Vom 23. bis 24. Juni 2023 kam es vor dem Hintergrund des russischen Überfalls auf die Ukraine zu einem Aufstand der Gruppe Wagner in Russland. Jewgeni Prigoschin, Chef der paramilitärischen Organisation Gruppe Wagner, kündigte an, Verteidigungsminister Sergei Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow aus ihren Ämtern zu entfernen bzw. in einem „Marsch der Gerechtigkeit“ auf Moskau vorzurücken, sollten sie nicht freiwillig von ihren Machtpositionen zurücktreten. Am 24. Juni besetzte die Gruppe Wagner kampflos Militäreinrichtungen in Rostow am Don und rückte über Woronesch auf die russische Hauptstadt vor. Der russische Präsident Wladimir Putin verurteilte die aufständischen Bestrebungen als Verrat an Russland.
Nach Vermittlungen durch den belarussischen Präsidenten Aljaksandr Lukaschenka brach Prigoschin am Abend des 24. Juni den Marsch auf Moskau ab; den Aufständischen sei Straffreiheit zugesagt worden; Prigoschin werde nach Belarus ins Exil gehen. Prigoschin sowie der militärische Leiter Dmitri Utkin und weitere Wagner-Leute kamen zwei Monate später unter bisher ungeklärten Umständen bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.
Hintergrund mini|links|hochkant|Jewgeni Prigoschin (2010)
Während der russischen Invasion in die Ukraine 2022, an der auch seine Gruppe Wagner u. a. in der Schlacht um Bachmut beteiligt war, geriet Prigoschin zunehmend mit dem russischen Verteidigungsministerium in Konflikt. Bereits Monate vor dem Aufstand zeigte Prigoschin Unzufriedenheit wegen Nachschubproblemen und mangelnder Unterstützung. Im Streit zwischen Prigoschin und Minister Schoigu um die Verteilung von Munition fand laut geleakten US-Geheimdokumenten im Februar 2023 ein Schlichtungsversuch durch Staatspräsident Putin statt. Sowohl Prigoschin als auch Schoigu pflegten spätestens seit Anfang der 2000er Jahre einen persönlichen Kontakt zu Putin.
Das Nichteingreifen der russischen Armee bei US-amerikanischen Luftangriffen auf Wagner-Söldner im Jahr 2018 in Syrien legte den Grundstein für Prigoschins Groll gegen Sergei Schoigu und die ihm unterstehende Armeeführung von Waleri Gerassimow.
Nach der Verkündung der Besetzung von Bachmut Ende Mai 2023 ordnete Prigoschin eine Kampfpause für die Wagner-Söldner an und übergab die eroberten Positionen an das russische Militär. Der geordnete Rückzug wurde aber laut seinen Aussagen gestört: Die Abzugsroute sei an rund einem Dutzend Stellen durch das russische Militär vermint worden. Bei der Räumung der Minen seien seine Kämpfer am 17. Mai 2023 beschossen worden, woraufhin sie das Feuer erwidert hätten. Die Söldner nahmen schließlich den russischen Kommandeur der 72. selbstständigen motorisierten Schützenbrigade, Oberstleutnant Roman Gennadjewitsch Wenewitin, gefangen. Dieser behauptete in einem von Wagner veröffentlichten Video, der Beschuss sei nur aufgrund persönlicher Abneigung gegen die Gruppe erfolgt. Die Verminung soll laut Prigoschin hingegen von hohen Stellen im Verteidigungsministerium angeordnet worden sein. Am 10. Juni 2023 ordnete Verteidigungsminister Schoigu die Unterzeichnung von Militärverträgen durch alle „Freiwilligeneinheiten“ an, die in der Ukraine kämpfen. Vorgeblich sei dies nötig, um soziale Garantien zu ermöglichen. Ohne Unterzeichnung sei zudem eine weitere Teilnahme an den Kampfhandlungen in der Ukraine nicht mehr möglich, äußerte Schoigu. Dieser Aufforderung folgte die Wagner-Gruppe zunächst nicht, da Schoigu laut Prigoschin außer Stande sei, eine effiziente Militärstruktur zu organisieren, und man sich ihm daher nicht unterstellen wolle. Auch nachdem Präsident Putin diese Forderung unterstützt hatte, verweigerte Prigoschin die Unterschrift. Am 17. Juni 2023 reichte er schließlich einen eigenen Vertrag beim Verteidigungsministerium ein und verlangte eine Stellungnahme Schoigus.
