mini|Alle Familienmitglieder beteiligen sich an der rituellen Reinigung des Hauses vor dem Pessachfest (Goldene Haggada, fol 15r, Detail) Die Goldene Haggada (Golden Haggadah) ist ein illuminierter, um 1320 in Katalonien geschriebener hebräischer Codex. Diese Pessach-Haggada befindet sich in der British Library und hat die Signatur Add MS 27210. Sie wurde so benannt, weil sie mehrere Seiten mit farbigen Illustrationen im Stil der Hochgotik vor einem Hintergrund aus Blattgold aufweist.
Kodikologie Der Codex umfasst 101 Blätter mit den Abmessungen von 245 × 190/200 mm. Das Beschreibmaterial ist größtenteils Pergament mit einigen im 17. Jahrhundert hinzugefügten Blättern aus Papier. Der Satzspiegel variiert: 155/175 × 130/150 mm. Der Einband (braunes Marokko-Leder mit Blindprägung) ist frühneuzeitlich, ehemals vorhandene Buchschließen fehlen.
Das Titelblatt (fol 2r) wurde im 17. Jahrhundert auf einer unbeschriebenen Seite des mittelalterlichen Codex hinzugefügt. Es weist ein zentrales Schriftfeld mit dem Buchtitel „Ordnung der Pessach-Erzählung“ in einem Architekturrahmen auf. 1602 wurde außerdem eine ganzseitige Darstellung eines Wappens der jüdischen Familien Gallico und Rava hinzugefügt (fol 16r).
Der Text ist in sefardischer Quadratschrift geschrieben und teilweise punktiert. Er wurde größtenteils im 14. Jahrhundert geschrieben, mit Ergänzungen des 17. Jahrhunderts.
Für die sieben illustrierten Doppelseiten wurde im 14. Jahrhundert stets die hochwertigere Fleischseite des Pergaments verwendet; die dazwischen liegenden Doppelseiten blieben frei. Auf dieser Haarseite der Pergamentblätter wurde im 17. Jahrhundert ein mnemotechnisches Gedicht über die halachischen Regeln des Pessachfestes geschrieben, das von Blattwerk gerahmt ist.
Provenienz Die Goldene Haggada wurde vermutlich um 1320 in Katalonien geschrieben und illustriert; ein Kolophon ist nicht vorhanden. Als Entstehungsort wird neben Barcelona auch Lleida vorgeschlagen.Katrin Kogmann-Appel: Creating a Visual Repertoire for the Late Medieval Haggadah. In: Sina Rauschenbach (Hrsg.): Sephardim and Ashkenazim. Jewish-Jewish Encounters in History and Literature (= Europäisch-jüdische Studien, Beiträge, 18). De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2020, S. 47–72, hier S. 53 f., mit Verweis auf: Isabel Escandell i Proust: La Hagadà d’Or, revisada: Aproximació al seu context historicoartístic i noves propostes. In: Lambard 23 (2011/12), S. 103–130.
Mehrere Eintragungen informieren über die späteren Geschicke des Codex, der mit aus Spanien vertriebenen Juden nach Italien gelangte: Februar 1599: Unterschrift des christlichen Zensors Fra Luigi da Bologna (fol 101v).Vgl. zur kirchlichen Zensur und den Zensoren, die in der Goldenen Haggada unterschrieben: William Popper: The censorship of Hebrew books. Knickerbocker Press, New York 1899 (Online) 1602: Das hinzugefügte Titelblatt weist die Haggada als Hochzeitsgeschenk des Rabbi Joav Gallico von Asti an seinen Schwiegersohn, den Gelehrten Elija, Sohn des Menachem Rava, aus. 1613: Unterschrift des christlichen Zensors Camillo Jaghel (fol 101v). 1626: Unterschrift des christlichen Zensors Renato de Modena (fol 101v). 22. Januar 1689: Geburtseintrag des Asarja Zedekija Chajim Aschkenasi (fol 1r).
Joseph Almanzi (1801–1860) erwarb die Haggada für seine Büchersammlung; sie erhielt dort die Nr. 328. Der Berliner Buchhändler Adolf Asher erwarb die Handschrift als Teil der Sammlung hebräischer Manuskripte Almanzis im Jahr 1865 für die British Library.
