003, ISBN 3-89678-242-8, S. 222. Der geschnitzte Teil des Altaraufsatzes war bis 1943/44 über dem Ratsgestühl in der Jakobikirche zu Stralsund untergebracht.Burkhard Kunkel: Werk und Prozess. Die bildkünstlerische Ausstattung der Stralsunder Kirchen. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-7861-2588-4, S. 255f. Im Laufe der Jahrhunderte erlitt die Jakobikirche zahlreiche Verwüstungen, Brandkatastrophen und Kriegsschäden. 1525 wurde die Kirche im Rahmen des Stralsunder Kirchenbrechens geplündert. 1662 brach nach einem Blitzschlag ein Brand aus, der das Dach und den Turm zerstörte. Die herabstürzenden Glocken verursachten Schäden bei der Kirchenausstattung. 1678 wurde die Kirche beim Beschuss der Stadt durch den Großen Kurfürsten schwer getroffen und brannte aus. Bei der Belagerung der Stadt im Großen Nordischen Krieg trafen 1715 vierzig Bomben und viele Kanonenkugeln den Turm, das Kirchenschiff und die Orgel. 1806 wurde die Kirche von französischen Besatzungsmächten als Pferdestall genutzt. Im Altarraum wurde ein offenes Wachtfeuer unterhaltenBurkhard Kunkel: Werk und Prozess. Die bildkünstlerische Ausstattung der Stralsunder Kirchen. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-7861-2588-4, S. 249.
In den 1930er Jahren beschrieb der Stralsunder Pastor Hermann Deißner (1873–1952) den Kreuzabnahmealtar und den an der Westseite am Ratsstuhl befindlichen Schrein „mit Gott-Vater im Mittelstück“.Burkhard Kunkel: Werk und Prozess. Die bildkünstlerische Ausstattung der Stralsunder Kirchen. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-7861-2588-4, S. 256. Seiner Auffassung nach hätten beide Schreine immer über dem Ratsstuhl gehangen. Allerdings stammte der damals vorhandene Ratsstuhl aus dem 17. Jahrhundert. Der von Deißner beschriebene Gnadenstuhlaltar bestand jedoch lediglich aus dem Mittelschrein, in dem der Gnadenstuhl darstellt ist, und zwei geschnitzten beweglichen Innenflügeln mit plastischen Darstellungen. Sowohl die ursprünglich zum Retabel gehörige Predella als auch die zwei bemalten Außenflügel wurden wohl nach der Reformation abgetrennt. Die nicht verwendeten Teile der Altarausstattung wurden bis zur Auslagerung im Zweiten Weltkrieg in der unteren Turmhalle gelagert.Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler. Die Bezirke Neubrandenburg, Rostock, Schwerin. 2. Auflage. Akademie-Verlag, Berlin 1980, S. 395.
Aus einem Brief von Pastor Deißner an Oberbürgermeister Carl Heydemann vom April 1936 wird der allgemein schlechte Erhaltungszustand des Schreins ersichtlich. Neben den allgemeinen Alterungserscheinungen werden Schäden und Verluste aufgezählt, die der „sehr geschickte Bildhauer Pawel“ aus Köslin in Pommern bereits im Herbst 1935 ergänzt hatte. Auch die schlecht erhaltenen Malereien der Flügel wurden 1936 durch den Kirchenmaler Hoffmann restauriert.
Im Zweiten Weltkrieg wurden die Stralsunder Kirchen beim Bombenangriff am 6. Oktober 1944 schwer beschädigt. Am meisten in Mitleidenschaft gezogen wurde St. Jakobi. Die Gewölbe im südlichen Seitenschiff stürzten ein, ebenso wie einzelne Teile der Dachkonstruktion. Die Fenster und Portale wurden zerstört, das Kircheninterieur nahezu komplett verwüstet.Hellmuth Heyden: Die Kirchen Stralsunds und ihre Geschichte. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1961, S. 298. Einige Kunstwerke waren bereits vor 1943 sicherheitshalber ausgelagert worden. Dazu gehörte auch dieses Retabel, welches nach Kriegsende schwer beschädigt zurückkehrte. Dabei sind zwei der vier geschnitzten Felder der inneren Flügel verlorengegangen. Bis in die 1990er Jahre war es in der Turmvorhalle der Jakobikirche abgestellt und war für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. 2002 wurde es restauriert und als Dauerleihgabe ins Greifswalder Museum überführt.Burkhard Kunkel: Werk und Prozess. Die bildkünstlerische Ausstattung der Stralsunder Kirchen. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-7861-2588-4, S. 256f.