Am 23. Juni 2023 beschuldigte Prigoschin das russische Verteidigungsministerium, einen Angriff auf seine Streitkräfte gestartet und eine „sehr große“ Zahl seiner Leute getötet zu haben. In sozialen Medien kündigte er an, in einem „Marsch der Gerechtigkeit“ mit 25.000 Söldnern auf Moskau vorzurücken, und rief die russische Bevölkerung zum Widerstand gegen die militärische Führung um Verteidigungsminister Sergei Schoigu auf. Gleichzeitig widersprach er in einem halbstündigen Monolog den offiziellen Gründen für den Angriffskrieg. Entgegen den russischen Propaganda-Behauptungen sei Russland vor dem Beginn des Angriffskriegs im Februar 2022 überhaupt nicht durch die Ukraine gefährdet gewesen. Die angeblich „wahnsinnige Aggression“ vonseiten Kiews und der NATO habe es so nie gegeben. „Das Verteidigungsministerium versucht, den Präsidenten und die Öffentlichkeit zu täuschen“, sagte Prigoschin, nach dessen Meinung die sogenannte Spezialoperation andere Gründe habe: „Der Krieg war notwendig, damit Schoigu den Titel eines Marschalls erhält. […] Und nicht, um die Ukraine zu demilitarisieren und zu denazifizieren.“ Außerdem hätten sich russische und prorussische Oligarchen persönliche Vorteile von dem Krieg erhofft bzw. sich an der Ukraine bereichern wollen und können. Auch erklärte Prigoschin, dass die täglichen Erfolgsmeldungen der russischen Streitkräfte über angeblich abgewehrte ukrainische Offensiven „kompletter, totaler Unsinn“ seien. Prigoschin erklärte, dass die ukrainische Armee durch ihre Gegenoffensive Truppen der russischen Streitkräfte in einigen Regionen zum Rückzug gezwungen habe und die russische Armee sich an den Fronten von Saporischschja und Cherson habe zurückziehen müssen. Der Fokus des Aufstandes lag laut Prigoschin auf der Absetzung von Befehlshabern wie Schoigu, die den Präsidenten über die Lage in der Ukraine belügen würden. Es sollte aber zugleich verhindert werden, dass dabei die Kampfhandlungen in der Ukraine unterbrochen werden.
Nach Erkenntnissen von US-Geheimdiensten hat Prigoschin den Aufstand geplant und dafür Waffen und Munition in Grenznähe angehäuft.
Verlauf Einnahme von Rostow am Don Am Morgen des 24. Juni 2023 überschritten Kräfte der Gruppe Wagner an mindestens zwei Stellen von den besetzten Gebieten in der Ukraine aus die russische Grenze ohne Widerstand der Grenztruppen und besetzten anschließend ein militärisches Flugfeld und das Hauptquartier der russischen Streitkräfte für den Militärbezirk Süd in Rostow am Don. Rostow ist zugleich Hauptquartier der Militärführung im Krieg in der Ukraine und logistischer Knotenpunkt für die dort eingesetzten Truppen.Jonathan Yerushalmy, Rostov-on-Don: why has Russian city been targeted by Wagner group? In: The Guardian, 24. Juni 2023. Bei diesem Vormarsch wurde auf russischem Gebiet auch ein Militärhubschrauber der russischen Streitkräfte abgeschossen. Vom Hauptquartier des südlichen russischen Militärbezirks aus forderte Prigoschin in einem Gespräch mit Russlands Vize-Verteidigungsminister Junus-bek Jewkurow den Sturz von Verteidigungsminister Sergei Schoigu und Generalstabschef Waleri Gerassimow.
Der russische Inlandsgeheimdienst FSB leitete ein Strafverfahren wegen „Anstiftung zu einem bewaffneten Aufstand“ gegen Jewgeni Prigoschin ein.
Vormarsch auf Moskau In Erwartung des angekündigten Marsches auf Moskau wurde dort und in anderen russischen Regionen der Notstand ausgerufen. Auf der Fernstraße M4 wurden Straßensperren errichtet. Die Wagner-Truppe drang zunächst in die Stadt Woronesch ein, auf halber Strecke zwischen Rostow am Don und Moskau. Wagner-Truppen brachten dort wichtige Militäreinrichtungen unter ihre Kontrolle. Bei Bogutschar wurde laut Augenzeugen eine Brücke der M4 durch die russische Armee gesprengt, um den Vormarsch zu verlangsamen. Zudem kam es zu Luftangriffen auf die Wagner-Söldner, die laut Prigoschin aufgrund fehlender Genauigkeit aber besonders Zivilisten trafen. Später bestätigte der Gouverneur der Oblast Lipezk, dass Wagner-Söldner das Gebiet der Oblast erreicht hätten. Die Wagner-Soldaten schossen insgesamt sechs Hubschrauber und ein Flugzeug der russischen Streitkräfte ab. Mehr als ein Dutzend russische Soldaten kamen ums Leben.