Forschungsgeschichte Der israelische Kunsthistoriker Bezalel Narkiss promovierte 1963 mit einer Arbeit über die Goldene Haggada. Er wies die Illustrationen zwei Buchmalern zu, die in der nordfranzösischen Tradition ausgebildet worden seien. Als direkte Vorlagen vermutete Narkiss französische (christliche) Zyklen von Bibelillustrationen, doch nahm er auch Kontakte nach Spanien und Italien an. In einigen Fällen schlug er eine Beziehung zur byzantinischen und spätantiken (christlichen und jüdischen) Malerei vor.Joseph Gutmann: The Illuminated Medieval Passover Haggadah: Investigations and Research Problems. In: Studies in Bibliography and Booklore 7 (1965), S. 3–25. Durch ein Faksimile der kompletten Haggada machte Narkiss diese 1970 einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Durch Narkiss’ Analyse der Goldenen Haggada, die er in späteren Publikationen vertiefte, waren der Forschung mehrere Fragestellungen eröffnet:
Gibt es über mehrere Jahrhunderte hinweg Bezüge zur spätantiken jüdischen Kunst, beispielsweise zum biblischen Freskenzyklus der Synagoge von Dura Europos? Wie gingen die Illustratoren mit der biblischen Ikonographie der christlichen Mehrheitsgesellschaft um?
Illustrationen zu Genesis und Exodus Die Goldene Haggada gehört zu einer Gruppe katalanischer Haggadot des 14. Jahrhunderts, die auf den vorderen Seiten einen Bilderzyklus zu den Büchern Genesis (Bereschit) und Exodus (Schemot) enthalten, der keine direkte Beziehung zum Text der Haggada hat. Sie ist das bedeutendste Manuskript dieser Handschriftengruppe und besitzt eine Schwesterhandschrift (Sister Haggadah, Katalonien um 1350), die stilistisch zwar verschieden, ikonografisch aber sehr ähnlich ist.
Vergleichbare Bilderzyklen am Buchanfang weisen auch lateinische Psalter aus Frankreich und England (12./14. Jahrhundert) auf.Katrin Kogman-Appel: The Sephardic Picture Cycles and the Rabbinic Tradition: Continuity and Innovation in Jewish Iconography, 1997, S. 452. Die Künstler der katalanischen Haggadot rezipierten die zeitgenössische christliche Ikonografie der betreffenden biblischen Szenen, allerdings weniger die spanische Buchmalerei als die italienische und französische. Katrin Kogman-Appel vermutet, dass die Buchmaler der Haggadot bei der Bildgestaltung spontan Elemente aus der jüdischen Auslegungstradition integrierten, um die christliche Bildgebung in einen jüdischen Kontext zu übersetzen. Das war schon deshalb notwendig, weil die christliche Buchkunst zur typologischen Lektüre des Alten Testaments anregte: Begebenheiten und Einzelheiten des Alten Testaments wurden als Hinweise auf Jesus Christus verstanden.Katrin Kogman-Appel: Coping with Christian Pictorial Sources: What Did Jewish Miniaturists Not Paint?, 2000, S. 816 f. Die Ikonografie der Schöpfungsgeschichte nahm sehr stark auf die christliche Theologie (Inkarnation, Trinitätslehre) Bezug. Darin liegt wahrscheinlich der Grund, warum die Buchmaler der mittelalterlichen Haggadot mit Ausnahme der Sarajevo-Haggada die Weltschöpfung gar nicht darstellten.Katrin Kogman-Appel: Coping with Christian Pictorial Sources: What Did Jewish Miniaturists Not Paint?, 2000, S. 822. Das ist auch der Fall bei der Goldenen Haggada. Sie beginnt mit der Szene, wie der noch einsame Urmensch im Paradies den Tieren ihre Namen gibt.
Insgesamt 14 ganzseitige Illustrationen sind in der Goldenen Haggada zu sieben Doppelseiten gruppiert. Jede Seite weist vier gerahmte Bildfelder auf, die (entsprechend der hebräischen Leserichtung) in der Reihenfolge oben rechts – oben links – unten rechts – unten links angeordnet sind.