Beschreibung
Mittelschrein
links|mini|Mittelschrein des Flügelretabels mit der Darstellung des Gnadenstuhls Der große, beide Register füllende Mittelschrein zeigt die Darstellung des Gnadenstuhls. Die Maße betragen 175,5 × 103,8 × 32 cm (Brettstärke: ca. 4 cm).Pommersches Landesmuseum: Aufnahme- und Restaurierungsprotokoll. Kohl & Kusch Restaurierungen, Greifswald 2002, S. 7. In einer bühnenartigen, den Kirchenchor imitierenden Architektur sitzt Gottvater auf einem Thron, dessen Rückenlehne mit einem überbreiten, ausgespannten, gerahmten und goldenen Brokat mit Granatapfelmuster ausgefüllt ist. Die Thronverzierung ist in einem schlechten Erhaltungszustand. Auf seinem Kopf trägt Gottvater die Krone des Allherrschers. Das Gesicht mit dem rauschenden, weißen Bart stellt einen Mann im weisen Alter dar. Der Blick ist nach unten gerichtet. Über seinem blauen, die himmlische Sphäre symbolisierenden Gewand trägt er ein ausgespanntes goldenes Pluviale, das mit einer edelsteingeschmückten Borte verziert ist. Auf seinem Schoß hält er den vom Kreuz abgenommenen und mit einem Lendentuch bekleideten Christus, dessen Schläfe unter der Dornenkrone blutbedeckt ist. Durch die angewinkelten Arme und die zur Seite gelegten Beine werden die Nagelwunden präsentiert. Die offenen, nach unten gerichteten Augen und das lebendige Gesicht zeugen davon, dass der Gottessohn nicht tot ist.mini|Stralsunder Wappen bzw. Hausmarken Ein großes Loch im Herzensbereich geht auf eine Beschädigung zurück. Aus historischen Fotos geht hervor, dass diese bereits im frühen 20. Jahrhundert vorhanden war. Die Darstellung des über dem Gottvater schwebenden Heiligen Geistes in der Gestalt einer Taube fehlt. Die namensgebende Dreifaltigkeit ist daher nur noch unvollständig. Ursprünglich war über dem Thron ein Baldachin aus spätgotischem, halbrundbogigem Holzrankenwerk ausgespannt, das auf der Kämpferzone zweier gedrehter Säulen aufgesetzt war. Die Bühnendarstellung wird von einem Rankenfries verziert. Darauf sind fünf Wappen bzw. Hausmarken zu sehen.
Geschnitzte Innenflügel (nur teilweise erhalten)
Eine historische Aufnahme ermöglicht die Rekonstruktion der Darstellungen auf den geschnitzten Innenflügeln des Retabels.Burkhard Kunkel: Werk und Prozess. Die bildkünstlerische Ausstattung der Stralsunder Kirchen. Gebr. Mann Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-7861-2588-4, S. 255. Auf vier Tafeln wird die Kindheitsgeschichte Jesu erzählt. Auf dem linken Flügel waren die Verkündigung an Maria und die Heilige Sippe zu sehen. Der rechte Flügel stellte die Heilige Familie vor der Krippe und die Beschneidung Jesu dar. Erhalten geblieben sind lediglich die erste und die letzte Tafel. Die Verkündigungsszene weist von der Komposition und der Ausführung her eine Ähnlichkeit zum Stil des Predellameisters vom Hauptaltar der Nikolaikirche auf.Nikolaus Zaske: Die gotischen Kirchen Stralsunds und ihre Kunstwerke. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1964, S. 223. Die Felder zeigen eine tiefe Raumwirkung auf. Im oberen Feldbereich sind sie vom Holzrankenwerk, im unteren Bereich vom Rankenfries verziert. Damit korrespondieren sie mit dem zentralen Aufsatz.
Bemalte Flügel
Im oberen Register sind vier Szenen aus dem Leben Joachims und Annas, der Eltern Mariens dargestellt, die sich an die Erzählung des apokryphen Pseudo-Matthäus-Evangeliums orientieren (v. l. n. r.): Abweisung des Opfers – Verkündung an den heiligen Joachim – Verkündigung an die heilige Anna – Begegnung an der Goldenen Pforte. Diese Darstellung ist mit jener am Hochaltar in St. Nikolai zu Stralsund identisch. Im unteren Register sind Szenen aus der Kindheitsgeschichte Jesu dargestellt, die sich an die Evangelien nach Lukas und Matthäus anlehnen: Anbetung der Könige – Darstellung im Tempel – Flucht nach Ägypten – der zwölfjährige Jesus im Tempel.
Heutige Darstellungsweise Die erhalten gebliebenen Teile des Altares werden in der Dauerausstellung des Pommerschen Landesmuseums präsentiert.