Abbruch des Vormarsches und Rückzug mini|Teils umjubelter Abzug der Wagner-Truppen aus Rostow am Don am späten Abend des 24. Juni
Am Abend des 24. Juni erklärte Prigoschin, er habe den ihm unterstehenden Truppen den Befehl erteilt, den Vormarsch auf die russische Hauptstadt Moskau, von der sie noch 200 Kilometer entfernt waren, zu stoppen und zu den eigenen Stützpunkten zurückzukehren, um ein Blutvergießen zu verhindern. Der belarussische Präsident Aljaksandr Lukaschenka hatte diesbezüglich nach eigenen Angaben nach einer Erlaubnis des russischen Präsidenten Wladimir Putin den Tag über mit Prigoschin über die Sicherheit der Wagner-Kämpfer und die Beilegung des Konflikts verhandelt. Dmitri Peskow, Sprecher des russischen Präsidialamts, bestätigte, der belarussische Präsident habe von sich aus eine Vermittlung angeboten. Die Abmachung mit Prigoschin sehe bezüglich des Aufstands eine Straffreiheit sowohl für Prigoschin als auch für alle anderen am Aufstand beteiligten Angehörigen der Gruppe Wagner vor. Im Gegenzug werde Prigoschin nach Belarus ins Exil gehen und die Wagner-Kämpfer würden zu ihren Stationierungsorten zurückkehren. In der Nacht auf den 25. Juni 2023 verließen Prigoschin und ihm untergebene Wagner-Mitglieder das Quartier der russischen Streitkräfte in Rostow am Don. Von Passanten wurden sie bei ihrem Abzug bejubelt.
Am 26. Juni 2023 rechtfertigte Prigoschin den Aufstand. Seine Söldnergruppe Wagner habe durch eine Intrige des Verteidigungsministeriums kurz vor der Auflösung gestanden. Ziel des „Protestmarsches“ sei es gewesen, diese zu verhindern. Außerdem habe das Ministerium Luftschläge gegen seine Truppen angeordnet, durch die 30 seiner Kämpfer ums Leben gekommen seien. Dies sei zusammengenommen der Auslöser für den Marsch in Richtung Moskau gewesen. Er habe jedoch nie die russische Regierung oder Staatsführung zu stürzen beabsichtigt. Dennoch sei sein Marsch nach Moskau ein schlechtes Zeichen für die Sicherheit Russlands. Er habe den Marsch, bei dem seine Truppen 780 Kilometer zurückgelegt hätten, 200 Kilometer vor Moskau abgebrochen, um ein Blutvergießen zu verhindern, und bedaure es, dass seine Männer auf Einheiten der russischen Luftstreitkräfte hätten schießen müssen. Seine Truppen seien aber durch diese zuerst angegriffen worden.Nach Wagner-Aufstand: Prigoschin dementiert Umsturzversuch. tagesschau.de, 26. Juni 2023, abgerufen am 26. Juni 2023.
Laut britischen Geheimdiensten drohten russische Geheimdienste, Familienangehörigen von Kommandeuren der Wagner-Gruppe Schaden zuzufügen, bevor Jewgeni Prigoschin den Vormarsch auf Moskau abbrach.
Weitere Entwicklungen Mitte Juli 2023 bestätigte der Sprecher des russischen Präsidialamts, Dmitri Peskow, Berichte der französischen Zeitung Libération (die sich auf Angaben aus westlichen Geheimdiensten berief), dass der russische Staatspräsident Putin wenige Tage nach dem Aufstand Jewgeni Prigoschin sowie einige Wagner-Kommandeure und die Geschäftsleitung der Wagner-Gruppe am 29. Juni im Kreml empfangen habe. Laut Peskow haben die Wagner-Vertreter dem russischen Staatspräsidenten „ihre eigene Version vom 24. Juni geschildert“ und ihm zugesichert, dass sie „treue Unterstützer“ des russischen Militärs sowie des „Oberbefehlshabers“ Putin seien. Putin habe den Wagner-Angehörigen angeboten, weiter für Russland in der Ukraine zu kämpfen, jedoch unter der Bedingung, dem Verteidigungsministerium zu unterstehen. Putin bot dabei an, dass sie dabei dem ehemaligen Wagner-Kommandeur Andrei Nikolajewitsch Troschew unterstellt sein könnten. Dieser galt, bevor er sich mit Prigoschin überwarf und zur russischen Armee wechselte, jedoch innerhalb der Gruppe Wagner als führungsschwache Persönlichkeit und Alkoholiker.
Der belarussische Präsident Aljaksandr Lukaschenka gab knapp zwei Wochen nach dem Aufstand bekannt, dass sich Prigoschin nicht in Belarus aufhalte.