Erste Doppelseite: Urgeschichte und Abraham fol 2v mini|fol 2v Adam gibt den Tieren ihre Namen (). Der unbekleidete Mensch, auf einer kleinen Bodenerhebung am linken Bildrand sitzend, hat den linken Arm erhoben und wendet sich verschiedenen Tierarten zu, die sich um zwei Bäume im Zentrum des Bildes scharen, nämlich Hase, Esel, Rind, zwei Schafe, eine Ziege, drei Vögel (Rabe und Taubenpaar) und (im Hintergrund) die Schlange, welche vor dem Sündenfall als Vierfüßer dargestellt ist. Sechs der Tierarten gelten in der Tora als koscher und sind außerdem als Opfertiere im jüdischen Heiligtum von Bedeutung. Die nicht koscheren Tiere sind ausgewählt, weil sie in den folgenden Illustrationen zu Genesis und Exodus nochmal auftreten.Marc Michael Epstein: The Medieval Haggadah. Art, Narrative, and Religious Imagination, New Haven 2011, S. 153. Erschaffung Evas (); Sündenfall (). Das Bildfeld ist zweigeteilt: rechts die Erschaffung Evas, links die Paradiesszene. Die christliche ikonographische Tradition stellte Gott-Vater dar, der Eva aus der Seite des schlafenden Adam emporsteigen lässt; Eva wendet sich dabei Gott zu. Die Goldene Haggada entspricht dem jüdischen Bilderverbot, das eine Darstellung Gottes ausschließt, und zeigt Eva, wie sie sich Adam zuwendet.Marc Michael Epstein: The Medieval Haggadah. Art, Narrative, and Religious Imagination, New Haven 2011, S. 153. Adam und Eva sind in der linken Bildhälfte unter dem Paradiesbaum dargestellt, um dessen Stamm sich die Schlange windet, welche auf Augenhöhe mit Eva im Kontakt ist. Mann und Frau bedecken ihre Blöße mit Feigenblättern. Vom oberen rechten Bildrand werden sie aus einer Wolke von einem Engel angesprochen. Kain und Abel (). Rechts bringt Abel sein Opfer dar. Links steht Kain, die Axt in der Hand, mit der er seinen Bruder Abel erschlagen hat. Von der Mitte des oberen Bildrands wendet sich ein Engel aus einer Wolke heraus an Kain. Er weist mit einer Hand auf den Kopf des opfernden Abel, mit der anderen Hand auf Kains Axt. Noachs Familie verlässt die Arche ().
fol 3r mini|fol 3r Noach als Weinbauer (). Das Bildfeld ist zweigeteilt. Rechts sieht man Noach bei der Traubenernte. Sein Weinberg liegt in einer bergigen Gegend. Noach hat eine Schürze umgebunden und schneidet mit dem Rebmesser eine dunkelrote Traube ab; sein auf dem Boden stehender Korb ist bereits mit Trauben gefüllt. In der linken Bildhälfte liegt der nach dem Weingenuss trunkene Noach nackt auf dem Boden und wird von seinen Söhnen Sem und Jafet mit abgewandten Gesichtern zugedeckt. Turmbau zu Babel (). Die Ikonografie entspricht dem christlichen Vorbild. Aus dem Midrasch stammt aber die Besonderheit, dass die mit dem Turmbau beschäftigten Menschen sich gegenseitig ermorden.Katrin Kogman-Appel: Coping with Christian Pictorial Sources: What Did Jewish Miniaturists Not Paint?, 2000, S. 829. Abraham wird auf Geheiß des Königs Nimrod in den Feuerofen geworfen. Diese Episode kommt im Buch Genesis nicht vor und findet sich im spätantiken Midrasch Bereschit Rabba. Abraham bewirtet seine Gäste im Hain Mamre (). Hier musste sich der jüdische Buchmaler mit der christlichen Auslegungstradition auseinandersetzen, die in den drei Gästen Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist, im Tisch den Altar und in dem Festmahl das Heilige Abendmahl angedeutet sah. Die Goldene Haggada stellt die drei Gäste als Engel dar. Die Aufmerksamkeit des Betrachters wird aber von den Engeln weg auf Abraham gezogen, der einerseits mit einer Karaffe bereitsteht, um seinen Gästen einzuschenken, andererseits auf die hinter ihm im Haus stehende Sara weist. Damit wird betont, dass das Hauptthema der Erzählung die Verheißung eines Sohnes für Sara und Abraham ist.Katrin Kogman-Appel: Coping with Christian Pictorial Sources: What Did Jewish Miniaturists Not Paint?, 2000, S. 835 f.
Zweite Doppelseite: Erzelternerzählungen fol 4v mini|fol 4v Lot und seine Töchter fliehen aus Sodom; Lots Frau erstarrt zur Salzsäule ().